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Der Israelit · 1928-09-13 · Heft 37 (13.9.1928) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 37 (13.9.1928)
Date
1928-09-13
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 Nr. 37 Der Israeli t « zu. Hat doch ein so genialer Poet wie Heinrich Heine nicht einmal gewußt, wer der Verfasser des „Lecho Daudi" ist; wahrscheinlich wissen schon die christlichen Chormädchen Ihres Tempels, die ich am letzten Freitagabend so wunderschön „Lecho Daudi" zu Ehren des Sabbath singen hörte, daß der Dichter nicht Jehuda, sondern Salomo hieß." (Ob Zunz diese ätzende Ironie auch verstanden hat? D. Red.) Zunz gab mit wegwerfendem Lachen zurück: „Wer wird gar Geschichte und Wissenschaft bei Heine suchen? Ich wollte in den letzten Jahren auch nichts von ihm wissen." Unser Gespräch schwenkte dann auf die Schrift der alten Assyrer über, und ich wagte dann, ihm eine Hypothese vorzutragen. „Soll nicht der Satz in Koheleth niMma o’asn ’-m ll'nw /vnaoam auf Worte der Weisheit, die in den' spitzen, spießartigen Schriftzeichen der Assyrer niedergelegt war, Hinweisen? Vielleicht hatte der Verfasser des Koheleth,' der wohl um die Zeit des Ptolomäus gelebt hat, damit auf die große Nationalbibliothek dieses ägyptischen Königs angespielt, worauf auch der Ausdruck mmv» ■'bin Hinweisen kann." Zunz hörte meine Ansicht mit großem Interesse an und bestätigte nur, daß Koheleth nicht vor Ptolomäus entstanden sein könne. Wer merkt da nicht den Schalk im Nacken des großen Satyrikers, der damit die „wissenschaftliche" Art der Bibelauslegung in der Zunzschen Schule verulken wollte? Alle, nur der alte Zunz merkte es nicht. Brafmann. Vrafmann war im Rußland des vorigen Jahrhunderts eine Figur, die fast an Jakob Pffefferkorn erinnerte. Er entstammte einer frommen Familie in Szluck, lernte in seiner Jugend auf Jeschiwaus, fand dann auf dem Weg der Halaska Eintritt in die moderne Bildung und in die russische Welt, trat aus dem Judentum aus und schrieb Bücher voller Gift und Galle gegen seine früheren« Glaubensgenossen in russischer Sprache, die Beachtung auch bei der Regierung fanden. Als er später das Zensorenamt für Judaica und Hebraica übertragen bekam, wurde sein Denunziantentum besonders stark gefürchtet. Gordon erzählt: Im Februar 1874 schickten sich die Juden Petersburgs an, einen neuen Friedhof einzuweihen. Für die Emweihungsfeier stellte ich ein Programm auf und verfaßte auch ein eigenes Gebet in hebräischer und russischer Sprache ab. Die Sache hatte Eile. Da wird uns mitgeteill, daß die Zensur die Drucklegung des Gebetes und des Programms verboten hätte. Sofort begab ich mich, so ungern ich es tat, zu Brafmann. Da stellte sich als Grund des Verbotes ein Satz im Gebete heraus, ,der auch der Seelen der Ni ch tjüjden gedachte. Das sei Heuchelei, meinte Brafmann, es liege nicht im Geiste der Juden, für das Seelenheil Andersgläubiger zu beten. „Hatte nicht König Salomon, da er den Tempel einweihte, auch von den F r e m - den gesprochen, die darin beten könnten?" „Salomon. wohl, aber Euere Juden von heute nicht." „Vielleicht die von Sluzk in Pinsk nicht", sagte ich, „aber die Juden Petersburgs sind weitherzig genug, um auch für andere zu beten. Und übrigens", fügte ich hinzu, „was geht das die Zensur an, die doch nur bestellt ist, darüber zu