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Der Israelit · 1928-08-09 · Heft 32 (9.8.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 32 (9.8.1928)
Date
1928-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 32 Der Israelit .3T. r i etwas zu weit zu gehen. Es wäre natürlich für die Verwaltungsmaschinerie eines jeden Landes viel einfacher, wenn alle Untertanen zu demselben Gotte beteten, womöglich auch auf allen anderen Gebieten dieselben Anschauungen und Neigungen hätten und im übrigen Order parierten. Aber dieser militärische Verwaltungsgesichtspunkt, der die Uniformierung um jeden Preis will, sollte doch gerade im Heiligen Lande Halt machen vor dem Respekt, den die Mandatarmacht, wenn sie ein jüdisch-nationales Heim zu schaffen berufen ist, den religiösen Anschauungen des Volkes der Bibel entgegenzubrm.gen verpflichtet ist. Daß im übrigen die Traditionslosigkeit weiter jüdische Kreise, die heute im Heiligen Land tonangebend sind, den Boden geradezu urbar macht für eine erfolgreiche Tätigkeit der christlichen Judenmission, erkennen nach und nach selbst solche Persönlichkeiten, die der Orthodoxie, ja, dem überlieferten Glauben, überhaupt, recht fernstehen. So äußert sich z. B. der bekannte Wochenplauderer des Jewifh Chronicle, der unter dem Namen „Mentor" schreibt, und der ein geschworener Gegner aller Orthodoxie ist, im Anschluß an die oben erwähnte Aeußerung Lord Plumers wie folgt: „Geschieht etwas in Palästina, um der Mission entgegenzutreten? Ich höre von nichts Wesentlichem, während andererseits vieles, was in Palästina von den Juden selbst geschieht, geeignet ist, die Abwendung vom jüdischen Glauben zu ermutigen und anzueifern, so daß die Juden eine leichte Beute des christlichen Einflusses werden. Es gibt eine große Zahl von Juden in Palästina, sogar solche, die aktiv an der zionistischen Arbeit in Palästina beteiligt sind, manche sogar, deren Tätigkeit sich auf dem lebenswichtigen Gebiete der Erziehung abspielt, die jüdische Lebensführung und jüdische Ueberlieferung mit der gleichen Energie verdammen, wie dies manche ihrer Landsleute in ihrem Heimatlande Rußland tun. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen die Bekehrer re i che Ernte ein heimsen können in dem Lande, das sie als heilig betrachten." , Es muß immer wieder darauf hingewiefen werden, daß nur ein wahrhaft religiöses Schulwesen dem jüdischen Volkskörper in Erez Jisroel Immunität gegen die zerstören-de Tätigkeit der Missionäre gewährleisten kann. Der Prager jüdische Friedhof in Gefahr? Alarmnachrichten gehen durch die Welt, daß in Prag die Absicht bestehe, den alten jüdischen Friedhof mitsamt der Altneuschul und dem alten jüdischen Rathaus aus Verkehrs- und Verschönerungsrücksichten abtragen zu lassen. Bei näherer Betrachtung sieht die Sache noch nicht gar so schlirüm aus und erscheint der Alarm mindestens verfrüht, wenn es auf der anderen Seite auch zutrifft, daß man bei Anzug solcher Gefahren sich gar nicht früh genug zur Wehr setzen kann. Der Sachverhalt ist folgender: Der Prager Stadtrat hat Beratungen gepflogen und Beschlüsse gefaßt, das Stadtbild den vergrößerten Anforderungen des Verkehrs anzupassen. Es wurde dabei ein Plan zum Schutz der historischen! und künstlerischen