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Der Israelit · 1928-08-23 · Heft 34 (23.8.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 34 (23.8.1928)
Date
1928-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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23. August 1928 Der Israelit Nr. 34 Seite 3 und politischen Lebens der Judenhett und seiner Strömungen nur wenig berührt wird. Nun aber hat mit einem Mate das geistliche Oberhaupt der sefardischen Judenhett eines ganzen Landes, des Landes gar, auf das die Blicke ganz Israels gerichtet sind, mit einem kühnen Schritt sich in den Mittelpunkt des gesamten jüdischen Interesses gestellt. Man erzählt, daß Rabbi Jakob Meir in der wohl historisch werdenden Abschiedsaudienz sich nicht darauf beschränkt hat, Lord Plumer die Wahrheit zu sagen, sondern daß er auch seinem aschkenasischen Kollegen, Oberrabbiner Kuck, recht harte Worte über sein Zurückweichen in Sachen des Frauenwahlrechtes ins Gesicht. gesagt haben soll. In der Tat ist es eine merkwürdige Tatsache, daß Oberrabbiner Kuck durch ein, auch im „Israelit" Veröffentlichtes Gutachten, sich aus religiösen, ethischen und halachischen Gründen gegen das Frauenwahlrecht MMÄen erklärt, nachher aber die bittere Pille dennoch lautlos geschluckt hat, während umgekehrt Rabbi Jakob Meir als Ehrenpräsident der ersten „Assefath haniwcharim" sich recht milde über diese moderne Errungenschaft äußerte, während er sich jetzt zur äußersten Entschiedenheit durchgerungen Hat. Es ist aber unrichtig, wenn die Kundgebung des Waad Leumi, die wir in der vorigen Nummer erwähnten, es jetzt so darstellen will, als ob das Auftreten Rabbi Jakob Meirs eine völlige Ueberraschung und eine Taktlosigkeit gewesen sei. Der sefardische Oberrabbiner hatte sich vorher ausbedungen, daß, eben wegen seiner ablehnenden Stellung zum Gemeindegesetz die Audienz einen völlig unpolitischen Charakter tragen und jede Anspielung auf die strittigen Fragen unterbleiben müsse. Statt dessen haben die Vertreter des Waad Leumi Me. Audienz zu einer Art Dankeskundgebung für das Gemeindegesetz zu gestalten gesucht und dadurch die Brüskierung, die sie von Rabbi Jakob Meir erfuhren, selber heraufbeschworen. Wenn jetzt mehr oder minder verstohlene oder offene Andeutungen nach der Richtung gemacht werden, daß Rabbi Jakob Meir durch irgendwelche künstliche Mittel von der „Agudas Jisroel" für sich gewonnen worden sei, so ist das natürlich nichts weiter als törichtes Gerede. Es ist, ja wahrlich nicht allzu schwer zu verstehen, daß gerade für die öffentliche Meinung der S e f a r d i m, die mehr oder minder dem orientalischen Judentum angehören, die ganze Frage durchaus keine rein j u r ist i s ch - h al a chis ch e ist, sondern daß dabei sehr starke Gefühlsmomente Mitschwingen. Denn das Frauenwahlrecht bedeutet die Durchbrechung der alten familiären Ordnung, die Hineinziehung der Frau in den Strudel des öffentlichen Lebens. Es ist kleines Feuilleton. Zeitkultur und jüdische Erziehungsgemeinschaft?) Von Dr. Moses Auerbach in- Berlin. Manch kluges und gutes Wort weiß Arnold Merzbach in dem jetzt gedruckt vorliegenden- Referat zu sagen, das er Ende Dezember 1927 auf dem Bundestage der Agudas Jisroel-Jugendorganifation hielt. Merzbach sieht im Golus nicht nur Strafe; ihm ist es auch Aufgabe. Jedem Teil -des jüdischen Volkes ist mit seinem Son-derschicksal seine Sonderausgabe gegeben. Die westeuropäische Judenheit soll die Zeitkultur mit Heiligkeit erfüllen. Sie muß sie als Gegebenheit bejahen, darf sie aber nicht in kritikloser Hinnahme der jüdischen Lebensart ohne innere Synthese anfügen. Der Jude darf nicht halb Jude, halb Europäer sein wollen, indem er glaubt, alles ihm nicht spezifisch religiös Scheinende fei eine Art Freiland für mit dem Judentum kontaktloses Europäersein. Und gerade dieses unorganische Aneinanderreihen gilt fälschlich vielen als Synthese. Das dem göttlichen Willen entstammende und -ihm unterstehende Judentum mit seinem Ewigkeitsgehalt und -Ziel steht zu der dem individuellen Willen entsprungenen und ihr dienenden Zeitkultur in Gegensatz, und doch haben sie ihre intimen Berührungspunkte. Durch das Menschheitswerden geht ein immanentes Sehnen nach einem höheren *) Zeitkultur und jüdische