Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 33 Der Israelit 16. August 1928 der jüdischen Kolonisten wird noch einige Zeit ruhen müssen, was von großem Nachteil sein kann, da wegen des späten EinitreffenS der Pioniere die Arbeit verspätet in Angriff genommen worden ist. Im Allgemeinen ist, wie sich der Vorsitzende der unparteiischen Gesellschaft für jüdische Kolonisation „Ozet", S. D i a m a n t st e i n, in der Sowjetpreffe ausspricht, das Kolonisationswerk in Bir-Bidschan ein sehr schweres Unternehmen, aber man werde der Schwierigkeiten Herr werden. Man werde immer mehr schaffende Kräfte heranziehen und immer weitere Mittel von der an der Kolonisation im Fernen Osten stark interessierten Regierung, sowie von den jüdischen Organisationen im Sowjetreich erlangen. Es handelt sich um ein großes Unternehmen, das große Perspektiven eröffnet, so auch die Perspektive einer jüdischen Autonomie in einem weiten Gebiet. Autonomie, wie wir hoffen, vor allem in religiösem Sinne ... Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Die Verfassungsfeier in Berlin. Berlin, 13. August. Sämtliche Synagogen in Berlin trugenam Samstag und Sonntag- Flaggenschmuck. Beiin Sabbatgo ttesdienste wurde überall vor dem Mussafgebete der Anlaß Mt Gebeten und Predigt gefeiert. Bei der Bersassungsfei-er der Reichsregierung im Reichstage gedachte Universitätsprof. Dr. R a d - bruch in feiner Festrede auch Walter Rath enaus und feierte in ehrenden Worten' den Schöpfer der deutschen Verfassung, Hugo Preuß. Bei der Feier am Abend in der Staatsoper am Platz der Republik sprach Oberbürgermeister Dr. Bo e ß in seiner Festrede ebenfalls von den Verdiensten Dr. Hugo Preuß' und mahnte zum Frieden und zur Versöhnung, zur Heilighaltung des Rechtes für alle Bürger ohne Unterschied von Religion und Konfession. An beiden- Feierlichkeiten waren von jüdischer Seite offiziell vertreten der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, die Berliner Jüdische Gemeinde, der Zentraloerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Die Lage der Orthodoxie in der Leipziger Gemeinde. Leipzig, 5. August. Einige Berichte, die im Laufe dieses Jahres im „Israelit" erschienen sind, insbesondere der letzte Bericht über die Fri-edhofseinweihung, erwecken in dem weiten Leserkreis Ihres Blattes Vorstellungen, die nach der Ansicht des Schreibers dieser Zeilen mit den Tatsachen in keiner Weise im Einklang stehen. Es ist durchaus nicht an dem, daß man hier auf liberaler und zionistischer Seite jeder Forderung der konservativen Kreise bereitwillig -entgegenkommt, und daß die Orthodoxie Ursache hätte, sich ihres Daseins in der Leipziger Gemeinde zu freuen. Im Gegenteil, jeder Schrittbreit Boden muß errungen und erkämpft werden, obgleich die Orthodoxie mit ihren Steuerleistungen nicht weniger herangezogen wird als alle anderen Kreise der Gemeinde. So hat man z. B. bei der Herstellung des grandiosen Friedhofsgebäudes zuerst versprochen, allen religiösen Erfordernissen nachzukommen, hat vom traditionell-gesetzestreuen Rabbinerverband eine Entscheidung über das Belegen -der Reihen, die Beisetzung von Urnen, das Schmücken! der Grabstätten mit Kränzen usw. verlangt, sich aber dann unter Brüskierung des autoritativen' Gutachtens über die Entscheidung hinweggesetzt. Als. der Punkt in der Gemeindevertretung zur Besprechung stand, hat man ihn von der Tagesordnung 'einfach abgesetzt. Auch die Friedhofsordnung, die zunächst im Entwurf vorkvegt, ist so, wie sie jetzt aussieht, für die Orthodorl» unannehmbar. Da braucht nicht gerade zu verwundern, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß vor ganz wenigen Wochen der langjährige Vorsitzende der Chewra Kadischä seine Leiche verbrennen ließ. .Die letzte Wahl hat dank der empörenden Beschränkung des