Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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y b und rzie P aflo«9ls zum LD-CX. An der Schwelle des Lebens Jugendpsychologische Betrachtungen. Von Dir. Dr. Elias. Wie aus einem Halbschlaf erwacht der Jugendliche zum Bewußtsein seiner Selbständigkeit. Noch ist er weit davon entfernt, sich seiner Verbundenheit mit der Gesamtheit bewußt zu sein, die Reife des Körpers und Geistes absorbiert alle Kräfte, läßt ihn nicht zu einer sozialen Reifung kommen. Der Jugendliche ist in dem Alter, in dem sich der Körper dehnt und streckt, Leistungen! und Erfolge ihm die größte Bewunderung abringen, dafür aber religiöse Bindungen weniger Verständnis finden. Sein geschärftes Auge sieht tausend neue Bilder, die ihm Eltern und Geschwister in gänzlich neuem Bilde erscheinen lassen. In Gesellschaft von Freunden beiderlei Geschlechts gleitet er über das erste Erschrecken hinweg, und gewöhnt sich bald, über ernste Dinge zu lachen. Die Reinheit des Gefühls schwindet, die Gott erfreuende Unschuld des jungen Juden ist untergegangen in der von Presse, Kino, Kunst beherrschten Kultur, n rmw> nb i’Ttm was Jefchajohu neben der Verlassenheit der Witwen und Waisen als den Gipfel des Unglückes ansieht. Birnbaum hat nicht Unrecht, wenn er fragt,, v's pm msip n»i>. werden sich die jugendlichen Führer finden, die bei sich selber anfangen und den Kampf gegen die Sinnenlust organisieren? 2. Im Gegensatz zu der höheren Schule sah die Volksschule von jeher ihre Hauptaufgabe in der Erziehung. Aber sie entläßt den Jugendlichen gerade im kritischsten Stadium seiner Entwicklung. Der von den widersprechendsten Gefühlen bewegte junge Mensch soll anfangen, mp’a.ait i>er Kultur, und zwar an der Seite der Kultur zu arbeiten, die ihm durch innere und äußere Umstände besonders nahe liegt. Für den Juden kommen freilich mehr äußere wie innere Gründe in Betracht. Der Zunftzwang ist feit Hardenbergs Zeiten abgeschafft. Aber kann der Jude außer Handel und Gewerbe etwas wählen, was seinen Berufsträumen, entspricht? Stellen sich nicht religiöse, soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten jeder Art von Berussumschichtung entgegen? Und doch, wie viel ifjcmgt daran! Die ganze Freude, das schöne Ethos, die ganze Eignung zum Beruf hängt davon ab. Am besten wäre es, die Entscheidung über den Beruf möglichst lange hinauszuschieben. Nicht früh genug kann man aber anfangen, unerfüllbare Berufsträume unmerklich aber sicher zu unterdrücken. Dem bewegten Seelenleben der Reifezeit entspricht es, wenn soviele unserer Jungen und Mädchen Schauspieler und Dichter und Künstler werden wollen. Die Eltern nähren oft solche Berufsträume in unverantwortlkcher Weife und nachher schreien sie Gewalt, wenn, ihre Söhne oder Töchter den lange genug eingeredeten Fähigkeiten entsprechend sich ihre Berufe wählen. Welch unerträgliche Spannungen, welch bittere Tränen des Schmerzes und der Enttäuschung würden unseren Eltern erspart, wenn sie bei der Entscheidung über den Beruf ihrer Kinder vorsichtiger wären, nicht jeder Neigung, die gerade dem seelischen Entwicklungsstadium oder der Mode entspringt, nachgeben würden. Denn der Berus bestimmt nur zu oft auch die Weltanschauung und den Lebenswandel. Andrerseits soll man, wo wirklich tieferliegende Begabung und innere Notwendigkeit gebieterisch nach einem bestimmten Beruf drängt, nicht zu starr sein. Gerade heutzutage läßt sich überall jüdisch leben. 