Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 33 Der Israelit 16 August 1928 halb der Stadt gelockt und dort stundenlang geprügelt. Er erlitt infolge der Mißhandlungen einen Blutsturz und war mehrere Tage bewußtlos. Die Elterndes Schülers wagten nicht, den Fall zur Anzeige zu bringen, weil ihnen die Nachbarnin einem solchen Falle mit Totschlag drohten. Entwicklung der jüdischen Gemeinden im fernen Osten. Charbin, 18. Juli. In der Mandschuren-Hauptstadt Mulden, der Residenzstadt des während seines Rückzugs aus Peking ermordeten Diktators Tschang-tso-Lin, hat sich in den letzten Jahren eine ansehnliche jüdische Gemeinde entwickelt, die bereits über eine Synagoge und-mehrere Wohlfahrtsanstalten verfügt. In den letzten Tagen hat sich, dort ein jüdischer Gemeinde-Ausschuß konstituiert. Mehrere der jüdischen Einwohner Mukdens sind Vertreter großer Del-,, Zigaretten- und Fellsirmen. Die Gemeinde vermehrt sich durch Zuzug von Angehörigen aus Rußland von Tag zu Tag. In Sambesz, an der großen mongolischen Wüste, etwa 350 Kilometer von Manchouli entfernt, ist eine neue jüdische Siedlung entstanden: sie liegt an der nach Urga, der Hauptstadt der Mongolei, führenden Straße. In Sambesz leben mehr als 100 Juden, die im Handel der Mongolei eine ansehnliche Rolle spielen. (ITA.) Palästina. Protest des fefardischen Oberrabbinates von Erez Jisroel gegen das Gemeindegeseh. Jerusalem, 1. August. Der sephardische Oberrabbiuer, Rabbi Jakob Meir hat unterm 30. Juki das im Wortlaut nachfolgende Schreiben an den Oberkommifsar von Palästina gerichtet: x „Eure Excellenz! Ich beehre mich, die Bitte c.n Eure Excellenz zu richten, die Worte, die ich anläßlich der Abschiedsaudienz am vergangenen Freitag an Sie gerichtet habe, zu Protokoll zu nehmen, und ich erlaube mir, im Nachfolgenden diese Worte zu wiederholen: Im Namen der se frt'r di s chen G e me -in de von Jerusalem, im Namen des Rabbiners der aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem, Rabbi Chajim Sonnenfeld, im Namen der orthodoxen Organisation Agudas Jisroel. in Erez Jisroel, im Namen des Waad Hair Afchkenafi und im Namen eines beträchtliche Teiles der Aschkenasim unter dem Namen Ad-aß Jisroel in Jerusalem protestiere ich mit aller Entschiedenheit gegen das neu erlassene Gesetz über.die jüdischen Gemeinden in Erez Jisroel, das mehrere Paragraphen enthält, die der jüdischen Religion zuwider laufen. Im Namen der oben erwähnten Instanzen danke ich der Regierung für die in dem Gesetz eröffnete Möglichkeit, daß jeder thoratreue Jude aus der „Kenefses Israel" aus treten kann, ein Recht, von dem Tausende orthodoxe Juden in Erez Jisroel Gebrauch machen werden, wenn der Waad Leumi ihrer Forderung nach'-Aenderüng der religionstbidvigen Paragraphen nicht entspricht. Ich wiederhole meine Segenswünsche für/Eure Excellenz bei Ihrem Abschied aus dem Lande und wünsche Ihnen gute Reise. In aller Hochachtung Jakob Meir Oberrabbiner in Erez Jisroel, Rifchon le-zion und Vorsitzender des Oberrabbinates in Jerusalem. Die Veröffentlichung des Briefes in Jerusalem hat natürlich enormes Aufsehen erregt, da er die Entschlossenheit der Sefardim bekundet, sich mit Agudas Jisroel solidarisch zu erklären, falls die von den Sefardim beanstandete Punkte — wozu in erster Reihe das Frauenwahlrecht gehört — aus dem Gesetze nicht beseitigt werden.! Amtsentsetzung des