wachen, daß keine Wendungen gegen den Staat gedruckt werden?" Das letzte Argument schien einzuschlagen, denn eilig grifff er nach der Feder und Unterzeichnete den Erlaubnisschein. Ich wollte mich rasch entfernen. Aber er hielt mich mit Gewalt zurück. Ich sollte doch noch ein wenig dableiben, mich mit ihm unterhalten. Es geschehe ihm Unrecht von Seiten der gebildeten Juden, daß sie sein Haus meiden, wo er doch nur ihr Wohl suche... Ich folgte seiner Einladung an den Deetisch. Sofort packte er mit feinen Klagen und Anklagen gegen die Juden in Sluzk aus, die ihn verfolgt und durch ihren unversöhnlichen Fanatismus dazu getrieben hätten, daß er dem Judentum den Rücken gekehrt und ihre bösen Eigenschaften in seinen Büchern aufgedeckt habe. „Nun aber", fügte er hinzu, „denke ich,doch etwas anders über die Dinge. Ich bin zur Ueberzeugung gekommen, daß die jüdische Eigenart, die überall Anstoß erregt, nur dadurch zu beseitigen sei, daß die Juden aus dem Rayon herauskommen und sich über das ganze weite Land verbreiten. Meine Macht und mein Einfluß .an hohen Stellen sind so groß, daß ich mit Leichtigkeit die Abschaffung der „Tscherta" und Erweiterung des Wohnrechts für die Juden bewerkstelligen könnte. Es wäre nun den Juden Petersburgs Gelegenheit gegeben. all das an mir verübte Unrecht wieder gutzumachen. . ." Ich kannte Brafmann genug, um zu wissen, wo er hinaus wollte, aber ich stellte mich dumm und schwieg. Er wurde deutlicher. „Sie als Sekretär des Baron Günzburg", sagte er, „könnten'dabei Mitwirken. Sie haben die Pflicht, ihm und seinen Freunden das, was ich Ihnen sagte, vollinhaltlich zu vermitteln. Sie dürfen sich schon was kosten lassen. . ." Nun mußte ich darauf eingehen. Ich sagte: „Mir persönlich sind diese Mittel zwar bis in' die Seele verhaßt. Ein Recht, das nicht aus dem Gefühle der Gerechtigkeit kommt, sondern mit Geld erkauft ist, ist wertlos. Aber immerhin will ichs bei Günzburg ver-. suchen, vorausgesetzt, daß Sie Ihre Wünsche und Bedingungen näher formulieren." Das trat Brafmann, nicht ohne erst die ganze Schale von Gift und Zorn auf die Juden auszuschütten, die ihm das Leben verbittert hätten. Nun aber möchte er V-v - - 13. September 1928 wie sich die Juden an den Bestattungsfeierlichkeiten beteiligen sollten. Zuerst wollten die damit betrauten Behörden jüdische Delegationen überhaupt nicht zulassen. Man .wußte in der Petersburger Gemeinde, was dabei auf dem Spiele stand und ließ sich Zeit, Mühe und Geld kosten, um diese Ausschließung zu verhindern. Es wurde schließlich erlaubt, daß eine jüdische Abordnung, bestehend aus Rabbinern, und Vorstehern, einen Kranz mit entsprechender Aufschrift am Grabe niederlege. Die Aufschrift besorgte Juda Leb Gordon mit dem treffenden Satze aus dem Buche „Echo" rrarä ii'srr nn ÜN1NMV2 *7^3 'K«s Die Anfangsbuchstaben, besonders groß hervorgehoben, sollten im Akrostikon das Wort Romanow (Bezeichnung für die Zarenfamilie) ergeben. Der Künstler, der die Schrift auszuführen hatte, setzte aber an Stelle des 8 ein 'n und versetzte damit, zum großen, Leidwesen des Dichters und der Gemeinde, dem Akrostikon den Todesstoß. Interessant sind u. a. auch die Erinnerungen Gordons an den großen Bildhauer Antokolski, der in seiner Jugend ein Schüler von Rabbi Mordechai Plungian in Wilna war. Bes Äaakorv-Lehrerinnenheim. (Unterricht