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Der Israelit · 1928-08-30 · Heft 35 (30.8.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 35 (30.8.1928)
Date
1928-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 38 Der Asraelit 30. August 1928 -„Wir werden mit allem Geschrei und Getue, auch nicht, wenn wir mit den Fäusten um uns schlagen, die Finsternis verjagen; ein kleines Lichtlein, zur rechten Zeit angezündet, verdrängt und verscheucht sie geräuschlos und endgültig." Ein Frommer ' der nichkjüdischen Umwelt. Von H. Neubauer in Hermannsberg. II. Eingangs dieses Versuchs, die bedeutsame Schrift Herfords einem weiteren Kreise auszugs weise bekannt zu machen, habe ich etwas — und gerade ganz Wichtiges — zu betonen übersehen was hier nachgeholt werden soll: Unwillkürlich wie der langanhaltende bittere Nachgeschmack wenn mna Wermut oder Galle schluckt, assoziert sich mit der Bezeichnung „Pharisäer" fast Zwangs läufig die Vorstellung von Heuchlerischem, Schein heiligem, kurz Niedrigem; eine Folge jener syste malischen Verleumdungskampagne, wie sie seit rund achtzehn Jahrhunderten von den Kirchen vätern über Bar-Hebräus (dem getauften Sohn eines jüdischen Arztes) bis zu den unzähligen allerjüngsten Gegnern der Thora unausgesetzt und einträchtig betrieben wurde. Und die Kirche nebst ihren Subjekten wußten schon, warum sie es so hielten; handelte es sich doch um den ein zigen, aber formidabeln Feind, der an ihrem Lebensmark bis heute nagen sollte. Denn diese in den Kot gezerrten, mit Unflat beworfenen Pharisäer sind doch (denjenigen sei es gesagt, die es nicht wissen) unsre heiligen Peruschim (aramäisch: Perischaja), jene tapferen Nachfolger Esras; aus ihren Reihen kamen die Sammler und Ordner der Mischna, die Bildner und Gestalter des Talmud, die Tannaiten und Amoräer, die Kommentatoren und Exegeten; alles Früchte eines lebenden Baums, gespeist von der nie versiegenden, „ewig sprudelnden Quelle lebendigen Wassers Jene Unsterblichen und wir (die Thoragläubigen), die wie heute sind, das sind die Pharisäer! Und an dieser unerschütterlich, zu ihrem Gott und Seiner Thora haltenden Phalanx rannten und rennen sich jene immerfort die Köpfe ein. So Gott will, bis ans Ende aller Tage! Bezeichnen der Weise denkt auch der Christ Herford so, was seine Ausführungen vollauf beweisen, und ich in der Folge zu zeigen gedenke. Nach diesem kleinen Exkurs komme ich zum Hauptthema, muß mir jedoch hierbei eine weitere wiedererkennt. Wenn der Verfasser als den Grundstock des jüdischen Volkes die vorderasiatische und orientalische Rasse annimmt, zu der nordische, mediterrane, negroide und mongolische Bestandteile hinzugekommen seien, wenn er ferner die Juden in zwei Gruppen teilt, die „Südjuden" (Sephardim), die lein Zehntel und Ostjuden (Aschkenasim), die neun Zehntel (!) ausmachen, so ist dies nichts anderes als der abgekürzte Günther. Nach ihm ist das Ostjudentum, neun Zehntel aller Juden, eine vorderasia^ tisch-mongolisch -ostisch-nordisch-hamitilch-ndrische-.Mischung unter Vorwiegen des Vorderasiatischen; die.