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Der Israelit · 1928-08-23 · Heft 34 (23.8.1928) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 34 (23.8.1928)
Date
1928-08-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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IHäflcr fievausgegeSeti von dee fandesoegonifation der flgudas-Jisroef in Veutfeklaad. 14* Jahrgang Hamburg, 23. August $28 / 7. <£lul 5698 Nummer 16 Schriftleitung: Wokf S. Jacobson in KaMvnrg. Nachstehende Ausführungen wollen keine Ellul-Predigt sein, keine homiletische Betrachtung, an denen kein Mangel ist; in ihnen sind die Gedanken niedergelegt, die uns in diesen Tagen eindringlich bewegen, Tag und Nacht beschäftigen. Und wenn wir das, was uns beschäftigt, an Merkzeichen unserer Alten knüpfen, so dies deshalb, weil es uns kein .Zweifel ist, daß die Formulierungen unserer Alten um tiefsten greifen, die deutlichste und klarste Sprache reden. 1. rri" '» rrw rrn« „Der Löwe brüllt, wer wird sich nicht fürchten." Im Worte mx sind die Anfangsbuchstaben non nai xäyim- 21L2 ar» nnwi VX2 ^x zu finden. Nichts spricht für unsere Verständnislosigkeit und Oberflächlichkeit deutlicher als die kühle Gelassenheit, mit der wir solchen Worten gegenüberstehen. Wir empfindW es als ein recht hübsches, der Natur entnommenes Bild, erleben es ober nicht als eine furchtbare, uns aufpeitschende, unser ganzes Innere in Angst zerreißende Mahnung. Der Löwe brüllt, irgendwo!, hinter dem sicheren eisernen Gitter des Tiergartens, undwir hören m ruhiger Gemächlichkeit fein Gebrüll. S o aber müssen wir es u-ns vorstellen, denn so mag Amos es gemeint haben, und so haben es gewiß die Männer empfunden, die dieses Wort in dem oben angeführten Sinn deuten: Nur wenige Schritte von uns entfernt steht der Löwe, sprungbereit, und in Todesangst versetzt sein furchtbares Gebrüll, in die Angst, jeden Augenblick dem Tod geweiht zu fein, dem Tode des Zerrissenwerdens. Uns fehlt die Deutlichkeit der Vorstellung, obgleich uns, mit Ausnahme der AllerMngsten, doch eigentlich jene Angststimmung nicht fremd ist, in der wir viele Jahre leben, zitternd um das Leben unserer Allerliebsten, bangend um unser eigenes Leben. Wir haben es erlebt, und'haben das Erlebnis wieder vergessen, weil es sich bequemer lebt, wenn man nicht daran denkt. Möchten wir doch wieder fähig werden, uns das vorzustellen, wenn der Löwe, nahe uns, angriffswild, beutegierig brüllt, und wir fein Opfer fein sollen. Dann sind wir^todesängstlich und zu allem bereit, bereit .auch sogar, wieder fromme Menschen zu .werden. Und so sollen wir diese Zeit erleben mit ihrem *?i*?X' mit ihrem nnrm Vxn mit ihrem ümsD.DV» mit ihrem mi xivvin! Wir sollen es wissen und müssen es wissen, daß da über uns entschieden wird. Gottes Buch steht offen. Das ist keine schöne Allegorie, das ist eine Gewißheit. In diesen Tagen und Wochen entscheidet sich unser Schicksal zum Bösen, zum Guten; zum Sterben, zum Leben; zum Unglück, zum Glück. In dreifacher Beziehung sollte vor allem der Elul uns zum Nachdenken und zur Selbstbesinnung rufen; in dreifacher Beziehung sollen wir unter dem Löwengebrüll erzittern und uns wenigstens vornehmen, Konsequenzen zu ziehen. II. Ellul: ’THi ’titV ’Jk- „Mein Verhältnis zu Gott". Wer von uns erinnert sich nicht der Diskussion zweier bedeutender Männer unserer Agudas Jisroel, die unter dem Stichwort I22*?v irax sich vollzog? Der Eine meinte: wir wollen zugeben, daß die in ihrem individuellen Leben Gesetzestreuen Gott als