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Der Israelit · 1928-07-05 · Heft 27 (5.7.1928) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 27 (5.7.1928)
Date
1928-07-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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nr.27 I«s Feuerzeichen. ■KÜE& Hi« chhetto-Iloman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Jsak Reih, der außerseinem Hause an Gut und Geld am wenigsten verloren hatte, da dieses zum guten Teile in Geschäften draußen außerhalb des Ghettos gut geborgen war, war als Meistbesteuerter unzufrieden. Er muhte oft und tief in die Tasche greifen und drohte sogar mit Fortzug aus der Stadt. Aber weder er selbst noch andere glaubten an den Ernst dieser Drohung. Er war alter Frankfurter. Noch die Trümmer des Ghetto am Rande der Grabstätte seiner Väter waren ihm teurer als die Paläste anderswo. Uebrigens wuchs sein neues Haus fest, solide und steinern, von Tag zu Tag mehr in die Höhe. Als man im Vorstände von hohen Summen sprach, die man möglicherweise zur Befreiung des Rabbi benötigen werde, blieb er stumm und kühl bis in die Seele hinein, und es kam ihm sichtlich zurecht, als Löb Darmstadt und Tewele Fuld übereinstimmend die Meinung äußerten, man dürfe sich nicht mittels der Gefangennahme des Rabbi pressen und prellen lassen. Es würde dieses nur Anreiz für neue Erpressungen bieten. „Der Rabbi selbst wird das nicht wollen," sagte Joseph Taub. „Rabbi Meier von Rothenburg," meinte wieder Tewele Fuld, „hatte es den Gemeinden direkt verboten, ihn mit schwerem Gelde auszulösen. Wo käme man auch hin, wenn sie jeden Tag eine andere Geisel holten?" „Man soll nicht einmal Gebetriemen und heilige Rollen um allzu teueres Geld zurückkaufen." Und Joseph Taub fragte direkt: „Es gehen verschiedene Gerüchte über die Vorgänge der Nacht vor Ausbruch des Brandes im Rabbihause durch die Stadt. Sollte man die Dinge nicht erst prüfen, bevor man von Hilfe und Auslösung unter schweren Opfern spricht?" All diese Erwägungen entbehrten, vorerst der festen Grundlage. Noch hatte sich keiner bis zu den entscheidenden Instanzen vorgewagt, noch wußte keiner, ob und mit wie vielem Gelde dein Rabbi zu.helfen war. Da kam eines Tages Löb Pfeifer, der Schulklopfer, und stberbrachte eine schaurige Geschichte. Hing mit dem Rabbi' zusammen und betraf doch ihn, den Pfeifer, selbst. Er zitterte mehr, als daß et sprach, stotterte und stockte Und verlor den Zusammenhang. Man mußte die Worte aus ihm herauspressen. „Jetzt erzählt doch, Reb Löb endlich, was passiert ist." „Passiert ist nichts. Aber morgens, wie ich gerade die Schul bei Finger geschloffen und im Begriffe bin, mich zum Pestilenzhause — er seufzte; jeder glaubte einmal seufzen zu müssen, wenn er vom Pestilenzhaus sprach — zu begeben, packt mich ein Konstabler, groß wie der Riefe Goliath, mit klirrendem Schwerte, am Arm und fragte, ob ich der Judenküster sei. „Judenküster?" Alle Leiden Israels auf fein Haupt! Was für eine Kiste, fragte ich. Ich bin Schammes Schulklopfer, meine Vätersväter haben schon „schulen geklopft". Dann, sagt der Roschc», sei es gut, ich wäre der richtige und müßte mit ihm aufs Rathaus. Püchaus! Der Himmel erbarme sich'meiner. Alle Sünden'fielen mix ein. Ich sagte das große Sündenbekenntnis." „Weiter, weiter!" drängten die Leute ungeduldig, „faßt Euch kürzer. Was gab es im Rathäuse?" , „Im