Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Seite 5 16 August 1928 _ ' Falle handelte es' sich um eine Gemeinde, die nicht Mit- <glteb des gesetzestreuen Verbandes ist. Für fabbathattende Metzger konnte leine Milderung des S o n ntagsru he- .gesetzes bewirkt werden^ Der Redner berichtete im Ferneren über die Verhandlungen mit dem Mainzer Verbände, die noch nicht abgeschlossen sind und ein .friedliches Nebeneinander versprechen. Syevx Kaufm a n n, SprendlmtzM, übernimmt den Vorsitz und leitet die Diskussion ein, an der sich die Herren Dr, Schlesinger und Hugo C a h n, Mainz, Lehrer Simon, Pfungstadt, Lehrer Spier, Großzimmern, K n o l l e r, Bensheim, Lehrer S a f f r a, Crumstadt, Samt d, Reichelsheim u.v.a. beteiligten. Es entwickelt sich eine rege und anregende Aussprache über de Interessen des Verbandes, der Gemeinden und der Lehrer. Es wird gefragt, ob nicht im Interesse der Zentralisation ratsamer wäre, die geplante Stellenvermittlung im Einvernehmen mit den nach dieser Richtung heute energisch arbeitenden! Organisationen im Reiche tzzur Ausführung zu bringen. Zum lebhaften Ausdrucke kommen Meinungen für und wider das monatliche Verbandsorgan als Beilage zur „Laubhütte". Es wird nach sachlichen Angaben des Herrn Hugo C a h n angeregt und gefordert, mit Mainz weitere Verhandlungen und Beratungen zu pflegen. Es werden auch Meinungen geäußert und Anregungen gemacht, wie die sogenannten im e ut r.a l e n Gemeinden, die noch keinem Verbände angehören, zu gewinnen seien. Manche glauben, dieses vorsichtige Abwarten mit finanziellen Rücksichten zu erklären, andere wiederum weifen nach, wie nötig es für diese Gemeinden wäre, gerade unter f i n a n z ie l l e n Gesi cht s p unkten sich dem Darmstädter Verbände anzufchließen. Es wird dann dem Vorstand E n t l a st u n g erteilt, seine Tätigkeit und seine Arbeitsdevise für die Zukunft gutgeheißen. Eine Resolution betreffend die weiteren Verhandlungen mit Mainz wird in einem Wortlaute, der über d i e S ch a f f u n g von Sicherungen für die Unabhäng i g k e i t d e s D a r m st ä dt er V e r b a n d e s keine n Z w e i f e l l ä ß t, e i n stimm i g a ngenommen, ebenso der Etat, der den Beitrag der Gemeinden auf 2lÄ Proz. ihrer Steuereinnahmen festsetzt. Die V o r st a n d s e r s a tz.ro ä h l ergibt die Wiederwahl der Herren K n o l l e r, Beinsheim und Oppenheim, Michelstadt. Anstelle des zurückgetretenen Herrn Lebermann ist vom Lehrervereine Herr Lehrer Simo n, Pfungstadt, in den Vorstand delegiert. Neugewählt wird Herr Froh mann, Reinheim. Der durch Austritt des Herrn Fröhlich, Gießen vakant gewordene Vorstandssitz soll der Gießen er Religionsgesells chaft freigehalten bleiben. Gegen ein Uhr konnte die Verbandstagung vom Vorsitzenden geschlossen werden. Aus der Mitte der Versammlung wird dem Präsidium Dank für die Leitung ausgesprochen. Darauf versammelten sich die Anwesenden zu einem gemeinsamen Essen, dasschon den Rainen F e st essen verdient, zumal dasselbe von zum Teil ausgezeichneten und geiftooll'M Reden gewürzt war. Mit tieferen: Thoraworten eröffnete Herr R. A. Wassermann den Reigen der Ansprachen. Als recht liebenswürdiger Wirt begrüßte Herr Mi May er die Festgäste, insbesondere die Lehrer als treue Mitarbeiter. Mit gutem Humor charakterisierte Herr Hugo C a h n, Mainz, die starken — und auch schwachen — Seiten des Verbandes. Herr Lehrer Kaufmann, Sprendlingen, erwiderte mit launigen und ernsten Worten aus die von Herrn Mayer den Lehrern gemachtere Komplimente. Herr K oll in. Gemeindevorsteher m Gräsen-haufen, erfrischte die Versammlung mit einigen kräftigen Wendungen, die sich gegen die Annahme richteten, als seien die Landgemeinden, insbesondere die lehrerlosen Gemeinden, auf dem Aussterbeetat. Schöne Worte in Anknüpfung an den Wochenabschnitt bekam man noch von Herrn Rothschild, Pfungstadt zu hören. Herr Redakteur Schachno wi tz. Frankfurt a. M.. sprach als Gast und Vertreter der Presse. Herr Rabb. Dr. Merzbach unterhielt die Gäste, mit einer gedankenvollen- Tischrede über den „Kamps zwischen Schwarz nud.Weiß". Man mußte mit dem Benschen die Tafel beschließen, da inzwifchen die für das _Der 8 » raelit__ i Referat des Prov.