Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1928)
- Date
- 1928-07-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 27 Der Israelit 5. Juli 1928 Das war gerade Jfak Reiß n> i ch t, es wußten es alle. Aber auch Ahron -Oppenheim runzelte besorgt die Stirne. Zehntausend Taler! Eine Summe, die zurzeit im abgebrannten Frankfurt aufzubringen, so ganz unmöglich schien,, wie die Mondscheibe, die blaß und klar über dem verwüsteten Ghetto hing, vom Himmel herunterzuholen. „Wenn man nur an ihn selber heran könnte", seufzte Ahron Oppenheim ratlos, „an den Rabbi, um feine Lage zu erkennen und feine eigene Meinung über die Befreiung zu hören." Auch diese Aufgabe übernahm Arje Löb. Arje Löbs Bericht sickerte, wiewohl er nirgendwo außerhalb der Vorstandssitzung davon sprach, durch, fand Verbreitung in der Gemeinde, mit klaffenden Lücken, die üppige Pbantasie gut auszufüllen wußte. Man sprach weniger von der Möglichkeit der Befreiung, als von der hohen Summe, und sie wuchs, von Mund zu Mund gehend, ins Unermeßliche. Das Raunen und Tuscheln über das Gebühren des Rabbi und seine kabbalistischen Experimente in der Nacht vor dem Brande wurden lebhafter, lauter, fanden Gehör in den Ohren vieler, denen die Angst vor Heranziehung zu den großen Kosten der Auslösung den Glauben an ein Verschulden des Rabbi eingab. 28. Als man Rabbi Naftali die kalten Steinstufen zum Gefängnis hinabführte und immer tieferes Dunkel seine Sinne umfing, war er zu benommen, um sich seiner Lage klar bewußt zu sein. Er hatte etwas Unheilvolles erwartet seit dem Brande, hatte daher Frau und Kinder gleich aus der Stadt geschickt. Er wußte: „nach Sturm kam Feuer und nach dem Feuer- Also ging er jetzt dem Unbekannten entgegen, gefesselt, gehetzt und gestoßen ... Unten rieb er sich die Augen, hustete, als könnte er die durnpfe Moderluft, zusammengesetzt von verwesten Speiseresten und Menschenausdünstung von sich scheuchen. Irgendwo auf einer Pritsche brannte, roch und rauchte eine Lichtfunzel und zeigte ihm sein neues Heim. Eine Pritsche mit schmutziggrauer Decke darauf, davor ein Eimer und -ein Wasserkrug. Durch eine veretwas von der kühlen Luft der Nacht in den Raum. Von dort würde chn morgens die Sonne in schmalen Streifen grüßen. Er sah sich erschrocken um. Hatte er eigentlich im ersten Schrecken daran gedacht, Gebetmantel und Gebetriemen mitzunehmen? Ja, er hatte den Beutel mit den heiligen Gegenständen, wußte gar nicht, wann und wie er ihn zu sich gesteckt, bei sich. Er hüllte den Beutel noch einmal mit seinem Oberrocke ein, daß der unreinen Luft kein Hauch die heiligen Gegenstände streife. (Fortsetzung folgt.) Salzbrunner Ladebrief. Von Rabbiner Dr. Aaah in Hindenburg O.'S. An einer Seitenlinie der Bahn, die von Breslau nach Hirschberg im Riesengebirge führt, liegt, am Fuße des waldbekränzten Hochwalds, Bad Salzbrunn, wo ich seit einigen Tagen zur Kur weile. Ich sitze an einem grünen Hang der Wilhelmshöhe, oben am Rosengarten. Mein Blick schweift über den bunten Wiesenteppich mit seinem farbenfrohen Blumenflor, über die rauschenden Wipfel der Bäume hinüber zu den Höhenzügen des Waldenburger Berglandes, die den Horizont umsäumen. Ein idyllisches Plätzchen, so recht geeignet zum Sinnen und zum Träumen und zum Schreiben von' Badebriefen. Vom nahen Kurplatz her dringen in.gedämpften Tönen die lieblichen Weisen des Brahmsfchen „Wiegenliedes", ein