Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1928)
- Date
- 1928-07-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuerzeichen. Kin Hyetto-Iloman von S. SHaHnorvih. r (Fortsetzung.) 29. Eines Abends holten Gerichtsdiener den langen Anton. „Schon?!" sagte er nur, und die Mitgefangenen sahen ihm mit stumpfen Augen nach, als wollten sie sagen: „Fahre wohl!" Anton wurde in ein höher gelegenes, wohnlicher aussehendes Gemach geführt, wo Feuerpfannen von zwei Seiten besseres Licht gaben. Dort wurden ihm die Ketten gelöst und abgenommen. Das alles vollzog sich gemächlich, sachlich, in vollem Schweigen. Nur gewissermaßen zur Deckung hatten während der Prozedur in einigem Abstande ein paar kräftige Männer blankgezogen. Man kannte den langen Anton. Als bald darauf Kaspar, der Alte mit der leuchtenden Glatze und dem freundlich väterlichen Gesichte, den großen vollbeladenen Korb am Arm, mit breitem „Guten Abend wünsch ich" über die Schwelle trat, erbleichten Antons Lippen und seine langen Beine fingen, an zu schlottern. So weit war es also wirklich! . . . Indes .begann der Alte, etwas umständlich und freundlich, Einzeltöne eines frommen Kirchenliedes leise näselnd, auszupacken und den Tisch zu decken. Er legte eine bunte Serviette auf das rauheichene Rundbrett, die es genau zur Hälfte bedeckte. Dann stellte er, sich dabei wie im Tanze wiegend, einen Zinnteller mit Besteck darauf. Aus Papier wickelte er den duftenden Braten und rosige Schinken aus, die ex schön manierlich auf den Zinnteller setzte. Eine Kanne Wein und Becher dazu stellte er daneben. „Er ist gut," schmunzelte der Alte menschenfreundlich und besah ihn noch einmal bei Licht, „Ockenheimer Blume, kommt frisch aus dem Ratskeller. Der hohe Rat läßt sich nicht lumpen." Sogar ein paar schöne rotwangige Aepsel und eine buschige Traube kamen aus dem Korbe hervor. Zuletzt fünf Zigarren, gute Marke. Der Alte führte sie kennerisch an die Nase. „Fein, reicht gerade bis zum Morgen." Dann ging der Alte miteiner Verbeugung wie ein Hofpage Und wünschte: „Gesegnete Mahlzeit, gesegnete letzte Mahlzeit! . ." Anton wurde es bei alt der Pracht finster vor Augen. Dann erblickte er den Mein, d^n , er so "lange entbehrt, griff hastig nach der Kanne und tat einen großen Schluck. Aber plötzlich setzte er ab, spuckte aus und warf die Kanne zu Boden, daß der Saft in schmaler Rinne bis zur Türe floß. Alles schmeckte bitter, gallebitter. Und nun packte ihn die Wut, daß der ganze große Körper in Zuckungen geriet, und er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß Speisen und Getränke zur Erde fielen. Das Zinngeschirr klirrte. Ein höherer Aufseher in einem Rocke voller Troddeln öffnete vorsichtig die Luke, sah in die Zelle und tat, als würde er die Zerstörung nicht beachten. Ob er einen Geistlichen für die Nacht wünsche, fragte er, einen katholischen oder lutherischen. Alles da. „Nein," schrie Anton voll bebender Wut, „daß mir kein Pfaff in die Nähe kommt." - Der Beamte schloß die Luke. Aber mit einem Satze wie ein anspringender: Tiger, war Anton an der Luke, trommelte ans Fenster, daß das Glas vor dem Eisengitter in Splitter brach und brüllte hinaus: „Ein Geistlicher! Fa, ein Geistlicher soll kommen. Aber kein Pfaff mit