Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1928)
- Date
- 1928-09-06
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450530--75285-2532800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
6. Schtrmder 1928 Wenn es „edles Unglück" ist, daß der Pflicht- Weg nur zum Teil beschritten werden kann, daß inan dem Ziel nur näher kommen, es aber nie .gänzlich zu erreichen vermag, dann bedeuten die Hemmnisse, die innerhalb der Grenzen« des Schaffensmöglichkeit rrrlichtern, das „unedle Unglück", dessen Ueberwindung selbstverständliche Vorbedingung jeder Produktivität zu sein hat. Man zeiht nur gewöhnlich fälschlicherweise die Unbehebbarkeit des „edlen Unglücks" der Mitverantwortung an der eigenen Feig- und Zaghaftigkeit, die das „unedle Unglück" nicht in die Flucht zu schlagen vermag. Etwas mehr Unterscheidungssinn dürfte auch in unserer verfahreren Situation nicht von Schaden sein. — - (Selbnöte und Kräfteerschlafsung, politische Stümperei und organisatorische Unbeholfenhxit, Widerstand der Jugend und Eigenbrödelei der Alten und tausend andre überwindbare Schwierigkeiten mehr, sie gehören alle in den Bereich des „unedlen Unglücks", das, weil es selten erkannt, wenig bekämpft und bis jetzt nie besiegt worden ist, der Agudas Jisroel lebensgefährlichen Schaden zufügt und die Krise der Organisation heraufbeschworen« hat. Die Möglichkeit, ein Hindernis hinwegzuräumen, birgt jedoch die kategorische Pflicht zum zähen Ueberwindungskampf in sich. Und von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, sind die letzten Vorkommnisse wie mißlicher Wahlausgang, Ausbleiben der Mitgliederheiträge, Uneinigkeiten innerhalb der Aguda usw. keine „Begleiterscheinungen" mehr, sondern letzte Warnsignale, erschütternde Schofarrufe, die die agudistische Gemeinschaft zur Besinnung wachrütteln wollen. Wir stehen vor den niederdrückenden Tatsachen: daß in Palästina die quälende Geldnot Kolonie und Schulwerk nicht gedeihen läßt und daß — was viel verhängnisvoller sein oürfte — das fehlende gegenseitige Verständnis der nur durch Nuancen geschiedenen Richtungen für einander die Orthodoxie in Erez JisrUel auseinander reißt; daß in Polen der fühlbare Mangel an organisatorischem Talent erfolgversprechende Früchte agudistischer Arbeit nicht ausreifen läßt; daß in Litauen heutzutage keine. Aguda-Organisation besteht, daß eine absolut agudistisch , denkende Jugend außerhalb der Aguda in dem Jugendbund: Zeire Jisroel sich zusammengeschlossen hat; daß ein gewisser religiöser Egoismus vor allem in den ch a s s i d i s ch e n Zentren des s ü dlichen Ostens die jüdische Allgemeinheit an der Aguda mehr oder weniger uninteressiert läßt, und daß endlich m Deutschland bei einem großen Teil der Aelteren das Einfühlungsvermögen in die tausendfältigen Sorgen des thoratreuen Judentums an den deutschen Landesgrenzen stupide halt macht, und daß viele der Wertvollsten der modernen, thoraliebenden Jugend, abgestoßen von dex allzu vereinsmäßigen Aufmachung der Jugend- und Mädchengruppen, sich im Esra als Gleichgesinnte zusammengefunden haben, Wir stellen ferner fest, daß sowohl die erste Kenessio Gedaulo als auch der Rabbinische Rat betreffs der wichtigsten jüdischen Probleme, die heute im Brennpunkte der Erörterung stehen müßtenvollkommen versagt haben, d. h. sie nicht einmal zur Sprache gebracht, geschweige denn gelöst haben. Wir denken hier vornehmlich an „das Verhältnis der Thora zur profanen Kultur der Umwelt" und - an die — durch die „sachlich (?)