vielv-ersprchendes Omen für jemanden, der feine Leser fesseln und wachhalten will. Ich denke an ein treffendes Epigramm des großen Hebraisten Abraham Cohn aus Posen, bekannt unter dem Namen der „Glogau-er Cohn", das in leiser, der Situation angepaßter Veränderung folgendermaßen lautet: •narin an^sn mbn n-in sin nan nnn wsa D’tnip>m aman O Bekannter als dieses Epigramm ist die in mannigfachen Variationen erzählte Anekdote von dem Prediger, der die betrübliche Wahrnehmung machte, daß die Gemeindemitglieder während seiner Predigten in einen geruhsamen, zum Teil sogar so geräuschvollen Schlummer zu versinken pflegten, daß er sich -einmal genötigt sah. seine Predigt zu unterbrechen und zu rufen: „Herr Oberkantor, schnarchen Sienicht so laut, damit der Herr Vorsteher nicht aufwache." Um diesem die Er bauung beeinträchtigenden Zustand zu steuern und die Gemeinde wach zu halten^ entschloß -er sich -ein wirk sam-es Mittel anzuwenden. Er übergab dem Schammes eine große Tüte Schnupftabak mit dem Aufträge, vor der Predigt entsprechende Portionen an die Zuhörer zu verteilen und sie zu -ersuchen, wenn sie Müdigkeit ver spürten, eine Prise zu nehmen, um munter zu bleiben Der Schammes nahm dei- Tüte diensteifrig in Empfang und sagte: „Herr Doktor, eine großartige Idee! Schnupf tabak ist wirklich ein gutes Mittel. Das weiß ich aus Erfahrung, denn ich nehme während der Predigt eine Prise nach der andern. Aber ich weiß ein noch -besseres Vielleicht versuchen Sie einmal, -in Ihr« Predigten ein bißchen Schnupftabak hin-einzutun. Da würde der Erfolg wohl noch durchschlagender sein." Dieser Schammes, der die Theorie von den zwei Sorten Schnupftabak vertrat, der einen, die man dem Riech-, und der andern, die man dem Denkorgan zu führt, war wie die Mehrzahl ferner Standesgsnossen im Gegensatz zu mancher gehobenen synagogalen Charge ein Philosoph, und es scheint überhaupt, daß dieser Be ruf in einem höheren Maße als der anderer Synagogew beamter seine Träger zu Philosophen zu machen geeignet ist. Berichtet doch z. B. ein jüdischer Geschichtsforscher und zwar, wenn ich nicht irre, M. H o r o v i tz , in seinem ausgezeichneten Werke „Frankfurter Rabbinern daß einst in Frankfurt a. M. ein auch als Talmudist hervorragender Schammes amtierte, dem das gerade vakant gewordene Rabbinat in Fulda angeboten worden ei. Aber er habe diesen Ruf abgekehnt. Er wollte sich nicht degradieren. Das Amt eines Schammes in Franrfurt erschien ihm ehrenvoller als das eines Rabbiners in Fulda. Es war vermutlich auch einträglicher. Der Mann gehörte also zu den praktischen Philosophen, wie es dem Berufe der Schammoßim geziemt. Ich wünschte, daß sich unter den Salzbrunner Kurgästen ein Angehöriger dieser erfahrenen und mit der jüdischen Volksseele vertrauten Beamtenkategorie befände, bei dem ich mir Rats erholen könnte, wo ich den Schnupftabak hernehmen soll, um meinen Badebrief mit einer Prise dieses anregenden Stoffes zu würzen. Aber die Schammoßim sind bedauerlicherweise bis-jetzt ausgeblieben, ja nicht einmal Chasonim und Rabbonim sind unter den trinkenden, gurgelnden, inhalierenden- Badegästen zu erspähen. Von jüdischen Gelehrten weilen hier zurzeit der hebräische Schriftsteller Apfelbaum aus Rzeszow, dessen Forschungen die Geschichte der -italienischen Rabbiner des Mittelalters behandeln, sowie I. B ä h r, dessen Spezialgebiet die Geschichte