Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1928)
- Date
- 1928-08-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34 Seite 5 23 August 1928 Rosch-ha-schono-Glückwüvsche ^können in drei' Größen veröffentlicht werden: Größe I 10 Zeilen 1 spaltig zu Mk. 4.— Größe n 15 Zeilen 1 spaltig zu Mk. 6.— Größe HI 10 Zeilen 2 spaltig zu Mk. 8 — Die Beträge wolle man auf Postscheckkonto Nr. 19 8O2 überweisen, den Text durch Postkarte linsenden. Texte, diie bis zum 9. September in unserem Besitze sind, werden in der Rosch-haschöno-Nummer, später eintreffende m der darausfolgenden veröffentlicht. Wer seine Glückwünsche zu Gunsten von Erez Jisroel abzulösen und keine Anzeige zu veröffentlichen wünscht, wolle dem nach Belieben festzusetzenden Ablösungsbetrag eine Gebühr von zwei Mark für die Veröffentlichung von Namen und Wohnort im Sammelinserat beifügen. Frankfurt a. 21t. Verlag des Israelit G. m. b. H. men, waren durch die Umgebung und durch die Verhältnisse bedingt. Der erste Grund war die Gefahr der Herstellung eines allzunahen Kontakts mit der fremden, unjüdischen Welt durch die weltliche Bildung zum Schaden des jüdischen Geistes, zum Schaden des jüdischen Glaubens überhaupt, dies insbesondere, weil die geistige Berührung mit der europäischen Kultur gerade in dem Moment erfolgte, in dem die moderne Welt großen umstürzlerischen Geistesbewegungen unterworfen war. : Die zweite Befürchtung war ebenfalls durch Verhältnisse und Umgebung bedingt. Es war die Furcht vor der allzustarken Vergötterung der weltlichen Wissenschaften durch die bildungsdurstige jüdische Jugend. Im besten Falle war die Gefahr einer Vernachlässigung des T h o r a l e r n e n s sehr groß. Tatsächlich ist die Unkenntnis der Thora in großem Umfange veranlaßt worden durch die Konkurrenz der weltlichen Wissenschaften. Ganze Länder haben wir jetzt, gerade die hochkulturellen Länder des Westens, wo die Thora in Vergessenheit geraten ist und wo man gerade in thoratreuen Kreisen gewöhnt ist, durch weltliche Bildung die Lücken im Thorawissen zu decken. Man vergißt die alte jüdische Thoraanschauung: „Mit drei Kronen ist Israel gekrönt worden. Die Krone der Thora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des Priestertums Haben Aron und feine Kinder für. ewig erworben . . . die Krone des Königtums — David und seine Nachkommenschaft , für immer . . . die Krone der Thora — wartet auf jeden Juden und ist für ihn vorbereitet . . . sie ist wichtiger als die ersten beiden."***) Die Erkenntnis, daß nur der Thora allein geistiges Herrschaftsrecht in Israel zukommt, hatte das Thorawrssen in Klal Israel auf hohe Stufe gehoben. Das Aufkommen einer neuen Weltanschauung, wonach der Kenntnis der weltlichen Dinge mehr Bedeutung beigemessen ward, als der Kenntnis der Thora, die Ansicht, daß die Träger der weltlichen Bildung mehr Ehre verdienten als die Träger unseres alten Thoräwissens, mußte natürlich zu einer Verwüstung des jüdischen Lebens führen. Das war die 'Ursache dafür, daß unsere Gedaulim sich reserviert gegen die Werbung für weltliche Bildung hielten. Die Resolutionen der Rabbinertagung vom Jahre 1910 belehren uns wohl, daß sie zum Schlüsse trotz alledem zu der Einsicht kamen/ daß man den Feind nur mit seinen eigenen Waffen bekämpfen könne, daß man mit Passivität allen neuen Lebensfragen gegenüber und weiterem Sträuben gegen die weltliche Bildung die Orthodoxie und die Rabbonimwelt selbst nur in einen Zustand der Hilflosigkeit versetze. So hatte sich ein Odessaer Bürgermeister, einer ***) Maimonides, Mi schrie Thora min nfs^n '*>n $n» 'o rr naVn o pns. - Der S » raelit der größten Judenhasser Rußlands, einmal ausgedrückt, es sei doch besser mit orthodoxen Juden zu tun zu haben, als mit den neuen, weil diese leicht einzuschüchtern sind. Diese Schüchternheit wurde aber für die Orthodoxie fatal. Aus ihr herauszukommen waren eben die Rabbonim Rußlands bestrebt, als sie sich im Jahre ISjl^fiir die obligatorische Bildung für die sich zum Rabbinatsamt Meldenden entschlossen. Diese Erkenntnis festzuhalten, dürfte nutz- und wertbringend sein für unsere Zeit, speziell für die Bildungsfrage. Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsches Reich. , Die Weltkonferenz des Liberalen Judentums. Berlin, 20. August. Man muß «& der Regie der liberalen Wettkonferenz lassen, sie verstand e&, die ersten Veranstaltungen mit einem Pomp aufzuziehen, der über Innere Hohlheiten fürs erste hinwegtäuscht. Die Eröffnung fand Sonntag abend im früheren Herrenhaus statt, bei Anwes mheit von etwa 100 Delegierten und ebensovielen Gästen. Der Führer der englischen Liberalen, Clause G. Monte f i o r e , war Gegenstand lebhafter Ovationen. Einige Vertreter der Reichs- und StaatsreWerung waren anwesend. Vertreten sind Deutschland, England, Frankreich, Amerika. Auch Schweden und sogar Polen sollen Vertreter geschickt haben. Jedenfalls stellen sich zwei Herren als Vertreter aus Warschau und Wilna vor. Claude G. Montefiore eröffnet die Tagung in deutscher Sprache mit Dank und Gruß. Dafür spricht Heinrich Stern für die „Vereinitzung für das liberale Judentum in Deutschland", zuerst englisch und dann sogar ein wenig hebräisch, indem er emphatisch mit dem Psalmisten ausruft: „Se hajom osfo haschem usw.!" Die verlesene Totenliste beginnt schon mit Jakobson, Zuntz und Geiger und endet mit Israel Abrahams. Redner feiert ihr Andenken mit einem „Sichraun Zadikim Liwrocho (!)" Er meint dann weiter, es sei schon richtig, daß das liberale Judentum dem Recht der Gemeinschaft das Recht der Einzelpersönlichk e i t enhgegenstelle, dennoch habe der Liberalismus feine innige Verbundenheit mit ganz Israel niemals verloren. Man wolle mit der Weltkonferenz wahre Gemeinschaftsarbeit leisten, für die ganze Menschheit. Er ernennt Montefiore zum Ehrenmitglied der liberalen Vereinigung. Auch der Frankfurter Rabbiner Dr. Seligmann feiert Monteftore als eine „religiöse Persönlichkeit, die das Beispiel für Krddusch Haschem gibt" und überreicht ihm feierlichst eine Festschrift. Es sprechen noch Vertreter der Regierung und der jüdischen Landesverbände Deutschlands. Monteftore dankt und wälzt einen Teil der ihm zugeschriebenen Verdienste auf Lily Montague ab. Berichte über die liberale Bewegung in den verschiedenen Ländern beschließen die Eröffnungssitzung. Am Sonntag vormittag wird zu Eingang der Sitzung vom Präsidium gulgeheitzen!, daß die der liberalen Weltkonferenz gewidmete Sondernummer der zionistischen „Jüdisch >e n R u n d f ch a u " draußen unter die Delegierten verteilt wird, wiewohl man sich gegenüber dem Zionismus möglichst neutral verhalten wolle. Darauf ergreift Rabb. Dr. Leo Bäck das Wort zu seinem Referate, das den bescheidenen Titel trägt: „Die Botschaft des liberalen Judentums an die Juden von heute." Er sagt u. a.: Liberalismus bedeute nicht ein Minimum, sondern Maximum an Judentum. Liberales Judentum müsse die Stimme der Geschichte hören (und der Tradition?). Mit den anderen Richtungen lege der Liberalismus Wert darauf, in der Religion ein eigenes und eigentümliches religiöses Besitztum zu haben, das Besondere des liberalen Judentums sei aber, daß es in all dem das sieht und sucht, was damit der Menschheit, also auch jedem Menschen gegeben ist. Das jüdische Denken dürfe nicht, wie bei anderen Richtungen, in seinem Bezirke bleiben, nicht die Weite und die große Linie verlieren. Freilich dürfe sich der Liberalismus auch nicht in einem vagen Universalismus und einer verschwommenen Humanität verlieren und damit die Sicherheit des eigenen Bodens einbüßen. Die Orthodoxie laufe Gefahr, daß bei ihr die Idee von der Fülle der einzelnen Forderungen erdrückt werde. Der Liberalismus dürfe aber bei dem Allgemeinen' und Ideellen sich nicht des .Gebotes enthoben fühlen; wolle er auf Religiösität, religiöses Leben Anspruch machen. Das Recht des Individuums verkünde der Liberalismus und fordere