Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1928)
- Date
- 1928-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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W 31 192$ Feuerzeichen. Gin Hyetto-Woman von S. Schachnowitz. (Schluß.) r/fm 30. Am Tage nach der Zusammenkunft mit Rabbi Naftali fuhr Arje Löb 'ab. Der Weg ging, nicht wie damals, über Grenzen nach weiten Ländern. In den Gemeinden Deutschlands wollte er das Interesse und die Teilnahme, die sich überall am Schicksal des Frankfurter Ghetto und seines Rabbi bemerkbar machte,'ausnutzen. Inzwischen war Ahron Oppenheim durch Arje Löb der Weg zum Rate und zur Stätte des Gerichtes geebnet. Aufs Verhandeln und ParlamentiereN verstand sich dieser, war die Tür einmal geöffnet, besser, denn alle anderen. Zuerst gelang es, Rabbi Naftali in einen anderen eigenen Raum zu überführen, wo er, unbelästigt von anderen Häftlingen, seinen Gewohnheiten gemäß leben konnte. Hatte er sich bis dahin von Brot und Wasser ernährt, so konnte ihm jetzt rituelle Nahrung in seine Einzelzelle geschickt werden, auch Bücher. Ahron Oppenheim fand, je länger sich die Sache hinzog, um so milder gestimmte Richter. Jede neue Vernehmung war neuer eklatanter Beweis für die Haltlosigkeit der Anklage. Man schämte sich schon ein wenig, aber man ließ die Anklage nicht ganz fallen. Andere, höhere Faktoren hielten sie zu anderen, sichtbaren Zwecken aufrecht. Indessen ließ sich nun schon über den Betrag reden. Die „Kaution", nannten es die Richter und Räte; von der „ L o s k a u f s u m m e " sprachen die Vorstände und jüdischen Räte in den häufigen Sitzungen. Schon nach wenigen Wochen —; die Sache duldete keinen Aufschub — kehrte Arje Löb zurück, mit einer Summe, die zusammen mit den von den Bemittelten in der Gemeinde willig oder unwillig aufgebrachten Geldern gerade ausreichte. Man, hatte mit dem Rate gehandelt und erhandelt, was zu erhandeln war. In den letzten Tagen des Schwat war Rabbi Naftali nach langen Wochen des Leides f r e r. Unter der Bedingung hatten Rat und Gericht die Befreiung bewilligt, daß der Rabbi unverzüglich und unauffällig das Weichbild Frankfurts verlasse. Es durfte seine Abreise kein Aufsehen bei den Bürgern und dem Pöbel vor dem Ghettotor erregen. Unter diesen Voraussetzungen steckte man die gezahlte „Kaution" ein. Im grauen Morgen stand der kleine, gedeckte Vauernwagen hinter der Friedhofsmauer. Von Hanau aus konnte er mit der Taxispost weiter gen Osten fahren, hier hätte die Abfahrt an der Taxisstation mehr Aufsehen erregt, als tunlich schien. Ein kleiner Freundeskreis umstand schweigend und beklommen den kleinen Wagen. Rot hatte der östliche Abendhimmel geleuchtet, als er vor sechs Jahren in die Stadt einzog, umrauscht von Ehren und Jubel. Man spannte ihm die Pferde aus und die Menge raste vor Begeisterung. Vier Männer umstanden die Bauernfuhre, mit der er heute, fast heimlich, im Morgendämmer zum Stadttor hinausfuhr. Was war das Fazit seiner sechsjährigen Tätigkeit in Frankfurt? „Als ich auszog aus Mizrajim, Als ich auszog aus Ieruscholajiml" drängte sich ihm ein altes Klagelied auf die Lippen. ' Feuerzeichen! Grau erwachte der Osthimmel, dem er entgegenfuhr, unbestimmter Weite, unbestimmter Zukunft entgegen. Rote Pässe dazwischen! Was besagten die Feuerzeichen? Er hatte,einstens, da ihm Gott