Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1928)
- Date
- 1928-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Juli 1928 Nr. 29 Gette 3 De r Israeli» Eine unangebrachte Ehrung. Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien, so wird von dort berichtet, hat die Errichtung einer psychoanalytischen Klinik zu Ehren von Prof. SigmundFreud beschlossen; Freuds Tochter, Anna, werde zwei Abteilungen dieser Klinik leiten. Die jüdische Welt, soweit sie mit den geistigen Strömungen der Gegenwart einigermaßen versraut ist, wird diese- Nachricht mit nicht geringem Kopfschütteln vernehmen. Wenn die Wiener Kultusgemeinde glaubt, daß ihr Hospital zur Heilung gewisser Kategorien von Nervenkranken auch die Psycho-Analyse in den Kreis der zur Anwendung gelangenden therapeutischen Mittel einbeziehen soll, so wird ihr kein Mensch das verübeln. Allein, hier soll es sich ja offenbar nicht um eine praktische Maßnahme zu Heilzwecken handeln, sondern um die feierlicheEhrung eines Mannes, auf dessen Zugehörigkeit zum Judentum die Wiener? Kultusgemeinde stolz fein zu dürfen glaubt. Wäre die Wiener Kultusgemeinde nach dem Willen ihrer zionistischen Vorstandsmitglieder bereits eine Volksgemeinde reinsten Wassers, d. h. eine rein kommunale Gemeinschaft der an der schönen blauen Donau hausenden, von jüdischen Müttern geborenen Menschen, so ließe sich die Ehrung des Juden Freud genau so gut verstehen, wie beispielsweise der Stolz von Männern wie Klausner auf die Zugehörigkeit des Stifters des Christentums zum jüdischen Stamme. Allein wir vermuten, daß die führenden Kreise der Wiener Kultusgemeinde von Klausnerschen Gedankengängen weit entfernt sind, daß sie vielmehr ehrlich glauben, ihre Gemeinde sei, wie schon der Name sagt, allen Ernstes eine Kultus- Gemeinde, eine ausschließlich der Förderung der jüdischen Religion gewidmete Körperschaft. Ist das der Fall, dann sind nur zwei Annahmen möglich, beide gleich beschämend für die Gemeinde. Entweder herrscht.in den Kreisen des Wiener Kultusvorstandes, der diesen Beschluß gefaßt hat, vollendete Gedankenlosigkeit, oder die Herren sind über die Beziehungen Freuds zur Religion im allgemeinen und zur jüdischen insbesondere, nicht unterrichtet. Wir empfehlen ihnen in letzterem Falle die Lektüre des außerordentlich gründlichen und belehrenden Aufsatzes den Dr. med. Edgar Michaelis im Juniheft des „Morgen" über „Freud und die Religion" veröffentlichte. Hat Freud schon vor 20 Jahren in seiner naiv-materialistischen, allem kritisch-philosophischen Denken fremden Manier die Religion als „universelle Zwangsneurose" aufgefaßt, so kann sich nach dem Erscheinen des jüngsten Freudschen Werkes: „Die Zukunft einer Illusion", das geradezu einen Haßgesang gegen alles religiöse Seelenleben darstellt, kein Mensch mehr über die geistige Einstellung Freuds gegenüber allen höheren Mächten der Seele hingeben. Man mag diesen Rückfall eines Naturforschers in den vorkantischen Materialismus ernst nehmen oder nicht; keinesfalls sollte eine jüdische Kultus gemeinde so geschmacklos sein, dem erbittertsten Feind und Verächter jedes religiösen Kultus ein Denkmal zu setzen. Stabt oder Land. Von Rabbiner Dr. B. Lohen in Schönlanke. Ob Großstadtreligiosität oder Verländlichung unserem heutigen jüdischen Leben neue Kraft verleihen wird, darüber streiten gegenwärtig unsere eifrigsten Freunde und Vorkämpfer. Hierzu seien zwei Anregungen dem Nichtfachmann der Soziologie. gestattet, eine talmudische und eine aktuelle. Ein oft wiederkehrender Spruch der Weisen sagt: 07K inpj wx spip ib-pw vs „Wer keinen Boden hat, verdient nicht den Namen eines Menschen". Ein ander Mal heißt es von dem, der pmn p minan npib sein