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Der Israelit · 1928-07-19 · Heft 29 (19.7.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 29 (19.7.1928)
Date
1928-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 29 Der Israelit Wochenrurrdschcru. An Babels Strömen. An den Strömen Babylons, dort saßen sie — 122V' VV — auch weinten sie — 12'22 VA —, da sie Zions gedachten. - Das vV und vA lassen uns in den« Tränen, die um Zion an Babels Strömen slosien, etwas Ueberraschenües erblicken. Bezeichnend« genug waren diese Tränen, wenn man 122V' im Sinne eines Sichnied erlasse ns nimmt. In Ruhe und Freiheit durften sie dort am Euphrat fühlen, sich des Glückes und Wohlstandes der vom Rechte geschützten Bürger erfreuen. Und dennoch! Sie weinten, da sie des alten, vielleicht kümmerlicheren Daseins auf heiligem Heimatboden gedachten. Denn diese Tränen galten nicht eigenen) Leide, sie galten der „Seele" in Banden, dem Golus der S ch e ch i n a h, das im Lichte irdischen Besitzes um so deutlicher und dringender nach Erlösung schreit. ... An Seen und Strömen, in den Bergen und an Stätten, da heilendes Wasser aus dem Boden sprudelt, sitzen unsere Brüder heute zu Tausenden in den Wochen und Tagen unserer nationalen Trauer. „Sitzen" und genießen alle sonstigen Freuden der Natur, allen Komfort, den ein verfeinertes Lebensgefühl für ein nach Ruhe, Schönheit und Erholung lechzendes Menschenherz erfunden hat. „Weinen" sie auch noch? Haben sie noch eine Träne, ein Wort der Klage, ein Gefühl der Trauer, überhaupt einen Gedanken an Zions Trümmer, in Wochen und Tagen, die uns seit zwei Jahrtausenden in der Trauer und Klage den Quell der Wiedergesundung hüten. Man wird einem, dem die Heilbäder vom Arzt vorgeschrieben und auf bestimmte Tage verteilt sind, vernünftigerweise nicht verwehren wollen, auch 'in den „n e u n T a g e n" zu baden. Es soll keinem zugemutet werden, im Bad von der vierwöchigen Kur drei Wochen den Brunnen zu meiden, weil im Kurgarten die Kapelle — der man übrigens leicht aus dem Wege gehen kann — spielt. Wem wegen seines Magenleidens vom Arzte das Fasten oder die ausschließliche Milchkost untersagt ist, wird« einen Paragraphen im Schulchan Aruch zur Beruhigung seines religiösen Gewissens finden. Allein, kann der Kurplatz, die Sommerfrische an sich schon ein Freibrief sein, sich über religiöse Dinge glatt hinwegzusetzen? Wer denkt beim Anblicke der wogenden Julifelder an Zion, das zum Felde umgeplfügt wurde? In wessen Herzen ruft strahlende Sonne über grünen Fluren die Dichterklage wach: „Wie soll mir Sonnenlicht lieblich leuchten, wenn Finsternis deine Fluren hüllt, 0 Zion!" Wem bleibt bei dem Zusammenspiel von Natur und Kunst, um unsere Ruhewochen zu verschönen, noch ein leises Gedenken an heilige Trümmer, die des Aufbaus harren und unserer Hände, unserer Herzen, unserer Hirne? Es ist so, daß Tausenden von Juden, die sich sonst zu den Gesetzestreuen zählen, die Wochen und Tage, die der heiligen Trauer bestimmt sind, 0 h n e N 0 t zu einem einzigen wochenlangen Feste gemacht werden! Ohne Not! Wir möchten es noch einmal unterstreichen. Denn es soll nicht von denen gesprochen werden, die der Not gehorchend, sei es der Eigenart ihres Leidens wegen, oder wegen ihres Berufes oder mit Rücksicht auf die Schulferien ihrer Kinder, die Wochen der Trauer zu ihrer Ausspannung wählen müssen. Wo aber diese Rücksichten wegfallen, sollten« jüdische Juden .ihre Ferien auf die Wochen legen, da man sie besser, billiger und ruhiger und ohne daß auf Schritt und Tritt die Kurverordnung mit der Verordnung des Schulchan Aruch in Kollision gerät, ganz und ungetrübt von Gewissensnöten auskosten kann«. Allein, auch für diejenigen, die eigene Umstände in die Ferienfreuden der Trauerwochen zwingen, muß es eine Grenze geben; auch ihnen darf nicht der Kurschein die