ihren Vater anerkennen, aber Er ist nicht ihr König, dem sie in allem, auch im gemeindlichen und organisatorischen Leben seine souveräne Herrscherstellung einräumten; während der Andere plädierte: Auch denen ist Gott König, die in Gemeinschaften für Judenheit und Judentum kämpfen, welche nicht von vornherein Gott als souverän und Seiner Tauroh als dem niedergelegten Willen dieser Souveränität huldigen, denn sie kämpfen für die Errichtung dieser Souveränität in diesen Gemeinschaften und Organisationen. Und nun sei die Frage gestellt: Ist es denn wahr, ist denn Gott wirklich den Einen oder den Andern Vater und König, oder auch nur Vater? Ist es denn wahr, daß unser Verhältnis zu Gott so ist, daß wir täglich, stündlich, jeden Augenblick in der innigsten Liebe des Sohnes uns Ihm verbunden fühlen? täglich, stündlich in Ehrfurcht vor Ihm stehen?, täglich, stündlich in all unfern Wegen und Handlungen Ihn zu erkennen suchen?, wie Var Kaporo das als das Wesentlichste des Taurvhzweckes und ihres Erziehungssinnes fordert (Berochaus 63)? * Es ist nicht wahr! Selbst unsere Gotteshäuser zeugen ja von unserer Gottlosigkeit, zeugen ja von der Lieblosigkeit des Kindes zum Vater, von der Respektlosigkeit des Dieners zum König. Ist es denn nicht heute, wie es zu Jesajas Zeiten war, daß. wir uns einreden, Gott braucht unsere Synagogen, braucht unsere Taurohvorlesung und unsere Predigt? .Wo wir die Synagoge dazu benutzen, unsere Pracht- und unsere Selbstsucht zur Schau zu stellen, die Taurohvorlesung, um unsere Beliebtheit bei den Gememdemitgliedern, oder unsere Kaufkräftigkeit demonstrieren zu lassen; die Predigt, um nachher unsere Glossen daran knüpfen zu können. Ist das nicht bar aller Innigkeit, aller kindlichen unmittelbaren Treue und Liebe, bar aller wahren Ehrerbietung vor dem königlichen Herrn? Und wie in der Synagoge, so noch mehr im privaten und im Geschäftsleben. Wo spüren wir bei jeder Handlung das Bewußtsein unserer Rechenschaftsverpflichtung vor dem Vater und- Herrn, wo vor Abschluß jedes Geschäftes die mahnende Frage: Verstößt es auch nicht gegen irgendein Prinzip der Treue, der Redlichkeit, der Rücksicht, der Schonung? Ist jenes Wort des Rabbi Iochanan ben Sakkai nicht ewig jung, daß wir ein hohes Ziel erreicht hätten, 'wenn wir Gott so fürchteten wie den Menschen, wenn die Ehrfurcht vor dem himmlischen Vater, vor dem göttlichen König so groß wäre, wie die vor Polizei, Steuerbehörde und Berufsveremigung. Fragen wir, wenn wir bei irgendeinem geschäftlichen Plan, unserer selbst und der Rechtmäßigkeit unseres Tuns nicht ganz sicher sind., nach der Gefährdung unseres Verhältnisses zu Gott, oder nach der Gefährdung unseres Renommees? Haben wir mehr Furcht vor der himmlischen Regierung oder vor der irdischen und deren Organen, Polizei- und Gerichtsbehörden? Wir wollen das nicht weiter ausführen. Es ist ganz sicher so, daß die erste Forderung des Elul, die mein Verhältnis zu Gott umfaßt, mich furchtbar weit weg von der Erfüllung findet. III. Ellul: nunai iny-ii? stn- „Mein Verhältnis zu den Menschen". Selbst wenn wir annehmen möchten, daß das Verhältnis zu Gott zu schwarz geschildert wurde, daß ich von mir fälschlicherweise auch auf die Andern geschlossen habe, in Wirklichkeit aber das Verhältnis der Andern zu Gott wahrer, inniger, treuer sei; wie Gottes Verhältnis zu den Andern ist, das vermögen wir untrüglich daran zu sehen, wie das Verhältnis der Menschen zueinander ist. Gott kann uns Menschen nicht lieben, nicht verzeihen, wenn wir