Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1928)
- Date
- 1928-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ggj 30. August 1928 Der 8 * t o e 11 t er als erster schuf und aus welchem, gleich einem Riesenbaum alles aus dem Samen herauswuchs, den er gepflanzt hatte, und wenn Esra voraussah, was der Talmud geworden ist, so hätte ihn diese Vision mit Entzücken erfüllt, aber auch mit tiefer Dankbarkeit gegen Pott, daß er das Werkzeug gewesen fei, Israel das zu geben, was Israel brauchte. Esra wäre der erste gewesen, der ernstlich das Problem der Zukunft Israels in die Hand nahm nach der großen Konvulsion des Exils und das Denken und die Energie eines durch das lange Exil entmutigt und schlapp gewordenen Volkes nach einer Richtung lenkte, der der Thoraforschung und Mizwoths, in der ein Fortschritt ohne Ende möglich wurde. Hätte es keinen Esra gegeben, ruft er (auch hier im Sinn unsrer Weisen), so ist es denkbar und in Hohem Grade wahrscheinlich, daß die Juden ganz und gar verschwunden wären. Herford zeigt reichliches Verständnis für die Strenge, mit der Esra seine Reform durchzuführen sich gezwungen fand, obwohl diese „auf Kosten so vielen häuslichen Kummers; und Herzeleids (an der Trennung von den fremden Weibern), das*uns noch heute schaudern macht", geschehen mußte. Es war ein Fall, °) wo bei einer verzweifelten Krankheit nur ein verzweifeltes Mittel helfen konnte." Und die hermetische Abschnürung von den anderen war — nach Herford — die bedeutsame Lehre, die Esra aus der Katastrophe des Exils zog, die über Israel verhängt wurde, weil es eine uneingeschränkte Verbindung mit den Nachbarvölkern eingegangen war, und dadurch die verdiente Strafe erleiden mußte. Und „wie man auch über die von Esra angewandte Methode denken mag, das Resultat war, daß sich um Esra diejenigen sammelten, welche alle Eigenschaften besaßen, für ihre Religion das Höchste zu leisten und das Letzte zu opfern. Esra hatte die Schwachen und die Mattherzigen, die Gleichgültigen und die Trägen ausgejätet und nur diejenigen um sich geschart, welche Eiferer, Helden und Märtyrer sein konnten/ wenn die Gelegenheit dazu kommen sollte." Wundervoll sind die Gedankengänge Herfords, bei dessen Versuch, den Talmud auf Esra zurückzuführen: Nicht, daß er etwa behauptet, Esra hätte ihn geschaffen,' dies wäre ja unsinnig. Aber den feinen Fädender schriftlichen und mündlichen Ueberli.eferung geht er mit unglaublich sensitivem Tastgefühl nach, um die gesuchte Verankerung und Verbundenheit der Schöpfer des Talmuds, den er so innig verehrt, mit der Reform Esras zu finden, das Ganze aber wieder auf die göttliche, Offenbarung zurückzuführen. Denn diese Bewegung ist es ja, welche den- Schlag der ganz alten Chafsidim aufleben ließ, dem die — von Herford so warm verteidigten — Peruschim entsprangen. Deshalb meint er zum Schluß (und es fei in extenso hier gegeben): „Im Talmud haben wir die Hauptquelle zur Erkenntnis des pharisäischen Wesens, weil man aus ihm ein Archiv machte, in welchem alles oder ziemlich alles niedergelegt wurde, was in der Tradition der Aeltesten (die verständlich gemachte Thora) aufgespeichert wurde (im engl. Original:, was stored up). Die mit dem Talmud gleichzeitig entstandene ungeheure Literatur wird mit dem Namen Midrasch bezeichnet. Alles darin ist traditionell, und alles berührt die Religion der Thora in einer oder der anderen Weise. Das. ist das geschriebene Vermächtnis des