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Der Israelit · 1928-08-02 · Heft 31 (2.8.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 31 (2.8.1928)
Date
1928-08-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 31 Der Israelit 2 August 1928 für unsere Schekelpflicht, unseren Dienst am Volke . . . Und Feuerzeichen hatte Gott auch ihnen gegeben, daß sie, belehrt, beachteten das eine und das andere und geläutert eintraten ins Heiligtum, das nunmehr vor ihren Augen entstand und das nur Symbol sei fürs Heiligtum des Lebens . - - Man weinte leise, schluchzte laut auf in Weihe und Ergriffenheit. Schwer lastete die Erinnerung, hell lichtete neue Hoffnung . . . Dann sang Joel Chasen alte Weihepsalmen, die in vollen Jubelakkorden ausklangen. Die Gäste gingen, die Maurer und Arbeiter blieben, und neu, hell und hart erklang das Lied der Arbeit. Im ersten großen Hause der Stadt, das diese nach dem Ghetto vom Nordwesten her abgrenzte und Johann Kellner gehörte, arbeiteten viele jüdische Hände vor langen Setzerkästen. Rocklos standen die Männer in der Hitze der Arbeit und die Schaufäden an ihren Miedern baumelten im Hin und Her der Bewegungen. Von Gruppe zu Gruppe, von Kasten zu Kasten lief Arje Löb, sah, wie die kleinen Holzleitern sich aneinander reihten, zu Feldern, zu Kolumnen, zu Bergen, mit Mittelgrund und Verbrämung oben und unten, rechts und links. Eine Seite lag fertig auf gelblichem pergamentstarkem Papiere, der Text in schwarzer Tusche schimmernd vor ihm, noch eine und noch eine. Auch dieser Bau, sein und seiner Väter Lebenstraum, wuchs und wuchs. Die Frankfurter Talmudausgabe war in vollem Gange. Ebenfalls und andere, eines geistigen Aufbaus, flammende Feuerzeichen. Güldenbaum ist verschwunden. Von- Simon Karl Meyer. „Herz!" Der Lehrling Siegfried Herz fuhr erschrocken zusammen, klappte eiligst den Deckel seines Portobuches über die Berliner Illustrierte, an deren Preisaufgabe er herumgeraten hatte, und erhob sich langsam von seinem Stuhl. Einstweilen aber blieb er mit dem Oberkörper über den Tisch gebeugt, um mit der Bleistiftspitze die Kolonne der Portobeträge hinauf und hinab zu gleiten, als sei er intensiv mit der Addition beschäftigt. In Wirklichkeit überlegte er mit einiger Anstrengung, was denn dieser dritte Anruf wohl bedeuten könne. Als Herr Sam Hirschmann, Kassierer und Prokurist im Hause Güldentbaum u. Söhne, an diesem Morgen zum erstenmal den Lehrling Herz heranzitierte, geschah es, um zu fragen, weshalb denn der mühsam zusammengestellte Schriftsatz im Prozeß gegen Buttermilch u. Co. ausgerechnet an den gegnerischen Anwalt gesandt worden sei, statt an den eignen Rechtsvertreter. Dem zweiten Anruf lag die Tatsache zugrunde, daß ein Zmskoupon von der Einlösungsstelle als verfallen zurückgegeben worden war, der infolge eines Versäumnisses des Lehrlings Herz keine Ordnungsnummer trug, so daß nicht festzustellen war, welcher Kunde den Zinsabschnitt eingereicht hatte. — Jetzt also erscholl der dritte Ruf. Und noch einmal: „Herz!" — Diesmal war die Sache harmlos. „Bringen Sie die Post zu Herrn Güldenbaum ins Prioatbüro!" ordnete Herr Hirschmann an und übergab dem Lehrling einen Pack noch verschlossener Briefe. Usus im Hause Güldenbaum u. Söhne war, daß Herr Hirsch- -mcmn allgemein di? ein laufende Post öffnete. Außer Sonnabends. Sonnabends schnitt Herr Hirschmann nicht und schrieb nicht; er wäre sogar dafür gewesen, daß Güldenbaum u. Söhne Samstag die Kaffen geschloffen gehalten hätten. Aber Herr Güldenbaum war anderer Ansicht und öffnete am Sonnabend