Denkmäler aus.gearbeitet, in dem aber die jüdischen Denkmäler, wie Friedhof, Altneuschul, Rathaus usw., nicht genannt werden. Es ist zunächst etwas Negatives, das der Beunruhigung zugrunde liegt. Man hat n i ch t berück f i ch t i g t! Vielleicht hat man es deswegen nicht getan, weil sich die Berücksichtigung dieser Denkmäler voni selber ergibt, weil man es gar nicht wagt, mit dem Gedanken der Demolierung alter Heiligtümer, die die Schönheit Prags ausmachen und ein Zugmittel für Tausende jahrein jahraus bilden, zu spielen. Vielleicht sprach man deswegen nicht davon, weil die jüdischen Altertümer Prags fernab von der Zone liegen, die auszubauen und zu erweitern heute in Prag eine unabweisbare Forderung des gesteigerten Verkehrs ist. Denn, daß man in einem Lande mit einem Mafaryk an der Spitze des Staatslebens, in einer Stadt, wo die Juden doch eine gewisse Rolle spielen und auch im Stadtrat gut vertreten sind, an einen solchen Vandalismus nur denken könnte, halten wir für schlechthin u n - möglich. Wir halten die Grabstätten des „Hohen Rabbi Lörv", des Rabbi Awigdor Caro, des Rabbi Jomtow Lipmann Heller und der unzähligen Märtyrer nicht in solchem Maße für gefährdet, um gleich in den Lärm, der sich dieser Tage in der jüdischen Presse erhob, miternzustimmen. Wir erwarten vielmehr von Prager offizieller Seite eine Erklärung, die auch die letzten Besorgnisse zerstreut. ' Jüdisches Leben in Elsaß-Lothringen. In den letzten Monaten war unser Ländchen, wie schon oft in der Weltgeschichte, wiedereinmal der Mittelpunkt politischer Ereignisse und damit Gegenstand journalistischer Berichterstattung. Bei dem einen oder anderen Leser der Verhandlungen des Colmarer Autonomisten-Prozesses wird aber gewiß der Wunsch rege geworden sein, auch einmal etwas über die jüdischen Verhältnisse hierzulande zu erfahren, und aus diesem Grunde schreibe ich diesen Brief. Ich muh mit einer Richtigstellung der Ueberschrift beginnen. Seit dem 22. November 1918 _• _£. August 1928 'gibt es kein Elsaß-Lothringen mehr, sondern nur noch ein Elsaß und ein Lothringen. Ganz richtig ist auch diese Bezeichnung nicht, denn gegenwärtig umfaßt das Frankreich und Deutschland verbindende oder — um die Wahrheit zu sagen — trennende Gebiet die drei Bezirke Unter-Elsaß (Niederrhein), Ober-Elsaß (Oberrhein) und Lothringen (Mosel) mit den Hauptstädten Straßburg, Colmar und Metz. Gemeinsam ist den drei Territorien eigentlich nur ein Begriff: der Haß oder die Liebe zu Deutschland bezw. zu Frankreich. Man kann nämlich nicht behaupten, daß die Elsässer und Lothringer sehr mit einander sympathisieren: es wäre jüngst fast ein kleiner Krieg zwischen Colmar und Metz ausgebrochen, weil die dritte Kammer des Appellationsgerichts von Colmar nach der lothringischen Hauptstadt verlegt werden sollte. Der Streit ist durch Vertagung, der Angelegenheit einstweilen beigelegt, wird aber in Bälde vermutlich wieder aufleben. Die Parteinahme für eines der beiden Länder betrifft übrigens nicht die jüdische Bevölkerung; diese neigt, man kann sagen ohne Ausnahme, mehr zu Frankreich hin. Es ist daher nicht weiter erstaunlich, daß die Gruppe der Autonomisten nicht ein einziges jüdisches Mitglied hat. Diese Tatsache ist auch erklärlich: die