Pharisäismus, die ^Spur, welche er in der Weltliteratur hinterlassen hat. Da allein und nicht m den Schriften derjeni- Diseases, desperate grown, by desperate appliance are reliev 'd. (Hamlet). gen, die feine Ideale nicht verstanden und seine Hoffnungen nicht teilten4), kann seine wirkliche Bedeutung gefunden werden. Diese Ideale und Hoffnungen dämmerten m> jüdischen Seelen . unter demMnfluß Esras. Der Talmud ist. der Zeuge, welcher bekundet, wie einige feiner Landsleute, einige der tapfersten, einige der fähigsten, einige der frömmsten und heiligsten, und eine Schar von ungenannten Gläubigen diesen Idealen treu blieben und an diesen Hoffnungen festhielten, und wie sie in guten und in bösen Tagen über alle Schicksalsschläge und den Untergang ihres Staates hinweg, durch Verfolgungen zerrieben, durch Parteihader zerfleischt, den äußeren, und inneren Feinden standhaft die. Stirn bietend treu und fest zur Religion der Thora hielten. Sie suchten nicht den Beifall der Menschen für ihre Standhaftigkeit und haben ihn auch sicherlich nicht ge- . funden. Es sind ja eben die Pharisäer, für welche die Welt nur spöttische Geringschätzung übrig hat. Wer wax es, der das Wort gesprochen hat: „Für jedes unnütze Wort, das die Menschen sprechen, werden sie am Tage des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen." An Herford gemessen, verblaßt selbst das lieblich anmutende Bild Antonius', des frommen Freundes Rabbis, und es gibt kaum neben ihm einen eklatanteren Beweis für jene der vielen im Talmud niedergelegten Heilswahrheiten, die da sagt: Selbst ein Heide, der sich ernstlich mit der Erforschung der Thora beschätfigt, gleicht dem Hohepriester;5) denn der Chossid schel umaus lioaulorn Herford gleicht ihm nicht nur, sondernlist es in der Tat: Ein Hohepriester der göttlichen Wahrheit! r/7v^*' Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. konstruktive jüdische Oanderfürsorge. Berlin, 16. August. Am Montag den 13. ds. Mts., fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Oskar Cohn eine Sitzung der Exekutive von Hias-Jca-Emigdirekt statt. Es wurde der Tätigkeitsbericht von Hias-Jca-Emigdirekt für .das erste Halbjahr 1928 erstattet, aus dem zu ersehen ist, daß sich in den Büros der Hias-Jca-Emigdirekt in Polen, Danzig, Lettland, Litauen, Rumänien, Frankreich und Bellen. 13 542 neue Emigranten haben registrieren lassen; .die Zahl der Besucher belief sich aus 40 792; juridische Hilfe bei- Beschaffung von Pässen, Visen, auch Interventionen bei Konsulaten und Behörden wurde in 8271 Fällen erteilt. Schiffskarten im Werte von ca. 125 000 Dollar wurden vermittelt. Auch in den Einwanderungsländern wurde eine rege Tätigkeit entfaltet. Bei dem Komitee zu Buenos Aires meldeten sich in den' Monaten Januar-Mai 1928 1187 Neueingewanderte; im jüdischen Arbeitsnachweis wurden 531 Arbeitssuchende registriert, von diesen 409 in Arbeitsstätten untergebracht. Durch die in Rosario, Cordoba und Santa-Fe bestehenden Arbeitsnachweise konnten 183 Jmmigrantein untergebracht werden. Die Komitees in Rio de Janeiro und Porto Alegro verschafften 306 Immigranten Arbeit. Das Büro in Montevideo empfängt und » 4) Herford will damit die christologifchen und sonstigen, dem Judentum ungünstig gegenüberstehenden Schriftsteller treffen. 5) b. Sanh. 59 a. Nr. 35 Seite 5 betreut etwa 100 Immigranten monatlich; diejenigen Personen, die nicht zu Verwandten reisen, werden zum großen Teil durch den Arbeitsnachweis untergebracht. Sowohl in den Aus- sowie in den Einwanderungsländern wird die landwirtschaftliche, sprachliche und professionelle Ausbildung der jüdischen Wanderer fortgeführt. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete der Bericht der Delegation von Hias-Jca-Emigdirekt über ihre Tätigkeit in Süd-Amerika. Der Bericht wurde von Herrn Dr. M. K rein in erstattet und von Herrn Generaldirektor Louis Oungre ergänzt. Es lag auch ein schriftlicher Beriicht des dritten Mitgliedes der Delegation, des Herrn A. Benjamin aus Newyork, vor. Die Mitglieder der Delegation konnten eine erfreuliche Entwicklung des füdamerikanrschen Judentums feststellen, sie heben die große Aufnahmefähigkeit insbesondere Argentiniens und Brasiliens für neue Einwanderer hervor. Gewiß ist in Südamerika nicht für alle jene Platz vorhanden, die sich einbilden, dort in kurzer Zeit ein Vermögen erwerben zu können, aber — und das steht fest — für Handwerker, sowie gekernte und ungelernte Arbeiter ist in diesen beiden Ländern stets Arbeit vorhanden, besonders' wenn sie nicht in den Hauptstädten bleiben, sondern sich sofort nach der Ankunft im Lande in die Provinz begeben. Es versteht sich von selbst, daß landwirtschaftliche Arbeiter besonders erwünscht sind und daß jüdische landwirtschaftliche Arbeiter in den Kolonien der Jca untergebracht werden können. Hakenkreuz und Davidsstern im Landtage. Berlin, 19. August. Eine nationalsozialistische Landtags-Anfrage beschäftigt sich mit der Entfernung des Hakenkreuz ähnlichen Musters in der Pflasterung vor dem Landtagsgebäude. Es wird gefragt, auf wessen Anweisung diese sich gegen ein uraltes germanisches Zeichen wendende Maßnahme zurückzuführen sei, ob sich die „Säuberungsaktion" nur auf' germanische Zeichen erstrecke oder ob das Staatsministerium bereit sei, nunmehr von allen öffentlichen Gebäuden Preußens auch die Davidssterne zu entfernen. Klage der jüdischen Minderheiten vor der Interparlamentarischen Union. Berlin, 27. August. In der Sitzung der Interparlamentarischen Union von Sonnabend Abend, in der die Frage der nationalen Minderheiten zur Behandlung stand, ergriff der Deputierte des lettländifchen Sejm, Rabbiner N u r o k, das Wort, um die Klagen der jüdischen Minderheiten vorzubringen. Er erklärte, daß er nicht die Lage in Lettland im Auge habe, wo, ebenso wie in Estland, das Minderheitsproblem sich auf dem Wege zu einer befriedigenden Lösung befinde. Er spreche im Namen der Minderheiten des jüdischen Volkes, .das auch fein Kapital zu der Kulturgeschichte der Menschheit beigetragen hat. Der Landesverband gefehestreuer Synagogengemeinden und die Verfassungsfeier. Berlin, 23. August. Zu der Verfassungsfeier der Reichsregierung im Reichstag und der Verfassungsfeier der Reichsregierung, der Preußischen Staatsregierung und der Stadt Berlin in dre Oper am Platz der Republik war selbstverständlich auch der Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden eingeladen worden: Er ließ sich bei beiden Feiern durch die Herren Rabbiner Dr. Esra Munk und R.-A. Dr. Marcus Birnbaum vertreten. -. Der Weltjugendkongreß gegen Rassenhaß. Berlin, 28. Aug. Der in Eerde tagende Weltjugendkongreß hat eine. Resolution zum Rassenproblem angenommen, die volle Gleichberechtigung aller Rassen fordert und die Jugend verpflichtet, das Verantwortungsgefühl bei ihren Landsleuten zu stärken, unwahre Rassenpropaganda zu bekämpfen, internationale Kongresse zu organisieren und 3