die eingehenden Briefe j höchst eigenhändig. Der Lehrling ging, einer neuen Strafpredigt gewärtig, den Weg zum Direkttonszimmer mit starker Beklemmung in der Magengrube, er klopfte schüchtern und versöhnlich an die Tür und trat ein. Der Platz des Herrn Moritz Güldenbaum hinter dem Diplomatschreibtisch war leer . . . Rasch legte Herz die Briefschaften auf die grüne Löschblattunterlage, die mit flüchtigen Rechenexempeln über und über bedeckt war, nieder und verschwand schleunigst aus der Gefahrenzone, um draußen an der Kasse dem vielbeschäftigten Herrn Hirschmann zu melden, daß der hohe Chef noch nicht in seinem Büro sei. Der Prokurist hielt einen Augenblick inne, wiegte mißbilligend das Haupt und tat einen ergebenen Seufzer; dann wandte er sich wieder dem Schalter zu, prüfte die eingehenden Beträge nach, zählte, bündelte, ordnete, während ein junger Beamter die Quittungen ausstellte, die Hirschmann schon Freitags vorsorglich unterzeichnet hatte und die er jetzt, eine nach der andern, aus sicherem Gewahrsam herausgab. Um neun Uhr verlangte ein Kunde, Herrn Güldenbaum persönlich wegen eines Kredits zu interpellieren. Herr Hirschmann läutete das Chefbüro an, erhielt keine Antwort und sagte dem Geldsuchenden mit einem Schuli terzucken, das seine ganze Machtlosigkeit ausdruckte, — Herr Güldenbaum habe im Augenblick eine Konferenz, die ihn noch einige Zeit in Anspruch nehmen dürste.! Der Kreditlüsterne, reich an praktischer Erfahrung, wußte wohl, daß ein Baum nicht von einem Hieb fällt Md Kredit nicht vom Himmel; also versprach er bereitwilligst, in einer Stunde etwa noch einmal vorzukommen. Um halb zehn hing der Börsenvertreter am Telefon und schrie mit einer wahren Hausse-Stimme nach dem Chef des Hauses; er fluchte erbärmlich, als man ihm gestand, Herr Güldenbaum sei nicht anwesend. Er fluchte, obwohl Samstag war und er schon deshalb nicht hätte fluchen dürfen. Bor Herrn Hirschmann erschienen zwei elegante Herren mit entsprechenden Ledermappen; auch sie wünschten Herrn Güldenbaum persönlich in einer äußerst dringenden und unsagbar wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Rach langem Flehen lüfteten dte Herren dem Prokuristen von Güldenbaum u. Co. gegenüber ihr Inkognito: der erste wollte gegen Absturzgefahr bei Luftreifen versichern, der zweite gegen Kursstürze amtlich notierter Jndustriepapiere. Borde Versicherer nahmen mit der ihnen eignen Ruhe im Kassenvorraum Platz und warteten hoffnungsfroh auf Herrn Moritz Güldenbaum wie auf einen Lotteriegewinn. Eine Weile schien die Nachfrage nach Herrn Güldenbaum nachzulassen. Bis ein Weltreisender vor dem Schalter auftauchte, der einen Dollarscheck auf Newyork zu erstehen wünschte. Der Kassierer nannte einen sehr übertriebenen Umwechselkurs, um den Globetrotter abzuschrecken, denn Herr Güldenbaum hatte in seiner Tasche den Schlüssel zu dem Geldschrankgefach, in dem das Scheckbuch auf die Equitable Trust Co. ruhte. — Natürlich akzeptierte der Amerikamann den ihm genannten Kurs, so daß sich Herr Hirschmann nunmehr genötigt sah, mit der Wahrheit herauszurücken: der Beamte — fo sagte er schonend, — der jdas Scheckbuch verwalte, fei plötzlich erkrankt. Der Dol- . larkäufer, der bis dahin nur gebrochen Deutsch gemurmelt hatte, befleißigt« sich unvermittelt einer Reihe von Worten, die nicht alltäglich sind und deren Folge mit „Nepp" begann und mit „Schlamperei" aufhörte. In akzentfreiem Sächsisch. Da nun riß dem Prokuristen Hirschmann der letzte Seidenfaden Geduld und er läutete die Wohnung seines säumigen Chefs an, um einmal