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Der Israelit · 1928-08-23 · Heft 34 (23.8.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 34 (23.8.1928)
Date
1928-08-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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i i I u | I 1 Seite 4 Nr. 34 Der 8 « raelit 23. August 1928 andere Lebensverhältnisse und Geisteszustände gezwungen,. Dies bleibt unauslöschlich und wi>rd gerade von besonderer Bedeutung für die Orthodoxie sein, in der es früher so fern von einanderstehende Teile der Ideologie bezüglich der praktischen Lebensformen gab. Durch den Krieg und die Nachkriegszeit ist die Orthodoxie innerlich stark zusammengewachsen und kommt auf den Weg der obenerwähnten allgemeinen, Lösung der innerjüdischen Probleme. Hierbei ist als besonders wichtig zu. berücksichtigen, daß inzwischen neue sozialpolitische Umstände in den Ländern' Osteuropas emtraten, die das ganze Niveau des osteuropäischen auf das westliche heben und . . . erdrückt; auf diese Weise wird auch unter den jüdischen Volksmassen eine neue Struktur im sozialpolitischen Leben geschaffen. Der starke wirtschaftliche Druck der Nachkriegszeit, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, das Entstehen der Randstaaten, wo die Juden an Ort und Stelle mit einem Male ein Wirtsvolk vor sich sehen, das sie zwingt, sich seinen Kulturverhältnissen anzupassen, das Hereinbrechen einer neuen Geistesepoche in Osteuropa überhaupt — das alles zusammen schafft im Osten dieselben Verhältnisse für das jüdische Volk wie einst im Westen, in den Zeiten der jüdischen Emanzipation." Anklänge fanden sich für eine neue Stellungnahme bereits bei der Tagung der russischen Rabbinerkommission in Petersburg rm Jahre 1910. Wie bekannt, hat die zaristische Regierung von Zeit zu Zeit solche Rabbinerkommissionen nach Petersburg gerufen, um sich Orientierung in jüdischen Angelegenheiten zu verschaffen. Die Rabbiner, gewöhnlich waren es die ersten Gaonim Rußlands, waren dabei bemüht, über alles was zur Besserung der jüdischen Lage in Rußland dienen konnte, sich klar zu werden. Im Jahre 1910 stand der Kommission noch eine beratende Kommission von mehr, als 40 der bedeutendsten Rabbiner und Klaltuer Rußlands zur Seite. Die Resultate der Beratungen und die Vorschläge der Regierung seitens der Kommission sind wie immer und überall im alten Rußland auf dem geduldigen Papier ruhig stehen, geblieben. Nach einem scharfsinnigen Ausdruck des Gaon Rabbi Chaim aus Brisk Vst sollten die ganzen Aktenmassen der Kommission, die damals den Regierungsarchiven abgeliefert wurden, um von den Regierungsbeamten geprüft zu werden, ihren Ruheort dort so lange finden, bis sie eines Tages in einen Butterladen abwandern würden, um dort zum Einpacken der verkauften Waren zu dienen ... Und doch sind manche Resultate dieser Tagung von historischer Bedeutung für uns selbst. Gerade im gegenwärtigen Moment haben sie große Bedeutung für die Orthodoxie, speziell hinsichtlich der Lösung der Bildungsftagen. Die Erinnerungen an jene Kommission sind aus dieser Zeit meinem Gedächtnis bis heute lebhaft erhalten geblieben. Doch habe ich es für nötig gefunden, die Gelegenheit auszunutzen und dem jetzt in Berlin lebenden, bekannten russischen jüdischen Gelehrten, Prof. Dr. I. Mar ko n, der ganz nahe dieser Rabbinertagung stand und persönlich mit sämtlichen Gaonim und großen russischen Rabbonim vertraut war, über diese Tagung zu sprechen. Hierbei fand ich eine Bestätigung für die Angaben der Zeitungen jener Zeit, die ich bei dieser Veranlassung nochmals einer Prüfung unterzog. Die überwiegende Mehrheit der Rabbonim, unter diesen eine so markante Persönlichkeit wie die des Dünaburger Gaons, Rabbi Meir Simcho ^>"XT bedauerten es am tiefsten, daß die alte Rabbonim-Generation der russischen Landessprache nicht mächtig war und infolgedessen ganz unbeholfen! im offiziellen Leben dastand. Die frommen Rahbonim Rußlands klagten darüber, daß sie keinen Einfluß auf die Jugend ausüben könnten infolge des Mangels eines genügenden Ansehens bei derselben, weil sie die moderne weltliche Ausbildung nicht besaßen und weil sie seitens der Regierung nicht anerkannt waren. Die russische Regierung kannte damals nur die „Kron-Rabbiner", die gewöhnlich