Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1928)
- Date
- 1928-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450524--75170-2532679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 2 Sk. 16 Der Isr a e l i t Blatter 26. Juli 1928 werden. Der Anregung des Herrn Eiß möchten wir im folgenden Nachkommen. Bekanntlich hat der Zionismus von Anbeginn den Ruf erschallen lassen: Erobert die Gemeinden! Es war ein Ruf zum Kampfe. Aus der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts hatte der Zionismus gelernt, daß die erfolgreichsten Pioniere der Assimilation in den jüdischen Gemeindestuben saßen. Dort faßen und wirkten die Wortführer der Reform, die auf dem Wege der Umwandlung der altjüdischen Kehilla in eine thorawidrige Reformgemeinde das altjüdische Leben zerstörten und die Assimilation der jüdischen Menschen an die nichtjüdische Umwelt anbahnten. Durch sein Eindringen in die Gemeindestuben wollte der Zionismus diesem Prozeß Einhalt ge bieten und das in Fluß geratene Judentum in das Bett seiner nationalistischen Ideologie ein fangen. So bedeutet die Eroberung der Gemein den für den Zionismus ein Doppeltes: Kamp gegen den Geist der Assimilation, soweit er sich in den Gemeinden verkörpert hatte, Kampf aber auch gegen den Geist der Konfessionalisierung der jüdischen Gemeinschaft, wie er in dem Begriff der „Religions"-Gemeinden, der „Kultus"-Gemein den ufw. zum Ausdruck kam. Nun wünscht Herr Eiß, daß auch die Aguda den zionistischen Ruf zur Eroberung der Gemein den sich zu eigen mache. Was kann dieser Ruim Munde der Aguda bedeuten? Ganz gewiß etwasanderes, als er im Munde des Zionismus bedeutet. Kampf gegen den Geist der Afsimila tion? Die Kehilla ist so wenig assimiliert wie die Aguda. Kampf gegen den Geist der Konfes sionalisierung? Die Konfession der Kehilla ist auch die der Aguda. Beide stehen auf dem Boden der unbedingten Verpslichtungskraft des Thoragesetzes, das den Körper der Kehilla wie den der Aguda beseelt. Und doch hat Herr Eiß vollkommen recht, wenn er die Augen nicht vor der Tatsache verschließt, daß zwischen Kehilla und Aguda Reibungsflächen bestehen, die nur durch einen wohlüberlegten agudtstifchen Eroberungskampbeseitigt werden können. Herr Eiß spricht nur von den Schwierigkeiten, die der Kehilla entstehen, wenn ihr Mitglieder angehören, welche die Aguda grundsätzlich ablehnen, weil sie die Gesamtheitsaufgaben der jüdischen Gemeinschaft in einer anderen Organisation besser aufgehoben glauben und weil sie für den inneren Widerspruch einer die Kehilla bejahenden und die Aguda verneinenden Anschauung kein Verständnis haben,. Dagegen unterläßt es Herr Eiß, von den Schwierigkeiten zu reden, die der Aguda entstehen, wenn ihr Mitglieder angehören, welche die Aguda bejahen und die Kehilla verneinen. Erst im Lichte dieser scharfen ' Gegenüberstellung wird uns klar werden, worum es sich bei der von Herrn Eiß angeregten Frage im Grunde handelt. Bei zionistischen Mitgliedern der Kehilla haben wir es durchaus nicht mit verschlagenen Einbrechern zu tun, die sich in die Kehilla eingenistet haben, um sie von innen heraus in das zionistische Lager herüberzuführen. Ihnen ist die Kehilla eine Veranstaltung zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Sie ermöglicht ihnen die Teilnahme am gemeinsamen Gottesdienste, sie sorgt für Schechita, Mikwah usw. Wäre ihnen die Kehilla etwas mehr als eine Versorgungsanstalt für die religiösen Bedürfnisse ihres alltäglichen Lebens, wäre sie ihnen das, was sie vor Gott und vor Israels Geschichte ist: die Gemeinschaftsform, in der das jüdische Volk nach dem Untergang des jüdischen Staates, an jedem Orte des Exils, wo zehn Juden sich zusammenfanden, den auflösenden Gewalten des Exils widerstand; wäre ihnen die Kehilla