Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1928)
- Date
- 1928-09-06
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 -tt. 19 Der Israelit l 8 t t e r 6 September 1828 Die Palästina-Zentrale der Agudas Iisroel hat auf vielseitigen Wunsch veranlaßt, daß von berufener, würdiger Seite aus am Jaum Hakippurim an der Kofel INaaronn (Westmauer) in Jerusalem Tefillo für alle diejenigen getan wird, welche mit einem Mindestbeitrag von Mk. 2.— das Schulwerk der Agudas Iisroel in Erez Iisroel zu Rasch Haschono unterstützen. Wir ersuchen darum, bis spätestens Donnerstag, den 13. September 1928 (28. Elul 5688) den hebräischen Flamen desjenigen, für den Tefillo getan werden soll sowie den hebräischen Flamen dessen Mutter schriftlich mitzuteilen. Ueberweisungen erbitten wir auf das Postscheckkonto Flr. 53 900 Frankfurt am Main der Palästina-Zentrale der Agudas Iisroel Frankfurt a. M., Schwanenstratze 12. pflichtungen gegenüber den I e s ch i w o s gebührend nachzukommen, hindert den Rabbinivon dem Doch der nichtreligiösen Juden aus und verlangt von der neuen Centrale, diese Tätigkeit bis zum vollen Erfolg fortzusetzen. Die Versammlung drückt ferner ihre Anerkennung für die unermüdliche Arbeit der orthodoxen Gemeinden in Erez Iisroel und speziell für den Waad Hair Hoaschkenasi in Jerusalem aus, der sich als Bollwerk für die Orthodoxie innerhalb der letzten zehn Jahre erwiesen habe. e) Die Landesversammlung steht auf dem Standpunkt, daß bei der jetzigen Fassung des Gemeindegesetzes die Pflicht auf jedem thoratreuen Juden ruhe, aus dem Waad Haleumi auszutreten, insoweit er dieses noch nicht getan hat, fordert daher jeden auf, dem die Erhaltung der Orthodoxie am Herzen liegt, dieser Pflicht nachzukommen. f) Die Landesversammlung anerkennt die große Bedeutung der Zusammenarbeit aller Kreise der Orthodoxie für das ihnen allen gemeinsame Interesse. Sie steht auf dem Standpunkt, daß alle Tätigkett auf diesem Gebiete in gemeinsamer Arbeit mtt vereinten Kräften der sefardschen und aschkenasischen Juden zu geschehen habe. g) Die Landesversammlung ruft daher zur Bildung vom orthodoxen „Edos" aus a l l e d i e - jenigen Juden auf, die aus der K e - nesseth Iisroel.austreten. Gleichzeitig erkennt die Versammlung an, daß die sefardischen und aschkenasischen Gemeinden in bezug auf ihre gemeindliche Organisation ihre Traditionen, ihre Kultur, ihren Rtus u. dgl. ungeschmälert beibehalten sollen. Die Landesorganisatton fordert die Einigung aller orthodoxen Gemeinden in jeder Stadt und eine Landesorganisation der einzelnen Ortsgemeinden. h) Die Landesversammlung betrachtet den Austritt aus dem Waad Haleumi als Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu einer orthodoxen Gemeinde und ersucht alle orthodoxen Gemeinden, einen diesbezüglichen Paragraphen in die Statuten aufzunehmen. i) Die Landesversammlung legt der zukünftigen Zentrale die Aufgabe-auf, eine Kommission zu bilden, deren Aufgabe es ist, einen Weg zu finden, um alle orthodoxen Juden tu Jerusalem und in den übrigen Städten Palästinas, welche aus dem Waad Haleumi ausgetreten sind, zu einigen. Diese Kommission hat ihre Arbeit solange fortzusetzen, bis sie das Ziel d er völligen Harmonie der Orthodoxie innerhalb Erez Iis - roelserreichthat. k) Die Landesversammlung erklärt es für nötig, daß die Orthodoxie Vertreter in den städtischen Verwaltungen und in allen Instanzen habe, wo es gilt, die kulturellen und religiösen Interessen der Orthodoxie zu vertreten. 