Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 22 Nr. 37 — jetzt kommt der heilige Moment, das ersehnte Wunder. Der Rabbi wird das Neila vorbeten, das Schlußgebet, das die Tore des Erbarmens aufreißt, hinter denen das Glück wohnt und die Erlösung. Doch der Rabbi — voll Spannung verfolgt man jede seiner Bewegungen — geht ein paar unsichere Schritte vorwärts zur Bima, auf der die Abschnitte der Thora allsabbathln verlesen werden, und flüstert einem aus den Stufen kauernden Beter ein paar Worte zu. Man hatte ihn vorher gar nicht bemerkt im frommen Eifer des Gebets. Ein Nikolajewsker war er, einer von denen, die zwangsweise lebenslänglich in den Soldatenrock gesteckt wurden. Als vierzehnjähriger Knabe wurde er von einem gewissenlosen Schergen Nikolais überredet, mit in die große Stadt zu kommen und wurde dort von dem „Chapper" gegen gute Bezahlung bei einem Gutsbesitzer abgeliefert, einem früheren Offizier, der ihn streng katholisch zum Soldaten erzog. Trotz grausamer Strafen, trotz Hunger und Schlägen, war er standhaft Jude gSblieven, beobachtete peinlich die jüdischen Gesetze. Er war auch heute gekommen, der Urlaub wurde ihm nicht leicht gewährt, um mit zu fasten und mit zu beten. Der Rabbi spricht mit ihm, der Soldat nickt kurz, erhebt sich entschlossen, tritt ohne Sterbekleid und ohne Gebetsmantel in zerschlissener, schmutzbedeckter Uniform zum Vorbeterplatz vor. Die Gemeinde starrt entsetzt. Dieser da, ein Soldat, ein Unwissender an Stelle des Zaddik?! Der Zaddik hat sich schon wieder an die Ostwand begeben, verharrt dort unbeweglich und stumm. Der Augenblick wird immer geheimnisvoller. Das Grauen dringt aus den Wänden und lagert sich wie eine schwere Wolke über Männer und Frauen. Der Soldat steht am Pult, er krampst die Hände in den S^nt des Deckchens und beginnt die Melodie zu summen; etwas rauh, nach Soldatenart. Die uralte Neila-Melodie, in elegischem Moll, die schwermütigen Ahasver-Töne des jüdischen Schicksals. Doch dem traditionellen, Gebet läßt er erst ein eigenes vorausgehen, ein Zwiegespräch mit Gott, in dem jüdisch-deutschen Jargon, den sie alle verstehen. „Herr der Welt", so singt er, „schau, wie sie alle vor Dir stehn, um ihre Wünsche von Dir zu erbitten. Sie wollen Kinder, wollen Brot, wollen Leben. Doch alle bitten für sich, um ihr eigenes Wohl. Ich, Joseph ben Channa, Dein Knecht, ich bete immer nur für — Dich. Ich sorge mich nicht um meine Kinder, denn das Väterchen Nikolaus hat mir keine Zeit gegönnt, ein Weib zu nehmen. Ich erbettle kein Leben von Dir, denn der Tod ist mir ein willkommener Freund, und um meine Kost kümmert sich der Zar. Für mich Hab ich keinen Wunsch. Doch mein Gebet, es gilt Dir, Väterchen, Deinem gelästerten und geschmähten Namen: „Jisgadal". „Es werde erhoben Und geheiligt Dein großer Name." „Amen", weinten die anderen im Chor. „Höher ist Dein Ruhm — als alle Lobgesänge, Höher als alle Lieder — aller weltliche Sang-" Das Wunde/ war geschehen! Die Heiligung des Gottesnamens! Niemand konnte das Wunder beschreiben; aber es war Tatsache. Alle hatten es erlebt. Das Gebet des Soldaten hatte sie hinaufgehoben in eine Sphäre der Ewigkeitsnähe, hatte sie, diese einfachen Menschen, hoch über kleine und große Gleichgültigkeiten des Daseins gestellt. Hatte sie etwas vom Hauche der Unendlichkeit verspüren lassen. Diejenigen, die ungeduldig, jedoch vergeblich auf das Wunder warteten und sich bleich an der Türe zusammendrückten, konnten es nicht begreifen, daß es der Wunder größtes ist, wenn sich das Göttliche, in Menschenseelen offenbart. Der Israelit Ainderecke. Rofchhaschono. Wieder legt ein Jahr sich schlafen, Auf den Feldern wird es still; Die Biene höret auf zu schaffen, Weil sie überwintern will. Storch und Kranich ziehn nach Süden Und der Dachs kriecht in sein Loch. Der Schleedorn, schmucklos, ohne Blüten, Verliert die letzten Beeren noch. Ueber öden kahlen Schollen Singt der Wind sein Abschiedslred. Ob sie müssen, ob sie wollen, Alles wird nun fahl und müd. — Doch in dunkeln engen