der russischen und polnischen Talmudgrößen bildet. Zur Vorkriegszeit war Salzbrunn ein Stelldichein für eine große Anzahl von Synagogenfunktionären, welche die Beschwerden ihrer durch die Ausübung rhetorischer und gesanglicher Amtspflichten überangestrengten Organe am Oberbrunnen wegspülten, sich von den, wie artterte Luke bockoben kalt an der Decke drana ™etn bibelfester Freund Bernstein auf Grund von grtterte ^ure yocyoven fast an oer ^ecre, orang Kapitel 30 Vers 38 sie nennt, Schiksos hamajim die Brunnengläser füllen lassend. Wie die alten Germanen an den Ufern des Rheins, so tranken auch sie immer noch eins, unter den Bäumen des Kurparks *) Das Original lautet mym ^nn. oder bei Reg-enwetter in der Wandelhalle promenierend, konversierend und sich an alten „Wörtchen" und neuen Witzen delektierend. Ich bitte um die Erlaubnis, -einen jener einstmals neuen Witze, dessen Kenntnis ich einem alten Salzbrunn-er Kurgast verdanke, auffrischen zu dürfen: Ein Berliner Reisender, religiös, aber kein großer Lamdan, ist unterwegs, in einer polnischen Stadt, und bemerkt, als er fein Morgengeb-et sprechen will, daß er vergessen hat, feine Tfillin auf die Reise mitzunehmen. Er eilt in eine Betstube, trifft dort den Schammes an und sieht, daß vor -ihm auf dem Tische ein Paar Tfillin liegen. Er sagt: „Sie erlauben wohl, daß -ich mich dieser Tfillin bediene." Darauf der Schammes: „Diese Tfillin sind nicht für Sie. Das sind Rabbenu Tams Tfillin." „O", sagt unser Berliner, „das tut nichts. Mein Gebet dauert nicht lange. Bis Rabbenu Tam kommt, bin ich längst fertig." Ich könnte den Lesern noch eine Reihe anderer „Wörtchen", durch die ich während meiner Salzbrunner Kur geistig und geistlich bereichert wurde, auftischen. Aber schon die alten Römer, welche bekanntlich durchwegs humanistische Bildung besaßen, gaben den guten Rat, „Ne quid nimis", was' in deutscher Uebersetzung heißt: „Halte Maß mit deiner Tabaksdose!" Die Salzbruuner Kurdirektion setzt übrigens voraus, daß die Badegäste lateinisch können und keiner Uebersetzung bedürfen. In der Elisenhalle steht steht nämlich eine dem Gedächtnis eines berühmten- Arztes errichtete Marmorbüste, welche die Inschrift trägt „Experto — Eredite." Ein biederes Ehepaar besichtigte gestern das Denkmal, las die Aufschrift und di« Frau fragte ihren Mann: „Was heißt denn das Experto — Eredite?" Der Mann antwortete: „Das ist ein Ausdruck vonder Börse und hängt mit dem Flaschenversand zusammen. .Es heißt Exportkredite." Da die Kurkapelle gerade mit einem Fortissimo -einsetzte und das Gespräch übertönte, gingen mir die weiteren Darlegungen dieses sachkundigen Gelehrten verloren. Ich bin kein klassischer, sondern nur ein orientalischer Philologe und habe daher kein Urteil, ob die von dem Manne gegebene Erklärung dieser lateinischen Inschrift richtig ist. Ich -kann nur sagen, daß sie mir -einleuchtender erscheint -als manche Deutung, j fT .. N welche die Afsyriologen den Inschriften und Bildernauf - sollen wäre, den durch Delitzsch's „Babel und Bibel" berühmt gewordenen babylonischen Tontaseln- und aus -anderen prähistorischen steinernen Schreibmaterialien geben. Wer auf diesem Gebiet einigermaßen bewandert ist, der weiß, wie sich da die wildesten Hypothesen heulend vom Boden wälzen und die tollkühnsten Entzifferungen sich austoben, gegen die die Deutung unseres Salzbrunner Kurgastes ein