2. Wirtschaftliches. a) Die Landesversammlung verlangt von der Orthodoxie in der Diaspora, sich an dem Aufbau Erez Jisroels auf Grundlage der Thora zu beteiligen und zwar auf gesunder wirtschaftlicher Grundlage, welche dem Lande und seinen Bewohnern den erwünschten Aufschwung bringe. Die Versammlung fordert die Zentralen in der Diaspora auf, baldmöglichst mtt der Kolonisierung des von der Agudo erworbenen Bodens im Emek zu beginnen. b) Die Landesverfammlung steht auf dem Standpunkt, daß die Thora- und Wohlfahrtsinstitutionen des alten Jischuw und der Kolalim die Grundlage des Jischuw in Erez Iisroel darstellen und verlangt daher von der Iudenheit in der Diaspora, diese mit allen Kräften zu unterstützen. c) Die Versammlung nimmt einstimmig die Vorschläge Vetter wegen finanzieller Fragen an und fordert vor allem die Gründung, einer agudistischen Bank, die als Finanzinstitut für die Orthodoxie in Erez Iisroel dienen soll. Die Krisis in der Agudas Iisroel. Von Simon Schwab. Langsam und allmählich werden alle es gewahr, daß sich Agudas Iisroel momentan in einem geradezu beängstigenden Krankheitszustande befindet: die paar gutgläubigen und optimistischen Gut-Wetter-Voraussagex mögen sich durch einen Blick in die jüdische Tagespresse eines besseren belehren lassen. Es ist nachgerade Zeit geworden, dies einmal ehrlich und frei herauszusagen, sich einmal in aller Offenhett darüber klar zu werden, daß die Aguda zur Zeit eine Krise von ungeahnter Schwere durchlebt. Der Fortbestand der O r g a n i s a t i o n steht auf dem Spiel, die agudistische Idee allerdings ist unabhängig von ihren Trägern und wird auch ohne politische Gewandung von immerwährender Gültigkeit und Dauer sein. — Die folgenden Zeilen wollen keine Resignation predigen und keiner Mut- und Tatlosigkeit das Wort reden, sie sind vielmehr von dem naiven Glauben diktiert, daß nur das unumschränkte und vorurteilsfreie Erkennen der Gefahr genügt, um die Möglichkeiten zu ihrer Behebung und Beseitigung hervorzuzaubern. Ist ja das bange Zittern eines Menschen beim Nachdenken über die Eventualität des Fehlschlagens seiner Hoffnungen nur der denkbar einfachste Beweis, daß eben diese Hoffnungen noch in seinem Innern lebendig, innigst mit seinem Selbst verknüpft sind, und daß sie mit verhaltenem Ungestüm tatkräftige Mitarbeit an ihrer Erfüllung heischen. — Wieder einmal sind wir um ein paar Illusionen ärmer: Die Kenessio Gedaulo, ursprünglich für Ellul 5688 geplant, ist auf den nächsten Sommer verlegt. Hauptgrund: jämmerlicher Wahlausgang in Polen. „Machane-Jisrael", will heißen: die ganze vor einigen Jahren mit so unwahrscheinlicher Heftigkeit aufgetauchte Palästina- Begeisterung ist infolge chronischen Geldmangels vom Mittelpunkt der Bildfläche „jeweiliger jüdischer Gesamtheitsaufgaben" an die äußerste Peripherie verbannt worden. Die Landesorganisation der Agudas Iisroel in Deutschland droht mit der Einstellung ihrer Geschäftsweiterführ u n g , falls die M i tg l ie d erbe itr ä g e (!) nicht baldigst an sie überwiesen werden. Die schlechte Wirtschaftslage hindert den Keren-Hatora, seinen Verschen Rat an Zusammenkünften und Konferenzen, hemmt den Ausbau der Organisation, läßt die Anstellung von gutbesoldeten S e k r e t ä r e n nicht zu und schafft so indirekt eine Atmosphäre der Unzufriedenheit und des Mißtrauens. Doch m ü f s e n alle diese traurigen Tatsachen keine Krankhettssymptome sein, lassen