Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1928)
- Date
- 1928-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 28 Der Ssioelit Skubentenunruhen als Kulturbild. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Im Jahre 1750 hatte die Akademie zu Dijon in Frankreich die Preisfrage gestellt: „Haben die Fortschritte der Wissenschaften und Künste zur Reinigung oder Verschlechterung der Sitten beigetragen?" Rousseau entschied sich in seiner Abhandlung für die Verschlechterung und erhielt den Preis. Mehr wundern darf man sich, daß schon der alte Seneca (1—65 der g. Z.) ähnlichen Gedankengängen huldigte. Von ihm stammt bekanntlich der Satz: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben soll man lernen." Zur Illustration dieser Weisheitsregel meint er: „Was ist das Herrlichste im Menschenleben? Nicht mit Flotten die Meere zu erfüllen, nicht an den Küsten der Meere die Flaggen aufzuziehen, nicht, weil kein Land mehr da ist, zur Unterdrückung anderer den Ozean zu suchen, sondern einen geistigen Blick zu gewinnen und den größten Sieg, die Herrschaft über das Laster zu erringen, nicht ins Herz kommen lasten arge Gedanken, wünschen, was man ohne Widerspruch wünschen kann: ein wohlgesinntes Herz." In der jüngsten Zeit fanden an Hochschulen Demonstrationen Studierender statt, die zu Exzessen führten und in Rumänien Orgien feierten, die der Chronist als schwärzesten Fleck in der Kulturgeschichte der Gegenwart buchen muß. Wie leicht wäre hier einem Rousseau die Lösung der Preisfrage geworden! Man fragt sich: Wie ist die Möglichkeit solcher Zeiterscheinungen überhaupt zu erklären? Sie fließt aus der Auffassung des Begriffes Bildung an sich. Landläufig gilt die Gleichung: Bildung-Vielwisten. Dem widerspricht Erfahrung und Vernunft. Zur Geistesschulung muß die Veredlung des Herzens und Willens treten. Nicht von Seneca erst ist uns'diese Lehre und Belehrung gekommen: Rabbi Jochanan ben Sakkai erkannte schon demjenigen seiner Jünger den Preis zu, der das an? n^> als das untrüglichste Zeichen der rechten Lebensführung hinstellte. Das Wort Bildung, von bezeichnet nach der etymologischen Bedeutung der hebräischen Sprachformen ein Einengen der natürlichen Triebe, der tierisch-sinnlichen Neigungen. Der nK aaiD'öer Bezwinger seiner ungezügelten' Leidenschaften gilt als der wahre Held, als Tm nicht der Städteeroberer, nicht der Löwenbändiger. Das Volk unterscheidet ganz oberflächlich zwischen Gebildeten und Ungebildeten und meint damit Gelehrte und Laien. Instinktiv verlangt es auch von gebildeten Menschen eine verfeinerte Lebensart, schönere Formen im äußeren Auftreten, in Wort und Tat, kurz, im Verkehr mit der Umwelt. Die breiten Massen haben auch das gesunde Empfinden, daß in der immer fortschreitenden Entwicklung der Menschheit und Welt nur den Geistesstarken der Vorrang gebührt. Es ist der naturhafte Autoritätsglaube, daß der Geist es ist, der sich den Körper baut. Um so mehr sollte man meinen, daß man in Studentenkreisen klug genug wäre, Lich nicht durch sinnfällige Roheitsakte des Nimbus zu berauben, den Jahrhunderte um die Hochgebildeten mehr und mehr gewoben. Es ist das Gegenteil der Fall. Und warum? Der Student ist ein Jugendlicher. Er weiß, daß ihm die Zukunft gehört, als Gebildeter erst recht. Drum glaubt er in jugendlichem Feuer in die Speichen des Weltenrades eingreifen zu dürfen, wenn ihm dieses zu langsam geht oder falsche Richtung einzuschlagen scheint. Zu allen bewegten Zeiten gab es auch Studentenunruhen. Und zu allen Zeiten waren die Studenten nicht die treibenden Kräfte, sondern die getriebenen, nicht die Schiebenden, sondern die Geschobenen. Hinter ihnen standen Professoren, Gelehrte, Geistliche, Politiker, Staatsmänner in gereifteren Jahren, im vollkräftigen Mannesalter. Auf sie, auf sie in erster Linie fällt das Odium einer rückschrittlichen