Monstranz oder Kruzifix, der I u d e n r a b b i soll kommen, der alte Judenrabbi aus dem Gefängnis, den will ich." „Der Judenrabbi!" schrie der Gefangene und trommelte immer stürmischerals böte dieses Wort Betäubung. . - Draußen hinter dem Gitter lachten ein paar Stimmen laut auf: „Der ist zuguterletzt noch von Sinnen gekommen. Dem I u d e n r a b b i will er beichten." Aber man ließ doch, da der Verurteilte nicht nachgab und nachdem man die Sache an höherer Stelle gemeldet hatte, Rabbi Naftali aus dem Gefängnis in die Armesünderzelle kommen. Rabbi Naftali hatte, kaum, daß sich die Türe hinter ihm schloß, die Situation erfaßt. Es galt, letzte Liebe, letzte Gnade einem Menschen zu erweisen, der bei allem und allem Menschenantlitz trug. Der lange Anton, eben noch wild und unbändig, ein Element der Zerstörung, kroch beim Eintritt des Rabbi in die Ecke zahm und gebrochen, wie ein Löwe beim Anblicke seines Bändigers. Die gütigen. Augen aus dem vergeistigten bartumwallten Prophetengesichte des alten Äuden umfingen ihn, als brachten sie höhere Botschaft, in letzter peinvoller Stunde. Dann machte sich der Hockende rasch auf, eilte auf den Rabbi zu, als wollte er ihm - an die Kehle, sank aber auf die Knie und schluchzte wie ein hilfloses Kind. „Verzeih', Rabbi verzeih!" „Der große Gott ist gnädig," sagte der Rabbi weich wie eine Mutter, die zum Kinde spricht, e r wird dir verzeihen. Was habe i ch zu zürnen oder zu verzeihen? Du hast mir viel Gutes erwiesen." Der Gefangene brüllte auf, wie ein verwundetes Tier: „Ich habe Dir nicht alles gebeichtet, Rabbi, und möchte es nicht mit hinüber nehmen, wenn morgen mein Kopf in den Sack fällt." „Was ist der Mensch, daß er sich vermesse. Anderer Sünden anzuhören und darüber zu richten? Gehe in Dich und wirf das, was Dein Herz belastete, in stillem Bekenntnis Gott zu. Er ist aller Vater und nimmt in Liebe auf, die reuig zu ihm kommen." „Aber ich habe gegen D i ch-, gegen Euch alle gefehlt. Es ist nicht deswegen, daß ich den Kopf verliere, ich habe einen Soldaten erdolcht,, weil er, wäre ich ihm nicht flinker zuvorgekommen, mich durchbohrt hätte, darum bin ich hier, und morgen früh auf dem Schafott. Aber ich Hab' Schlimmeres angestellt, das Dich und Euch angeht, und dafür fand ich keinen irdischen Richter. I ch Hab' das Feuer gezündet, das Euch allen Hab' und Gut genommen." Der Rabbi erbleichte und feine Beine zitterten, daß er sich auf die Steinbank an der Wand setzen mußte. Anton kauerte, ein zerbrochenes .Menschengefäß, neben den anderen zerbrochenen Geräten, auf dem Boden. \ „Warum hast das getan?" fragte der Rabbi, mehr im Tone eines nach der Krankheitsursache forschenden Arztes, als eines strengen Richters. „Warum? Kenne ich die schwarzen Rußfänge da drin in meiner Seele? Wie es gekommen ist? Von Anfang an? Gut! War Schornsteinfegermeister und Obmann von der Zunft der Maurer, Häfner und Weißbinder, redete viel und trank noch mehrschimpfte auf den Rat und auf die Juden. Weil es alle taten. Ich mehr als alle, dafür war ich ja der stärkste und Obmann." — Er machte eine kleine Pause und griff sich an die Stirn. —„Wie ging es nun weiter? Der Krawall in der „großen Kanne" am Tore der Judengasse. Ich verlor die Stelle bei der Stadt, schwor