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Der Israelit · 1928-08-09 · Heft 32 (9.8.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 32 (9.8.1928)
Date
1928-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Nr. 32 Sette 3 9. August 1928 llon Juden, von denen 10 Proz. in Elsaß und Lothringen wohnen mögen,. Vor dem Kriege war die jüdische Bevölkerung meist in den kleinen Städten und Dörfern beheimatet; man zählte gegen 160 jüdische Gemeinden in Unter-Elsaß und je 80 in Ober-Elsaß und Lothringen. Seit dem Kriege ist diese Zahl sehr zusammengeschrumpft, und infolge der Abwanderung nach den großen Städten fristen die kleinen rn^nj? ein sehr kümmerliches Dasein, namentlich in religiöser Beziehung. Die jüdischen Gemeinden, in denen heute noch täglicher Gottesdienst stattfindet, find an den Fingern zu zählen; junge Leute, welche die Samstagruhe beobachten, gehören zu den Selten,Herten und der Sinn für virvi,Trm ist völlig geschwunden. Infolgedessen hört man nicht selten die Frage aufwerfen, worin wohl die Tätigkeit der geistigen Führer in den vielen Duodezgemeinden bestehen mag; es gibt gegenwärtig noch 13 Rabbiner in Unter-Elsaß, 8 in Ober- Elsaß und 4 in Lothringen. Sie finden auch nicht die geringste Anregung zu geistiger Betätigung, was um so mehr zu bedauern ist, als einige unter ihnen Großes zu leisten imstande wären. Auch in den sogen, mittleren Gemeinden mit etwa hundert jüdischen Familien scheinen diese in dem Rabbiner mehr eine seit altersher übliche, heute aber überflüssig gewordene Institution zu sehen, als ihren religiösen Führer, der dazu berufen ist, ihnen jüdische Lehre in Praxis und Theorie vorzutragen. In den oben genannten Städten ist dagegen die jüdische Einwohnerzahl sehr gestiegen: Straßburg beherbergt seit dem. Waffenstillstände rund 10 000 Juden, und Metz, Mülhausen und Colmar zusammen, ebensoviel. Hier wird die Zeit der Rabbiner allerdings stark in. Anspruch genommen durch die häufigen Trauungen und Trauerreden (womit nicht gesagt sein soll, daß nicht manche Traupredigt zugleich eine Trauerrede ist), sowie Krankenbesuche, Wohltätigkeit und ähnliches nvn Die beiden Gebiete rnmyi mm aber scheinen aus dem Ressort der meisten ostfranzösischen Rabbiner einstweilen gestrichen worden zu sein. Selbst in Colmar, dem Sitze eines streng orthodoxen Oberrabbinats und dex Keren Hatorah-Zentrale für Frankreich, ist bei den 300 jüdischen Familien das „Lernen" eine ungekannte Beschäftigung. Wie gesagt, auf charitativem Gebiet geschieht wohl manches. So werden in Straßburg allein unterhalten ein jüdisches Hospital, ein Müdchenwaisenhaus, — die Knabenwai senanstalt befindet sich in Hagenau — ein Altersasyl, eine Handwerkerschule, ein Kinder-Erholungsheim (Schirmeck); im Bau begriffen ist ein sehr luxuriöses Mädchenheim. Aehnliche Anstalten befinden sich in Colmar, Metz und Mülhausen. Fast jede Gemeinde hat eine Wohltätigkeitskasse, damit private Armut gelindert werden könne. Was will es aber besagen, wenn die reiche jüdische Gemeinde in Colmar für derartigen Zweck im Jahre 1927 im ganzen rund nur 20 000 Frcs. verausgabt hat? Ueber Zionismus und Agudah läßt sich sehr wenig berichten. Nicht viel mehr kann ich von der vor einigen Jahren gegründeten Vereinigung der „Amis de la tradition juive“ erzählen, von deren Tätigkeit man sich anfangs viel versprochen hatte. Dabei könnte sie in Gemeinschaft mit gleichgesinnten Vereinigungen, vor allem der Ez Chajim-Gemeinde in Straßburg, aber auch mit dem Verein Emunoh ebenda sowie den Filialen der Schema Jsroel-Gruppen in Metz und Mülhausen manches Ersprießliche leisten. An der Straßburger Universität soll demnächst ein großes Studentenheim erbaut werden. „Die Freunde der jüdischen Ueberlreferung" würden sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sie ein ähnliches Institut für die vielen fremden jüdischen! Studenten errichten und damit der zur völligen Untätigkeit verurteilten jüdischen Studentenvereinigung vielleicht zu neuem Leben verhelfen würden. Mein Bericht über die jüdischen Verhältnisse in den wieder mit Frankreich vereinigten Ostprovinzen wäre nicht vollständig, wenn nicht der vielen „östlichen" Brüder gedacht würde, die sich seit dem Kriege hier angesiedelt haben. Man schätzt die Zahl der polnisch-jüdischen Familien, die sich seit dem Waffenstillstände