Ausländerwahlrechtes eine Verschiebung nach links herbeigesührt, und. die Herren Liberalen schalten jetzt ganz nach Belieben. So hat man selbstverständlich für liberalen Gottesdienst hohe Summen bewilligt, der Orthodoxie aber nur Abstriche gemacht. Der Betrag zur Unterhaltung der Mikwo wurde gekürzt, ebenso der für orthodoxen Religionsunterricht Besonders erregt sind die Liberalen über die Höhe der Ausgaben für Kaschruth-Wesen, die sie für untragbar erklären. Dabei ist zu bedenken, daß der größte Teil der Lasten in Form der hohen Fleischpreise von denjenigen getragen wird, die Koscherfleisch verzehren und nicht von den Liberalen. Zur Senkung 'der Preise könnten diese letzteren dadurch leicht beitragen, daß sie sich zum Bezug von Koscherfleisch entschließen und dadurch den Umsatz steigern. Den bisher von der Gemeinde angestellten Aussehern hat man zu einem nahen Termin gekündigt und verfügt, daß die Metzger sich selber ihre Aufseher bezahlen sollen. Zahlreiche gesetzestreue Gemeinidemitglieder sind sich darüber klar, daß es auf diese Weise nicht lange weitergehen' kann. Kraft und Zeit unausgesetzt zu verausgaben, um schließlich auf dem Kompromißwege ein paar Brocken zu erhandeln, ist nicht jedermanns Sache, insbesondere nicht Sache dre Jugend. Früher oder später wird es gewiß 'dahin kommen, daß in Leipzig ein selbständiges thoratreues Gemeinwesen ausgebaut wird. Der Kongreß des Weltverbandes der jüdischen Jugend. Straßburg, 10. August. Aus den Verhandlungen des Kongresses, zu dem wir in der Woch-enrundschau dieser Nummer unsere Stellungnahme präzisieren, ist > hervorzuhebendas vom Präsidenten Palliere in den Sitzungen vom 6. und 7. August bezeichnede Verhältnis des von ihm gegründeten J-ugendoerbandes zum Zionismus. Grundbedingung für ein Zusammengehenmit dem Zionismus sei für ihn und seinen Verband, daß der Zionismus fein neutrales Verhalten gegen die Religion a u f g -e b >e. Bejahende E i nst e l l u n g zu Fragen der Religion verlange der Verband von allen Organisationen^, mit denen er zusammenarbeiten soll. Aus der anderen Seite verlangt aber Palliere vom Verbände der jüdischen Jugend vereine Deutschlands, mit dem er ebenfalls in Verhandlungen steht, als erste Bedingung einer Zusammenarbeit, daß er, -der deutsche Jugen-dverband, in den Fragen des Zionismus und der Religion nicht gleichgültig-, sondern' positiv eingestellt sei. Er hoffe, es werde sich eine Plattform für -eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Verbände finden. Palliere teilte den vorläufigen Text der Leitsätze mit, die als Grundlage ihr eine solche Zusammenarbeit dienen sollen. Die Leitätze lauten: Die beiden Parteien sind vorbehaltlich späterer^Aenderungen seitens der beiderseitigen' Leitungen zu dem folgenden Uebereinkommen gelangt: Unter absoluter gegen- -eitiger Achtung der Richtlinien jeder Gesellschaft in Sachen der Religion und des Zionismus wird eine Föderation geschaffen, die möglichst alle großen Organisationen der jüdischen Jugend umfassen soll. Die Ziele dieser Föderation sind: 1. Die Kräfte der jüdischen Jugend sollen als moralischer Faktor in der Menschheit zur Geltung gebracht werden. 2. Die zusammen-geschlossenen Gesellchaften werden' ihre Erfahrungen insbesondere im Hinblick auf die Organisations-Probleme austauschen. 