-Rabb. Dr. L. C a h n, Fulda angesetzte Stunde längst fällig geworden: war. Herr Prov.-Rabb. Dr. Leo C a h n, Fulda, referierte über das Thema: „Der Einzelne als Zelle seiner G e m -e t nde Referent ging davon:aus, daß die gesamte Wirksamkeit einer Gemeinde letzten Endes oder besser ursprünglich aus dem Wirken des Einzelnen beruhe, daß es von jedem Mitglied einer Gemeinde in Stadt und Land, vornehmlich aber auf -dem Lande abhänge, was seine Gemeinde in. .jüdischer Hinsicht leiste und bedeute. Die Leistung des Einzelnen werde dann gewertet, wenn er sich nur mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Sache einsetze. Redner geht in der Folge ausführlich auf die nan mns nana ein und erklärt den dreimal hintereinander vorkommenden Begriff des v'»ni. Er sagt, keine jüdische Tagung, keine jüdische Veranstaltung oder Aeußerung jüdischen Geisteslebens sei denkbar, ohne daß nun im Lichtpunkte des Ganzen: stehe, in-nru a'2's nrmi- Kein Geringerer als der Rambam hat darauf hingewiesen, daß kein Alter, kein Stand, keine Gesundheiislage dm jüdischen Menschen der Verpflichtung enthebe, Tauroh zu lernen und für Limud Tauroh zu sorgen. Ganz besonders müsse man alle Sorgfalt dem Lernen der Kinder zuwenden, es sei heute durch populäre Schriften und Uebersetzungen einem Jeden ermöglicht, selbst dort, wo ein Lehrer fehle, sich und seinen Kindern jüdisches Wissen zu erhalten und zuzuführen. — Redner beleuchtet an einigen Beispiels aus der Praxis der ihm vorgelegenen Anfragen aus jüngster Zeit das krasse Am- Hooreztum und seine erschreckenden Folgen, wie die Hingabe von Orloh-Früchten an Kauhamm, das Taumel an der Wasserleitung, das Verschieben von Leichenbegängnissen u. a. m. Die unjüdifche Einstellung, die vielerorts als Folge des Nichtlernens und des Mangels an jüdischer Betätigung zutage trete, zeitige die unglaublichsten Folgeerscheinungen, was solle man: z. B. dazu sagen, wenn ein Vater voller Freude und Stolz ausrufe: „Sieht mein Junge nicht ganz unjüdisch aus!" Redner führt weiter aus, wie es in solchen Gemeinden: aussehe, wo gar nicht mehr gelernt werde. — Redner erzählt in ergreifender Weise aus der Zeit der Helden und Heiligen unseres Volkes, die „mekadefch Haschem" waren und gibt Einzelheiten aus dem Leben seines Vaters, des unvergeßlichen Fuldaer Raw V'xt. die geeignet sind, darzutun, wie nur der Erfolge für den Kkall erzielen kann, der sich vrui i>aa für Tauroh und Jiroh, für alle Anliegen von Klall Jisroel einsetzt. — In Gegensatz dazu stellte er eine Aeußerung im Artikel der Jüdisch-Liberalen Zeitung, die als den Wüßten Propheten des Judentums — den Stifter der christlichen Religion bezeichnete: von solcher Auffassung und ihren Vertretern trennen uns Welten. — Dafür, wie der Einzelne für fern ganzes Zeitalter zu wirken vermöge, führte der Referent Beispiele aus der Geschichte an und feuerte die Anwesenden an, daß jeder an seiner Stelle und in feiner Gemeinde für den Gedanken des gefetzestrenen Verbandes, für Tauroh und- Mizwaus wirke und werbe, ■hxik rr'n n nrrm. Das Referat fand dankbaren Beifall und damit fand die Verbandstagung ihren harmonischen Ausklang. Möge sie neuer Ansporn sein zu frischer Tat für naiaxi min in Stadt und Land! -; « „i In und um Sowjekrußland. Nach der soeben veröffentlichten neuesten Statistik leben in den Ländern der Sowjetunion 2.600.945 I u d e n. Seit 1897, also in einer Periode wan drei Jahrzehnten, hat sich die jüdische Bevölkerung, in den genannten Ländern um kaum 4 Prozent erhöht, während der allgemeine Bevölkerungszuwachs fast 40 Prozent beträgt. Dies erklärt sich daraus, daß zahlreiche Juden in den letzten Jahrzehnten nach Amerika und Palästina abgewandert wären. Von 1897 bis 1923 z. B. wanderten 550.000 Juden nach Amerika, 18.000 nach Palästina, 31.000 nach anderen Ländern aus. Bei diesen Zählungen sind die Juden in den jetzt selbständig gewordenen Gebieten Polen, Lettland, Litauen usw. nicht berücksichtigt worden. Diesen bald drei Millionen Juden soll mit Handwerk und Landwirtschaft geholfen werden. Der jüdische Handwerker ist in Rußland kein . Typ, der erst geschaffen werden muß, er muß nur mit modernen Mitteln auf größere Höhe gebracht werden. Bei