Entwicklung, einer höchst bedenklichen und beklagenswerten Unkultur. Jugend kennt keine Tugend; sie befindet sich noch im Gärungszustande. Ein mildes Urteil ist oft am Platze. Bekannt ist die Tatsache, daß der ehemalige Korpsstudent im späteren Leben,' in Amt und Würden, wo der Ernst den ernsten Mann fordert, so vieles des jugendlichen Plunders in die Rumpelkammer wirft, ohne den er nicht leben zu können glaubte, ja sich seiner Torheit und Tollheit schämt. Es geht ihm gar nicht anders als jedem gewöhnlichen Sterblichen. Auch der Student kann den Faden der Tradition nicht entbehren, nicht zerreißen; auch er ruht unwillkürlich und ungewollt auf den Schultern der Vergangenheit. In sie müssen wir zurückgreifen um bei Studentenunruhen den Zeitgeist zu finden, um wirklich im Bilde zu sein. Auf einer Studententagung sagte einst der bekannte Hofprediger weiland Wilhelms I.: „Wenn die jüdischen Kabbalisten sich einst die Köpfe darüber zerbrechen sollten, was 1 und 8 und 8 und 1 bedeutet, so werden sie finden, daß dies das große Jahr bezeichnet, in dem der „Verein deutscher Studenten" ins Leben trat (1881)." Und was auch dieser Verein in späteren Jahren alles „leistete" an „deutschen" Taten, es war nichts Originelles, nur Stöckerscher Haß und Stöckersche Unduldsamkeit, verbrämt mit nationalem Dünkel, mit ekelhafter Selbstberäucherung und abstoßender Selbstüberhebung. Als im August 1889 die „Vereine deutscher Studenten" zu ihrem Kyffhäuserfeste zusammentraten, war das nur eine unwürdige Parodie auf das erhebende studentische Wartburgfest von 1817, eine Verherrlichung der Geistesknechtschaft, eine Kundgebung des Fanatismus. Es hatte auch nichts gemein mit den burschenfchaftlichen Bewegungen in der Metternich'schen Reaktionsepoche um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das um jene Zeit entstandene Deutschlandlied Hoffmann v. Fallersleben war in edlem, großdeutschen Sinne abgefaßt. Die antisemitischen Parteien, vor allem auch die Studenten, zerrten es in den Sumpf des finsteren Fanatismus und Chauvinismus hinab. Alles Ungesunde ist zum Absterben verurteilt. Geräuschvolle Demonstrationen vuntbemützter und farbengeschmückter Studentenvereine sind doch nur Feigenblätter — für die> äußere Blöße und innere Hohlheit. Nichts fürchtet die aufgeblähte Scheingröße mehr als die Vernunft und die Wahrheit. Sie zittert ständig vor beiden und lebt in wahrer Kainsangst vor ihnen. Es muß durch sinnenschmeichelnden Tamtam die sich auflehnende Stimme der Vernunft erstickt, das bessere Gewissen betäubt werden. Darum keine Angst vor Studentenunruhen antisemitischen Gepräges! Sie tragen den tödlichen Giftkeim und den giftigsten Todeskeim in sich. War es ein Wunder, daß schon 1883 Professor Hoffmann, der große Chemiker, im Verein mit Dr. Küster die „Allgemeine deutsche Burschenschaft" gründeten als Gegengewicht? Unter seinen Leitsätzen heißt es, daß die Burschenschaften „auf freiheitlichem Boden sich entwickeln sollen", daß von „Hause aus und von der Schule mitgebrachte Vorurteile nicht geduldet werden sollen, also antisemitische/ ultramontane, engherzige, parteipolitische Anschauungen nicht aufkommen dürfen" usw. Auch im Sommer 1910 blieb der Burschentag bei seinem 27. Stiftungsfest diesen Grundsätzen treu und rückte von Rassen- und Glaubensvorurteilen offiziell ab. Keine Furcht vor Studentenunruhen! Logik und Wahrheit sind die gefürchtetsten Feinde der bunten Radaubrüder. Sie müssen sich von jedem Quartaner sagen lassen, daß trotz Günther und Dinter im Weltkriege die Rassentheorie ganz erbärmlich zusammenbrach. Man braucht nur daran zu denken, daß Wilhelm n. gegen seinen englischen Vetter kämpfen mußte, gegen den Hohenzollern und preußischen Gardeoffizier auf rumänischem Throne und dessen romanische Untertanen, daß wir uns mit den slavischen Bulgaren, den muselmännischen Türken verbündeten