-Südjuden, das übrige Zehntel, können unter Vorwiegeri des orientalischen Elementes als oriienialisch-vorderasiatischhamitisch-nordisch-negerisch gemischt gelten. „Der Dilettantismus dieser Rassenkunde", fährt Dr. Jacob fort, „ist längst erkannt und nicht etwa nur von Juden auf das schärfste verurteilt worden." Schlimmer, meint Dr. Jacob, sind die« Angaben über die rassenphysiologischen und -pathologischen Merkmale und über die „Eigenschaften" der Juden!, worüber die Unklarheit oder Vorsichtigkeit des Ausdrucks nicht hiinwegtäuschen kann. Dr. Jacob führt eine Reihe recht sonderbar anmutender Stellen an und ermahnt die Leitung von „Meyers Lexikon" zu größerer Vorsicht. Wochenkalender. v. 1. - 8: Sept. 1928. / v. 18. -23. ffilul 5888. '2 Samstag 1 16 «■an Sonntag 2 17 > Montag 3 18 Dienstag S- 4 19 Mittwoch V 5 20 Donnerstag 6 21 i Freitag 7 22 Samstag 8 * 23,^ Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat September Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M, Abschweifung gestatten, da ich sie für notwendig halte, als grelles Schlaglicht auf die Gering schätzung, mit der christliche Gelehrte aller Zeiten die erhabenen Lehren unsrer Weisen zu betrach ten gewöhnt sind. Ich muß dazu noch ausführlicher sein, auf die Gefahr, die Geduld des weniger interessierten Lesers einer harten Prüfung zu unterziehen; die aufmerksameren dürften mir Dank wissen. Johann David Michaelis, „ordentlicher Lehrer der Weltweisheit", in dessen „Abhandlung von den Ehegesetzen Mosis" (Göttingen 1755), sagt dort (S. 29) über jene bekannte Stelle, in Pirke Aboth: Machet einen Zaun um die Thora — in seinem antiquierten Deutsch — das, was olgt: *) „Noch verdächtiger aber werden ms ihre (der Juden) Traditionen werden, wenn wir ihren Ursprung und das Urteil des Neuen _ Testaments darüber vernehmen, . . . Nachdem im Babylonischen Elend die Jüdischen Altertümer und Sitten außer Gebrauch gekommen waren, so haben viele zu dieser Arbeit nur schlecht gerüsteten Rabbinen sich unterfangen, die Gesetze Mosis zu erklären. . . Was sie zu den Gesetzen Mosis als Erklärungen hin zufügten, das sollte eben so vollkommen gelten, als was Mosis mit ausdrücklichen Worten befohlen hatte, sie nahmen sich Mühe, wie sie es nennen, einen- Zaun um das Gesetz zu ziehen, das ist, allerlei zu verbieten, davon 'sie eingestunden, daß es im Gesetz nicht verbaten sei, und man kam endlich gar dahin, einen Teil dieser Grillen vor (für) Ueberlieferungen auszugeben, die von Mose selbst.herrührten, und von Mund zu Mund fortgepflanzt wären. An diesen Zusätzen oder Aufsätzen der Aeltesten ' hingen die Pharisäer nicht anders, als wenn es; göttliche Gebote wären, und diese sind es zum Teil, die im Talmud ausbehalten sind. Daß ihre Erfinder meistentheils von schlechter Gelehrsamkeit und Beurteilungskraft gewesen seyn müssen, fällt einem bey Durchlesung dieser Sammlung bald in die Augen; sie habest mehr Irrtum als Wahrheit . . . Was konnte man auch von solchen Leuten besseres fordern, die bei dem größten Mangel der weltlichen Gelehrsamkeit, und bey einem blinden Vorurteil vor dem Ansehen ihrer Lehrer, welche sie den Propheten gleich schätzten, so wunderbare Auslegungs-Regeln annahmen." Hören wir, was Herford zu demselben Zitats zu sagen hat: „Einen Zaun um die Thora machen" ist ein berühmter Satz, der viel mißverstanden worden ist. Ganz gewiß schließt er Nicht die Absicht in sich, ein starres System von Vorschriften aufzustellen, in welchem alle geistige Freiheit, welche die erleuchtete Seele in Ge- 9 Man stotze sich nicht an dem relativen Alter dieses Urteils; auch philofemitisch gestimmte Forscher und selbst neuere, wie Harnack und König, weichen höchstens in der Form, kaum aber in der Sache wesentlich davon ab. 2) ,Das pharisäische Judentum" (Leipzig 1913), S. 20 ff. meinschaft mit Gott genießt, verloren gegangen wäre. Die talmudischen Rabbinen, welche diesen (alten, von den „Männern der Großen Synagoge" konzipierten) Satz sich ganz zu eigen' machten, lasen niemals eine.solche Absicht aus ihm heraus, noch glaubten sie, dadurch irgend eine derartige