die erlösende Hand entgegengestreckt, ihn aus Gefangenschaft im Lande der Tataren zu befreien, damals hatte er fo gut wie gelobt — nicht ausgesprochen, aber still in der Seele gelobt — im heiligen Lande der Väter sein ferneres Leben aufzubauen. Alles andere Tun bisher war nur Etappe, war nur Weg zu diesem Ziele. Warum kam er her? Warum ließ er es sich wohl ergehen, da er chier seinen Namen, Ruhm und Macht wachsen sah? Kamen' die Feuerzeichen, um ihn aus dem Taumel zu reißen, ans Ziel zu gemahnen, zu drängen?. Hatte er umsonst Nacht für Nacht um Zion und Jerusalem geweint und nicht die Kraft besessen, ein Gelübde der Seele in die Tat umzusetzen? Galt das Zeichen ihm, was hatten die armen Menschen in der Gasse gefehlt, daß sie so hart getroffen wurden. Nein, es waren auch ihre Sünden, die Sünden des Geschlechtes, die geahndet wurden. Aber daß e r, da alles vorbei war, noch einmal für sich büßen mußte, sein eigen Ungemach im Unglücke hatte; das waren die Feuerzeichen, füx ihn bestimmt. . Und jetzt? Noch führte nicht der Weg nach jenem Lande des Ostens, das die Heimat der Sonne und der Schechina ist. Noch wollte Gott nicht. Ein Brief aus Posen gelangte her, wo man an seinem Schicksal warmen Anteil nahm. Alte Freunde riefen, und er folgte dem Rufe. Der helle Streifen wuchs, wurde breiter und breiter. Lichter wurde es ringsherum. Graue Nebelrisse jagten oben der wachsenden Sonne nach. Es wehte eine kühle Luft. Jörgen, der Fuhrmann, löschte die Laterne am Bocke, löste den Futtersack vom Maule des Pferdes und setzte sich vorne auf dem Brette in Positur. Rabbi Naftali umarmte Rabbi Schmuel. Küsse, so rein und geheimnisvoll wie das Flüstern in den Sphären, klangen in den Morgen. Arje Löb und' Nathan küßten dem Rabbi die Hand. Er zog die Hand weg und umarmte sie wie ein Vater seine Kinder umarmt. „Bringt das große Werk zu Ende und der Gott der Väter wird Euch Hilfe senden!" sagte er und meinte die Talmudausgabe. Zuletzt kam Löb Schnapper .heran . „Möge der gute Gott dem Rabbr seine Engel mi.t auf den Weg geb.en," brachte yx schwer unter Tränen heraus und wagte nicht, näher heranzugehen. Aber Rabbi -Naftali erfaßte ihn und umarmte ihn, nahm vom gelehrten Diener Abschied wie von einem gleichgestellten Bruder. - Rabbi Naftali saß schon im Wagen. Da streckte sich ihm eine feste, gut gepflegte Hand entgegen. „Mit Gott!" sagte Johannes Finger, angetan wie zum Kirchengange und feierlich wie aus dem Gesangbuche. '■ Mit beiden Händen ergriff der Rabbi die breite, fleischige Hand und ließ sie eine Weile nicht los, die Augen zum jungen Morgenhimmel gerichtet, wie im stillen Gebete. „Eueren Segen, Rabbi, erbittet ein Unwürdiger, der nicht zu Eurer Gemeinschaft gehört," bat Finger, und faltete die Hände, sobald er sie frei hatte. Rabbi Naftali senkte wieder den Blick und breitete beide Hände wie beim Priestersegey aus: „Ihr seid ein M a n n, Finger," sagte er, nachdem er mit der hebräischen Segensformel zu Ende war. „Der Frommen einer, die, wenn auch zu den Völkern der Welt gehörend, Anteil an zukünftiger Welt haben. Vergelte es Euch Gott, was Ihr an mir und an uns getan, und möge, es Euch, Euerert' Kindern unu Kindeskindern, ft' lange es einen Mann Eueres Namens gibt, bis ans Ende der Zeiten, nie an Brot mangeln." Fünf Menschen riefen aus tiefstem Herzen: „Amen!" wie nach