Getreide nicht aus eigener Ernte, sondern durch Einkauf besitzt, an ihm sei der Fluch der nnain erfüllt: s'vrm «bi 1"na „Du glaubst nicht mehr an Dein Fortleben." Mag auch letzteres harte Wort sich auf das Mißtrauen beziehen, das man den Unkundigen betreffs der Verzehntungspflicht entgegenzubringen hat, — Tatsache bleibt, daß beide Aussprüche eine landwirtschaftliche Erwerbsweise des Volkes als Regel und die Nichtselbstversorgung als Ausnahme voraussetzen. Das trifft sicherlich für die Heimat des ’baa *nabn, das judenfreundliche, fast rein agrarische Babylonien völlig zu. Der 7"» zu na sagt aber: envinb wiv on rvo^ro •nwi na j’j? p ib»o «bann ona «saa Kbi aai« ,‘irw am« *a •••n,rw •naiitn vr*x na -non« law n'.n y>p nvi naw Drei Leute waren begeistert für Landbesitz, Kajin, Noah und Usia, und an diesen dreien wurde kein Nutzen (ihrer Landneigung) gefunden. Kajin war „ein Bearbeiter des Erdbodens", Noah „fing als Landmann an" und Usia „war ein Freund von Land" (2. Ehr. 26). Diese der Verländlichung geradezu feindlichen Aussprüche entstammen allerdings dem n"»' der zum größten Teil in der Zeit und Gegend entstand, wo das Oströmerreich den neuen Glauben mit radikalem Landmonopol gewaltsam stützte und Juden wohl nur dann Boden besaßen, wenn sie sich den Tyrannen völlig verschrieben hatten. Man kann aber auch beide Gruppen von Aussprüchen anders miteinander ausgleichen. Vielleicht spricht die erste Gruppe von solchem Landbesitz, der auch produktiv und fleißig bearbeitet wird und somit zugleich Demut und einen gottgefälligen, innerlich begründeten Stolz dem Menschen anerzieht', beides in sittlich wohltemperiertem Maße; die zweite Gruppe jedoch scheint dem Wortlaute nach solche Menschen zu betreffen, die aus unedlen oder unklaren Motiven sich für das Ländliche bis zum Uebermaße begeistern. So mag Kajin als Typ des ungeschlachten „Muschik" aufgefaßt werden, der jede höhere Geistesbildung, ja jeden Anflug von Urbanität grimmig haßt und selbst in Dankesstimmung für den Schöpfer nur das übrig hat, was gerade „in seine Hände kommt". Noah greift zum Landbau, weil er nach dev Weltenkatastrophe „von vorn anfangen muß" und zeigt diese — den heutigen Neuarmen gleichfalls typisch eigne — innere Beziehungslosigkeit.zum Landbau dadurch, daß er ib rrn nbna poyb den Weinberg anpflanzt, bevor er an Brotfrucht denkt. .T>m vollends erscheint lediglich von dem ihm Neuartigen des Landbaus angezogen, wie er ja auch sonst gern sich Dinge anmäßte, die nicht seines Amtes waren, z. B. den Priesterdienst; er ist der Typ eines nai» anirreines „Amateur-Landwirts", der seine geisttgen Anlagen verfallen läßt und auch im usurpierten Landmannsberuf nicht das erhoffte nbyin leistet. Es ist hiernach nicht schwer, zwischen den heute wieder recht zahlreichen Befürwortern der ländlichen Lebens- und Siedlungsweise die nötigen Unterschiede herauszufinden. Ernst gemeinte ländliche Beschäftigung wird von allen jenen Aussprüchen, die nur einen na*n* in« üirrb einen ziellosen Verländlichungssport betreffen, als nicht verpönt, sondern als großes Volksideal, ja Vorbedingung wahren Menschentums gefeiert, ohne die der -paa 77.7der Stadtbewohner nur im Ausnahmefall ein sündenreines Herz bewahrt. Die Verländlichung in den rechten Händen und im rechten Geiste kann und muß nicht unsere einzige, so doch unsere wirksamste Neugeburt zu wahren Juden zur Folge haben. Nun sind wir schon mitten im Aktuellen drin. Einig sind sich wohl auch heute noch die Geister darüber, daß das Hirschische Ideal „mittelgroßer Landstädte" anzustreben ist. Die Parteien Pro- Land und Pro-Stadt reden aneinander vorbei. Anzustreben z. B. ist eine Siedlungsform in oder nahe Erez Jisroel, in welcher