sephürdischen Oberrabbiners durch den Waad Leumi. Jerusalem, 8. Aug. Der Waad Leumi veröffentlicht in der hiesigen Presse eine lange Auseinandersetzung über die Vorgänge, die zu dem sensationellen Brief Rabbi Jakob Meirsan den Oberkommissar geführt haben. In der Abschiedsaudienz, die zur Entlastung des Oberkommissars gemeinsam den drei beteiligten Instanzen, nämlich dem Waad Leumi, -dem Oberrabbinat und der Zionistischen Exekutioe, bewilligt worden war, habe Oberrabbiner Jakob Meir die Sprecher der beiden anderen Körperschaften mitten in ihrer Rede unterbrochen, um dem Oberkommissar zu sagen, daß er, Rabbi Jakob Meir,-lediglich als Vertretr der Sephardim Wer fei und mit der Kenesses Israel wegen der irreligiösen Paragraphen' des Geme-indegesetzes nichts zu tun habe. Der Waad Leumi behauptet, diese Haltung Rabbi Jakob Meirs könne-nur darauf zurückzuführen sein, daß der Oberrabbiner sich während seines Aufenthaltes im Ausland der „Agudas Jisroel" verschrieben habe. Unter diesen Umständen habe Rabbi Jakob Meir auf Grund der geltenden Satzungen der Kenesses Israel kein Recht mehr, fein Amt im Oberrabbinat auszuüben, da jemand, der aus der Kenesses Israel austrete, unmöglich innerhalb eines Organes dieser Kenesses Israel, nämlich im Oberrabbinat, fungieren könne. Der „Doar Hajom" behandelt die Angelegenheit in einem Leitartikel und bemerkt, die Amtsenthebung des Oberrabbiners durch -den Waad Leumi sei eine bloße Geste, da der Oberrabbiner das unbestrittene Vertrauen der ganzen sephardischen Gemeinde genieße und in finanzieller Hinsicht nach dem Waad Leumi nichts zu fragen habe. Amerika. 28. Jahreskonferenz der konservativen Rabbiner Amerikas. L o n g B r a n ch, 12. Juli. Der in Long Brauch in diesen Tagen ab gehaltenen 28. Jahresversammlung der Rabbinical Assembly, die den konservativen Flügel (Schächter-Seminar) des amerikanischen Judentums repräsentiert, wohnten etwa 100 Rabbiner, meist Graduierte des Jewish Theological Seminary of America, bei. Der Präsident der Assembly, Rabbiner Max Drob erklärte in seiner Eröffnungsansprache, das amerikanische jüdische gemeindliche und religiöse Leben mache nach dem Aufschwung der Kriegs- und Nachkriegsperiode, der in dem Bau neuer Synagogen und Gemeindezentren zum Ausdruck kam, nunmehr eine Periode der Ermattung durch. Alle Pläne für einen Zusammenschluß der Judenheit der Welt werden beiseitegestellt, nur die unmittelbaren Bedürfnisse der lokalen Gemeinden finden noch einiges Interesse. Es wird ein harter Kampf notwendig fein, um die in der Periode der Nachkriegsbegeisterung gewonnenen geistigen Werte zu erhalten. — Im Verlaufe einer vom Präsidenten der Jewish Theologioal Semenary, Dr. Cyrus Adler, geleiteten Aussprache teilte Rabbi Alter F. Landesman aus Brooklyn die Ergebnisse einer von ihm veranstalteten Expertise über den Umfang des Synagogenbesuches mit. Im allgemeinen ist der Synagogenbesuch im Wachsen. Etwa 20 Proz. der gesamten jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten wohnen mindestens einmal in der Woche dem Gottesdienst bei. Von den Kongregationen, die zur Expertise herangezogen worden sind, sind 40 Proz. orthodox, 30 Proz. konservativ und 30 Prozliberal-resormistisch.;i;, Rabbi Louis Fink elstein hielt einen Vortrag über das Thema: „Kann Maimonid-es uns heute noch Führer sein?"