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Der Israelit · 1928-09-06 · Heft 36 (6.9.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 36 (6.9.1928)
Date
1928-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 36 Der Israelit 6. September 1928 sie will, als Verbrechen verurteilen, im räumlich und zeitlich fernen Palästina zu suchen, was auf viel kürzerem Wege und, wie wir uns schmeicheln, in viel kürzerer Frist in Europa zu finden wäre;, ihr muß es unbegreiflich erscheinen, sich nach dem cis- und transjordanischen Gestade zu sehnen, wo an den Ufern der Isar und des Lech, der Werra und der Fuldader Havel und der Unstrut, der Sieg und der Ruhr, die — Hoffnungssaaten der jüdischen Emanzipation üppig sprießen. Von seinem Standpunkte hatte jener israelitische Geistliche ganz recht. Aber diese moderne Anschauung ist nicht die alte, jüdische, ist überhaupt unjüdisch, unwahr. — Gegen sie warnt schon das alte Prophetenwort: ■pw naimn i'v'2 'pn« usw." Das sind Worte, die heute noch geschrieben sein könnten, in Anknüpfung an den Hallejujagesang des Jerusalemer Chaluzim-Tischo beaw, an das Schulmusiksest in der Nacht zum 9. Aw in der Kolonie „Sichren Jakob", in Anknüpfung an das liberale Welttreffen in Berlin, wo man so viel von der „reinen geistigen Idee des Judentums" sprach, wo man mit hohen Phrasen von „religiöser Erlösung" das. große Nichts, hervorgegangen aus der „religiösen Autonomie der Persönlichkeit", zu verdecken suchte, wo die Besten selbst in der Aestheilst e r u n g die Rettung des religiösen Geistes suchten. A e st h e t i s ch wirkt der neunte Aw mit seiner Trauerliturgie bei schwachem zittrigem Kerzenlichte keineswegs. Daß man aber mit dem Fallenlassen der Aw-Trauer den Weg zum T r o st e und zur sittlichen Einkehr abschneidet, — weil man eben nicht versteht, welche Bewandtnis es mit dieser Trauer hat und darum kein Auge hat für das letzte Ziel der religiösen und sittlichen Läuterung, das lassen st■: die Herren von S.'R. Hirsch sagen, in dem besagten Aufsatze, der heute noch, und vielleicht heute etst recht, Wort für Wort gilt. Wir aber denken in unseren Gebeten, die wir zum grauen Morgen emporsenden, an die öfpwa nsn mr» nam«- „Männer des Glaubens, die kraft ihr er Taten kommen ", um uns.den Weg zu weisen. Wir rufen die Tränensammler nsrm 'v'^v an, daß sie die im Aw geweinte Träne um Zion (das geistige Jerusalem) als Ausfluß der jüdischen Seele nehmen, die, umrauscht von prophetischen Trostklängen, zu ihrem Geliebten drängt in den Tagen, da er ihr so nahe ist 'b nm bis er das Wort der Vergebung gesprochen najp ’nnbo *iöirv lVochenrundschau. mj' Gibt es ein liberales Judentum in Polen? Im Berichte über die Internationale liberale Konferenz in Berlin glaubten wir unseren Zweifel an der Legitimität der zwei als Vertreter Polens und Litauens genannten Herren mit einem Fragezeichen andeuten zu müssen. Wußten und wissen wir doch, wie der Osten über einen Liberalismus der hohlert religiösen Phrase ohne Inhalt denkt; ist uns doch bekannt, daß wer in den Ostländern die religiöse Sphäre verlassen hat, sich auch schon weit weg von all derartigen Versuchen und Redensarten befindet. Zwischen „Schul" und Beshamidrasch auf der einen und dem Klub auf der anderen Seite, gab es im gesamten Osten bis dahin kein Kompromiß unter Orgelbegleitung. Die sogenannten „Chorschulen" waren nichts anderes als religiös traditionelle Synagogen, die etwas mehr auf Form und Ordnung hielten. Das „Lodzer Tageblatt" beispielsweise überschreibt seinen Bericht über die Berliner Konferenz mit den Worten: „Was ist denn das, liberales Judentum?" Und trotzdem sollten Polen und Litauen Vertreter zum liberalen Welttreffen nach Berlin geschickt haben!? Unser ominöses Fragezeichen bekommt nun seine Antwort von den Herren Delegierten selbst. Herr Leon Bergmann«, der in der Präsenzliste als Vertreter Polens figurierte, gab auf der Konferenz der Hoffnung Ausdruck, daß „in zwei Jahren Polen imstande sein werde, eine formelle Delegation