den Juden Rache. Trank noch mehr und kam. um Haus und Hof. Die Zünfte stießen mich aus. Ich schlug jeden nieder, der mir übel wollte und die Leute mieden mich wie die Pest. Eigen Weib und Kind verließen mich. An allem waren die Juden schuld. So faß es mir im Kopfe, im Blut. Und in jener Nacht! Der Sturm blies so heftig, daß alle bösen Geister der Nacht erwachten — schlich ich mich aufs Dach Eures Hauses. Daneben war das der Synagoge. Kannte mich in solchen Dingen aus, war ja von Fach — —" Alle Schrecken der Unglücksnacht wieder klar vor der Seele, brachte der Rabbi bebend hervor: „Warst Du nachher, mit Pelzjacke bekleidet und einem Beil in der Hand, in meinem Zimmer? Warst D u es, Du? ..." „Ich war es." „Dann entlaste dein Gewissen und lege sogleich vor Gericht ein volles Bekenntnis ab, daß nicht Unschuldige für Dich leiden. Der große Gott wird Dir gnädig sein." „Zu spät, Rabbi." „Vor Gott kommt keiner und kommt man nie zu spät." „Aber vor den Menschen," warf Anton rasch ein, „Habs schon versucht. Wie mich die Gerichtsschergen holten und ich wußte, es war aus, bat ich, sie möchten mich vor die Richter führen, hätte stoch Wichtiges zu sagen. Sie lachten mich aus, ich sollte keine Faxen machen und keine unnützen Fisimatente. Es sei strenge Weisung, in der letzten Nacht, auf nichts mehr zu hören es fei ja doch alles nur Quatsch, letzte Versuche, die Exekution hinauszuschieben. Es ist vergebens." „Dann erkläre es hier vor Zeugen." Der Rabbi klopfte nach der Wache. Die Luke ging auf, ein breiter Beamtenkopf mit strengen Augen wurde sichtbar. Was man wolle zur späten Nachtstunde, donnerte es durch die Oeffnung. Einen Richter oder Zeugen wollte der Rabbi haben, da der Delinquent gar so wichtige Angaben zu machen hätte. Das breite Gesicht verzog sich zu einem rohen und abweisenden Lachen: „Da hätten wir viel zu tun, das Delirium der Armensünder vor dem Galgen anzuhören. Das kennen wir. D i e nehmen die Schuld der ganzen Welt auf sich, haben nichts mehr zu verlieren. Schluß." Und die Luke wurde rasch und dröhnend zugeklappt. Der Rabbi sank auf der Steinbank zurück. Der kauernde Riese sah devot zu ihm hinauf, wartete auf ein Wort. „Warum hast mir nicht all das schon früher gesagt?" fragte der Rabbi händeringend. „Warum? Weiß ich, was in meiner schwarzen Seele saß und mir die Kehle züschnürte, wenn ich davon reden wollte? Vielleicht die Angst, Du würdest mich von Dir stoßen, justament, da. > ich in Deiner Nähe anfing, etwas wie Licht in meinem dunklen Herzen zu verspüren-" Der Rabbi schwieg, dachte angestrengt nach. Es war aus und nutzlos. Wer würde ihm glauben, wenn er, oder sonst jewand von den Juden, später das letzte Geständnis des Schornsteinfegermeisters bezeugte? Und würde er, Anton Rehbock, jetzt seinen Richtern vorgeführt werden und ex würde jetzt selber seine letzte und größte Schuld bekennen, würde man nicht sagen, er, Rabbi Naftali, habe ihn in letzter Stunde überredet, Fremder Schuld auf sich zu nehmen? Mehr als neue Verwickelung und neue Entweihung des göttlichen Namens käme dabei kaum heraus. Es war nutzlos. „Kannst mir nicht verzeihen, Rabbi?" flehte Anton Rehbock und langte mit den großen Armen aus, wie ein Ertrinkender, der um einen Halt verzweifelt ringt..,