Eintrittskarte in eine Welt jenseits vom religiösen Gesetz, von Brauch und Sitte sein. Trinken und Baden sind Kurnotwendigkeiten, Theater, Konzert und Reunion sind es nicht, nach Ansicht vieler sogar kurschädlich! Was unsere Väter an den Strömen Babels taten, das sollten auch wir an den Wassern der Nord- und Ostsee, in der Höhenluft und am Sprudel nicht vergessen, auch eine Träne weinen für Zion — und mit den Tränen das Feld der Arbeit befruchten, die für das eigene Ich gebrachten finanziellen Opfer adeln durch Opfer für E r e z I s r 0 e l, auf daß aus heiligen Tränen heraus reiche Ernte erblühe. 6ei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: PheDac., Phenyldimethylp., II 4 0(1 Acetylsai., Coff.l™« l.fcU in allen Apotheken on 19. Juli 1928 Religion und Sittlichkeit Das Organ der amerikanischen Bne Brith- Logen berichtet von einem interessanten Versuche, der unlängst unternommen worden ist, um auf sozusagen experimentellem Wege den oft erörterten Zusammenhang; zwischen religiöser Weltanschauung und praktischer Sittlichkeit zu ermitteln. Ein Professor an der Columbia-Universität, Dr. Julius Maller, hat es zuwege gebracht, zwei Gruppen von Kindern moralpsychologischen Untersuchungen« zu unterwerfen, von denen die eine Gruppe vollkommen arel i g i ö s erzogen worden war, die andere Gruppe in religiösem Sinne. Festgestellt werden sollte, welche dieser beiden Gruppen in bezug auf Ehrlichkeit die Ueberlegenheit hätte. Nach einem bestimmten System wurden Zeugnisnoten für Ehrlichkeit gegeben und das Ergebnis war ein Vorsprung auf Seiten« der religiös erzogenen Gruppe. So modern und originell sich diese Methode ausnimmt, so wenig wirkliche Beweiskraft besitzt sie. Abgesehen von der völlig zufälligen charakterologischen Begabung der den beiden Gruppen ungehörigen Kinder, läßt sich aus so kleinen Ziffern von Versuchsobjekten bei moralstatistischen Untersuchungen« überhaupt kein wissenschaftlich begründeter Schluß ziehen«. Für den denkenden und einigermaßen philosophisch gebildeten Menschen bedarf es keines experimentellen Beweises, um einzusehen, daß eine Ethik, die sich nicht auf weltanschauliche Grundlagen stützt, schon theoretisch, gewiß aber in ihrer Motivationskraft völlig in der "Luft schwebt, und daß Weltanschauung in diesem Falle identisch mit Religion ist. An« und für sich ist es ganz unmöglich, in unserer Zeit zu behaupten, daß irgendwelche Individuen, auch wenn sie scheinbar religionslos erzogen werden, ihre psychologischen Antriebe nicht doch auf tausend Wegen aus religiösen Quellen empfangen. Mancher glaubt religionslos zu sein und zehrt doch von dem doppelten religiösen Gut, das ihm seine Ahnen in Blut und Seele hinterlassen haben, und das ihm die immer noch lebendige religiöse Kultur Heimgegangener Generationen aus der Umwelt unablässig Zuströmen läßt. Was aus der Sittlichkeit der Menschheit würde, wenn sie nach bolschewistischem Muster ein o d e r' z w e i Generationen lang, was Gott verhüten möge, erzogen würde, das könnten unsere Enkel und Urenkel etwa in Rußland mit Grauen feststellen. kleines Feuilleton. Tischo Vearv. Von Ifaac Schönberg. Heiter blickt ein klarer Himmel auf die üppige Pracht der Natur; silbernes Lachen froher Kehlen schwängert die farbig prangende Flur... Dumpf pocht' an das sonnige 'Tor —, ächzend knirscht der heiße Sand —; müden Schrittes zieht ein Greis durch das lichtdurchflutete Land. Wirr sein Bart, durchfurcht das Gesicht das Auge starr in die Weite gesenkt; in Fetzen staubiger Laken gehüllt, des Hauptes Haar mit Asche vermengt. Und der Kinder spielende Schar stiebt erschreckt in dichtes Gesträuch, , und der Alte schreitet fürbaß, wankenden Fußes, das Antlitz bleich. Jetzt öffnen bebend sich die Lippen, die stumm, gepreßt das Wort bewahrten, Worte schleudernd, düstern Gedenkens in der Sonne lichten Garten. Seines Geistes Seherauge schaut auf's Neu des Tempels Pracht, und die Strahlen ihres Glanzes blenden des Golus finstre Nacht. Grausam, und in. wildem Grimme reißt er auf die alte Wunde; mahnend, wie «in fernes Donnern bricht's hervor aus seinem Munde: Gedenkt des Tages, da Tochter Zion in des Feindes Kralle fiel, und des Volkes Heiligtümer dieneten dem Hohn zum Spiel!" „Traure drum, o Volk Israel, ob der Krone, die zerbrach; wahr' die Trümmer ihres Stolzes, erbau' durch sie das neue Dach!"