Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Synagogale Fragen. i. Die Predigt. Zum Problem der Predigt wird uns ferner geschrieben: Der in Nr. 24 des „Israelit" mit D. K. Unterzeichnete und mit der Ueberschrift „Ketzerische Gedanken über die Predigt" erschienene Artikel, druÄ mir die Feder zu folgender Widerlegung in hic Hand : Es ist irrig, wenn der Verfasser meint, daß die Predigt ein Ueberbleibsel der Abraham Geigerschen Reformzeit ist. Jacob Ahron Ettlinger, Samson Raphael Hirsch und Chacham Bernaus,' -alle'Aeitffenvffen von Abraham Geiger, haben die Notwendigkeit der Predigt erkannt, solche gehalten und sie zum Teil dem Druck übergeben. Daher erscheint es uns fast als eine Velei- ‘ digung dieser Geistesheroen, wenn man ihnen unterschiebt, daß sie die Predigt lediglich aus dem Grunde eingefsihrt haben, um mit der gleichen Waffe, wie sie die Reform benutzt hat, zu kämpfen. Nein, sie haben aus den damaligen Zestherhältnissen heraus die Notwendigkeit der deutschen Predigt, der deutschen Bibelübersetzung und des deutschen Kommentars erkannt. Mag die Orthodoxie dep religiösen Erfordernissen der dMalWff.Ixst auch chachgehinkt haben, hier ist sie sicher ätzch ohne das Geigersche Vorbild den richtigen ÄZeg gegangen. Daß die Predigt in der jeweiligen Landessprache schon in den Zeiten dex Tanaaim eingeführt war, darüber vgl. Qfc bogen, „Per Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung". Äusg. 1913, S. 196. Als Moses Mendelssohn die Bibel in das Jüdisch-Deutsche übersetzte, wurde er von vielen Seiten der damaligen Orthodoxie angegriffen. Daß es heute noch jemand wagt, nachdem S. R. Hirsch' deutsche Predigten hielt, die Tauro, die Psalmen und andere hebräische Schriften mit deutscher Uebersetzung und deutschem Kommentar versah, die Predigt in der Weise anzugreifen, wie es der Verfasser des vorbezeichneten Artikels tut, sollte man nicht für möglich halten. Man kann umgekehrt sagen: Wenn zu Mendelssohns Zeiten die Predigt in deutscher Sprache in der Orthodoxie bereits eingeführt gewesen wäre, wenn ein Gelehrter vom Range S. R. Hirschs schon damals die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt und deutsch kommentiert hätte, so hätte die Reform nicht einen derart verderblichen Einfluß auf die damalige jüdische Jugend ausüben können. Aber auch aus anderen Gründen ist die Predigt eine dringende Notwendigkeit. Lediglich von der Kanzel aus tritt der Rabbiner mit einer größeren Anzahl der Gemeindemitglieder in Berührung und nur von dieser Stelle hat er die Möglichkeit, auf sie sittlich, moralisch und religiös einzuwirken. Vor allen Dingen aber auf die Jugend. Ihr kann heute fast nur noch durch gute, deutsche Predigten und Vorträge Verständnis für das Judentum beigebracht werden. Das Lernen ist unbestritten ein wesentlicher Bestandteil zur Erziehung der jüdischen Jugend, aber so wie der Landmann den Boden erst zur Aufnahme der Saat vorbereiten muß, so muß auch die jüdische Jugend durch Predigt und Vortrag für das zu Erlernende aufnahmefähig gemacht werden. Die heutige Jugend, an die, wie nie vorher, Anforderungen profaner Bildung gestellt werden, die mehr als sonst durch geschäftliche Tätigkeit davon*abgehalten wird, in dem notwendigen Maß Tauro zu lernen, soll diese aufrvachsen, ohne durch Predigt und Vorträge religiös belehrt zu werden? Damit hat D. K. allerdings recht, daß eine schlecht gehaltene Predigt keinen Erfolg verspricht. Und wer nicht predigen kann, wem das Pathos nicht vom Herzen kommt, der soll allerdings einen anderen Beruf erwählen. Der Spruch ' 2^n 2^.1 ]» W881'N cnm hat sich noch immer bewahrheitet. Wer unsere reiche, jüdische Literatur so wenig beherrscht, daß er, wie der Verfasser des Artikels schreibt, zu häufigen Wiederholungen greifen muß, der ist allerdings nicht für den Beruf eines Predigers geschaffen. Natürlich sind auch sachliche Vorträge erforderlich, sie finden aber bei der großen Masse oft nicht das richtige Verständnis, was bei einer gut vorbereiteten Predigt wohl der Fall ist. n. Zeugen einer vergangenen Zeit. Ein in Berlin studierender süddeutscher Akademiker schreibt uns: Der Vorhang rauscht, der Abschiedsgrüße letzte Hymnen sind verklungen. Die Thorarolle mit den urewig alten Buchstaben, deren unerschöpflicher Inhaltdie Ideenwelt unseres Geistes wieder um etwas bereichern sollte, ist zurückgekehrt in die durch sie geweihte Stätte. Schweigend setzt eine Gemeinde sich nieder, um aus dem Munde ihres geistlichen Oberhauptes Worte der Mahnung und der Segnung im Hause der göttlichen Weihe zu vernehmen. Und siehe, auf den Stufen zur Kanzel an der heiligen Lade vorüber schreitet in dem schwarz-weiß gestreiften Gebetmantel das Pentateuch in der Hand langsam und feierlich der Führer des Volkes. Noch ein Augenblick der Ruhe, und wir haben noch einen Moment Zeit, die schwarze Gestalt, von der nur das ehrwürdige und durchgeistigte Gesicht absticht, etwas näher zu betrachten. Wir können uns gerade noch erinnern, die Beschreibung einer ähnlichen Kleidungsart irgendwo schon einmal gelesen zu haben — aber wo?