-Er kam zu dem Schlüsse, daß die Formel von Maimonides für jüdische Gesetzes-Jnterpretation noch heute gültig sei. Rabbi Dr.Mordechai M. Kaplan, der bekannte Freidenker in konservativer Maskierung, bechloß die Aussprache mit einem Vortrag über: „Judentum und Zivilisation". Personalien. Zum ersten Iahrzeilstag von IuNus Lahn V'XT» Mainz. Mainz» 12. Aug. Wenn ein p’ix von dieser Welt genomm-en> wird, der seinem Kreise und noch darüber hinaus Mittelpunkt und Vorbild gewesen ist, so fehlt in dem frischen Schmerze um den emgetretenen Verlust oftmals die nötige Sammlung, um die Bedeutung des Heimgegangenen richtig zu würdigen und feinen Verdiensten gerecht zu werden-. Darum gibt die erstmalige Wiederkehr des. Tages, an welchem vor Jahresfrist Julius Cahn der langjährige oaia und Führer der Mainzer Religionsgesellschaft, in die wpn «aPx heiingeggngen ist, Anlaß mit einigen Strichen das Bild dieser ausgeprägten Persönlichkeit zu zeichnen und seinen seltenen Charakter an einigen mar-' kanten Zügen zu beleuchten. Von frühester Jugend anauf sich selbst gestellt, war es ein seltenes nwm das sich besonders in einer vorbildlichen Selbstverständlichkeit des Gl-etchranges der r-nxarn« p und ■nanP bi« p ausprägte, welches feine grad»- linigo Persönlichkeit auszeichnete. Seine Jüdifchkeit war ihm oberste Richtschnur in allen Lagen -und Perioden seines Lebens und Schaffens. Gern erzählte er noch in vorgerücktem Alter, wie er, fast noch als Knabe, in ferner Lehrzeit unerschrocken für die Beobachtung von Din--' gen eintrat, die andere oft als minder wichtig ansehen, die er aber aus dem Elternhaus als untrennbare Bestandteile jüdischer Lebensführung mitgenommen hatte. Später führte ihn fein Beruf Jahrzehnte lang auf die Reife und fein Leben draußen war für viele feiner Berussge-nossen beispielgebend, ja oft sprichwörtlich-. Wasfür andere eine Entbehrung bedeutet hätte, >er war felbfb dafür von Herzen dankbar, und welche Freude bereitete es ihm oft, wenn >er auf der Reife nach einem ohne Arbeitsunterbrechung verbrachten Daanis einen Gesinnungsgenossen traf, mit dem er dann gemeinsam an einem. Stück Brot und einem Glas Vier anbeißen konnte. — Bedarf es noch der Erwähnung, daß dieser vielbeschäftigte Mann mit Gewissenhaftigkeit minP bw jwip war,, aber bemerkenswert ist es, daß -er, nachdem er sich die ganze Woche auf der Reife geplagt hatte, Freitag Abend nach beendeter Mählzeit zu -einem '2-, ging, um später' zu Hause einen anderen Schiur zu beginnen. Hatten ihn doch schon seine unvergeßlichen frommen Eltern in früher Jugend nach Mainz auf die von Rabbiner Dr. Lehmann Vst begründete Schule gebracht und spater hatte er nicht nur bei diesem Großen-, sondern auch bei R. Schmuel Bond-i Psr und bei dem nachmaligen Frankfurter Raw, Dr. S. Breuer Vst gelernt. Als besonderskennzeichnend für feine Bescheidenheit und fein o«i 3« 1122 verdient festgehakten zu werden-, daß er die von ihm begründete, geleitete und zu Ansehen gebrachte Firma auf. den Namen seines Vaters Herz Cahnnannte. Die gleiche Arbeitsfteudigteit, -die er in feinem Berufe bewahrte, widmete er auch den an ihn herMitretendsn Klallaufgaben, insbesondere aber seiner Kehiloh, in deren Verwaltung er etwa 4 Jahrzehnte tätig war, davon ein Vi-erteljahrhundert als Vorsteher, und der feine Liebe- und sein Interesse in ganz besonderem Maße galt. Wenn er da etwas als richtig und notwendig -erkannt hatte, gab