3. Mit 14 Jahren sollten wir unsere Kinder noch nicht einseitig festlegen, geschweige denn sie einem Berufe zuführen, der die geistigen und selischen Kräfte der auch körperlich noch Unentwickelten übersteigt. Die Jugendlichen freilich wollen hinaus. Für sie handelt es sich in erster Linie darum, den lästigen Schulzwang, der in tiefgefühltem Gegensatz zu ihrer inneren Unruye > ihrem Freiheitsbedürfnis steht, loszuwerden, unabhängig zu werden, Geld zu verdienen. In den ersten Lebenserfahrungen spielt der Chef und sein Personal natürlich die Hauptrolle. Lust und Liebe zum Beruf ist in dieser Zeit noch an Personen gebunden, die ihn ebenso auch vergällen können. Kommt dazu die Enttäuschung gerade in den Hoffnungen, die den Jugendlichen von vornherein zum Geschäft gezogen haben, wird er gering oder gar nicht bezahlt, hat er lange zu tun und kurze Freizeit, wird er zu viel geschulmeistert, dann stellt sich bald ein Bruch ein, der das Einswerden mit dem Berufe für die Dauer unmöglich macht. Gerade die tieferen und für uns wertvolleren Naturen leiden am meisten darunter, die leichten Bürschchen machen sich nichts daraus und wissen sich nach Geschäftsschluß in jeder Weise für das schwere Joch zu entschädigen. Die seelische Reif« fehlt, zum selbständigen Thoralernen bringt der Lehrling in diesem Alter nicht genügende Vorbildung mit und hat zu ihrer Erlangung auch zu wenig Zeit. So bildet sich langsam eine Weltanschauung, die von den materiellen und persönlichen Nöten des „Stifts" diktiert ist. Der Beruf erscheint ihm leicht als Mittel zur Ausbeutung, wie er sie an sich erfahren hat. Daraus entwickelt sich dann später eine Pathologie des Erwerbslebens, die zur spezifisch jüdischen Betätigung keine Zeit und keine Neigung läßt. Und wer das Joch der Thora von sich getan, der hat am Joch des Berufes desto schwerer zu tragen. 4. Noch in den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Verhältnisse von Grund aus anders. Damals wurde Lehrling und Gehilfe in die Hausgemeinschaft des Prinzipals ausgenommen, wie es heute nur noch in vereinzelten Fällen an kleinen Orten und im Osten vorkommt. Dem entsprachen die inneren Beziehungen zu dem Chef. Die Arbeitsgemeinschaft war wie im Lehrhaus Lebensgemeinschaft über Beginn und Ende der Tagesarbeit hinaus. Wenn einer sich'trennte, entstand eine Lücke im Zusammenleben. Sie fühlten sich gegenseitig für einander verantwortlich. Der Prinzipal fühlte sich verpflichtet, nicht nur für das berufliche Fortkommen zu sorgen, auch für ihre Erziehung zu Menschen,; 511 Juden, zu brauchbaren Gliedern der Gesellschaft ,und der Gemeinde war er mindestens moralisch verantwortlich. In diesen Zuständen lag ein wertvoller, der jüdischen Lebensanschauung selbstverständlicher Erziehungsfaktor. Was tun wir, um die durch die völlig veränderten Lebensverhältnisse entstandene Lücke auszufüllen? (Schluß folgt.) Der biologische Unterricht in der jüdischen Schule, in Verbindung mit dem religiösen- Gesinnungsunterrichl. Von I. Lichkenstädler. Hamburg. Als sich vor drei Jahren, gelegentlich einer Tagung des niinn ^-Kongresses, eine größere Anzahl jüdischer Schulmänner in Hamburg zusammenfand, um über Belange der jüdischen Schule zu beraten, wurde auch zur Forderung erhoben, daß in allen profanen Unterrichtsgegenständen Berührungspunkte zwischen Thorawissen, religiösem Gesinnungsstoff und jenen Disziplinen zu suchen seien. Durch die Ungunst der Zeiten kam der Beschluß, jüdischpädagogische Konferenzen alljährlich zu veranstalten, -!■ —. . .