zugleich vom liberalen Juden mehr Religiösität als. es andere Richtungen tun. Der Liberalismus fordere persönliche Religiösität, Größe der Gedanken, Wissen um den jüdischen Wert. Claude G. Montefiore betitelt sein Referat: „Die Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben." Das religiöse Leben sei mehr als das gemeiniglich „gute" Leben. Die Religion fordere eine lebendige Persönlichkeit als.Objekt oder Subjekt. Er hält das orthodoxe Judentum für die Juden des Westens für „unannehmbar", woraus sich die Mission des liberalen Judentums, das im krassen Gegensatz zum orthodoxen Judentum stehe, ergibt. Anstelle des orthodoxen Judentums, das er scheinbar für abgetanhält, könne nur ein religiöses Ideal kommen«, und dieses biete das liberale Judentum. Er schließt mit den reichlich grotesk anmutenden Worten: „Wir wollen an das liberale Judentum und an Gott glauben!" Ueber „Religiöses Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft" spricht Rev. Dr. David Philipson, Cincinnatti. Er feiert Deutschland als Geburtsland des Liberalismus und der Philosophie der Reformbewegung. Diese künde das Recht der Persönlichkeit gegenüber der verschanzten Autorität. Freiheit im Denken des Einzelnen sollte das Motto für das liberale Judentum sein. Der Prediger der jüdischen Reformgemeinde, Dr. Josef Lehmann, referiert über den „Einfluß des liberalen Judentums auf die soziale Arbeit". Er lehnt alle „mythologischen Vorstellungen' und dogmatischen For-^ Mutierungen" als Fessel der Idee ab. Er hält es mit der „rein geistigen und sittlichen! Gottesidee". Die religiösen Einrichtungen in der jüdischen Gemeinde seien, seiner Meinung nach, Lehrhaus, Gotteshaus (wie er sie versteht) und soziale Einrichtungen. Im Gottes- und Familienhause möge'die Ruhe der Seele gesucht werden am Tage der Arbeitsruhe (am Sabbat oder am Sonntag?) Am Sonntag nachmittag fand eine geschäftliche Sitzung statt, die mit der Schaffung eines Werbef o n d s schloß. Bemerkt sei noch, daß der Kongreß am Sonntag morgen auch mit einem F e st g o t t e s d i e n st e in der Synagoge Johannis st raße eingeleibet wurde, bei dem eine Dame, Lily Montague, London, in blauem Talar und Baratt die Festpredigt hielt und den Gottesdienst leitete. Die Diskussion am Montag gestaltete sich zu einer stellenweise scharfen Auseinandersetzung zwischen den „Anhängern der Tradition" und der Refo rm im liberalen Judentum. In der Opposition gegen Lehmann, in dessen Vortrag man eine Propaganda für die Sonntagsresorm ieht, machen sich zwei Schattierungen bemerkbar. Professor Elbogen erhebt scharfen Protest, während Dr. Selig mann der Meinung ist, man. dürfe die Reformisten nicht abstohen. Die Amerikaner sind auf Seiten Lehmanns. Rabbiner Dr. Galliner klagt gegen die Orthodoxie, die kein Verständnis für die Forderungen des liberalen Judentums -hätte. Frau Ollend o r f wünscht mehr aktive Teilnahme der Frau am Gottesdienst. Dr. Ignatz Fried mann, Budapest, hat volle Achtung vor der Orthodoxie. Den Sabbat möchte er gewahrt wissen, aber „jeder bete in seiner Landessprache". Dr. Diene mann kritisiert die Orthodoxie, die „starr an der Norm halte und ihre Aufgabe darin sieht, mit dem Schulchan Aruch zu leben, statt in der Welt, in die man hineingesetzt ist, zukämpfen." Dr. Wiener möchte keinen Ausgleich haben zwischen Religion und Wissenschaft. Auch die Liberalen ständen auf dem Boden der Tradition/doch hätten sie die Kontrolle über Gesetz und Halacha. (?) Dr. Elbogen fragt Lehmann: „Welchen Ersatz geben Sie uns für die Tradition? Welche großen Werte hat die Reform in den 80 Jahren geschaffen?" Es sei grundfalsch, behaupten zu wollen, daß in der Tradition das Religiös-Sittliche nicht zur Geltung komme. Prof. Morgenstern, Ci-ncinnatti, nennt die Aguda eine Organisation der Vergangenheit. Liberalismus will aus der Vergangenheit durch die Gegenwart fü? die Zukunft wirken. (Das sagte schon Geiger. D. Red.) Dr. Stern verteidigt gegen Lehmann