große Ignoranten in jüdischen Dingen und bar jedes rabbinischen Wissens waren. Zum großen Teil waren diese Kronrabbiner religiös indifferent, sie legten aber ein russisches Examen ab. Diesen üblen Zustand zu beseitigen waren die Rabbiner Rußlands bestrebt und mit großer Mehrheit wurde beschlossen, bei der Regierung vorstellig zu werden, daß die Rabbonim fernerhin einen gewissen Grad allgemeiner Bildung erworben haben müßten, einen sogenannten „Zens", bevor sie amtsfähig werden. Nur eine kleine Minderheit sträubte sich dagegen. Charakteristisch ist es, daß gerade die sogenannte moderne russisch-jüdisch- „Intelligenz", d. h. die modernen Klaltuer in Rußland, bemüht waren, die Rabbonim davon abzuhalten, die Sanktionierung ihres Amtes durch die Regierung durchzusetzen und sich einer obligatorischen weltlichen Ausbildung und Prüfung zu unterwerfen. Scheinbar fürchteten, sie, ihre Rolle ausgespielt zu haben, wenn die Orthodoxie selbst in der Per-- son ihrer weltlich ausgebildeten „geistigen Rabbiner" die nötigen Repräsentanten für die Behörden gewinne und. den Schutz von schwachreligiösen oder unreligiösen Volksführern nicht mehr brauche.*) Nicht nur aber um vor den Behörden als die tatsächlichen geistigen Führer des Volkes äuftreten zu können, haben die meisten Rabbiner sich dann für die obligatorische weltliche Bildung, der Rabbonim entschlossen, sondernauch um der modernen jüdischen Jugend gegenüber Höhere- Geltung zu gewinnen. ' s So kam hier eine nüchterne Auffassung der bedeutenden Gaonim und Rabbonim Rußlands auf dem Gebiete des Bildungsproblems und der, > rabbinischen Ausbildung zum Durchbruch. Interessant sind verschiedene Gegeneinwendungen in dieser Frage, die damals zur Rede kamen. Der Gaon Rabbi Chaim V"XT aus Brisk machte darauf aufmerksam, daß man sich daran gewöhnt habe, Allzuvieles von dem Rabbiner als Einzelperson zu verlangen. Von jeher, sagte er, war man gewöhnt, die rabbinischen Fächer zu spezialisieren und so gab -es einen Oberraw, einen Dajcmi, einen n*mn mi», einen Stadl an usw, In der Neuzeit möchte man in, dem einen Rabbiner alles vereint sehen. Es ist ganz selbstverständlich, daß das Fachstudium darunter leiden muß. All dies mußte natürlich berücksichtigt' werden. Das Fachstudium der Thorawissenschaft mußte auf der Höhe bleiben. Vom selben Standpunkt aus sprach der bekannte Kronrabbiner Moskaus — Dr. Mafe: als „geistiger Rabbiner" kann nur der angesehen sein, der in, sämtlichen Gebieten unserer alten Thoraliteratur auf der Höhe und s e l b st s ch ö p f e r i s ch i st. (S. Hasman Nr. 62, S. 2, 1910.) Es ist tatsächlich «eine schlechte Gewohnheit der neuesten Zeit geworden, seitdem das alte Leben seine Geltung verlor, allzugroße Ansprüche dem Rabbiner gegenüber zu stellen, was zu einer Verkleinerung der von jeher geltenden Ansprüche auf das große halachische Wissen des Rabbiners führte. „Ein jetziger Rabbiner soll nicht allein alle nur möglichen Wissenschaften in sich vereinigen, gediegene Kenntnisse im Talmud und in allen rabbinischen Disziplinen besitzen und durch die Gabe eines großen Rednertalents - sich auszeichnen ...**) . Wie ich in meinen ersten Artikeln zur Bildungsfrage erklärte, ergibt sich jedenfalls auch aus diesem Berichte, daß es prinzipielle, halachische Einwendungen der alten Orthodoxie gegen die Bildung nicht gab. Die Motive, die jedoch unser alten Rabbonim dennoch dazu veranlaßten, eine scharf ablehnende Stellung gegen die Beschäftigung mit weltlicher Bildung einzuneh- *) s. Hasman 1910 Nr. 60—62. **) Planer in seiner deutschen Elnl. zu Bemchot Berlin- (1842) S. 8 b. - Nutzung der berufsfreien Zeit. Mit Recht sagt M., der junge Mensch darf sie picht größtenteils der Arbeit für die Oeffentkichkeit opfern. Sie muß ihm zur Weiterbildung und Erholung dienen. Die Freizeit ausschließlich dem Lernen zu widmen, ist in der Regel rein physisch', z. T. a uch psychisch nicht möglich. Bei, der körperlichen Erholung ist die Kräftigung des Körpers maßgebend Sport''darf nicht Selbstzweck werden/ Für die Wahl der Lektüre, des Theaters, der Musik muß der ethisch erziehende Wert den Ausschlag geben. Eine gute Anregung Merzbachs ist, eine wertende jüdische Lesegemeinschaft soll bei der Auswahl der Bücher beraten. Unbedingt abzukehnen ist die