usw. Die hypernationalen Herren Studenten nehmen fortlaufend Errungenschaften der internationalen Wissenschaft in ihren Besitz, trinken chinesischen Tee, indischen Kaffee, kleiden sich in australische Baumwolle usf. Nicht über die Unverfrorenheit, über die __12. Juli 1928 krasse Borniertheit der rumorenden Hochschülev muh man sich wundern, die durch Faustschläge ins Gesicht der klaren Vernunft und eisernen Logik imponieren möchten. Und dann wundert man sich hinterher, wenn das gesunde Volksempfinden die Antwort durch den Wahlzettel gibt, die hier die zwangsläufige Konsequenz darstellt. Nein, judenfeindliche Studentenunruhen sind und bleiben Schandflecke in unserer-Kultur und' Zivilisation, Mag man sie unter jedwedem Gesichtswinkel betrachten, mögen sie unter jedweder Phraseologie erfolgen. Es ist erfreulich, daß unsere jüdischen Studentenverbindungen nur in notwendigsten Fällen das Schwert zur Abwehr schwingen, dafür um so mehr die Kelle verwenden zum inneren Aufbau. Erfreulich bleibt auch das mutvolle und feste Durchgreifen des preußischen Kultusministers in der Organifationsfache der deutschen Studenten. Die Geschichte und die Zukunft wird Dr. Becker Dank wissen. Die Schulreformen der Gegenwart stehen alle unter der Devise: „Bildung". Nicht Wissenshäufung, sondern wahre Bildung heißt die Parole. Man streitet um die konfessionelle Schule, um diese oder jene Schulgattung. Man schafft Gesetze gegen Schund- und Schundliteratur. Man bildet Jugendschriftenkommissionen und -Verbände, prüft jedes Buch und Büchlein streng nach seinem sittlichen Gehalt und nach kunstgerechter Form. Und nebenher läuft ®6ei hellichtem Tage die antisemitische Schmutzliteratur in Form von Tagesblättern, Büchern und Illustrationen, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. In „Volksversammlungen", in Mittelschulen und Universitäten übermittelt das lebendige Wort den „deutschen Geist". Die „Blüte" desselben bilden dann die „Studentenunruhen". Auch sie sind ein Kulturbild. Doch was für eines!- Dr. Bernhard Kahn über die Zukunft der Ioint-Tätigkeit in Europa. Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur besuchte Herrn Dr. Bernhard Kahn, den europäischen Direktor des American Joint Distribution Committee, der soeben von einer Reise durch Rumänien und die Tschechoslowakei zurückgekehrt ist und dann in Hamburg mit dem Joint-Präsidenten, Herrn Felix M. Marburgs zusammengetrofsen war, um ihn über die Zukunft der Joint-Tätigkeit in Europa — abgesehen von der Tätigkeit des ausschließlich mit dem russischen Kolonisationswerk sich befassenden Agro-Joint, der bereits einen Arbeitsplan für nächsten 10 Jahre aufgestellt hat —,. zu befragen. Die Fragen lauteten: 1. Wird auf Grund der von Ihnen in Rumänien und der Tschechoslowakei gemachten Expertise ein gewisser Ausbau des Wohlfahrtswesens in diesen Ländern vorgenommen werden? 2. Wie haben die Minister Duca und Lupu sich geäußert und welches ist die Stellung der Behörden zum jüdischen Wohlfahrtswesen? 3. Was be^af die Unterredung mit Herrn Felix M. Marburg? 4. Was versteht man unter „Liquidation" der Joint-Arbeit, von der gesprochen wird? Herr Dr. Bernhard Kahn gab die folgenden Antworten: Meine Reise durch Rumänien und die Tschechoslowakei hatte den gleichen Zweck wie meine vor mehr als einem Jahr unternommene Reife durch Polen, nämlich festzustellen, wie weit die Tätigkeit des Joint Distribution Committee und der American Joint Reconstruction Foundation (Jca-Joint) bisher wirksame Erfolge gehabt hat, wie weit die Arbeiten der verschiedensten Art in der jüdischen Bevölkerung verankert sind und wie weit es notwendig ist, diese Arbeiten 'ortzusetzen, auszubauen, eventuell umzustellen md auch, wie weit es erforderlich ist, neue Arbeitszweige auszunehmen. Die von mir gewonnenen Erfahrungen werden natürlich dem Joint Distribution Committee