sich ja, bei etwas gutem Willen, ihnen glückverheißende Momente (Bais Jakauw, Austrittsbewegung aus dem Waad leumi, begeisterte Bundestage usw.) gegenüberstellen, sie können auch als mehr oder minder anormale „Begleiterscheinungen" gewertet werden, ohne deshalb, unbedingt Niedergangstendenzen bedeuten zu müssen. Vollkommen anders verhält es sich jedoch, wenn wir diesen Erscheinungen auf den Grund gehen, wenn wir >die Kluft messen« zwischen der gestellten Aufgabe und der heutigen unzulänglichen Lösung, denn dann wird es uns erschreckend, klar zum Bewußtsein kommen, daß es der Agudas Iisroel ihrer ganzen Struktur und Verfassung nach niemals möglich sein wird, die Brücke zu schlagen von«,den sehnsüchtigen Erwartungen einer thoratreuen jüdischen Gesamthett zur absolut befriedigenden „Erfüllung", daß es ihr auf immer versagt bleiben wird, den Weg zu Ende zu gehen, der aus dem Chaos des Wollens hinausführt zur erfolggekrönten Arbeit, den Weg vom quälenden Dunkel klärungsbedürftiger Probleme zum wohltuenden Lichte der erlösenden T a t.. Denn die „Unzulänglichkeit", das Auf-halbem-Wege-liegen-bleiben der agudistischen Arbeit ist ihr w e s e n s b e d i n g t e s Schicksal — edles Unglück *) — und deshalb unüberwindbar, mit menschlichen Kräften nie zu bewälttgen. Die jeweiligen Golusgeschicke der jüdischen Nation sind die Aufgaben der agudistischen Organisation, Aufgaben, derer vollkommen Herr zu werden, sie mit ihrer demütigen Golushaftigkeit vergeblich versucht. „Vergeblich!" — Wie ließe sich auch das Golus von Golusdienern meistern? Die Beziehung des Mischen Volkes und somit die Beziehung der agudistischen Bewegung zum Golus besteht in der entsagungsvollen Golushinnahme und in der selbsterzieherischen Arbeit an der messianischen Reife des jüdischen Einzelnen und deshalb kann Agudas Jisroel solange das Golus währt, d. h., solange noch ein jüdisches Gesamtheitsproblem seiner Lösung harrt, ihre Rolle nicht ausgespielt, und ihren Verpflichtungen nicht genügt haben. Der Zionismus verneint das Golus und wird an der Grausamkeit der Golustatsache mit der Zeit zugrunde gehen. Die agudistische Idee bejaht das Golus und kann eben deswegen in k e in e r organisatorischen Form eine absolute Antwort auf alle Golusfragen geben. Und doch muß Agudas Iisroel, will sie sich nicht ihres weltanschaulichen Gepräges entäußern und zum simplen Zweckverband herabsinken, das Ziel der „Lösung aller jeweiligen jüdischen Gesamtheitsaufgaben" auf ihr Banner schreiben. Die Diskrepanz zwischen Sollen und Können, die geradezu das Charakteristikum des Golusschicksals schlechthin ist, ist nun auch Stigma der Aguda-Bewegung geworden, ihr „edles Unglück", dessen Wurzel in ihrer' eigenen Golusgebundenheit ihren Ursprung haben, und dessen sich Agudas Iisroel Nie zu chämen brauchen wird. Sie wird so wenig wie das Judentum bis jetzt an seinem Golusleid verzweifelt ist, an diesem Zwiespalt zwischen gottgewollter Aufgabe und menschlicher Unfähigkeit und Ohnmacht je zugrunde gehen. Der Wille zur Leistung, die Tendenz, die Initiative, das wirklich produktive Streben nach dem Ziel ist gleichsam S e l b st z w e ck. „Der Berg wird zu erklimmen sein bis jener Stelle, von der man beim Versuch, die Steilheit mit äußerster Kraftanstrengung zu überwinden, unehlbar wieder nach unten« abgleitet." Der ganze halbe Schekel des Heiligtums! ist die Parole.- *) Im Sinne der Definition Max Vrods in „Heidentum, Christentum und Judentum".