Gleichberechtigung der Juden steht in Frankreich nicht bloß auf dem Papier, sondern wird tatsächlich durchgeführt. Leider hat die Ignorierung der Religion von Staats wegen auch ihre Vernachlässigung durch die Bürger zur Folge, und es muß 'konstatiert werben, daß nichtein einziger der vielen hohen jüdischen französischen Beamten dem traditionellen Judentum angehört. In unserem Grenzland ist zwar die Trennung von Kirche und Staat noch nicht durchgeführt — in Frankreich ist sie bekanntlich vor mehr als 20 Jahren eingeführt worden — und wird infolge der sehr starken Macht des Klerus vorerst auch nicht Gesetz werden. Wir müssen daher all unsere inneren religiösen Angelegenheiten auf ,grund der ganz antiquierten Synhedrialgesetzgebung der Jahre 1808 und 1844 regeln. In die mit staatlicher Autorität ausgeftattete oberste jüdische Behörde — Konsistorium — werden aber nicht solche Männer gewählt, die auf grund ihres jüdischen Wissens und ihrer Erfahrung sich dafür eignen, sondern Persönlichkeiten, die durch ihren Reichtum, Titel oder soziale Stellung den Wählern imponieren. Ex officio ist auch der Oberrabbiner des betreffenden! Departements Mitglied des Konsistoriums; ex führt zwar die Amtsbezeichnung G r a n d-Rabbin, ohne darum aber schon ein sein zu müssen. Frankreich - zählt zur Zeit eine Viertelmil- ■■■■?>* .N- Die Skala der Tröstungen. Abudraharn weiß einen uns unbekannten Midrasch zu zitieren, wonach die sieben Trosthastoroth in ihrer Reihenfolge eine Aussprache zwischen Gott und Israel mittels des Propheten darstellen. Es kam der Prophet zum geschlagenen Volke mit dem Doppelrufe: i»m '»S ian3- Darauf das Volk: Willst du, ein Mensch, UNS den Trost bringen, die Wunde heilen, die Gott mit eigener Hand geschlagen? Hatte uns Gott selbst verlassen, der Herr unserer vergessen? '3N3v ->33Ty px larrni. Unverrichteter Sache eilt der Prophet zu Gott zurück, um ihm den Auftrag zurückzugeben. Sie wollen meinen Trost n i ch t nani3rri>n7yiv"3v. Darauf Gott: So will ich ihnen selber den Trost bringen, ovanw tt-.n ’aix »sik» Er selber ruft zum Jauchzen und Jubilieren auf: m-v ’n und '^p /pis rra ■o ■ms?, und nun zieht erst wahre Freude durch die Gemüter, Freude an Gott, Freude mit Gott. w ■>©S3 i>3v na v'Drr- Nimmt man einmal bie Aufeinanderfolge der Trostabschnitte zum Gegenstände der Betrachtung, so verlohnt es sich auch, den Gedankengängen eines älteren homiletischen Erklärers m’s) zu folgen. Wie hier Mahnung und Verheißung, Strafe und Lohn, Trauer und Trost ineinanderfließen, zeigt deutlich eine Gegenüberstellung der drei Trauerabschnitte, die dem neunten Aw vorausgehen, mit den sieben Trostkapiteln, die ihm folgen. Kein Ton ist vom Klagepropheten vorher angeschlagen, auf den der Trostkünder nicht nachher in prophetischer Voraussicht eingeht. Wo die Gotteshand die Wunde geschlagen, dahin erstreckt sich die heilende Hand. Im ersten Kapitel des Buches Jirmejahu, das die Skala der Trauerwochen einleitet, find zunächst allgemeine Strafpredigten enthalten, für die sich der Prophet nur nach innerem Widerstreben, dem Rufe gehorchend, hergibt, dann aber auch Warnungen im Einzelnen mit Hinblick auf das unausbleibliche Unheil pimbi »imV onnVi tsköPi- Mit allgemeinen Trostantworten antwortet zunächst die erste Trosthafthora. 