in Ostfrankreich niedergelassen haben, auf rund 2000, wovon die Hälfte allein auf Straßburg und Metz entfällt. Es ist noch verfrüht, zu sagen, wie die Amalgamierung von „Ost und West" vor sich gehen wird. Soviel steht fest, daß von dieser Vermischung die Zukunft des jüdischen Lebens in Elsaß und Lothringen abhängt. Zwischen Licht und Dunkel in Rumänien. Bei einem ihm zu Ehren von der „Union rumänischer Juden in Amerika" gegebenen Bankett hielt der rumänische Gesandte in Washington, George G r e tz i a n o, eine Rode, in> der er seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab, daß in Zukunft keine rumänische Regierung irgendwelche Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung im Lande zulassen wird. Seiner Meinung nach sind auch die bisherigen antisemitischen Exzesse von kleinen Gruppen begangen worden; so etwas ist in der Vergangenheit auch in Ländern mit Denn nii>an^ -»np-nti «iai> ’nyw nanp» '2, nahe 'ist das Heil, das Recht, das von Well und Menschen Besitz nimmt. So darf dann das jüdische Volk nach all dem und in der Gewißheit, daß Gottes Hand, die geschlagen hatte, es selbst ist, die Heil und Heilung bringt, in Jubel ausbrechen: 'pi-rra ’»s3 ^an na epps mv- Eine Jbn Esra-Skelle. Von Rabbiner Dr. kaah in Hindenburg O.-S. Der Pentateuchkommentar Abraham Jbn Esras bietet durch die gedrängte Kürze seines Stiles den Erklärern große Schwierigkeiten und vielfach -ist der Sinn seiner Worte nicht zu enträtseln. Gibt es doch Stellen, an denen feine dunklen Andeutungen Veranlassung zu den seltsamsten Erklärungen geben. Es sei z. B. aus die Stelle Anfang Deworim verwiesen, die von Spinoza in seinem theologisch-politischen Traktat zittert und in die von ihm die vefitiegene Deutung hineingeheimnißt wird, Jbn Esra sei ein Skeptiker gewesen und habe dort seine Skepsis in verhüllter Weise zum Ausdruck gebracht. Ich will nun an einem kleinen Beispiel zeigen, wie eine mysteriös klingende Erklärung Jbn Esras, wenn sie richtig verstanden wird, sich auf die einfachste.Weise löst und sich als eine schlichte grammatische Bemerkung erweist. Anfang niv "n zu Gen. 23, 3 in» ->3-, hvn oma« op'i sagt Jbn Esra "s uvi rpa^> wi. Der erste Teil der Bemerkung, „eine Andeutung für den Körper" weist darauf hin, daß bei dem Wort „seiner Toten", obwohl es sich auf Sara bezieht, nicht die weibliche Form wna, sondern die männliche in» gewählt wurde; es fei ein Eigenschaftswort, bei dem *pa zu' ergänzen sei, also „toter Körper". Aber der zweite Teil der Bemerkung „ferner findest du eine Erklärung ist rätselhaft und hat bei den Superkommentatoren die wunderlichsten Auslegungen gefunden. Klingt es doch inder Tat sehr geheimnisvoll, wenn Jbn Esra und noch dazu in Verbindung mit dem Begriff des Todes von einer „Erklärung spricht, als ob er eine dunkle Andeutung machen wolle, die er nicht auszufprechen wage. Aber die Wahrheit ist, daß hier eine grammatische und nichts weniger als geheimnisvolle Bemerkung vorliegt: In einem alten Jahrgang der hebräischen Zeitschrift Hamaggid hat der gelehrte Forscher Abe A p felbaum aus Rzeszow eine Erklärung der Stelle veröffentlicht, deren Richtigkeit auf der Hand liegt und die folgendermaßen lautet: Das Wort ivrri' heißt hier nicht „wie folgt", sondern hat einen ganz anderen Sinn, es bedeutet die Srdra Emor. In dieser Sidra nämlich, und zwar zu Lev. 21,11 rra' *6 n» nivs3 4a ^51 bemerkt Jbn Esra'iai *ion ei'anVfin spa „toter Körper, (das Wort) Körper fehlt, denn tot ist ein Eigenschaftswort." Also auch hier hebt Jbn Esra hervor, daß bet dem Worte „tot" zu ergänzen fei „Körper". Darauf bezieht sich seine Bemerkung zu m» "N' die zu übersetzen ist: „Ferner findest du eine Erklärung in Emor." Messe Lösung des Rätsels, das so manches Kopfzerbrechen verursachte, ist schlicht und einleuchtend, und es gilt von ihr das vom seligen Professor A. Berliner auf solche Funde angewandte Wort der Mischna: *mrni> a"n Ws» it-rr- Kleines Feuilleton. (Der Iude ist schuld.) Nämlich an den vielen Elsenbahnunfällen in Bayern, ebenso wie er daran „schuld" war, daß der Krieg kam, daß er früh oder nach anderer Lesart zu spät beendet wurde, daß es zu heiß oder zu kalt ist! Streichers „Stürmers-Nürnberg begründet. die einer älteren Zivilisation als die Rumäniens vorgekommen. Die Vorschläge und Anregungen ,die ihm von einer