- ' —- i’ - „■ nicht zur Ausführung, und auch die für die einzelnen Unterrichtsfächer erwählten Kommissionsmitglieder veröffentlichten nur spärliches Material. Um jene damals mit Begeisterung aufgenommene Idee wieder in Erinnerung zu bringen, möchte ich heute auf die Berührungspunkte zwischen Biologie und jüdischem Schrifttum im Dienste der jüdischen Schule Hinweisen. Wenn ich auch jüdischen Schulmännern, die in der Schulpraxis stehen, kein Neuland bieten werde, so hoffe ich doch, die Besprechung über die Konzentrationsidee zwischen Naturwissenschaft und Thorabezw. Talmudunterricht in Fluß zu bringen und durch meine langjährige Erfahrung einige Anregung geben und Fingerzeige liefern zu können, wie man die Schüler im Sinne des Arbeitsunterrichtes biologisch fördern und zugleich religiös interessieren kann. Man huldigt im Unterrichtsbetriebe stets dem Grundsätze, daß kein Unterrichtsfach isoliert ein Einzelleben führen dürfe, sondern daß das Dichterwort: „Eins muß in das andere greifen, eins durchs andre blühn und reifen" zur vollen Geltung komme. Wie man zwischen Biologie, biblischem und talmudischem Wissen als Lehrer die Brücken schlagen kann, soll in aphoristischer Weise angedeutet werden. Der Lehrer braucht nur die Verbindungsfäden anzuknüpfen, und er wird bald zu feiner freudigen Ueberraschung finden, daß die Selbsttätigkert der Schüler einsetzt, um aus den Schächten unserer heiligen Literatur allgemeine Kulturwerte zu heben. Unerwähnt möchte ich jedoch nicht lassen, daß eine zu weitgehende Abschweifung. vom eigentlichen Unterrichtsfache, weder der Biologie noch dem Thorawiffen förderlich fein kann. Um nicht über den Nahmen dieser Besprechung hinauszugehen, will ich nur einige Repräsentanten der Säugetiere vom angegebenen Standpunkte aus betrachten. Sobald wir mit der unterscheidenden Behandlung der Lebewesen beginnen, weifen wir auf die Genesis hin und räumen dem Menschen die dem Tierreich übergeordnete Stellung ein, die ihm die Thora durch die Verse 27 und 28 des 1. K. von nwa eingeröumt hat. Hier ist es angebracht, den Schülern, nachdem sie die Unterschiede zwischen Mensch und Tier selbst gefunden haben, mitzuteilen, daß der Mensch wegen seiner höheren geistigen Tätigkeit im Talmud als bsv byn und wegen seiner artikulierten, ausgebildeten Sprach iai»n •>» und endlich wegen seines aufrechten Ganges als d’vw iVnn bezeichnerwird. Trotz des Hinweises auf die Schöpfungsgeschichte wird der Lehrer nicht umhin können, den Schülern Rede zu stehen, wenn sie Hypothesender Entwicklungslehre Vorbringen. Die Gelegenheit zu solchen Aeuherungen oder Fragen bietet sich den Schülern vorzugsweise bei der Besprechung der Affen. Der jüdische Lehrer muß solchen Anfragen gegenüber, durch die ein Gegensatz zwischen der offenbarten Gotteslehre und den Anschauungen der darwinistischen Schule zutage tritt, gut gewappnek sein. Ein gutes Rüstzeug findet er auch in dieser Beziehung im Barsilai von 'Ahron Marcus (Seite 72—80). Selbstredend wird der kundige Lehrer seinen Schülern auch mitteilen, daß hervorragende christliche Naturforscher der Gegenwart von Darwin ullü'seinen Epigonen weit abgerückt sind. Der Lehrer geht von der Bezeichnung i>sa aus, beleuchtet allseitig den Unterschied zwischen Tier- und Menschenverstand und setzt endlich allen hypothetisch gebliebenen Lehren der Deszendenztheorie seinen unerschütterlichen Glauben an die Worte: ms «12 '« 173^X3 tnsn ns s S12'1 entgegen. Im allgemeinen erinnern wir die Schüler bei der Durchnahme der Quadrumana an den 22. V. des 10. K. vom 1. Buche der Könige und an den 21. V. des 9. K. von Chronik II, woselbst berichtet wird, daß alle drei Jahre ein Tarschischschiff kam, das mit Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen beladen war. (Das Wort Tarschisch wird uns unwillkürlich zwingen, von unserem Thema abzuschweifen und den Schülern zu sagen, daß wahrscheinlich Tarschisch-Tortosa in Spanien, dem berühmten Handelsplatz der Phönizier im Westen, zu be-