Rathause saßen die Räte und die Richter mit Halskette und Schärpe. Und ich stand vor ihnen. Was den Herren gefällig, wollte ich fragen. Da reichte man mir einen Brief. Ob ich das lesen kann, fragte man mich. Was eine Frage, ob ich I ü d i s ch lesen kann, habe ich nicht im Cheder gelernt? Und die Handschrift von unserem Rabbi Nastali war es, die kenne ich so gut wie meine eigene; kurz, ich soll den Brief lesen, laut, wie ich in der Schul Bekanntmachungen ausrufe und jedes Wort „verdeutschen". Und an der Seite saß einer im großen Kragen vor einem eigenen Tisch und schrieb und schrieb; alles, was ich sagte, schrieb er auf." „Der Brief also war vom Rabbi. An wen? Und wie kommt er ins Rathaus?" „Er hatte ihn im Gefängnis geschrieben, an seine Frau, die mit den Kindern einen Tag nach dem Brande ins Hessische zu Verwandten abgefahren war, und die Wache hatte den Brief abgefangen und dem Gerichte gegeben. Die vom Gerichte können ihn jedoch nicht lesen, und da sollte i ch, gerade ich, den Angeber machen. Gott verzeih mir die Tat; ich habe im Augenblicke Gott angefleht, meine Zunge möge erlahmen, oder meine Augen erblinden-" „Was stand im Briefe Schlimmes?" „Schlimmes oder nicht Schlimmes, wie kann i ch es wissen? Er schrieb seiner Frau, sie solle, wenn sie dort vom Amte befragt werde, darauf bestehen, daß sie dort an Ort und Stelle vom Kommissar vernommen und nicht nach Frankfurt transportiert werde. Sie fei doch krank . . . Und dann schrieb er ihr genau, was ihre Krankheitsei. . . Er schrieb und beschwor sie, sie solle ja nur die volle W a h r h e it sagen, da es auch von der Thora aus verboten sei, vor Aemtern Unwahrheiten zu sagen. Und dann schrieb er ihr, was und w i e die Wahrheit sei. Frauen, haben kurzes Gedächtnis, vergessen leicht den Zusammenhang und lassen sich durch gute Worte überreden und durch harte einschüchtern und zwingen, nach dem Munde der Ankläger zu sprechen ..." „Und das habt Ihr alles gelesen und übersetzt?" „Was konnte ich sonst machen?" bekannte Löb unter Tränen. — „Und dann — dann sah ich ihn . . ." „Den Rabbi?" „Ich bekam einen Taler in die Hand gedrückt. Hier ist er, ich will keine Nutznießung von diesem Sündengelde, der Schreiber nannte es Judaslohn,.ich weiß nicht, was der Roscho damit,sagen will, haben. Dann ging ich. Und wie ich durch dem;Hof kam, wurde er-ins Rathaus geführt, zwei. Konstabler, wie die zwei „Engel des. Verderbens" zu seiner Rechten und Linken. Gebeugt, blaß wie die Wand, kam er daher, seine Lippen bewegten sich. Ich wagte nicht, ihm ins Auge zu sehen, ich elender Verräter und Angeber. Wäre am liebsten in hen Boden versunken.,, Da sah er m i ch und sagte: Löb, Ihr sucht wohl mich? Ich wollte an ihn heran, mich ihm zu Füßen werfen, sagen: „Rabbi, ich bin schuldig, aber u n s ch u l d i g, und erhielt einen Stoß, daß sich jetzt noch Lunge und Leber und alles Eingeweide in mir um die Runde drehen — er griff sich, um den Schmerz zu demonstrieren, an die linke Seite. — Wie ich vom Boden aufstand, war der Rabbi schon drinnen. Wie eine himmlische Erscheinung sckpvekste er an Mr vorbei, indes ich ohnmächtig,^ Entseelt zu PpHn lag. . Ich säh, ihn nicht mehr "Lob Pfeistr, weinte zerknirscht wre ein Kind. 