zur dritten Weltkonferenz zu schicken". Sonach hat er jetzt, so etwas wie ein Mandat auf Vors ch u ß. Ex vertrat sich selbst, und was er sagte, dafür wird schon vollends ihm selbst die Verantwortung überlassen werden müssen. Er erklärte die Tatsache, daß das jüdische Polen an der großen reformistischen Bewegung nicht teilnahm, mit der politischen Knechtschaft der polnischen Juden im 19. Jahrhundert. Im Kriege kamen aber die bösen A g u d i st e n , Dr. Pinchas K o h n und Dr. C a r l e b a ch, nach Warschau, einigten die Chassidim und Misnagdim und organisierten die Orthodoxie in einer starken Agudap artet, die heute eine herrschende Stellung e i n n i m m t. Nun aber bereiteten sich neue Dinge in Polen vor. Der religiöse Geist werde gewecktdamit, d er Orthodoxi e d i e Führ u n g aus d er Hand g e r i s s e n w erd en kann.- — So viel weiß man in Polen vom Liberalismus und so viel wissen die dortigen Außenseiter von Orthodoxie u n d Liberalismus, daß sie m it d.e r. W e ckun g d es r el i g iö s en G e i st es d e r Orth ov o x i e d i e Führung aus der Hand reiß en w o l l e n! "Sie wissen nicht, daß jene benatnsten Männer eigentlich in Polen nichts anderes taten, als daß sie den religiösen Geist weckten und einzig das Erwachen des religiösen Geistes es ist, was mehr und mehr die Orthodoxie in Polen an die Führung gebracht. Weit beachtenswerter ist schon, was Dr. Fritz Seift er von der „Union demokratischer Juden in Polnisch-Schlesien" zu berichten wußte. Wir dürfen daran erinnern, daß wir vor einem Jahre, beim Entstehen dieser Organisation, die zuerst nicht gern Farbe bekannte, unsere Vermutung aussprachen, daß es sich hier vielleicht um eine bloße Uebertragung der Berliner liberalen Gedankengänge ins Polnisch-Schlesische handelte. Man gab es nicht offen zu, nun sagt es Herr Dr. Fritz Seifter offen heraus: „Die Bielitzer Vereinigung, die auf Kattowitz, Königshütte, Mislowitz usw. ausgedehnt wird, stellt'die erste liberale Organ i f a t i o n« in Polen dar und ist als Ausgangspunkt für die Schaffung liberaler Vereinigungen in ganz Polen gedacht. Ein trauriges Schicksal hat die Provinz Posen betroffen. Altehrwürdige Gemeinden sind so gut wie' von Juden entvölkert." Und da soll der Liberalismus helfen? Zu einer Zeit, da Zahlen und Daten aus statistischen Tabellen uns deutlich vor Augen führen, wie überall der numerische und geistige Niedergang der jüdische-m Bevölkerung mit dem Auskommen des Liberalismus in Deutschland einsetzte?! Die Verheißungen dieses Delegierten sind ernst zu nehmen. Hier geht es um Teile Neupolens mit deutschen Traditionen, im guten wie im schlechten Sinne, hier wird die Sache von Männern betrieben, die auf die liberale Reform Geigerschen Geistes gut eingeschult sind und auch etwas von Organisation verstehen. Man sei im alten Polen vor der „Union demokratischer Juden Polnisch-Schlesiens" auf der Hut. Internationale Kongresse und Juden. Die letzten Tage des August standen im Zeichen der Weltkongresse, die, so ver? schieden sie in ihrer Zusammensetzung und ihren Oie Piutim des Machsors für Jomkippur. Die Piutim der Festtage sind nicht nur dichterisch beschwingter und seelisch hochschwellender Ausdruck von Gemütsbewegungen. Sie rühren auch an die tiefsten Geheimnisse des Seins und an die Urgründe der Zusammenhänge zwischen Gott und Israel. Vermessen, wäre es darum, wagen zu wollen, das. Fundament dieser Monumentalbauten jüdischer Erkenntnis aufzudecken, die göttlich erleuchtete und begnadete Schöpfer errichteten. Höchstens, daß es diesem oder jenem, der mehr von den Dingen im Himmel und aus Erden weiß, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt, manchmal gelingt, einen Stein aufzudecken. Wir aber müssen uns damit begnügen, die zutage tretende Form und die architektonischen Verzierungen, will sagen den Gefühlsgehalt und seine Ausprägung im Wortbild nachzuempfinden, nachzudenken und, sofern uns die Gabe eignet, nachzuzeichnen. Dr. Joseph Breuer, dessen Piutim von Jom Kippur uns zur Betrachtung vorliegen,*) eignet diese Gabe in beträchtlichem Maße. Es waltet in dem Buche *) Die P t u ti m de s Ma ch s o r s für Iom Kippur. Uebersetzt und erläutert von Dr. Joseph Breuer, Frankfurt a. M. (Rödelheim). 