das, was sie in ihrer zionistischen Ortsgruppe zu finden glauben: der geschichtliche Hort des jüdischen Volkstums, der Träger und Siegelbewahrer der vom Thorageist erfüllten jüdischen Volksseele, dann fiele es ihnen nicht schwer, den zionistischen Kampfesruf gegen die konfefsionalisierte Kehilla als eine Auflehnung gegen Gott, gegen Gottes Wort, gegen den Sinn der. /jüdischest Geschichte und der jüdischen Geso leicht, der Kehilla mit ihren Steuergroschen,, nicht durch ausdrückliche Cherem-Bestimmung vonmit ihrem Kaddifchsagen und ihrem Tefillinbeutel, ihr ausgefchieden ist, soll und darf ihrem erziehedagegen dem Zionismus mit dem Blute ihres rischen Einfluß nicht entzogen werden. Ist es an- Herzens und mit der Seele ihres Lebens anzugängig, gerade diejenigen von ihr fern zu halten,, gehören! die dieses erzieherischen Einflusses am meisten be- Die Bagatellisierung der Ke - dürfen? Nur innerhalb der Kehilla können Zioh i ll a im jüdischen Vo lksbewußt - nisten zuAgudistenerzogen werden. D en n wer sein: das ist die ungeheure Gefahr, ist es denn, den der Gott der Gedie das gegenwärtige Zeitalter der jüdischen Ges ch i ch t e i n u nseten Tag e n - b e rief, samtheitsorganisation für das Judentum heraufdem z i o n j st i sch e n T r i u m p h z u g e in beschworen hat. Anstatt den Jnnenwert einer E r e z I i s r o e l e i n donnerndes Halt jüdischen Gesamtheitsorganisation an dem Maß zu gebieten? Die Kehilla ists, die sich der Kräfte abzulesen, die sie der Kehilla zu spenim heiligen Lande dem Zwange des Waad Leumi den vermag, ist es in weiten Kreisen schon dahin entzog und der Lüge des zionistischen Judentums gekommen, daß man die Idee des Klall Jisroel in Wahrheit das Thörajudentum entgegenstellte, mit überlegenem Weitblick dem „beschränkten Als der Zionismus sich anschickte, getreu seinem Kehillageist" gegenüverstellt und mit dieser Ge- Programm der Eroberung der Gemeinden, auch genüberstellung, mit dieser Herabsetzung der ge-1 im heiligen Lande die Gemeinden zu erobern, da gingen seine Gegner hin und haben eine Ke- Postscheck * Konto der Landesorganisation: Landesorganisation der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, Hainborg: No. 50 204 Hamburg. hilla gegründet. Merkwürdig! Sie haben genau dasselbe getan, was vor 50 und 75 Jahren,, als es noch keinen Zionismus und keine Aguda gab, ihre Gesinnungsgenossen in Ungarn und Deutschland taten:-Sie haben eine Kehilla gegründet. Und wie damals die Kehillagründung nur aus dem Pflichtgefühl der ewigen Verbundenheit mit Klall Jisroel erfolgte, von dem das neologe Judentum als eine dem Tod geweihte Sekte sich abzusplittern begann, so wissen auch heute die Gedole Erez Jisroel keinen anderen. Weg, um ihrer jüdischen Gesamtheitspflicht zu genügen, als mit der Gründung einer Kehilla die geschichtliche Form der jüdischen Gemeinschaft zu retten. Und wie damals die ungarischen und deutschen Rabbinen mitsamt ihren Gemeinden mit der Tiefe ihrer Weisheit und Gottesfurcht es wohl erwogen haben, wieweit sie die Tore schichtlichen Mission der Kehilla in tausend schwanihrer Kehilla öffnen durften, um sie als Bollwerk kenden Gemütern die allmähliche Ueberwindung gegen den Geist des Abfalls und der Zersetzung der Kehilla und ihre Zurückdrängung auf das zu erhalten, so dürfen wir auch Heute zur Weis- Altenteil, wo sie den Rest ihres Lebens verträuheit und Gottesfurcht der palästinensischen Rabmen kann, wirksam vorbereitet. Und weil diese binen das Vertrauen haben, daß sie beim Aufbau Gefahr der Vagatellifierung der Kehilla auch dass ihrer Kehilla das Richtige beschließen werden, orthodoxe Judentum bedroht, weil auch die Agudas Jisroel, so wenig wie der Zionismus, als ein Verband der jüdischen Gemeinden ins Leben tres Von anderer Seite wird uns zu