nachzuhören, weshalb, warum, wieso und, vor allem, wie lange noch. Am Telefon in der Güldenbaumschen Billa machte sich die Frau des Hauses bemerkbar. „Wie, Herr Hirschmann?" fragte sie spitz. „Mein Mann ist nicht im Geschäft? — Ja, wie denn das? — Wie? — Natürlich ist er hier heute früh, fortgegangen wie immer. Wo sollte er denn sein? — Ja, rufen Sie doch einmal bei seinem Bruder an, ob er vielleicht dort ist." Darauf stellte Herr Hirschmann, soweit seine Zeit es ihm erlaubte, eine Serie von Nachforschungen nach Herrn Güldenbaum an. Ohne jeden Erfolg: Herr Güldenbaum war nirgends, er war sehr einfach verschwunden! Bei seinem Bruder im Warenhaus Gükdenbaum u. Rosenbaum befand sich der Gesuchte nicht, auch nicht bei einem der Vettern in der Stadt, auch nicht bei den fünf oder sechs Großkunden, die Herr Hirschmann anrief und deren Konten überzogen waren. Unterdessen bemühte sich auch Frau Güldenbaum ihrerseits, Herrn Güldenbaum aufzustöbern. Sie telefonierte in zwei Kaffeehäuser, an den Zigarrenhändler, zum Schluß an ein Kino, welch letzteres selbstverständlich um diese Vormittagsstunde geschloffen war. Nirgends war Herr Gükdenbaum zu finden, nirgends war er auch nur gesehen worden. Frau Güldenbaum fing an, sich zu beunruhigen. Weshalb ging auch ihr Mann immer durch den Park ins Geschäft? — Weshalb nahm er nicht den neuen Wagen, den der Chauffeur doch zurückbrmgen konnte? — Die Besorgnis der Frau Jenny Güldenbaum sprang durch den Leitungsdraht auf Herrn Sam Hirschmann über, zumal die beiden Versicherungskavaliere unentwegt däsahen und sich mit den Abdrucken ihrer Bedingungen frische Luft zusächelten. Herr Hirschmann bat den zweiten Prokuristen, der bisher ahnungslos in der Buchhalterei gewirkt hatte, auf einen Augenblick zu sich. Herr Schultenmüller hörte sich den Bericht über die seltsamen Dinge an und meinte, daß man doch unter diesen Umständen die Polizei in Kenntnis setzen Müsse. Herr Hirschmann beriet sich darüber wieder mit Frau Güldenbaum, die in ihrer Angst um den Gatten zu allem Ja und Amen sagte. Folglich nahm Herr Schultenmüller die Geschichte in die Hand und meldete dem Polizei-Oberinspektor, der einer städtischen Schutztruppe oberster Generalissimus war. Herrn Bankier Moritz Güldenbaum als vermißt. Der Polizeigewaltige, dem feit langer Zeit ein solch interessanter Fall nicht mehr unter die Finger geraten war, machte — so diskret wie irgend möglich —' zwei Bereitschaften mobil und hetzte sie auf die Suche nach dem verlorenen Chef. Die uniformierte Aktion setzte um zehn Uhr dreißig ein. Eine Stunde später mußte der Schupokommandeur der Frau Jenny Güldenbaum die wenig angenehme Mitteilung machen, daß auch nicht eine Spur gefunden worden sei. Vielleicht mit der Bahn verreist? — meinte die verlassene Gattin. Nein! — Nirgendwo war Herr Güldenbaum, — den in der mittelgroßen Stadt doch jedes Kind kannte, — gesehen worden. In der mittelgroßen Stadt konnte aber auch die rege Wirksamkeit der aufgebotenen Polizeistreifen nicht unbeobachtet bleiben. Das Geheimnis war bald gelüftet und i die Bevölkerung spaltete sich sofort-in zwei Lager, von > denen in dem einen behauptet wurde, man suche nach dem vermißten Güldenbaum, während im andern Lager die Meinung vorherrschte, mcm suche den verschwundenen Bankier, um ihn wegen dieser oder jener Delikte in einstweiligen polizeilichen Schutz zu nehmen. .