Abordnung der Union rumänischer Juden in Amerika unterbreitet wurden, habe er an seine Regierung in Bukarest weitergegeben, die sie „mit Wohlwollen prüft". Die jüngsten Ereignisse in Rumänien hätten bewiesen, daß die rumänische Regierung den ernstesten Wunsch hat, in Zukunft jeder Art von Schikane, wie sie von einer Gruppe aufrührerischer Elemente gegen die jüdischen Bürger versucht werde, vorzubeugen. Zu'diesem Optimismus paßt weniger ein Bericht, den in einer Sitzung des „Administrative Committee" und des „Special Committee on Plan and Scope" des American Jewrfh Congreß Herr Irving F i n e m a n von der Universität Illinois, der vor kurzem längere Zeit in Rumänien geweilt hat, erstattete. Er sagte, daß trotz der gegenteiligen Versicherungen der Antisemitismus und die Verfolgung der Juden, besonders der jüdischen Studenten, in Rumänien noch immer andauern. Ich habe, sagte Fineman, die in der Presse erschienenen Berichte von Leon Fischer und Dr. Charles S. Macfarland gelesen, ebenso den Bericht über die Ansprache des rumänischen Gesandten George Gretziano auf dem ihm von der Union rumänischer Juden in Amerika gegebenen Bankett, und bin eher geneigt, der Darstellung von Dr. Macfarland Recht zu geben, der feststem, daß die Lage der Juden in Rumänien nicht aufgehört hat, eine sehr unsichere zu sein. Wenn Herr Gretziano feststellt, daß antisemitische Ausschreitungen in Rumänien nicht mehr Vorkommen können, so kann ich dem entgegen halten, daß es noch immer Professoren gibt, die an den Universitäten öffentlich den Judenhaß predigen und daß sogar verantwortliche Leiter von Universitäten gegenüber den Studierenden den Standpunkt vertreten, daß ein rumänischer Jude ein unerwünschter „Fremder".» ist. Es ist ferner wahr, daß antisemitische Studentenorgcmisationen weiterhin öffentliche antisemitische Kundgebungen veranstalten und innerhalb der Universitätsmauern ein System der Verfolgung ihrer jüdischen Kollegen durchführen. Roch immer müssen jüdische Studenten, die ihr Studium zu Ende führen wollen, soweit die Mittel es ihnen erlauven, ausländische Universitäten aufsuchen. In der Regierung selbst sitzen auch heute noch Männer, die versuchen, die Vorgänge in Großwardein als einen „belanglosen Zwischenfall" hinzustellen und die keine Bedenken haben würden, die an den rumänischen Universitäten glimmende antisemitische Kohle zu einem Brande zu entfachen, soferne ihnen dies politisch als nützlich erscheinen würde. Schuld der Juden «m den Eisenbahnunfällen damit, daß Stresemann und die „Judenparteien" die deutsche Eisenbahn zur Privat-Gesellschaft gemacht und dadurch also den Juden ausgeliefert hätten. Seitdem fei die Eisenbahn verflucht, und der deutsche Fahrgast wisse nicht, ob er auf der „verjudeten, verfluchten Bahn" nicht <m der nächsten Stunde sein Leben lassen müsse. Dazu schreiben die „Abwehrblätter" des Vereins zur Abwehr des AntifemiKsmus mit ätzendem Spotte: „Wir können die Angaben des „Stürmers" noch durch einige weitere „Enthüllungen" ergänzen. Die Judenfchaft hat den wahrhaft teuflischen Plan gefaßt, auf dem Wege des Eisenbahnfahrens allmählich die gesamte arifchgermanisch-christliche Bevölkerung auszurotten; in gemessenen Abständen werden Züge zum Entgleisen gebracht, die mit Germanen bis zum Rande vollgefüllt sind, und dabei gibt es immer ein paar Dutzend Tote. Seitdem die Judenschaft diesen ungeheuerlichen, mörderischen Plan ausgeheckt hat, fahren keine Juden mehr auf der Eisenbahn.! Alle Juden fahren ausschließlich Auto oder Luftschiff! Sie wissen, warum! Sie wollen eben ihr von ihnen sehr wertgeschätztes Leben retten und, wenn die Christen allesamt eisenbahnverunglückt sind, endlich die heißersehnte Weltherrschaft an sich reißen! Aber sie sind jetzt entlarvt, und so wird es doch wohl noch nicht gleich werden!!" (vom Prager Judenfriedhof.) In der „Voffifchen Zeitung" schildert der Prager Schriftsteller Egon Erwin Kisch anläßlich der Meldung, wonach der alte jüdische Friedhof in Gefahr setz, den einzigartigen Charakter dieses Judenfrtedhofes. Kisch schreibt nach Aufzählung der wichtigsten literarischen Arbeiten, deren Schauplatz der Judenfriedhof ist, unter anderem: „Man braucht wahrlich aus dem Prager Judensriedhos keinerlei Phantasie spielen zu lassen — viel phan-

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