Grüften Halten tausend Keime Wacht, In den tiefen schwarzen Schürften Dieser langen Winternacht. Auch den Menschen faßt jetzt Wehe. Zu sich selber kehrt er heim, Entsteigt des Scheins erträumter Höhe, Ein traulich Stübchen lädt ihn ein Da wird es warm ihm um die Seele; Er gräbt Furchen in ihr spröd Gestein, Und in die offenen Kanäle Senkt er des Lebens Samen ein. Nun mag es Winter werden, schnei'n. Der Sturm sein eisig Liedlein pfeifen. Des Todes Fittige mögen dräun. Und alles Sein mag Schreck ergreifen — Das Herz vertraut: denn die geheimen Kräfte birgts von ewigen Keimen. Es schmilzt das Eis, der Winter weicht,. Und Leben aus den Gräbern steigt. -R. L. .“pVtpn Hrne ^»-,-Wetrachtnng von S. Wachmann V'XT. Hat der ernste Elul mit seinen mahnenden Schofartönen und seinen ergreifenden Büßgebeten alle Fasern des jüdischen Herzens in eine außergewöhnliche Schwingung versetzt, und ist diese, gehobene Stimmung durch die Einwirkung des hehren Rauschhaschonoh noch erhöht worden, dann befindet sich Geist und Gemüt in einer so empfänglichen Situation, daß selbst solche Vorgänge um uns her, die im Alltagsleben ohne jeglichen Einfluß bleiben, die beherzenswertesten Gedanken und Empfindungen in uns wachzurufen imstande sind. Lenken wir nach väterlicher Sitte vor der Neige des Neujahrstages unsere Schritte . zu einem fliehenden, Fische bergenden Gewässer, so bietet sich uns dort die Gelegenheit zu mancher Betrachtung. „Bewegung, nur kein Stillstand!" glaubt das scharshörende Ohr aus dem Murmeln und Rauschen des ruhelosen nassen Elementes zu vernehmen. Vorwärts streben, ein Leben voller Tätigkeit zu führen, das soll dein Ideal sein, das sollst du bei den scheidenden Strahlen der Neujahrssonne dir recht lebhaft zu Gemüte führen, es dir von der bewegten Natur vorpredigen lassen. Und wäre dein Bemühen auch ooft erfolglos, wäre deine geschäftige Tätigkeit zuweilen nur ein nutzloses Anstrengen der verliehenen Kraft — blick hin aus das Wasser, das seine Kraft zu scheinbar eitler Tätigkeit verwendet, von der einen Stelle Boden loslöst und wegführt, um es an anderer Stelle wieder abzusetzen, das aber nach dem Plane eines allweisen Lenkers handelt, der selbst durch das scheinbar unnütze Abmühen den hohen Zweck der Entwicklung, Hebung und Stärkung der schlummernden Anlgaen und ruhenden Talente, zu erreichen strebt. ' Zum Gewässer eile, nachdem du im Laufe des Tages Selbstschau gehalten, deine Anlagen und deine vollführten Taten verglichen und dich mit' guten Vorsätzen gestärkt hast. Das dahinströmende Wasser wird dir die Vergänglichkeit des irdischen Seins recht eindringlich vor deinen Sinn führen, dich zum Gebrauche der verliehenen Gaben anspornen und zur Ausführung der gefaßten Vorsätze ermutigen. Ermahnen dich nicht auch die Fische in stummer und doch so beredter Weise, daß das Lebenselement eines Geschöpfes nur dann zum wirklichen Lebenselement wird, wenn man sich in demselben mit, stets geschäftiger Lebhaftigkeit bewegt und es nach allen Richtungen hin durcheilt. 13. September 1928 •, Auch der Fisch kann am hehren Neujahrstage dein Ratgeber sein.. Unsichtbar verbringt er.den größhen Teil seines Dasens, unbemerkt völlführt er, was er nach dem Plane des himmlischem Schöpfers vollbringen! soll, nur Luft und Licht, di« notroendigen Lebensbedürfnisse veranlassen ihn zuweilen, seine Zurückhaltung zu überwinden und seinen bescheidenen Aufenthaltsort zu verlassen. Cr kennt kein egoistisches Hervortretenkein eitles Sich-bewundern-lassen und ist daher nicht den meist selbstverschuldeten Folgen des scheelsüchtigen Neides ausgesetzt B'm fiöVip jnn ps Nährst du diese Gedanken, so nähre auch die Prediger , derselben, wirf den Fischen die Brosamen in deiner Tasche zu und setze somit deine Vorsätze sogleich in Praxis um. Selbst die Brosamen, der Abfall von deinem Tische, finden auf diese Weise eine zweckmäßige Verwendung, die kleinste Kleinigkeit ms unermeßliche Element hinausgeftrömt, geht nicht unbenutzt verlorenby panbnto jsxnn v'»' ana ennn »as- Was für dich