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Der Israelit · 1928-07-26 · Heft 30 (26.7.1928) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 30 (26.7.1928)
Date
1928-07-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 30 Der Israeli! » > r - a - t * tf ■ 26 Juli 1928 „Möge Dir Gott so verzeihen, wie ich und wir es tun. Er möge Dir gnädig sein." „Bete für mich, Rabbi, erst dann glaube ich es ganz." Und Rabbi Naftali verharrte in diesem besseren und sauberen Gemache im heißen Gebete die ganze Nacht. Bis gegen Morgen die Schergen .kamen und Anton Rehbock -zum letzten Gange abholten. Sie mußten ihn erst wach heißen. Die Gebettöne des Rabbi hatten ihn.in ruhigen Schlaf gewiegt. (Schluß folgt.) Briefe aus einem kleinen Bade. Bad Brückenau, 16. Juli. Lieber Freund! Es gilt nicht als besonders geistreich, vom Wetter zu reden, aber es ist schon der Rede wert. Am Sabbat der „Wüstenzüge der Söhne Israels" hatten wir hier eine Tropentemperatur von 35" C., am Sonntag kamen noch zwei Grade hinzu, heute, Montag, macht das Barometer Hochtouren, als wollte es schon in aller Frühe den „ Dreistelz " besteigen. Die Menschen rüsten ab, auch die Männer dekolletieren sich . . . Sie schwitzen und seufzen: „Ist das eine Hundehitze!" Was hat der Hund mit der Hitze zu tun? Auf der Wiese unseres Hotels, die auch Garten genannt werden kann, weil zu beiden Seiten Laubbäume mit gutgeschnittenen Bubiköpfen aus einige Meter dem Grün matte Töne geben, ruhe ich nach dem Bade auf dem Liegestuhl, sehe durch das Gezweige zum wölken losen Tropenhimmel hinauf - und denke — weil man nach dem Bade nichts tun und möglichst wenig denken soll — an das Land der ewigen Sonne, darüber sich Tabor und Karmel grüßend neigen, wie hier die Rhönhänge über unser in Sonnengold getauchtes Tal^ Jenen Tälern, jener Sonne, jenen Bergen, gilt das Sehnen und die Trauer und die Hoffnung unserer Tage Nun genug doch vom Wetter! Sie wollen wissen, Freund, welche Bewandtnis es hier mit dem Sanatorium für die Seele" hat. Nun denn, hören Sie unser Tagesprogramm m den Tagen der Programmlosigkeit, da als oberster Grundsatz gilt: „Man mutz nichts müssen!" Wenn morgens das f teilte Züglein Mit dem Traram und dem klirrenden wichtigen Getue aller Gernegroße die Schmalspurbahn hinunterrollt, macht sich, als käme mit ihm die Sonne von Jossa heruntergefahren, — obwohl sie in Wahrheit \n;*: drei Stunden über Berg und Tal leuchtet — alles, aas männlich und religiös interessiert ist, auf und tritt unten im Saale zum M o rg e n g o t t e s di e n ste an. Es wird, abwechselnd nach Wochen, hüben und drüben in dem einen oder anderen Hotel gebetet, so daß sich die Gäste beider Häuser zu einer Gemeinde sammeln. Auch die Wirte finden sich hier freundnachbarlich nebeneinander; einig in Gott. „Hart im Raume stoßen sich die Dinge" ganz und gar nicht und die guten Wirte nur dann an, wenn der eine des Anderen Aufmerksamkeit auf einen seiner neuen Gäste bei Verteilung von Ehrensunktionen vor offener Thvparolle zu lenken hat. Für Konkurrenzneid wäre auch bei weniger friedlicher Einstellung der beiden Männer kein Platz, noch Grund. Beide Häuser sind seit Wochen für lange Wochen bis aufs letzte Kämmerlein besetzt, so daß die Gäste in den Kurhäusern und Pensionen bis nach Wernarz hinaus einlogiert sind. Abends wird hüben und drüben mit Minjan gebetet. Am Sabbatmorgen war der gemeinsame Gottesdienst im Hotel dieses Kursleckens, der weder Dorf noch Gemeinde ist und im Winter sich dem Vorüberfahrenden nur durch ein paar verschneite rötliche Dächer symbolisch repräsentiert, von weit über hundert Herren und Damen besucht. Freitag Abend klingen die Töne des „Stufenliedes" von der einen und anderen Seite herüber und hinüber, fo daß — natürlich bildlich gesprochen — die Berge widerhallten. Noch in vorgerückter Stunde des lauen Hochsommerabends kann man im Kurgarten Worte aufschnappen: „Mussar", „Chassidismus", „Zionismus", „Aguda", „Aulim" (natürlich neben „Reunion", Tennis", Tanztee). In Gruppen wird den Sabbat über promeniert, diskutiert, gelernt, gelesen. Und mit Sabbatausgang findet sich sogar ein Kreis älterer und jüngerer