im Freien). doch wieder die Brücke bauen. Er erzählte, wie oft er als Mitglied von Kommissionen schon Juden verteidig! hätte. Er wollte einen ruhigen und sorgenlosen Lebensabend haben und weiter der Wissenschaft dienen. Ich erfüllte meine Mission und übermittelte die Worte dem Kreise des Baron Günzburg. Man hielt auch darüber Beratungen ab, aber die Sache zerschlug sich, wohl aus Mangel an Vertrauen zu den verhaßten Reneegaten. Des Zaren Begräbnis. , Als 1881 Kaiser Alexander H. das Opfer eines Attentates mitten auf der Straße wurde, Bes Jaakow-Lehrerinnenheim. (Beim Sport und Spiel). war die Trauer unter der Judenheit Petersburgs eine doppelte,. ja unermeßlich. Man trauerte aufrichtig um den ersten Regenten, der mehr als alle früheren Verständnis für das Recht der Juden gezeigt hatte. Man war aber erschüttert über die Tatsache, daß unter den Anarchisten, die den Anschlag ausgeführt hätten, sich auch einige Juden befanden, woraus man eine wilde Hetze gegen die Juden wie überhaupt ein Aufleben der Reaktion befürchtete. Daß die Angst nicht unbegründet war, zeigten die bald einsetzenden Pogrome in Südrußlünd und die drakonischen Jgnatjew-Gesetze, die das jüdische Leben ein halbes Jahrhundert lang bis zum Ersticken einschnürten. ' Zunächst aber ging es um die Frage, ob und Sami. Don Schakom Asch. Sami ist kein Phantasiename, und das, wovon ich erzählen« will — ist keine Erfindung. Sami lebte in unserem Dorfe. Ein Junge von siebzehn Jahren — ein richtiger Dorfbursch. Er kam unter Bauern zur Welt und wuchs unter den Bauern auf, er sprach, er' lebte, er dachte wie ein Bauer und war über alle bäuerlichen Angelegenheiten im Bilde. Er wußte, was Iwan hat, was dem Iwan fehlt, was Iwan einmal haben und was er niemals erreichen wird. Weil aber Sami nicht der Sohn des Iwan, sondern der des Maphtali war, konnte. er lesen, jüdisch und russsisch, er konnte beten, ja — weil er eben der Sohn des Naphtali und nicht der des Iwan war, las er sogar Zeitungen« und wußte, was in ihnen steht: vom Krieg und vom Frieden, vom Streik, vom Aufruhr, von den Manifesten und den Pogromen. Und von allen jenen Vorkommnissen, an welchen unser heiliges Rußland so überreich ist. „Ihr seid ganz ungebidlet," sprach Sami oft zu den Bauern, „ihr wißt ja gar nicht, was-in der Welt vorgeht. Dumm seid- „Ja, ja, — so ist'K," stimmten ihm die Bäüern HW Mir sind noch sehr dumm. Erzähle ims doch mal -was aus der Zeitung, was die gebildeten Herren da schreiben." Und nicht bloß in dem Dorfe, wo Samis Eltern wohnten, war sein Name bekannt. In fünfzehn Dörfern ringsherum galt Sami als ein Gelehrter. Da ging einmal ein Gerede durch das Dorf, daß man in den Städten «die Juden schlägt. Und es kamen Bauern aus fünfzehn Dörfern zu Sami, daß er ihnen aus der Zeitung den Befehl des Zaren vorlese, in welchem steht, daß man die Juden schlagen soll, drei Tage lang. °'> « „Geht nach Hause," sagte ihnen Sami, „es gibt kein'en solchen Befehl, daß man die Juden schlagen soll." Die Bauern ließen sich nicht gleich abweisen; es hat doch geheißen, daß ein Befehl . . . sie standen da, ließen sich vom Sami nochmals alles erklären, standen 'herum und überlegten . Schließlich meinte einer von ihnen, Sami selbst brauche ja keine Angst zu haben, ihm würde bestimmt nichts geschehen. i

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