auch wertes ist, das kannst du oft noch zum Vorteil anderer Geschöpfe verwenden. Schätze keine Gabe zu gering, nütze jede Spanne Zeit zum Besten deiner Mitmenschen und bedenke, daß aus unscheinbaren Ursachen die schwerwiegendsten Folgen entstehen können, pa© snr> nns p« r-nx» *>©•.. Durch Opferwilligkert und Opserfteudigkeit zeigt sich, daß die Worte deiner Lippen kein leerer Schall und dein inbrünstiges Gebet keine leere Phrase waren, daß du würdig bist, Gehör bei dem Unbarmherzigen zu finden, der das Menschenherz durchschaut, wenn du am Ufer des Gewässers um Nachsicht und Vergebung flehst, •ansan!>a v' ni!>ixtta Und kannst du die Regungen deines bösen Triebes noch nicht Niederdrücken, und wollen deine schlechten Neigungen nichts von Zähmung und Unterwerfung wissen, so stärke dich an dem hohen Vorbild unseres mustergültigen Ahnherrn Abraham, der, nach der - Erzählung des Midrasch, bei seinem schwersten Gange, auf dem Wege zur Opferung Jsaks, durch satanische List dadurch an der Ausführung seines Vorhabens gehindert werden sollte, daß ihm ein unvorhergesehenes, fast unübersteiglich scheinendes Hindernis in den Weg trat in der Gestalt eines Gewässers, welches aber unser willensstarker Ahn unter Aufgebot feiner ganzen Kraft überschritt und uns so ein nachahmenswertes Beispiel lieferte, wie man mit unbeugsamer Beharrlichkeit und selbstloser Hingebung an. die himmlischen Weisungen den siirenenhaften Einflüsterungen und verführerischen' Vorspiegelungen des x->n -ix’ entgehen kann. Als vorzüglichstes Schild gegen die Angriffe und Ablenkungsversuche des bösen'Triebes empfehlen unsere Weisen das Studium der min. die. dem Wasser gleich, die Niederungen aufsucht, auf dem Boden der Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit ihren belebenden Einfluß geltend macht, iw: nipnV D’abim maa oip>a D’nna©. Das Wasser kann dein Lehrer sein, nun &->» r Lerne von ihm, alles Unschöne und Verwerfliche in die tiefsten Falten deines Inneren zu versenken, die erlitteren Beleidigungen zu verzeihen und alle Gedanken des Grolles und der Rache aus deinem Herzen zu verbannen, um so in den Wegen dessen zu wandeln, von dem du erbittest nV iv« mpna p^n rva -jn$? man Vai aViyV bin aV by rPi npa-» 8*>i ■nar». Quaiitöfe- Moritz Wolf Zigarren, Die altbekannte Firma Olga vom Hagen hat Ihre Verkaufsräume jetzt nach Bockenheimer Landstraße 9 und Kaiserstraße 79 verlegt. Die Firma, welche durch ihre steten Neuheiten in aparten Geschenkartikeln sowie den Theaterkartenverkauf ein Anziehunaspunkt in der Goethestraße war, ist leider auch ein Opfer der wilden Bewegung auf dem Bodenmarkt geworden Die Firma bewohnte das'Gefchäftslokal 24 Jahre und feierte im vergangenen Jahr ihr 25 jähriges Bestehen. Zu den Anordnungen zwecks Hörverbesserung bei Schwerhörigen zählt in erster Linie der feit Jahren bekannte und sich glänzend bewährte „Siemens- Phonophor" der ans elektrischem Wege eine einwandfreie Uebertragung der Sprache bewirkt. Die unermüdlichen Verbesserungsarbeiten haben neuerdings zur Ausgabe von qualitativ hochstehenden Apparaten mit regulierbarer Lautstärke geführt, die nicht nur eine gute Schallintensität haben, sondern auch die Sprache naturgetreu übertragen. Die jetzt aus der Konstruktion gekommenen Modelle werden den Anforderungen, die an die Möglichkeit einer guten Hörverbesserung gestellt werden in weitgebendstem Maße gerecht, da für jeden Grad der Schwerhörigkeit ein geeigneter Hörapparat zur Verfügung steht. Kostenlose Vorführung täglich durch Spezialisten im Ausstellungsraum der Siemensr Rriniger-Veifa. Gesellschaft für med. Technik, Frankfurt a. M., Kaiser-Straße 60. Ungezählte Gutachten und Probe-Apparate stehen federzeit zur Verfügung. (Siehe Inserat in heutiger Nummer.) Verantwortlich für den allgemeine« Teil und da« Feuilleton Schach «owitz, Frankfurt a. SR.; Inserate i.D.: «.Schach» »owitz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag »Israelit". <S.m.b.H.. Frankfurt u, SP. — Druck Sermon Verlag»» Mtiengefellschaft. Frankfurt a. M.