Einbuße an ihrer geistigen Freiheit zu erleiden. Und in der Tat erlit- ,.ten sie keine. Die Meinung, daß sie einen solchen Verluß dadurch erlitten, existiert lediglich im Kopfe von Christen, die hier eine Erfahrung mißverstanden, die sie als Christen nie gekannt haben. Was unter dem „Zaun um die Lehre" immer verstanden wurde, das waren die Mittel, um die göttliche Offenbarung vor Schaden zu bewahren, so daß der geheiligte Bezirk gewissermaßen immer für die Menschheit offen bliebe, um die Gottheit zu betrachten und mit ihr zu verkehren. Und soweit die Thora positive und negative Vorschriften enthält», bestand der Zaun seinem Wesen nach aus Warnungen, die den Menschen vor Uebertretungen bewahren sollten, bevor es zu spät wäre. Die bis ins kleinste gehende Masse von Vorschriftendie im Laufe von Jahrhunderten unter der Bezeichnung Halacha oder Regel für rechtes Verhalten, ausgearbeitet und schließlich dem Talmud einverleibt wurden, war ein Teil der Thora selbst in genauerer Ausführung und enthielt die göttliche Lehre, so weit sie sich auf . bestimmte Seiten der Lebensführung bezog. Und wenn selbst die Halacha das starre und drückende System gewesen wäre, als welches sie oft hingestellt wurde, welches aber diejenigen, die unter ihm lebten, nicht als solches empfanden, bildete es doch nicht den „Zäun um die Thora". Die religiösen Führer des Volkes von den ältesten Schriftgelehrten bis zum spätesten Rabbiner, dessen Worte dem Talmud einverleibt sind, waren es, welche den „Zaun um die Thorck" Machten, und diese ihre Arbeit so gut verrichteten, daß, was auch sonst im Laufe der grausamen Jahrhunderte Israel entrissen wurde, die Thora'ihm blieb und noch bleibt, der eigenste Schatz des auserwählten Volkes." Bei diesen heiligen und wahren Worten, die ein so himmelweiter Abstand von denen jenes gelehrten Charlatans des 18. Jahrhunderts rennt, bleibt nichts anderes als in stummer Verehrung zü beharren, wenn man sich nicht erkühnt, allerdings die müßige Frage aufzuwerfen, ob sie heiliger als wahr, oder wahrer als heilig ind. Ich glaube jedoch, daß Wahrheit und Heiligkeit sich hier die Wage halten. Der beste Gradmesser für die eminente Gelehrsamkeit Herfords ist dessen außergewöhnliche Bescheidenheit, mit der er (S. 5 a. y. O.) an seiner Fähigkeit zweifelnd, meint, nur ein Jude, von dem gesagt werden kann, daß der Talmud gleicham in seinen Adern fließt, könnte den Geist des Pharisäismus voll und ganz erfassen. Indes fügt er — sich selbst beruhigend — hinzu, daß aber Sympathie auch einem Christen viel von dreem Geiste zeigen kann. Und daß dies bei chm der Fall ist, beweist Herford zur Genüge, wenn man nur seine Ausführungen über Esra liest. Ein heißer Odem seelischen Empfindens durchwelst seine klare ungekünstelte Spräche, mit hinreißender Ueberzeugungskraft führt er spielend in die Welt eines Esras und Nehemias ein, weint mit den Exulanten und frohlockt mit den Zurückgekehrten, die mit Kelle und Schwert das wiedererstehende Jerusalem bauen,! Wie herrlich weiß er Esras fundamentales Werk und sein Streben zu schildern, die Jrregegcmtzenen wiederzufinden, aus einer trägen und versklavten Men- 'chenmasse, die chrem religiösen Verfall entgegenwankten, glaubensfeste und zu jedem Opfer für die göttliche Lehre willige Juden zu schaffen. Ob durch das vierzigjährige Studium des Talmuds beeinflußt oder nicht (ich weiß es' nicht), aber immer steht Herford im traditionellen Fahrwaser. Auch damit, wenn er (a. a. O. S. 9) sagt: Esra isi die Verkörperung eines Prinzips, das

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