1127 '121 ian3 oVivm 2b i>v- Tröstet, tröstet das Volk, redet ihm zu Herzen. Dann aber wendet sich der Prophet an Zion insbesondere, an Zion, das sich vergessen und verlassen glaubt, mit konkreter Verheißung, mit der Ankündigung des baldigen Ausbaus: Ta™» Ti * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * 33 1™'» 's -3Vi'a ■nxn nny iniv'in firn TviaaiVi 1'V137N ,ir?x-> *]»» irninai „Deine Zerstörer eilen von dir weg und deine Trümmer werden wieder aufgebaut." Im zweiten Kapitel des Jirmejahu wird uns der Grund und die Quelle alles Unheiles im Lassen von der Thora gezeigt, rr!> ,7710.7 ’e>svn n ,t>n n»N kb onnrn ,•>2 ws D’vnm •>3i»t> und als Strafe angedroht: v3'33 '33 vrri cnns ans 71p p$> „Ich werde mit euch, mit euren Kindern hadern," werde euch das Glück und den Frieden nehmen. Demgegenüber wird uns in der dritten Trosthaftora verheißen:!oi T33 o-ös 371 '7 rna-H T33 „Und all deine Söhne werden lernen, Gott zu kennen, so daß sich daraus der Frieden deiner Söhne ergibt," der Frieden in und mit sich, der Friede mit der Welt, der Friede zwischen Israel und Gott. Im gleichen iv»’p des Jirmejahu wird aber auch der Wehruf ausgestohen darüber, daß die Völker in Israels Heiligtum eindringen, fein Gebiet plündern. .'131 v'7'22 13W> 1'Vy T3^> "N V17!2 i Die dafür passende Nechomo in dem vierten Trostkapitel flautet dann: rravi!>7y 7iy ->3 sia!> -pvi' ’3 iw my my ] „Erwache, erwache, rüste dich mit Macht, denn nicht mehr wird der Fremde und Unreine in dein Gebiet dringen." Ein langes und schweres Sündenregister hält Jesaja im i im am Sabbat vor dem Trauertag dem irregegangenen Volke vor. '3 iye?2 tarn ’naam am Er droht: o 3a '3'y o3w3 oDWpaai. Gott werde sein Antlitz von ihnen abwenden, ihre Gebete nicht mehr anhören. Es ist das Schlimmste, was einem Menschen, einem Volke passieren kann, daß es Gott v'w 7nom straft, Sein Antlitz von ihm abwendet und es dem Schicksal und den feindlichen Geschicken schutzlos überläßt. Solche Drohungen sind auch in der Lehre Mosis wiederholt enthalten und bilden zumeist den Höhepunkt der angekündigten Strafen. Aber gemach! Die fünfte Trosthaftora mildert diese schwerste der Strafen, sänftigt den Schmerz mit der Verheißung: . i'van'7 Dhv 70m -|»a yai ’3s rninv.i t]xp tptva „In meinem schäumenden Zorn habe ich nur eine Weile mein Antlitz von dir abgewendet, aber mit ewiger Liebe nehme ich mich deiner wieder an." Schwer wiegt die Anklage des Propheten im gleichen prn Kapitel: '121 D’aaa nam anno -jnp ^1 Q’a’oi» ".7 isoa „Dein Silber wurde zu Schlacken, deine Fürsten Uebeltäter und Diebesgesellschaft. Alle lieben sie die Bestechung usw." Da klingt es aber wie geistige Wiedergutmalhung, wenn der gleiche Prophet im sechsten Trostkapitel kündet: ,f]03 ST3K i>T73P Jinm 3F1T K’3N NVN3N nnn „Reines Gold ersetzt das Kupfer und reines Silber verdrängt das Eisen." Rein von Schlacken, von jeder trübenden Mischung ist Israels Geist und Israels Glück fortan. Und herrschten einst Bestechung, Dieberei, und Rechtsbeugung, so gilt jetzt das Wort:- van ny yw «b 1^1333 13V1 71V ^7K3 „Nicht wird mehr (Bemalt in beinern ßanbe herrschen, nicht mehr Raub und Rechtsbruch in deinen Grenzen."

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