dem Aufsätze ten konnte, sondern neben ihnen und über ihnen des Herrn Ch. I. Eiß im „Kol Jisroel" folgenzu einer selbständigen Darstellung der jüdischen des geschrieben: Gesamtheitsidee schreiten mußte, damit aber zu- Der Gedanke, den Herr Eiß zur Diskussiongleich, ohne es zu wollen, die'Kehilla zu einer oft stellt, hätte schon den Gründern der „Agudas leidenschaftlichen Formen sich abspielenden sJisroel" nahe gelegen, wenn nicht zwei Gegenm kritischen Auseinandersetzung mit der Aguda I argumente, das eine vom Standpunkte der Keherausfvrderte; darum erleben wir heute das I'hilla, das andere vom Standpunkte de^ Agudas eltfam schmerzliche Schauspiel, wie innerhalb der Jisroel selber die Verwirklichung geradezu un- Kehilla die Kehilla bejaht und die Aguda verneint, möglich machte, und innerhalb der Aguda die Aguda bejaht und Die Kehilla ist die historisch gegebene Form die Kehilla verneint wird. Die Verneinung der der Körperschaftsbildung, die ihre Wurzeln im Kehilla hier und die Verneinung der Aguda dort: halachischen Schrifttum hat. Im Namen des beide ein gleich trauriges Dokument vonunserer hi#T im '28 *nn sammelt die jüdische Ge- Zeiten-Schande! 'r meinde alle an einem Oxt wohnenden jüdischen Ob es gleichwohl richtig und zweckmäßig und Individuen zur Verwirklichung der Gefamtheitsal pi din möglich ist, die Forderung des-Herrn idee „Zibbur" heißt bekanntlich sogar: Lbp'NL Eiß nach statutarischer Festlegung der Kehilla trsrEni Mit welchem Rechte man nun auf die Aguda und dementsprechende Säuberung aus dieser untersten Zelle des jüdischen Volksder Kehilla von nichtagudistifchen Personen prakkörpers sogar solche Juden ausschließen will, die tisch durchzuführen, möchten auch wir sehr' bein ihrem privaten Leben die 613 Ge- und Verbote zweifeln. D i e K e h i l l a i st g e w o r ü e n. D i e zu wahren sich bemühen und die ihrer G'esamt- Aguda ist im Werden. Als ein sichtbares heitspflicht noch dazu eben durch den Anschluß an Gebilde der jüdischen Gesamtheitsidee ist die Kedie Kehilla genügen w o l l e n , ist unverständlich. i)iüa der Aguda um Jahrtausende voraus. Die Wir vertreten zwar als Agudisten aus tiefster Begriffe: zibbur, kehilla, eda, mit ihrer eindeu- Ueberzeugung den Standpunkt, daß die von fremtigen Verwurzelung im Geiste der Thora und den Prinzipien völlig unabhängige, Gott und fein Mizwoh haben sich als eiserner Bestand der jü- Gesetz als.a l l e i n i g e Autorität anerkennende dischen Volksseele im jüdischen Bewußtsein so Organisation, wie sie Agudas Jisroel darstellt, eingebürgert, wie sie mit ihren Pflichten und die einzige Organisationsform ist, die dem Geiste Rechten im Gesetz der Thora kodifiziert werden, der Thora entspricht. Wenn es nun: aber ehrliche Wer möchte leugnen und bezweifeln, daß die Jehudim gibt, die, gestützt auf die Anschauung Kehilla in 'der schriftlichen und mündlichen Lehre ihrer rabbinischen Führer, auf einem andeein ewiges Heimatrecht genießt? Die Aguda ist ren Standpunkte stehen und sich für religiös erst auf dem Wege, sich dieses Heimatrecht zu erberechtigt und verpflichtet halten, innerhalb thorawerben. Ist es angängig, das 'Gewordene'- mit fremder Organisationen für den Gedanken der dem Werdenden auf Gedeih und Verderb zu ver- Thorasouveränität in allmählichem Ringen einbinden? - Zutreten, so würde es eine thorawidrige Selbst- Ferner: In die Aguda tritt man ein, in die übexhebung. stimchiese^..Brüder wegen ihrer ab- Kehilla wird man geboren. Noch immer ist die weichenden Meinung aus den Gemeinden aus- Kehilla die Uvzelle der jüdischen- Gemeinschaft, schließen zu wollKn. S o-unbedingt darf kein ehrmeirrde zu durchschauen, dann fiele es ihnen nicht Sie ist die Wiege und die Heimat aller/Wer'licher Jehudi der alleinigen Richtigkeit eigener /