Erziehungsgemeinschaft. Von Dr. Arnold Merzbach. Frankfurt a. M., I. Kaufsmann 1928. nicht auffällig, daß der sefardische Oberrabbin>er sich mehr und mehr von dieser Sachlage überzeugt hat, unddaß ihm die schwere Gefahr, die mit der Durchbrechung altsefardefcher oder besser in diesem Falle a l t j ü bi - s ch e r Lebensauffassung, verknüpft sein kann, immer mehr zum Bewußtsein kommt. Darum gebührt ihm erst recht die laute Anerkennung all derjenigen Kreise in der Welt, die für rücksichtslose Bekennertveue noch Sinn und Verständnis haben. Sicherlich ist sich Rabbi Jakob Meir, wenn er auch, wie „Doar Hajom" bemerkt, finanziell vom Waad Leumi vorläufig noch nicht abhängig ist, sehr wohl bewußt, daß ihn sein Auftreten unter Umständen Amt und Würden kosten kann. Er hat aber die Konsequenzen seiner Ueberzeugung gezogen und wird den Kampf nicht scheuen, der ihm bevorsteht. Mmetlfa und Asien. Es war keine schlechte Idee vom „Verbände polnischer Juden in Amerika", eine Delegation nach Polen zu schicken, um die Brücken über den Ozean zu der., Brüdern der alten Heimat zu schlagen oder, soweit sie schon vorhanden sind, besser auszubauen. Es ist diese Fühlungnahme sehr vonnöten für alle Hilssarbeit, die in Amerika für die Emigranten geleistet wird, und noch mehr für d i e Hilfe, die das jüdische Amerika den Juden Polens im Lande selbst angedeihen läßt. Leider muß konstatiert werden, daß, wie bei ähnlichen Anlässen in der letzten Zeit, auch dieses Werk bereits ausschließlich in zionistische Regie geraten ist, so daß eine umfassende Hilfe für das jüdische Polen aus dem Unternehmen nicht mehr zu erwarten ist. Herr Tiegel, der offizielle Delegierte des „Verbandes der polnischen Juden in Amerika", ist in Warschau eingetrofsen und hat die Arbeit aufgenommen. Aber er dachte gar nicht daran, mit den Vertretern aller Schichten der jüdischem Bevölkerung in Verbindung zu treten. Er konferierte nicht mit den Rabbinern und mit den Vorstehern der vielen Synagogen und Institutionen, die das Leben und Leiden der Bevölkerung am besten kennen, die einzige Instanz, die er kennt und mit der er verhandelt, ist der zionistische „Ra- BiOXULTBA Oie sfarkschäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 80 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Ml. Gegen lockere Zähne. Pwobe-Flasche gratis. Max Elb A. G., Dresden Ewigkeitsziel: in allem Sein sieht das Judentum das Wirken des göttlichen Wettenlenk-ers und empfindet feine Aufgabe, Priester der Menschheit zu sein. Doch sind wir uns unserer Aufgabe zu wenig bewußt. Nach der seelischen Erschütterung der Krie'gszeit und den ersten späteren Jahren ist wieder Erschlaffung eingetreten trotz der Mahnrufe unserer geistigen Führer. In unserer Lebensbetrachtung fehlt das heiße persönliche Verhältnis zu Gott. Wir denken mehr an die Pflichten gegen Gott als an ihn selbst und fein Einwirken auf -den Einzelnen und die Gesamtheit. Daher mangelt das Bitochaun, das unbedingte Vertrauen auf Gott in allen Lebenslagen. Wir fühlen uns zu sehr unter dem Zwange des Erwerbslebens, suchen immer wieder die ausgetretenen Pfade des Handels und der akademischen Berufe. Uns fehlt auch der Mut dem gesellschaftlichen Vorurteil gegenüber, uns dem Bauerntum und Handwerk zuzuwenden, wenn wir auch theorettfch diese Berufe als gleichwertig bezeichnen. Schwer rügt Merzbach die Hoffart gegenüber den in abhängigen- Stellungen Arbeitenden; als unehrliche Doppelmoral geißelt er, wenn die Art der Berufsausübung den im Privatleben gepriesenen Grundsätzen, der Ethik widerspricht. Wie im persönlichen und beruflichen Leben muß auch im öffentlichen Leben unser Tun dem Diktate der Moral unterworfen sein. Nur der ist zum Führer geeignet, dessen Eigenleben als Vorbild dienen kann. Sehr ernste Worte findet Merzbach bei der Besprechung des geschlechtlichen Trieblebens. Er verwirft die Triebverneinung als biologisch unwahr und pädagogisch undurchführbar; auch unser Triebleben ist von Gott gegeben, soll nicht an sich als schlecht gelten-, sonderndurch den Willen regiert und geadelt werden. Scharf abrücken müssen wir aber vor der Triebvergötterung, wie sie sich in entarteter Ueb-erzivilisatton breit macht. Es ist eine verbrecherische Lüge, die Hemmungslosigkeit als gesund tionalrat". In