1928. Druck und Verlag von M. Lehrberger u. Co. eine starke nachschaffende Kraft und eine edel geläuterte Form. Es verdeutlicht vieles von dem, was am Jom Kippur in uns liebt und webt, klingt und drängt. Selbsthingabe, Akedawille Jom Kippurs Grundlage. Nicht Vergottung, sondern Entäußerung des Jchs, opfersrohe Bereitschaft für Gottes Willen und Gesetz. Von ihr aus gemeistert, gemeißelt und geheiligt das Wort, an dessen Unverbrüchlichkeit.' und ewige Gültigkeit uns Kol Ni drei mahnt, der Vorklang und die Vorstufe zur Tefilloh, die auch letzten Endes äußerlich nur Wort ist und doch so unendlich vieles in sich birgt und schließt. Rhythmisch beinahe beflügelt und ästhetisch geschmackvoll gestaltet drängt die Uebersetzung vor und eint sich der Erläuterung. Hymnen zu Gottes Lob brausen auf und finden schönen Widerhall. Und Elegien von Menschenunwert und Menschenoergänglichkeit. Dennoch aber sind wir gekürt zu Gottes Dienst und ausgenommen in den Kreis seiner Barmherzigkeit, wenn wir sie in ernstlicher Selbstbesinnung und Selbstbearbeitung zu erreichen. trachten. Selbsterkenntnis, aber auch Selbstbekenntnis — Widui. Aus Nacht — durch Dämmerung — zum Licht. „Zur Beracha lädt der erwachende Morgen des Jom Kippur Israels ^Gemeinden. Das Segenswort, das jeden jungen Tag. den der erste Sonnenstrahl aus der zurückweichenden Nacht herausführt, als Offenbarung der ewig sich erneuernden Schöpfungsallmacht Gottes begreift, in deren Dienst Licht und Finsternis in friedlicher Harmonie erstehen, lenkt den Blick auf die sich öffnenden Tore, durch die der Morgen auf Gottes Geheiß einzieht: sie gestalten sich am Jom Kippur zu Morgenpsorten unendlicher Hossnungsfreudigkeit; Gottes erbarmende Vaterrechte öffnet sie seinen nach seiner Nähe sich sehnenden Kindern,, und das Licht .göttlicher mrbrätiQt mÜbe verzeihend die Nacht, in der Menschen durch' Schwäche und Schuld erliegen zu müssen wähnten; auch im Leben! der Menschen stiftet Gott Frieden und weiß Licht und Finsternis seinem Schöpfungsplane zu unterordnen." - Licht, um in ihm ein gottgeweihtes Leben zu führen. „Gedenke unser zum Leben!" Um was bitten wir? .Daß uns Gott den hinfliegenden Hauch noch-lange Jahre festhalte? Nein, um Leben in Gottes Dienst und Sinn. Führen wir dieses, ja ringen wir nur danach, so neigt Er, der Schöpfer und souveräne Beherrscher von Himmel und Erde, trotz Seiner nicht auszudenkenden Größe sich uns gnädig zu. Aber nicht nur dem Einzelnen gegenüber offenbart sich Sein Walten, sondern auch in den oft so verschlungenen und Ihm doch klaren Gängen der Geschichte. ■ Auch hier Nacht und Licht, scheinbare Nacht als Werkzeug des Lichts. M u s s a f. Trauer sein Grundgepräge, schmerzvolle Trauer um verlorenes Glück, der unmittelbaren Gottesnähe. Um verlorenes, unendlich hohes, die Seele in ihren ganzen Tiefen und Weiten umfassendes, aber nicht unwiederbringlich verlorenes Glück. Nahe ist Er uns ja doch, heute noch. Läßt sich rufen Mit dem Stammeln unserer Lippen. Und ehrlich geweinte Tränen können herbeiflehen, herbeiführen, was jetzt entrückt ist. Auch dadurch, daß wir unserem schrankenlos steien und ungebundenen Willen Gottes Willen bewußt untertänig machen, an Gottes Willen unzerreißbar binden, damit, daß wir Seine Heiligungsforderung inv unserem schwachen, zerwühlten Dasein zu erfüllen trachten und uns damit über Seraphim erheben. Eine ganze Menschheit einst damit hinleiten zur freien und unbedingten Gottanerkennung und Gotteshuldigung. Im Umkreis und Strahlenkreis nicht der staatlichen Selbständigkeit als höchstem erstrebenswerten Gut, sondern des Bethhamtk d o sch. / .; Die Sonne war gestiegen und neigt sich nun. Symbol der jüdischen Geschichte und des jüdischen Geschicks.

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