Juden allein solche mittelgroßen Landstädte bilden. Daran zweifelt wohl niemand. Aber in der Diaspora, besonders wo wir nur wenige Prozent der Bevölkerung ausmachen, da sind wir ja in jeder von solchen an sich gesund entwickelten Mittelstädten eine religiös nicht lebensfähige Minderheit. Ist es denn nicht genügend bekannt, wie viele Gemeinden in solchen Mittelorten, von Klein- und Marktörtchen ganz zu schweigen, längst ohne eigenen Beamten, ohne nipv' ohne pao und. was das Schlimmste, ohne Unterricht hinvegetieren, ja l e i d e r sehr langsam sich auflösen? Da gibt es nur eine Rettung: Zusammendirigieren der Abwanderung in solche Zentren und in solcher Menschenzahl, daß eine jüdische Schule möglich wird und gedeiht. Und wenn es mit purer Zedoko ist, — wir müssen die im verstärkten Golus wohnenden Juden in größere Siedlungen retten. Dann bilden sie eine „Mittelstadt in der Großstadt" und können als Juden leben. Da das Thoraland als Rayon oder Nachbarbezirk des (leider zwischen innerem Bolschewismus und Amerikanismus hin und her gerissenen) heiligen Landes vorerst nur eine schreiende Notwendigkeit und keine Wirklichkeit ist, und da ferner nur in einem solchen rein jüdische (und reinjüdis che!) Mittelstädte denkbar sind, so müssen wir die Verländlichung mit sehr großer Vorsicht betreiben. Um so mehr könnte ja, was meines Erachtens ebenso nötig ist, zunächst die kulturelle Verländlichung der Judenheit im Golus der Großstadt, d. h. ihre Umgewöhnung an ländliche Erwerbsweise (etwa in stipendiierten Jeschiwaus mit selbstversorgendem Landbetrieb) begonnen werden. Wenn aber in heutigen Wirren, wo die Gleichberechtigung in den meisten Ländern gerade gegenüber den thoratreuen Juden Phrase und Fetzen Papier ist, nicht der Schrei nach dem Thoraland unsere Nationalökonomen von Fach zur Schaffung desselben auf den Plan ruft, dann kann ich nur noch fragen: .'na'« y»tzds; ab äs . . * yv Ein Wendepunkt in der Organisakionsgeschichke der ungarischen Judenheit. Zur staatlichen Anerkennung der autonomen Organisation der status quo-Gemeinden in Ungarn. Von Rabbiner PH. Fischer in Sarospatak. Ungarn. (Fortsetzung.) Und nun sehen wir uns einmal das von Herrn Rabbiner Stein zur Rechtfertigung des 8tatu8 guo-Standpunktes mitgeteilte Schreiben von R. Joel Ungar b*xt an. Darin wird mitgeteilt, wie in der Gemeinde Waitzen große Streitigkeiten entstanden waren, da die Gemeinde mit riesiger Majorität beschlossen hatte, die 0'pin D’ayinnn „Sie verabscheuungswürdigen Statuten" der neologen Kongreßmajorität anzunehmen. Wogegen aber der Rabbiner S. Ullmann, der bis dahin Rabbiner der Gesamtgemeinde gewesen war, mit Preisgabe seiner eminentesten Interessen sich mtt einem kleinen kleinen Bruchteile von der Muttergemeinde losgesagt hatte, um eine separate orthodoxe Gemeinde zu gründen. Da aber die Tragfähigkeit dieser Wenigen nicht hinreichte, um einen Rabbiner zu besolden, so entschloß sich dex Schreiber auf das Drängen zuständiger Faktoren hin, mit noch zwei anderen Rabbinern nach Waitzen ZU reisen, um dort, wenn nur möglich, die Getrennten wieder zu vereinen und Frieden, zu stiften. Da hatte nun R. Joel Ungar den Streitenden mehrere Punkte zur Annahme vorgelegt. Daß nämlich die Gesamtgemeinde sich verpflichten soll, keinen im Schulchan Aruch begründeten Gebrauch zu ändern, daß sie sämtliche Gemeindefunktionäre, wie Vorbeter, Schächter und Kinderlehrer unter die Aufsicht ihres Rabbiners stellt und nach des letzteren Geheiß handeln wird, und daß die Gemeinde sich von der Annahme der neologen Kongreßstatuten lossagt. Mit der Annahme dieser Punkte hatten sich nun fast alle Gemeinde- Mitglieder einverstanden erklärt. Doch wünschte MW««»«« JO *S5reg3<ef