dieser zionistischen' Enklave wird es dem Herrn Delegierten nie möglich fein, die Nöte und Wünsche der Massen! kennen zu'lernen. Die zionistische Einstellung des Herrn Tiegel ist bekannt und ist seine persönliche Angelegenheit, -ex ist aber in Polen als offizieller Bertteter eines Verbandes, der großen Wert darauf legt, als neutral zu gelten und mit seiner helfenden Hand alle Juden, nicht zuletzt die treu zum Gesetze haltenden Teile der Bevölkerung und ihre notleidenden Institutionen zu erfassen, so wäre es doch schon für Herrn Tiegel, wie der „Warschauer Jud" schreibt, ein Gebot der Höflichkeit, d i e anzuhören, die am besten wissen, wo die Rot drückt und die helfende Hand anzulegen ist. Es ist jammerschade, daß, zur größten Enttäuschung der polnischen Judenheit, aus einem großzügig gedachten Unternehmen eine zionistische Parteisache geworden ist. Mldungsfragen und „Lernen" in Ost und West. Von Rabbiner A. «Ä. Komer in Wertin. In einer ganze?! Reihe von Artikeln über die Stellung der Orthodoxie zur Bildungsfrage von den Tagen der Emanzipation an, die im „Israelit" in den vorangegangenen Jahren Platz fand, war ich bemüht, Licht über dieses Problem zu verbreiten, das bisher als Scheidewand zwischen der östlichen und westlichen Orthodoxie galt. Von denen, die diese Scheidewand noch immer als bestehend gelten lassen wollen, möchte ich nur kurz sagen, daß sie wohl zu denen gehören, die schwer Neues lernen können und noch schwerer herannahende neue Verhältnisse zu beobachten verstehen. Ich ,will nun meine obenerwähnten Betrachtungen über das Bildungsproblem zum Abschluß bringen in der Ueberzeugung, daß wir uns seit einiger Zeit, besonders seit dem Abschluß des großen Weltkrieges, einer neuen Epoche im jüdischen Leben nähern, in der dasselbe überall vereinheitlicht und einer allgemeingültigen Lösung der innerjüdischen Probleme zugeführt wird. So wie einst die Kreuzzüge in der Folge die Epoche der Renaissance mit sich brachten, weil sie die verschiedenen Völker zusammenführten, und so ihnen den Anlaß bei geistigem Zusammenschluß mit den anderen gab, ihre eigenen Religionen und geistigen Anschauungen zu prüfen — so hat auch der Krieg >die verschiedenen Teile des jüdischen Volkes unteveinandergewürfelt und zu einem tiefen Einblick -in eigene und hinzustellen, sie -ist die Ursache verderblichster Krankheiten. Aber noch schlimmer ist sie ethisch -als Vernichterin des Schamgefühls, der Keuschheit unserer Seele. — Der durch das Gottesgebot geheiligte Geschlechtstrieb führt zur Vollendung des Menschen, zum Einswerden der männlichen und weiblichen Natur, er führt zur Ehe, zum Kinde, zur Zukunft. Von grausigen Folgen muß das Streben fein, die Familie aufzulösen und -die Flucht vor dem Kinde. Hierzu führt die Sucht -der Entw-eiblichung der Frau, die sich in allem dem Manne angleichen will und ihre natürlichste Aufgabe, Gestalterin der Familie und der künftigen Generattön zu sein, verstümmelt. Die Ehe ist keine Verbindung von Enkeln, sondernvon Ahnen! — Bei der pädagogischen Stellung zur Sexualität ist jede unnötige biologische Aufklärung, die mehr reizt alserzieht, abzulehnen, noch mehr aber Verschweigen oder Disqualifizierung -als etwas Unreinem. Nötig ist eine ruhige Belehrung, am besten unter Zuhilfenahme von Beispielen aus der durch Ehrfurcht geschützten biblischen Geschichte. Bei Heranwachsenden Kindernaus Kreisen, die den Begriff der A w e r o kennen, ist in Ruhe und mit Ernst auf die Arvero hinzuweisen, die verhütet werden muß. — Mutig wirft Merzbach das Problem der Erotik auf für den, dem aus wirtschaftlichen Gründen die Frühehe unmöglich ist. Ohne eine allgeme-ingülttge Lösung geben zu wollen, will er von einer rein geistigen- Kameradschaft als Vorbereitung zur Ehe nicht abraten. Das Ziel muß hier sein: rein in die Ehe gehen. Mit allem Nachdruck hätte Merzbach hier aber nochmals die Frühehe als Forderung aufstellen sollen und darauf Hinweisen müssen, daß sie -bei mutiger Beschränkung der Lebensansprüche, unabhängig von sogenannten gesellschaftlichen Rücksichten, leichter ist, als mancher sich und anderen einreden will. Auch hier ist Bitochaun eine Pflicht. — Ein wichtiges Problem ist Merzbach die richtige Be-

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