— Kein Wunder wiederum, daß allmählich ein Run auf die Kaffe von Gükdenbaum u. Söhne einsetzte, dem Herr Hirschmann nicht zu" bewältigen vermochte, zumal er keine am Freitag unterschriebenen Reichsbankschecks zur Verfügung hatte. Die Zeitungen schickten sich an, beruhigende und gegenteilige Flugblätter zu drucken und entsandten ihre Reporter in das Geschäftslokal des abhanden gekommenen Bankinhabers. Dort-aber ging es drunter und drüber. Wie vor einem kleinen Weltuntergang. Herr Güldenbaum war immer noch nicht aufgefunden worden. — Um einigermaßen die heilige Ordnung aufrecht zu erhalten, befahl der Polizei-Inspektor einen Doppelposten vor den Bankeingang. Kaum standen die Beamten mit gewichtigen Mienen an ihrem'Platz, als ein Mann versuchte, in den Kaffenraum von Guldenbaum u. Söhne einzudringen. Die Hüter des Gesetzes rissen den Ungestümen zurück. Jener aber schrie plötzlich über den wogenden Lärm der Geldabheber hinüber: „Bin ich in einem Narrenhaus? — Ich werde doch noch in meinen eignen Laden hineindürfen? — Was geht denn hier vor?" Alles verstummt: die Kunden, die Schupo, die Reporter, die Angestellten. Herr Hirschmann atmet auf. Mitten in der Szene steht Herr Moritz Güldenoaum. Man dringt auf ihn ein, man erklärt, man fragt. — Herr Güldenbaum schüttelt den Kopf. Dann springt er auf einen Stuhl und redet zum Volk, es zu beruhigen und zum Abzug zu bewegen. Aber da ist einer, der fern Sparkonto mit RM. 36.72 schon abgehoben hat. Der schrillt: „Wenn alles in Ordnung ist in Ihrem Judenbetrieb, wo haben Sie sich denn den ganzen Morgen über verborgen gehalten, so, daß Sie von keinem Menschen gefunden werden konnten? — Weder von Ihrer Familie noch von der Polizei?" Herr Güldenbaum steht auf seinem Stuhl und scheint einen Augenblick zu überlegen. „Heraus mit der Sprache! — Farbe bekennen? — Reden!" „Es ist ganz einfach," sagt Herr Güldenbaum leise, und doch versteht Jeder jedes Wort, „aber die Idee war absurd, das muß ich jetzt zugeben. — Ich hatte mir gedacht, daß ich einmal zwei Stunden dem Betrieb fernbleiben könnte. — Allerdings dort, wo ich war, konnte mich niemand vermuten, weder meine Familie noch die Polizei. — Ich war ganz einfach, weil heute Samstag ist, in der Synagoge!" „Dann allerdings!" sagt der Polizei-Oberinspektor. „So etwas, von Idee!" sagt Frau Jenny Gükdenbaum. „Wahrhaftig, du bist meschügge!" sagt . Herr Güldenbaum von Güldenbaum u. Rosenbaum. „Uns so Scherereien zu machen! — Wie soll einer dadrauf kommen? — Und wer war außer dir noch Schulen während der Geschäftszeit?" „Noch ein paar Meschuggene!" sagt Herr Güldenbaum von Güldenbaum u. Söhne. Herr Hirschmann Mer sagt: „Was bin ich froh, daß Sie wieder da find. — Aber ich hätte mirs denken können!— Und — am nächsten Schabbes, Herr Güldenbaum, darf i ch dann einmal zwei Stunden aus dem Betrieb bleiben?" „Sie dürfen!" nickt der Wiedeogefundene und' klettert jetzt erst von feinem Stuhl herunter. „Aber ihr. habt schon alle recht. — Wie konnte ich so meschügge sein?" Am Kupontisch redet der Lehrling Siegfried Herz mit sich: „Wenigstens Hab ich Zeit gehabt, diie Preisausgabe der Illustrierten zu lösen. Sollt mich wundern, wenn ich nach der Aufregung die fünfhundert Mark nicht krieg!" Carolus 48005 ist meine neue Telefon-Nummer # Bernh. Rubinstein Inhaber der Firma H. OPPENHEIM Papier- Handlung früher Börsenplatz 1 jetzt: Obermainstrasse 181. Inseraten-Annahme für sämtliche hiesige u. auswärtige Tages- und Wochenblätter zu Originalpreisen # Drucksachen: Visitkarten ♦ Familienanzeiqen ♦ Geburtsanzeigen ♦ Brismilohkarten ♦ Barmizwoh-Einladungen , Dankkarten » Hochzeits-, Trauer¬ und Danksagungsanzeigen etc. etc. in Buchdruck und Lithographie

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