es kein langes Zaudern und Bedenken-, er, der Mann der Tat, schritt zur Ausführung wie überhaupt sich bei ihm das rnrnr des pa in der besten Bedeutung des Wortes verkörperte, — gleich seinem ihm ininniger Liebe verbundenen älteren Bruderdem unvergeßlichen Fuld-aer Raw Prsi- Wie sein nwan sich in den Jahren materiellen Aufstieges und heiteren Familienglückes leuchtend bewährte, so zeichnete es ihn auch aus, als in -den- Kriegsjahren sich die iiii« häuften, er so oft über den Verlust von B'r»«» na B’nas klagen- und trauern muhte. Da war er ,i2.i«2 bnpa was n"npn über ihn und sein Haus verhängt hatte, wie nur ein Mann von seiner Seelengröße es vermochte. Und wer das Glück hatte, ihn bei der Tefiloh zu beobachten, mehr noch zu- Haufe als im 3",13. mußte tief ergriffen fein. Und nicht vergessensoll werden, wie er in Jahrzehnten nicht allein vielen Angestellten die Möglichkeit zu mer-PBff gab, sondern sie auch in ihrer Jüdischk-eit an-hielt, besonders diejenigen, welche, wi-e -dies früher üblich war, auch -in feinem Haufe lebten-, zu min B’iaai führte pvv a»»n anni— Jetzt bei Beginn des Ellulmonats, wenn wir bald wieder die erschütternden Worte sagen 112« w>v« uw« fühlen wir aufs Neue den Schmerz um den Verlust dieses Mannes, der wie wenige v©ya nai Vorbild und Beispiel war und wir flehen zu mapndaß Er die Kraft gebe, in ' seinem Sinne p-aa iaw *na in: zu sein, dann wirdvaiaPp'iL-iai.d-as Andenken dieses Gerechten zum Segen für seinen Wirkungskreis und denwiip pp sein. Marlin Fraenkel V'xt. Breslau, 10. Aug. Eine der bedeutendsten- Persönlichkeitenirtzn Kreise..der Breslauer gesetzestreuen Judenheit ist am -vergangenen Freitag nach kurzer Krankheit allzu früh,' hoch,nicht 65- Jahre alt, zur ewigen Ruhe eingegangen:'.).Martin Fra e n k e l Vst- Der Heimgegangene stammte aus- Oberfchkesien und war der Sohn des angesehenen Rybniker Rabbiners Dr. Fraenkel W ein Enkel des bekannten Berliner Rabbiners, Rabbi- Chone Rosenstein V*t. Er widmete sich der kaufmännischen Laufbahn Md gründete vor 30 Jahren das bekannte Tuchgeschäft Fraenkel u. Jossek, das unter strengster Wahrung dr-e Sabbatruhe zu hoher Blüte gelangt und sich großen Ansehens in der kaufmännischen Welt erfreut, Im intimen- Zusammenwirken mit dem unvergeßlichen Aron Kober Pt war es Martin Fraenk-el, der -in Breslau den ersten Schomre Schabbos-Verein gründete, um durch Errichtung einer Stellenvermittlung den jungen- Leuten die Wahrung des Sabbatprinzipes' zu erleichterst-. Auch'innerhalb der Breslauer Gemeinde'betätigte' sich''Martin Fraenkel jederzeit zu Gunsten, der Förderung; der Thora und Hrer Interessen. Zwölf Jahre läng gehörte er der Repräsentantenversämmlung an, wo er sich besonderen Einflusses und des absoluten Respektes auch von' Seiten seiner Gegner erfreute. Auf philantroplschemü.Gebiete entfaltete er eine, weitr-eichende Wirksamkeit. - Er. gehörte dem Verband zur Erziehung.- hilfsbedürftiger-.-Kinder, dessen Vorsitz -er später übernahm, seit Jahrzehnten an, ebenso dem Vorstand - der israelitischen- Krankenverpflegun-gsanstalt und war als Chewramanneifrig tätig. Kraft, seines feinen, vornehmen. .Wesens undfeiner immer sich gleichbleibenden Ruhe war er -der geborene Vertreter der Orthodoxie in einer Emheitsgemeinde, in der oft sehr viel Geduld und Selbstbeherrschung dazu ghören, um das notdürftigste Mindestmaß von Berück-