- moderne" geile Sinnlichkeit erzeugte — „sexuelle Rot" der jüdischen Jugend, die 'infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Verelendung heute (auch im Osten!) nicht mehr durch die „Frühehe" aus der Welt zu schaffen ist, Und so liegt vor uns augenblicklich die elementare Frage mit unerbittlicher Deutlichkeit offen dar: Ist Agudas Jisroel nur eine großartige pathetische Geste, dann kann sie kein opfermutiges Der Israelit — _*_Blätter Eintreten, kein siegesgewisses Sich-in-die-Schanzefchlagen der Führer und Berufenen des jüdischen Volkes fordern und dann wird sie gewärtig sein müssen, daß alle so „wohltuende" und beruhigende Kenessio Gedaulo- und Bundestagsbegeisterung über kurz oder lang infolge desAusbleibens der Erfolge enterben« wird, sowie die Lampe erlischt, wenn ihr der Docht ausbrennt. Bedeutet aber Agudabewegung der in der ganzen jüdischen Geschichte erstmaligst unternommene grandiose Versuch der politischen und organisatorischen Formgebung der Golusaufgabe der all jüdischen Gesamtheit, ein Versuch, der mit unerhörter Genialität dem ewig schaffenden Geiste des Judentums, der Überall und immer geistige und« seelische Qualitäten in symbolhafte Formen zu gießen sich bemüht, abgelauscht ist, ein Versuch, der schon über das Stadium zaghafter Probiertaktik hinaus zur lelbst- und zielbewußten Weltbewegung des gesetzestreuen Judentums schlechthin gereift ist, oann sind alle agudistischen Belange — Forderungen und Befehle, denen der Einzelne sich nicht entziehen kann, ohne sich an der historischen Mission der Golusnation leichtfertig zu versündigen. Agudas Jisroel als Weltanschauungs-Phraseologie kann Anhänger- und Gefolgschaft nur erwart e n, während Aguda als historisches Phänomen dem geschichtlich Empfindenden zum 'fortwirkenden Erlebnis sich gestalten muß. Die Erkenntnis — und zwar die von echter, natürlich — jüdischer Begeisterung durchglutete gefühlsmäßige Erkenntnis des wahren Wesens der Agudas Jisroel kann allein die Basis bilden, auf welcher sich agudistische Arbeit in Zukunft ermöglichen lassen wird. Von dieser Erkenntnis werden Vereinsmeierei und „Parteigeist" zur absurden Farce zusammenschrumpfen, wird eine mit materiellen Opfern verbundene „ A g u d a - S t e u e r " zum freudigen Bekenntnis, zur M i z w a tat, werden Neutralität und Passivität zu Unterlassungssünden; von dieser Erkenntnis getragen wird die Jugend wiederum vollzählig m> der Aguda vertreten, Führer sowie Gruppen werden ihre Zwistigkeiten nicht fernerhin auszutragen bestrebt sein, sondern angesichts der historischen Arbeit, die ihrer harrt, in gemeinsamen Kämpfen gemeinsam den Sieg zu erringen versuchen. Die Verständnis des Wesenskerns der Agudas Jisroel zux Grundlage und zum Ausgangspunkt aller agudistischen Bestrebungen zu machen, müßte die Hauptaufgabe der nächsten Kenessio Gedaulo sein. Und sich zu diesem Verständnis zu erziehen, die Pflicht jedes Einzelnen. Mögen die Berufenen die Mittel austlüglen, die diese Erkenntnis von dem „historischen" Judentum in die breiten jüdischen Volksschichten zu tragen vermögen, die jedem jüdischen Menschen das Bewußtsein einimpfen, daß er der Schuldner der geschichtlichen Zukunft seiner Nation ist und daß er an ihrer messianischen Sendung individuell mitzuwirken hat. Frellich ist diese Erkenntnis eine banale Selbstverständlichkeit. Doch find bekanntlich im Geistesleben «des Menschen oft Jahrzehnte und Jahrhunderte vorübergegangen, ehe sich>Selbstverständlichkeiten als Offenbarungen von elementarer Gestaltungskraft entpuppen konnten. — $ e n f t die Orthodoxie noch „historisch" oder ist sie schon „philisterhaft" erstarrt? Diese Fragestellung ist gleichbedeutend mit der Krisis in der Aguda. Es ist die bange, zweifelnde Frage nach der Zukunft. Agudas Jisroel und Kehilla. In Nr. 10 der „Blätter" wurden zwei Artikel mit obiger Überschrift veröffentlicht, welche sich auf meinen Artikel im „Kol Jisroel" Nr. 29 beziehen. Da bei beiden Artikeln die Namenszeichnung fehlt, wurde ich diese bei folgender Beantwortung mit Nr. 1 und 2 bezeichnen. Nr. 19 Sette S In meinen Ausführungen m „Kol Jisroel" habe, ich nicht von „Eroberung der