den agrarischen Judensiedlungen handelt es sich um Versuche, um Hoffnungen und Erwartungen. # Der Förderung beider Zweige, der Landwirtschaft wie des Handwerkes, dient der Verband „ O r t Sein Aufbaufonds, der seit -1925 besteht, soll vollständig reorganisiert werden. Wie auf der Berliner Konferenz Ende Juli berichtet wurde, hat der Fonds bis Ende 1927 folgende Kredite gewährt: 1. Landwirtschaft (Darlehen für Beschaffung von Saatgut, Hausvieh, Pferden und für verschiedene Ameliorationen) in Rußland, Polen, Rumänien, Lettland, Litauen: 159.393 Dollar; 2. Jnvestion bei der Einkaufsgesellschaft (Cooperative Tool Supply Company) in Berlin und London zwecks Versorgung der Handwerker und Landwirte in den Ländern Osteuropas mit Werkzeug und Rohstoffen: 54.101 Dollar. Das Fondskapital betrug am 1. Jmmar 1928 265.669 Dollar. Es soll eine Umwandlung des Fonds, der jetzt als Aktiengesellschaft eingetragen ist, in eine andere Art Körperschaft, die den sozialen Aufgaben des Fonds mehr entsprechen würde, durchgeführt worden. Die jüdischen Kolonien in Südrußland erfreuen sich weitgehendster Unterstützung vonseiten der Regierung. Die Organisation „Komzet" hat erreicht, daß die jüdischen Kolonisten in der Krim und der Ukraine, die Ernteschäden erlitten haben, Saatgut und Finanzhilfe aus dem allgemeinen Regierungsfonds unter der Bedingung erhalten, daß sie ihre neue Ernte der Itegierung zum Kaufe anbieten. Komzet instruierte seine Bevollmächtigten in der Krim und in der Ukraine, schon jetzt mit der Verteilung von Saatgut und Darlehen an die jüdischen "Kolonisten zu begmnen. Jeder Kolonist erhält pro Hektar 12 Rubel als Vorschuß auf das an die Regierung abzuliefernde Getreide. Diese Abmachungen mit den Kolonisten tragen keineswegs einen Zwangscharakter, sondern den eines freiwilligen Abkommens. Bis jetzt haben jüdische Kolonisten solche Vorschuß-Abkommen mit der Regierung über Bodenflächen von insgesamt 9200 Hektar getroffen. ' Die autonome Verwaltung in den jüdischen Kolonien entwickelt sich und greift auf weitere Gebiete, über. Außer dem in der Ukraine bereits bestehenden autonomen jüdischen Verwaltungsrayon mit bem Hauptsitz Kalinrndorf (früher Sede Menucha) wird demnächst in dem Distrikt Zaporofchje, wo sich alte und neue JCA-Kolonien befinden, ein zweiter jüdischer Verwaltungsrayon proklamiert werden, der 54 Siedlungen (37 jüdische, 15 ukrainische und zwei deutsche) umfaßt. Der Rayon wird 3651 jüdische, 935 ukrainische und 82 deutsche Bauerngehöfte einschließen. Die jüdische Bevölkerung wird 72 Prozent der allgemeinen Bevölkerung betragen. Der Kreissowjet hat der Einrichtung des jüdischen Rayons bereits zugestimmt. Die Proklamation hat sich infolge der Mißernte, die die Stimmung unter d en jüd ischen Kolonisten h erab gedrückt hat, verzögert, wird aber in kurzer Zeit erfolgen. Das religiöse Leben gedeiht dabei nicht schlecht. Das klingt deutlich aus den Klagen und Besorgnissen der Kommunisten heraus. Die Mrnsker jüdische kommunistische Zeitung „Oktiabr" stellt mit Bedauern fest, daß die Religion unter den Juden besonders der kleineren Städte Weißruß l a n d s sehr tief verwurzelt ist. Die jüdischen Institutionen der Gemeindesteuer, Ehewra Kadischa usw. stehen auf fester Basis. Die Kinder werden in C h e d a r i m unterwiesen, die Schüler wechseln alle drei Stunden ab. Die Rabbiner organisieren die Massen für religiöse Arbeit. „Oktiabr" fordert eine Verstärkung und Systematisierung der antireligiösen Propaganda. Das gilt für die Provinz und die Städte. In den autonomen Niederlassungen ist den Juden Gelegenheit geboten, ihre religiösen Institutionen nach Bedarf ungestört auszubauen. Erfreulich ist die letzte Nachricht aus B i r B i d schau, die die Mitteilungen über große Verwüstungen als stark übertrieben erscheinen läßt. In Wahrheit sind bei der katastrophalen Ueberschwemmung, von der das Amur-Gebiet im Fernen Osten, darunter auch das jüdische Siedlungsgebiet Bir-Bidschan, heimgesucht worden ist, die jüdischen Versuchsfelder verschont geblieben. Freilich sind die Heuwiesen, auf denen das Heu schon geschnitten dalag, überschwemmt worden. Die Heu-Ernte ging ganz verloren. Die Arbeit auf den Feldern