3. Durch Austausch von Rednern und durch andere geeignete Mittel soll die jüdische Jugend in den verschiedenen Ländern über die Lage der Juden in der ganzen Welt auf dem Laufenden gehalten werden. Die Vertreter der verbundenen Gesellschaften werden für Ende 1928 -eine möglichst zahlreich besuchte Zusammenkunft der Führer der verschiedenen Verbände -der -jüdischen, Jugend vorber-eiten. Die Einladungen zu dieser Zusammenkunft werden vom Woltveroande und dem deutschen Verbände gemeinsam verändt werden. Angown. Die ungarische Geologie und der Schulchan Aruch.? Budapest, 10. August. Während man in den orthodoxen Kreisen Ungarns und der Slowakei das Kokettieren der Neologie mit dem Schulchan Aruch mit sehr gemischten Gefühlen, ansieht, weil daraus, bei aller Genugtuung, -die die Orthodoxie ob dieser Wandlung- -empfinden könnte, eine ungeheure Verwirrung der Geister entstehen kann, zeigt sich jetzt, -daß unsere Neologie auch nach außen mit einer gewissen Konsequenz an ihrer „Rückentwicklung'" züm Gesetz festhält. Der neologe Abgeordnete Dr. Paul Sando r hat aus -eine an ihn gerichtote Einladung zur Teilnahme an der Berliner Weltkonferenz des lib eralen Jude-ntums„ die am 18. August beginnen soll, geantwortet, in- Ungarnsei unser dem Drucke der -antis-em-rtrschen Verfolgungen a u ch d e r l i b e r a l ft e Teil der Neologie zur Grundlage des Schulchan Aruch zurückgekehrt, weshalb er der an ihn ergangenen Einladung nur für feine Person Folge leisten könne. Er werde auf dem Kongreß die konservative Grundeinstellung der ungarischen' Juden betonen. In seiner Antwort auf diesen- Brief Sandors machte der Generalsekretär der Liberalen- Vereinigung,, Herr G o e tz, natürlich den Versuch, auchdie deutsche Neologie als eine Art von „Konservativen" -darzust-ellen, wobei er sich aus die Einheitsgemeiinden -beruft, die ja Konservative und Liberale umfassen. Nur die Liberalen könnten konservativ sein, d. h. das Judentum erhalten, während mit dem „dogmatischen, starren' und zeremoniellen System der Orthodoxie das Judentum nicht erhalten bleiben könne." Natürlich war diese Antwort nicht geeignet, Herrn Sa-ndor zur Aufgabe seines Standpunktes zu bew-eg-en, denn es wird wohl keiner glauben-, daß zwischen dem Schulchan Aruch und dem von Herrn- Go-etz verworfenen „dogmatischen, starren und zeremoniellen- System der Orthodoxie" ein Gegensatz besteht. Herr Dr. San-dor schreibt also jetzt, daß er dem Kongreß überhaupt nur als stiller Zu h ö rer beiwohnen werde. Jedenfalls ist die ganze Korrespondenz geradezu ein Triumph des sogenannten ungarischen Trennung-sprinzips, dessen konsequente Durchführung schließlich sogar die Neologie gezwungen hat, freilich unter dem Drucke besonderer Worischer Ereignisse, ihre feindselige Stellung zum Schulchan- Aruch aufzugeben und sich von ihren deutschen, englischen und amerikanischen Gesinnungsgenossenzu trennen. Polen. Offizielle Stimme. Warschau, 10. August. Der stellvertretende polnische Ministerpräsident Moraczewski -empfing den Delegierten der Föderation der polnischen- Juden in Amerika, Herrn- Digel, -der ihn über den Plan wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen den Juden in Polen und den polnischen Juden in Amerika informierte. Der Premier erklärte seinerseits, die Regierung erstrebe eine Däuerverständigung zwischen Juden und Polen; diesen Bestrebungen' werden aber seitens der Grünbaum-Gruppe Schwierigkeiten entgegengesetzt. Herr Tigel erwiderte, Abg. I. Grünbaum habe während seines Aufenthaltes in Amerika als aufrichtiger Freund Polens gesprochen und gewirkt. Der Premier -erklärte zum Schluß, er werde über die Angelegenheit der Zusammenarbeit zwischen den Juden in Polen- und Amerika im kommenden Ministe rvat referieren-. Tschechoslowakei. Die maskierte Neologie in der Slowakei. Bratislawa, 10. August. Bekanntlich haben die -neologen und status quo -Gemeinden in der Slowakei, die zueinem Verband zusammengeschlossen find, diesem Verband den Namen „Jeschurun" gegeben, ausgefprochenermaßen, -um -durch diesen ov »w den neolog-en bezro.gtalus quc> -Charakter der einzelnen Gemeinden zu verschleiern. Gleichzeitig hat -dys .neqloge P-erbandsstatut -den S ch ulkch a n Aruch qls Grundlage -der Gem-eindeorganifation anerkannt,- was nicht verhindert, daß waschechte yeologe Tempel mit Or-