- Von der Fußsohle bis zu den Schultern ist jene Gestalt, auf der unser aller Augenmerk ruht, umhüllt mit einem weiten schwarzen Talar, dem ein kleines weißes Bäffchen den notwendigen Abschluß gibt. Als Kopfbedeckung das schwarze Barret. So steht er vor uns, der Prediger einer jüdischen Gemeinde, und als Leitvers feiner heutigen Betrachtungen hören wir mit erhobenem Elan die Worte der Wochenparscho: -ohn rrb orrmjnnm mit der Erklärung des Midrasch: ü’*m i^rr anb v'pinm „Und ihren Satzungen sollt ihr nicht folgen, das sind die Gesetze, die ihnen der Kultus als feste Verordnung vorschreibt." Jenen ihnen ureigenen konfessionellen Gebräuchen dürft ihr.nicht huldigen, solange euch das Gottesgesetz der Thora noch etwas zu sagen hat. Doch halt, finden wir nicht einen Widerspruch zwischen dem Aeußeren unseres Predigers und seinen eigenen Worten? Angetan mit demselben Gewände des Geistlichen irgend eines fremden Kultus, der dem Volk unserer Umgebung eigen ist, — haben seine Worte einen Wert? Doch sehen wir uns zunächst nach der Geschichte dieses Gewandes um. Als die Brandfackel der Reform im vorigen Jahrhundert die nichtsahnenden Stämme Israels fast völlig zerstört hatte und nur ein kleiner Rest noch verschont blieb, da waren es die großen Führergenies, die diesen geringen Teil zunächst durch Mittel, die dem Judentum früher fremd waren, wieder vergrößern mußten. Damals hieß es, der Reform zu zeigen, daß der Jude auch mit dem Judentum unter einem Volk mit anderen Sitten und einer fremden Kultur leben könne und muffe. Hierzu wurden allerdings als vorläufige Gewinnungsmittel Wege eingeschlagen, die uns heilige Vorschriften verletzten: •imin nsn 't\h nurwb nsr Jedoch seitdem ist üb-r ein halbes Jahrhundert dahin; der Reform ist längst der Todesstoß gegeben. Doch sind noch einige Lockmittel, wie wir sie ruhig einmal nennen wollen, aus der vergangenen Zeit auf dem Erziehungsmarkt. Niemand wird und kann mehr behaupten, daß sie heutzutage noch notwendig sind, oder wenn selbst, daß sie noch die geringste Wirkung zu erzielen imstande sind. Vergessen wir nicht, daß inzwischen eine Jugend herangewachsen ist, die viel ehrlicher in ihrer Gesinnung und ihren Taten ist als irgend eine vor ihr es war, und die sich durch solch äußerlichen Tand nicht mehr erziehen läßt. Also fort mit diesem unglücklichen Plunder des Zeitalters der Reform und auf die Suche nach echten ewigen Erziehungsmitteln für unsere Jugend durch das Gesetz zum Gesetz. Bedenken wir wohl, daß unsere Zeit eine Zeit der Ruhe, aber der unheimlichen Ruhe ist, wie die vor einem heranziehenden Gewitter, und daß bis zum Sturm die Luft von allem Unlauteren und Unbrauchbaren gereinigt werden muß. Nur dann werden wir das neue Geschlecht für uns gewinnen können: müsr Tinn1? Die ll)oche. Prefsa-Fahrk der Agudas Iisroel lugendgruppe. Am Sonntag, den 1. Juli veranstaltete die Jugendgruppe Frankfurt einen Ausflug nach Köln zwecks Besichtigung der „Pressa". Die ca. 30 Teilnehmer begaben sich nach der kurzraeiligen, unterhaltenden Hinfahrt am Sonntag morgen zu Tefillath Schacharith in die Synagoge St. Apernstraße, woselbst sie auch dem Lernvortrag des verehrten Dajon Gibermann lauschen durften. Nach dem von der Kölner Jugendgruppe gespendeten Frühstück begab man sich um %9 Uhr zum Pressa-Gelände, um einen kleinen, jedoch markanten Teil der Ausstellung zu besichtigen. Derjenige, der sich von dem ungeheuren Ausmaß der Pressa eine Vofttellung machen kann, wird zeugen können, daß bei der bis um %2 Uhr währenden Führung nur ein Bruchteil in Ansicht genommen werden konnte. — Daß die jüdische Abteilung „Jsop" dabei besondere Berücksichtigung fand, muß nicht erst hervorgehoben werden. Nachmittags fand eine äußerst gemütliche Dampferfahrt nach Porz statt, um die sich vor allem die Kölner Hreren Hecht, Beermann und Hartogsohn sehr verdient gemacht hatten.