Freunde bei Gesängen, Gesprächen und Thoraworten zu einer Art von Scho loschseud aus zusammen. Anschläge am „schwarzen Brette" kündigen Lernvorträge am Sabbat und Vorträge an Wochenabenden an. Elijah u Ha na bi singt aus geschulten Kehlen durch den Raum, da der Sabbat gegangen und der „Gott Abrahams, Jzchaks und Jaakobs" eine neue Woche anheben läßt, hier ein Teil des drei- oder vierwochenlangen „Tages, der ganz Sabbat" ist - - - Und da fragen Sie noch, was das fei mit dem Sanatorium für die Seele?! Es wird leise aus den einen und anderen gezeigt, der früher im Kurhause „streng trepha" gelebt, durch die Vortrefflichkeit der jüdischen Hotels aber an den Koschertisch gelockt wurde, und dann . . . Man hat, vielleicht nur aus Anstand, aus Rücksicht, obwohl selber uninteressiert, den Hut aufgesetzt beim gemeinsamen Tischgebete. Aber es war doch hübsch, und tmri betete später einmal mit. Uyd war man schon ein* mal da, konnte man sich schließlich auch am Gottes dienste beteiligen. Man hörte nach Jahren auch ein jü disches Wort. Es war schön, neu; vielleicht nicht ganz neu. Liebe Erinnerungen aus Kindheitszettblühten wie vom Leben zertretene Blumen wieder auf. . Und dann und dann; . . 1 r Wer mag eine jüdische Neschomoh in ihrem tiefsten Kern ermessen?! ' - Melleicht kann auch die Mebe..zum Judentum« unter Umständen durch den Magen gehen! Das -ists, was' ich mit dem „Sanatorium für die S e.eXje "sagen wollte.' '' Und nun ists mittag. Und ^der Heilige,^gelobt fei Cr", hat, um mit Raschi zu M. ’’I, Abschnitt Wajero zu sprechen, die Sonne aus dem Futteral gezogen. Weis aber auch, unser enAbraham der Eschelgastlichkeit nicht abhält, vor dem Eingänge des Zeltes in der .Glut dxr Sonne auf neue Gäste zu warten,.. Mir aber trocknet die Tinte in der Füllfeder ein. Es reicht noch gerade hm für den herzlichen heißen Gruß Ihres S—tz Bad Brückenau, 22. Juli. Lieber Freund! Daß der vorstehende Brief seinen Adressaten erst nach vier Tagen und nach Schluß der Redaktion erreichte, liegt nicht, wie Sie meinen, an der Zensur des „Schwarzen Kabinettes" unseres Brückenkopfes, auch nicht — Sie haben sich inzwischen davon überzeugt an der „Schwere der Gedanken, der die Lo komotro e nicht gewachsen wäre, es liegt am Tempo der Zeit, auf unserer weitab von der Brandung des Lebens gelegenen grünen „Insel der Seligen". Alles — und das'ist der besondere Reiz unseres kleinen Bades — hat hier Zeit, die lHäste, Me Kellner, die Kurverwaltung, natürlich auch die Post, und a m m e i st e n besagte Lok o m o t i o e, mit dem Kurse nach Jossa, dem „Emsallstor nach Europa". Sie kommen über Jossa nicht' hinweg. Alle Wege von und nach hier führen über Jossa. Keiner kommt hier an, keiner kommt von hier roeg ohne Jossa. Sind wir aber in Jossa und besteigen dre Sch malspurb a h n — so schmal, daß eine Ziege, ohne Gefahr mit e i n e m Satze, über beide Schienen zugleich springtö sagt die Lokomotive: „Gemach! Wir sind hier zur Kur und „Eile ist von Satan!" Und fahren wir nach absolvierter Kur z ü r ü ck, nach Jossa, da faucht die Maschine mütterlich: „Nur nicht überstürzen, nicht gleich in die Hast! Langsam, nach und nach! Wir Packens noch! Wir Packens noch! Wir Packens noch! ... So kann es schon passieren, daß ein Brief aus der Gluthitze geboren, in Frankfurt bei geheiztem Ofen gelesen wird. Aber das alles gehört zum Idyll, zur Homogenität des Bildes, erhöht den Reiz unserer Friedensinsel ganz beträchtlich. Und alle, die am Raketentempo derZeit kranken, kommen schleunigst her, und sie werden genesen, werden im Anblick der majestätischen Ruhe der Schöpfung, die den Schöpfer lobt, selber die innere Ruhe finden. Auch all diejenigen, die sich darüber entsetzen, daß ein Brief von hier nach Frankfurt vier Tage für seine Weltfahrt brauchte. Das empfiehlt Ihnen inständigst Ihr S—tz. Festtäglicher Spaziergang?) Mein Freund holt mich zu einem kleinen Spaziergang ab. Er sieht schmuck und adrett aus: rosige Wänglein, schwarzer, goldbetreßter Anzug, weiße Weste. Es ist ein alter Freund von der Zeit her, da ich noch „Gebete lallte, halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen . Er hat