einem feierlichen Gebete im Gotteshause und wie ein Gelöbnis. Jörgen zog die Zügel an und unter langgedehntem „Hü!", als gehörte es noch mit zum Gebete, setzte sich das Gefährt in Bewegung. „Mit Gott! . . ." „Gott segne Euch! ... So verließ Rabbi Naftali Hakohen Frankfurt. .31. E i n Haus nach dem andern wuchs aus dem Schutte hervor, ganze Reihen, eine ganze Häuserfront, spitz und giebelig, frisch getüncht und gefärbt. Die alten Embleme waren wieder da: „die Kanne", „das Schiff", „das rote und das schwarze Schild", „der goldene Ring", „der Hahn". Zwischen Häusergruppe und Häusergruppe hie und da kahler, schwarzgebrannter Boden, Hügel von Schutt und Haufen von Steinen, aufgeschichtete Ziegel und Pyramiden von frischgehobelten Balken. Sandgelbes Sägemehl und weißgelöschter Kalk gaben den dunklen Haufen helle Töne. Es roch nach frischem Holze. Axt, Säge und Kelle sangen das kräftige Lied der Arbeit, des Aufbaus, den Sang einer neuen Hoffnung- Zwischen dem Tauchbade mit dem Brunnen davor und dem neuentstandenen Eckhause am Gäßchen lag, von roten Ziegelsteinen sein eingesäumt, ein freier, sauberer Bauplatz. Auf hochragender Tafel prangte weiße hebräische Inschrift in blauem Felde. Vielfarbig schillerte der Dawidstern mit dem großen Löwen in der Mitte in der kalten Sonne des Spätwinters. Hier sollte sich das Haus für Gott auf altgeheiligtem Grunde neu erheben, hier die Gemeindethren Sammelpunkt, der Gottesdienst des Ghetto sein Heim wieder finden. Am Freitag, dem Rüsttage zum Sabbat, der an die Halbschekelspende fürs Heiligtum gemahnte, hatten sie die heiligen Thorarollen aus dem alten Backhauskeller des Johannes Finger in feierlichem Zuge und unter Tränen und Gebeten ins Ghetto zurückgeholt und ins neue Eckhaus, neben dem die neue Schul stehen sollte, überführt. Johannes Finger betete in seiner Art mit und weinte wie beim Abschiede von liebgewordenen Freunden. Er schwor, den geweihten Raum im Backkeller nie mehr für unheilige Zwecke zu gebrauchen. Seine reiche Sammlung von Bibeln und frommen Schriften wollte er hier unterbringen. Am Sabbat morgen sang Joel Chasan im Eckhause, das noch kein Gotteshaus war, über immerhin ein jüdisches, und in der Gaffe, die schönsten und ergreifendsten Festmelodieen, die er auf Lager hatte. Seine Harfe, die in der Stadt verstummt schien, hatte neue Saiten erhalten. Und Sonntag früh war die ganze Gemeinde, in Festkleidern und festlich gestimmt, auf dem Bauplatz versammelt, wo die Baumeister und Arbeiter mit Spaten, Hammer und Kelle die Grundmauern tief eingruben und gleich mit der Vauarbeit begannen. Der Herr Stadtschult h e i ß war in höchst eigener Person zu der Feier erschienen und die Räte und Magistratsherren hatten ihren Dreß wie bei hohemEmpfängen an. Ahron Oppenheim und Jsak Reiß hatten die blauweißen Schärpen der Kammerknechte angelegt. Die nämlichen, die sie bei der Kaiseraudienz in Heidelberg trugen. Rabbi Schmuel Schotten zitterte ein wenig, als er das aus Holz und Steinen errichtete, mit Tannengrün geschmückte Podium bestieg. Vieles aus jüngster Vergangenheit stürmte auf ihn ein. Aber er sammelte sich und sprach, erst leise, unsicher, dann immer fester und eindringlicher, von dem halben S cheke l,. dessen Artung^ Moses nicht begriff und von der F e u e r münze, hie.ihm Gott zum Muster zeigte;' ein Feuerzeichen