- Oie jüdisch - christlichen Mischehen. (Sonderabdruck aus der Zeitschrift „Allgemeines Statistisches Archiv", 17. Bd., Heft 4, Jena 1928.) Professor Dr. W. Hanauer, Frankfurt a. M., der auf dem Gebiete der sozialen Hygiene schon manch Erfreuliches geleistet, nimmt zu dem Problem der jüdisch-christlichen Mischehen in streng wissenschaftlicher Weise Stellung. An Hand des reichhaltigen statistischen Materials über die Mischehen der Juden in Deutschland zieht '•^r Verfasser interessante Schlußfolgerungen. Es sind D.nge, die jeden interessieren, Folgerungen, die sich auch die Orthodoxie ins Herz schreiben muß. Die Zahlen sprechen ihre eigene mahnende Sprache. Ist es nicht betrübend, wenn man sehen muh wie Juden im Verhältnis zu anderen Konfessionen das Hauptkontingent der Mischehen in Deutschland stellen? Ist es nicht herzzerreißend, wenn man feststellen muß, daß durch die Zunahme der jüdischen Mischehen die reinjüdischen Ehen entsprechend abnehmen müssen? Bezüglich der Beteiligung der Geschlechter an jüdischen Mischehen zeigt sich, daß es mehr Männer als Frauen sind, die eine Mischehe eingehen. Mehr Protestanten und Dissidenten und weniger Katholiken sind es, die sich an der Mischehe beteiligen. Uns scheint, daß die strengere Erziehung und ernstere Auffassung über die Begriffe von „Religion und Autorität" manchen Katholiken von einer Mischehe mit einem Juden zurückhält. Auch über die jüdischen Mischehen in außerdeutschen Ländern stellt der Verfasser einige Ziffern zusammen. Sollen diese wenigen Ziffern auch keinen Anspruch aus Vollständigkeit machen, so deuten sie doch bereits an, welche gewaltigen Unterschiede in den verschiedenen Ländern obwalten. Uns Orthodoxe dürfte es nicht verwundern, daß die nordischen Länder insbesondere Dänemark mit seinen Mischehen an erster Stelle marschiert, nachdem in Dänemark die Reform alles auflöst. Vom moralstatistischen Gesichtspunkt aus gesehen, sind die jüdischen Mischehen eine Anomalie, eine schwere Volksk.rankhe.it, die man nur erfolgreich bekämpfen kann, wenn man ihre Ursachen genau verfolgt. Die Diagnose kann Hanauer natürlich auf den 25 Seiten seiner vielseitigen Betrachtung nicht stellen, doch gibt er mit den vielen anderen Autoren zu, daß bei der Schließung einer Mischehe in besonderem Maße eogistische Motive maßgebend sind. „Untreue schlägt den eignen Herrn." Dies zeigt sich am besten bei der Qualität des Nachwuchses aus den Mischehen. Wer Gott und seinem Gesetze nicht die Treue bewahrt, der kann es in der Ehe häufig auch nicht. So betont ein nichtjüdischer Autor mit Recht, daß die meisten Partner der Mischehe gerne umkehrten, wenn sie die bitteren Stunden bedachten, die ihren Nachkommen bevorstehen. In einem Schlußkapitel über die Biologie und Soziologie der jüdischen Mischehen legt der Verfasser u. a. dar wie die Abkehr von der Tradition besonders in der Großstadt auch hier relativ die höchste Ziffer der jüdischen' Mischehen zur Folge hat> wie andrerseits der Antisemitismus ein Erziehungsmittel gegen die Mischehen ist. Wir müssen dem Verfasser dankbar fein, daß er rein objektives Material gesammelt hat 'und auch in seinen Folgerungen objektiv bleibt. Dankbar aber auch deswegen, weil cc viele interessante Anregungen zu dem so komplizierten Problem gegeben hat. I. H.

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