sehen, täglich sehen, wie wenig wir Menschen untereinander uns lieben, wie wenig wir gewillt sind, einander zu verzeihen, zu verstehen, gelten zu lassen . „Nach dem Maß des Wohlgefallens, das man bei Menschen erntet, gewinnt man Gottes Liebe. Wen die Menschen nicht lieben, den liebt Gott nicht," ist das Wort des Rabbi Chanina ben Dauso. „Behandle den Nächsten so, wie wenn du ihn lieben würdest wie dich selbst," hat Nathan Birnbaum, völlig intuitiv, unbewußt die Erklärungen aller unserer Großen erfühlend', jenen entscheidenden Grundsatz übersetzt, den Hillel als eine der beiden Grundlagen, einen der beiden Füße, auf denen Gottes Gesetz steht, dem Heiden vorgetragen hat (siehe Kle Jokor, Wajikro Kap. 19, Vers 18). Unmöglich, unmenschlich, übermenschlich ist es, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Aber möglich und menschlich und gottgewollt ist es, den Nächsten so zu behandeln, wie wenn man ihn wie sich selbst liebte. Und wie steht es nun um uns? Wir selber sind empfindlich für jedes Wort des Spottes und der Verhöhnung; an dem Andern lassen wir unfern Spott und unfern Witz aus, und halten uns noch für wunder wie geistreich, wenn er sich unter unserm verletzenden Wort windet und krümmt. Wir selber sind empfindlich gegen jede ungerechte Behandlung und Benachteiligung unserer Ehre, gegen jede Störung unseres Friedens, Schmälerung unseres Behagens, und springen mtt der Ehre und dem Frieden und dem Behagen des Andern leichtfertig um, gefährden seine Ehre durch ein unbedachtes oder in Leichtfertigkett nachgesprochenes Wort, seinen Frieden und seine Behaglichkeit durch Zuträgerei und Bösrede. Steht uns das Wort vor Augen „Lieber soll man sich selber in einen Feuerofen werfen, bevor man einen Andern öffentlich beschämt", wissen wir nicht, daß dem Rabbi Elosor alle seine Weisheit, all sein jüdisches Wissen nichts helfen konnte, daß erst die ganze zu seiner'Ehre versammelte Menge den durch ihn Beleidigten um Verzeihung für den Meister bitten mußte, so daß Rabbi Elosor seiner ersten Predigt in der Heimctt das Wort zugrunde legte: „Immer fei der Mensch weich wiedas Schilf und nie hart wie die Zeder" (Tunis 20)? Ist uns das Wort aus den Owaus des Rabbi Rofon vor Augen, „daß nur der ein Held ist, wer seinen Feind sich zu feinem Freunde zu. machen versteht" und jenes andere Wort des Rabbi Jehauschua aus dem gleichen wunderbaren Buch, „daß der als Men'schenhasfer gilt,- der nur die Talmudschüler liebt, aber den Unwissenden verächtlich behandelt." Wissen wir, daß es unsere jüdische Pflicht ist, alle zu lieben, alle ausnahmslos, wissen wir es, und stellen wir uns nur so unwissend, oder wissen wir es wirklich nicht? Und werter unser Verhältnis gerade zu den Menschen, die Gott am meisten liebt, auf die Er schaut mit Seinem väterlichen, in die Tiefe dringenden Blick: „Auf ihn schaue Ich,, auf den Armen, in der Seele Bedrückte, der dennoch auf Mein Wort in Furcht und Treue hinhorcht." Unser Verhältnis zu den verschämten Armen. Wir brauchen das Problem nur zu nennen, um eine der wundesten Stellen unserer Seele zu zeigen. Wie behandeln wir die Armen? Nicht immer öffnen wir ihnen unfern Geldbeutel, nicht oft unser Haus, und fast nie unsere ganze teilnehmende, mitfühlende Seele. Behandeln wir ihn so, wie wenn er und seine Sorge uns wichtig sind, wie wir selber und unsere eigenen Nöte uns wichtig find? Und so ist es wahr, daß auch die zweite Forderung des Ellul, mein Verhältnis zum Neben-

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