eine eigene Art, mich feiertäglich zu stimmen, mich über den Staub und das Grau des Alltags hinauszuheben. Ja. er redet grundsätzlich nur von Feiertagen, von dem, was sie bringen, bedeuten, bewirken. Von den Befrei u n g s f e st e n : dem der äußeren Befreiung beim Auszug aus Mizrajim, den Vorbereitungen zur inneren Befreiung am Sinai, deren Handhabung und Anwendung auf das seelische Leben an den Jomim Nauroim und ihrer behaglichen Auskostung am Hüttenfest. Wir verstehen uns gut miteinander, mein Freund und ich, gut und doch nicht ganz gut. Er ist ein Landsmann von mir, der in einer Sprache spricht, die mir von Urväterzeiten her vertraut ist und ganz vertraut von Rechtswegen sein sollte. Sein sollte — aber leider nicht ist. Denn ich bin zu sehr in der Umwelt gefangen, in der ich ausgewachsen bin, zu stark in der Kultur befangen, die mich umringt und mir ihre Werte in anderer Sprache vermittelt als in der meines lieben Landsmanns. Traurige Goluserscheinung: man kann nicht mehr in den Formen denken und suhlen, die einem loschaun hakaudesch *) In wundervoller Ausstattung, auf weißem, holzfreiem Papier in klaren, reinen Lettern gedruckt, ist in 8 Bänden erschienen: Fe st g e b e t e der Israeliten mit vollständigem, sorgfältig durchgesehenem Text. Neu übersetzt und erläutert v o n D r. M i ch a e l S a ch s. Fra n k f u r t a. M. (Rödelheim). Druck und Verlag von M. Lehrberger u.. Co. Die Ausgabe ist handlich, bei allem Prunk gediegen und als Zierde fürs Haus und Synagoge warm zu empfehlen. zuführt. Man muß zu Kunstbehelfen greisen, der mehr, jener weniger, um geistig.zu exsassen>: Ms. Me Lippe spricht. Man bedarf eines^HglmetfMkHihEnicht zu stammeln, wo man reden sollte, iün nichl' verständnislos kalt zu bleibenwo man aufflammen .mühte. Da ist nun mein Freund ein ganz voÄrefMck^r, Hrüllte man sich euphemistisch ausdrücken, ein fast kongeniäler Dolmetscher. Er hat die Nötige Ehrfurcht, um gemessene Distanz demgegenüber zu -wahrenwas uns die Tefillaus, was uns die.Piullm ^r Festtage zu sagen und zu. singen, zuzuschmettern und zuzuMbeln wissen. Und er dringt in den Geist dieser, vom Urquell. alles Lebens ghttlich-befruchteten Gebete-ein. Dazu ist M ein fein empfindendes pöetisches Gemüt, in dem melodisch und gewaltig widerhallt Und neu eicklmgt, was. uns unsere PÄtonim künden. Auch bannt er es in dichterische Formen von einschmeichelndem Wohllaut und von markiger Kraft. Ich bin zufrieden Und beglückt mit meinem Freund und dem Spaziergang, den ich mit ihm untenommen habe. Er hilft mir weg über die Steine, an denen ich sonst straucheln würde. Er bringt mir seelisch bedeutsame Vorstellungen von der Gewalt, der Würde, dem Glanze unserer Weihefeste. Und ich hoffe, daß dieser, mein Spezialfreund,. .bald' der Allerweltsfreund für die nahenden Festzeiten sein wird . Damit wir wissen, was unsere Zunge sagt, damit wir innerlich spüren; was sich uns auf die Lippen drängt. Dem auserwähllen Volke! Ich rang dre Hände nachts in meiner Kammer Und aus mir wild schrie meines Bültes Stimme: „Wie lang noch, Herr, willst Du 'in Deinem Grimme Mit ansehn Demes Volkes blut'genJammer? Sind wir zum einz'gen Volke auserkoren. Daß'wir als Opferlamm der Menschheit dienen, Allzeit des Volkes Wahnwitz schweigend sühnen? Wir lösen Dich vom Schwur, den Du geschworen!" — „Picht wert ist, wem in fruchtlos lauten Klagen Sein Gottvertraun in Zeit der Not zerschellt. Den stolzen Namen „Israel" zu tragen. Leicht ist's im Glück; im Leid sollst Du beweisen, Welch Gottesgeist Dich groß, unsterblich hält! So wirst Dü wert, mich einst im Glück zu preisen. Kuno Lehrmann. Rimpar. Bevorzugt von der anspruchsvollen Hausfrau Auß erge wohnliche Vorzüge, trotzdem niedriger Preis. Um Escbeiibeiraeitor 3 (Stadtgarten) ' ■ ' 1 ’ Ä nnoncen-Büro Julius Schmidt Frankfurt a. M-, Langestr. 7 Telefon Hansa 4641 Postsdheck-Konto Frankfurt am Main 142 353 Einzige Inseraten-Annahme für Frankfurter Geschäftsinserate des „ISRAELIT“ Ausserdem Annahme von Inseraten für sämtliche hiesige und auswärtige Tageszeitungen, Wochenu. Fachblätter zu Originalpreisen

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