Gemeinden" gesprochen. Nicht, weil ich eS nicht als wünschenswert erachte, sämtliche Austrittsgemeinden als vereinte Agudagemeinden zu sehen. Dev Grund liegt darin, daß zur Aenderung. der Bestehenden, der Wille der Mitglieder maßgebend ist. — Eine Debatte innerhalb der Agudas Jisroel wäre deshalb nutzlos. Das entscheidende Wort hat nicht die Aguda. Ich habe lediglich in meinen Ausführungen im „Kol Jisroel" auf Mängel, die den bestehenden Austrittsgemeinden anhaften, hingewiesen. Diese Mängel hemmen zum Teil die Entwicklung der Gemeinden und verhindern ihre Aufgaben Klall Jisroel gegenüber gerecht zu werden. Es ist bei einer Kehilla mit Mitgliedern verschiedener jüdischer Weltanschauungen nur zu begreiflich, daß es ein jeder als ehrliche Pflicht hält, seine Anschauung innerhalb der Kehilla zum Siege zu verhelfen. Der Vorstand muß deshalb bei jeder Klal-Aufgabe auf diese und jene Gruppe seiner Mitglieder sowie auf deren verschiedenen Parteiprinzipien Rücksicht nehmen. Er verliert so jede Großzügigkeit bei Klal-Aufgaben. Wir stehen, in Erez Jisroel und in absehbarer Zeit auch in Polen vor Gründung von Separatgemeinden. Wollen wir die gemachten Erfahrungen der alten Separatgemeinden verwerten und die Fehler verhüten, so ist nach meiner Ansicht der beste Ausweg, sofort bei Gründung neuer Separatgememden, diese auf einheitlich jüdisches weltpolitisches Programm aufzubauen. Statt die jüdische Gemeinde auf lokal begrenzte Arbeitsmöglichkeiten zu beschränken, könnte so die Gemeinde auch für Klal Jisroel wirken. Somit würden die Zweifel, die in Artikel Nr. 1 geäußert wurden, dahin fallen. Es wird alsdann keine Möglichkeit geben, „Kehilla bejahen und Aguda verneinen" oder umgekehrt, da Kehilla . und Aguda identisch werden. .Artikel Nr. 2. Ich habe „in meinem Kreise unangenehme Erfahrungen mit misrachistischen Gemeinde- oder Vorstandsmitgliedern" nicht gemacht. Die unangenehmen« Erfahrungen sind mir von Seiten agudistischer Gemeinde- und Vorstandsmitglieder zuteil geworden. Ein kleines Beispiel. Im Dezember 1927 fand in Berlin die Sitzung des G. A. und Centralrats der A. I. statt, an welcher bedeutende Rabbiner und führende Persönlichkeiten der Orthodoxie des Ostens sowie des Westens teilnahmen. Die Berliner Austrittsgemeinde konnte eine solche Versammlung nicht einfach ignorieren, um so mehr als auch ihre Rabbiner an dieser Tagung teilnahmen. Aus Rücksicht auf ihre misrachistischen Mitglieder unterließ sie eine offizielle Begrüßung. Der gefundene Ausweg, eine offiziöse Begrüßung verbunden« mit einem Abendessen im Hause eines Vorstandsmitgliedes stattfinden zu lassen, zeigt genügend, in welcher Lage sich die Austrittsgemeinde befindet. - Die Misrachisten unterdrücken ihre Anschauung auch innerhalb der Gemeinde nicht. Ein Beispiel dafür ist die orthodoxe Gemeinde Großwardein. Ich gebe es ehrlich zu, daß diese den Mut haben, offen für ihr Parteiprogramm einzustehen. Ueberall,^wo die Misrachisten und Zionisten die Mehrheit in einer Kehilla bilden, nehmen sie niemals Rücksicht auf nichtzionistische Mitglieder, sondern siegeln ihre Handlungen in der Gemeinde Mit dem zionstischen Stempel und schrecken selbst nicht vor Vergewaltigungen zurück, wie es zur Genüge von Bulgarien bekannt ist. Warum sollten wir nun nicht auch den Mut aufbringen, wenigstens dort, wo w i r neue Gemeinden gründen, diese auf unser Programm einzustellen, um ihnen die Möglichkeit reibungsloser Entwicklung und des Gedeihens für die Zukunft zu garantieren? Während bereits bestehenden Seperatgemeinden die Möglichkeit, zu allgemeinen jüdischen Fragen Stellung zu nehmen, fehlt, wird es Gemeinden auf Agudabasis gegönnt sein, mitzuwirken, Klalfragen im Geiste der Thora, zu lösen. Wie segensreich wäre für Klal Jisroel, wenn die Gemeinden durch Zwangssteuer statt^ durch „Schnorren" die Jeschiwaus aushalten und-