Auffassung, in der Kunst sei erlaubt, was im Leben verboten ist. Die Kunst ist der Sittlichkeit nicht gleichwertig, sie ist ihr untergeordnet. — Zum Schluffe empfiehlt Merzbach auch dem jungen Menschen Stunden oder Minuten des Alleinseins zur- Selbstbesinnung. Merzbach will kein System 'der jüdischen Lebensführung geben, aber er will zu ihr anregen. Man wird ihm nicht in jeder Einzelheit zustimmen, aber in dem edlen Streben nach. jüdischer Lebensheiligung. Einem jeden ernsten jüdischen Menschen sei das Schriftchen sehr warm empfohlen. Cs regt an, bester zu werden. Anekdotische Uebersehungen. Ein Magid übersetzte den bekannten Satz aus den „Sprüchen der Väter" 'wi min bv narr K'n ip auf Grund feiner Erfahrung folgendermaßen': Das ist die Art derer, die Thora hören 'iai nVxa-ns/ wenn sie auch karges Mahl eingenommen haben, das keinesfalls zu Schlaf reizt -und kein bequemes Bett zur Verfügung haben- <p«n bs dennoch, sobald das Wort der Thora in -chre Ohren dringt, fuß ein sch lasen jv'n. * * ns-» iiio' -cm- Wenn ein Mensch sein Geschäft aus Irdisches (Reales) gründet, is-i> 1212, dann wird er auf festem Boden bleiben. Wehe aber, wenn ivni- »'3' W233' er von geistigen Dingen fein Brot verdienen will, ^>wa i3vm vina.er gleicht dann eine zerbrochenen Scherbgn. Dip 'v'3vv tab kw. Unnütz, wenn Ihr früh aufsteht, um Geld zu -erraffen n:w’ipko und fitzen bleibet! (Jünglinge, die aus Geldgier, in Erwartung größerer Mitgift nicht heiraten.) * Den Mißerfolg der im Eise steckengebliebenen N 0 - bile-Expedition ,gezeichnet Asmoweth, der Humorist des Jerusalemer „Doar Hajom" mit den talmudischen Worten: jks» mpi jksö mp urwi- (Eis hier, Eis dort.) (Von der liberalen Wettkonferenz.) Das in den liberalen Blättern veröffentlichte offizielle Programm der Weltkonferenz vergißt nicht, bei' sämtlichen Veranstaltungen am Sabbat die g ü n st i g e Fahr g e I e ge ritz eit zum, Versammlungsorte anzugeben. Die Abendveranstaltung, heißt es, beginnt mit absoluter Pünktlichkeit (dick unterstrichen) 'um 8 Uhr. . Merkwürdigerweise ist bei den Sonntags Veranstaltungen, die mit einer Feier in der Johannisstraße beginnen, eine Fahrgelegenheit nicht angegeben. Sollte nach der mit der liberalen Weltkonferenz. beginnenden neuen religiösen Zeitrechnung am Ende das Fahren ach Sonntag verboten fein?! •’ (Die Guggenheims in Berlin.) Die Brüder Simon und Daniel Guggenheim, führende amerikanische Industrielle, sind in Berlineingetroffen. Die 5 Brüder Guggenheim kontrollieren einen großen Teil der amerikanischen Erz- und Metallschätze. Sie. haben ungeheure Interessen in fast allen Bergwerkstaatech besonders im Staate Utha und in den Staaten - MontciN^'ünd. Colorado, sowie in Alaska. Sowohl die Goldfelder'achHukon wie die Fortwirtschaft, die großen Seefischereien und die Dampserlinien von Alaska nach SeÄüe gefinden,,sich in ihren Händen. Me Guggenheims hägen.jahrelang einen erbitterten Kampf mit der Rockefeller-Grüppe kämpfen müssen, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren/ Heute ist ihre Stellung gegendie Rockesellers außerordentlich fest. Der Senior des Hauses, Daniel Guggenheim, der im 73. Lebensjahre steht, ist -einer der bekanntesten Philantropen der Bereinigten Staaten. Seine Stiftungen belaufen sich auf viele Millionen-.Dollars. Sein Bruder Simon, der gleichfalls in Berlin ist,Mär früher Senator des Staates Colorado. Er stiftete drei' Millionen Dollar für einen Fonds zur Ausbildung junger Studenten für europäische Studien. Me Gugg'enyKms stammen von deutschen Juden ab, sie haben in Deutschland große Interessen. (Heimkehr Totgeglaubter.) Herr Rabbiner Dr. Mannes, Schwabach, schreibt uns: „Zu Ihrer Not^ in Nr. 31, „Rückkehr -eines Totgesagten" möchte ich auf. zwei, ähnliche . Falle Hinweisen, welche -die Tagesblätter gebracht haben: In Tvimberg bei Bad Kifsingen ist ein 'KHegstMvHchVt.."gu^ - Mrffcher Gefangenschaft zurückgekehrt, der langst süh tot -erklärt worden war. Seine Mauist seit. 8 Jahren wieder verheiratet. .— Ebenso ist' nach Olmütz nach 14jähriger Abwesenheit' ein Klempnerm-eister aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Auch er war seit -einigen.'Jahren für tot -erklärt worden und fand seine Frau wiederverheiratet." 'Hi:.

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