'Ahron Oppenheim tröstete den ganz vernichteten braven Pfeifer. „Ihr habt nichts Unrechtes getan, nichtswas Euch Gott und- Menschen als Sünde anrechnen könnten. Ihr habt getan, was Euch befohlen war, und Ehrfurcht wie Wahrhaftigkeit vor der Behörde muß sein, heißt es in den „Sprüchen der Väter". Und daß Ihr im Hofe auf Rabbi Naftali gestoßen seid, darin erblicke ich schon geradezu eine gütige Fügung des Himmels." Das ging schon über den Horizont Löbs. Auch die anderen begriffen es nicht gleich. Der weltkluge Oppenheim hatte aber das Ganze erfaßt und erklärte: „Der Rabbi wird wegen des Brieses vernommen werden. Er hätte sich versucht gesehen, manches aus dem Inhalte zu verschweigen oder anders zu deuten. Nun sah er Löb Pfeifer und wird mit seinem scharfen Geiste gleich den Zusammenhang erfaßt haben. Er weiß jetzt, daß den Herren bereits der Inhalt des Briefes bekannt ist, so vermeidet er die geringste Abweichung, und die Sache steht für ihn in günstigerem Lichte." Das begriffen jetzt alle. Hier, in diesem Zusammentreffen im Hofe, lag ein Fehler in der Regie der Ankläger, der, der Sache des Rabbi diente. Löb Pfeifer leuchtete noch nicht alles klar ein, aber er beruhigte sich mählich. Arje Löb sagte zu seinem jungen Weibe: „Wunder hat Gott an mir und an Dir getan. Haben wir ihm dafür gedankt? Es dünkt mir, als wäre die Zeit dazu da." „Wie meinst es, Geliebter?" „Ich meine, Gott hat mich zur rechten Zeit hergeschickt, weil ich jetzt hier so nötig bin, wie dazumal in Berlin, Posen und Wilna. Es gilt nun hier für die Erlösung eines Gefangenen einzustehen." „Kann der Weg wieder in weite Ferne führen?" fragte Elsbe. „Zunächst nicht." „Aber vielleicht später . . ." ergänzte sie. „Sei es drum! Du wirst mich Liebster, immer stark finden, auch wenn mich die Menschen schwach heißen sollten ..." Er verstand, und ging an die Arbeit. Finger und Kellner wiesen und ebneten ihm den Weg, und er, der weniger Genannte und Gekannte, gelangte rascher dahin, wo Ahron Oppenheim als Exponent der Gemeinde geschloffene Türen fand. Er wußte mit den Herren vom Rat und Gericht zu reden, fand den Weg bis zum Zeugherrn und zum Stadtschultheiß selbst. Warum sollte man nicht mit, einem Juden ohne Namen und ohne Mandat, ganz unverbindlich über den Fast, sprechen dürfen? Er hatte nichts zu verlangen und war gut empfohlen. Und schon nach dem ersten Gang konnte Arje Löb dem Vorstand klare Auskunft über den Stand der Dinge überbringen. Keiner von den Räten und Richtern glaube an eine direkte Schuld des Rabbi. Die Verhöre hätten kaum Zweifel an feiner Unschuld gelassen. Aber von seiten der Bürger und Zünfte werde ein starker Druck ausgeübt. Christliche Anwohner des Ghetto haben Schäden angemeldet, die keiner nachprüfen kann und sie bestehen auf Festhaltung eines „Schuldigen", den man haftbar machen könne. Auch seien der Stadt mancherlei Kosten infolge des ^Brandes entstanden, dazu Steueraussall. » Es läge nicht sosehr an einer Festhaltung des Rabbi als an der Sicherstellung einer Einnahmequelle. Man nannte gang unvverbindlich eine Summe von zehntausend Reichstalern. Als Kaution vorerst, die man aber nicht wiederzugeben brauchte, da man mit den klugen Juden rechne, daß sie: ihren Rabbi schleunigst verschwinden ließen ... „Also haben wir es doch!" platzte Jsak Reiß heraus, als wäre da über etwas zu triumphieren, „Erpressung, sagte ich es doch, nichts als Erpressung, wo wir doch schon ohnehin ausgesogen, ausgebrannt und ausgepreßt sind." •iVr Z.

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