unschuldiges Waisenkind ist. Ich erwähne das auf die Gefahr hin, daß meine Leser mir den Vorwurf machen, daß ich meinen Badebrief durch trockene Gelehrsamkeit verwässere und daß ich besser daran täte, statt ihn mit langweiligen Fachsimpeleien zu beschweren, ihn von dem in letzter Zeit mit Recht -so beliebten wogenden Rhythmus des lebendigen Lebens durchfluten, durchgluten und durchtuten zu lassen. Aber die Sache liegt so, daß Salzbrunn ein viel zu unbetender friedlicher Ort ist, als daß hier so erhabene Ideen wie die wogenden Rhythmen des Lebens und andere ähnliche aufregende Gegenstände am Platze wären, lleberdies wären dieselbennicht kurgemäß, und der Badearzt Dr. Blumenthal, der für das Wohl der Patienten fürsorglich bedacht ist, hat mir die Beschäftigung mit diesen Dingen, die, wie ich höre, furchtbar schwer zu erlernen sind, verboten. Aus diesem Grunde habe ich auch die paar wissenschaftlichen Bücher, die ich besitze, zu Hause gelassen mit Ausnahme des Büchleins des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser, aus dem zu ersehen ist, daß in Salzbrunn zwei Restaurants unter Aufsicht des Rabbiners Dr. Cohn in Breslau stehen „Villa Margarethenhof" und Max Quartners Haus „Zur Eintracht". Dieselben können allen Badebesuchern ohne Unterschied, ob sie sich zur Aguda, Zionismus, Eentralverein oder zum Oberbrunnen, zur Kronenquell«, zum Mühlbrunnen bekennen-, ob sie pneumatisch oder inhalatorisch eingestellt sind, kurz dieselben können allen wie immer gearteten, Menu oder a la carte speisenden jüdichen Weltanschauungen aufs beste empfohlenwerden. Dort kennt man keine Parteien, man kennt nur Juden. „Das Kaschrus ist der Frieden." Ainderecke. Was sich Jerusalemer Kinder von König David erzählen. ii. Ebenso wie die Höhle Machpela, das Grab der Erzväter, ist auch das Grab des König David den Arabern heilig und Tag und Nacht stehen dort die vornehmsten und reichsten Familien Wache. Doch wurde kein Jude zugelassen, Einst hatte ein arabischer Fürst die Grabwache, der eine jüdische Wäscherin beschäftigte und der sich ihr gegenüber immer sehr wohlwollend gezeigt hatte. So sagte er denn zu ihr, daß er sie in das Grab des Königs führen wolle. Sie aber antwortete ihm, daß sie zwar gern hingehe, aber sie fürchte sich, denn dort dürfen doch keine Juden hin. „Fürchte dich nicht, sprach da der Fürst, ich bringe dich hin und ich bringe dich auch wieder zurück und kein Mensch soll davon erfahren". Da sie ihm nichts Böses zutraute, willigte sie ein, denn sie wollte gerne das Grab des Königs sehen. Aber der Fürst wollte ihr nur einen Streich spielen. Er führte sie durch viele Grabkammern und Gänge und sperrte sie schließlich in einem solchen Raume ein. Dann lief er chnell zur Polizei und erzählte, daß eine Jüdin in das Grab eingedrungen fei. Darauf stand die Todesstrafe. Die Wäscherin aber begann bitter zu weinen, denn sie wußte nicht, wie sie hinauskommen olle. Wie sie nun so saß und klagte, erschien ein alter Mann und sagte zu ihr: „Ich weiß, warum du weinst, aber fürchte dich nicht, ich bin König David und ich werde dich heraussühren und zurück in deine Wohnung!" und er geleitete sie durch viele Gänge' und Kammern hinaus ins Freie. Inzwischen kam auch die Polizei mit dem Fürsten an. Man öffnete die Pforte der Grabkammer, ging hinein und begann zu suchen, aber es war niemand da. Der Fürst wurde ganz verwirrt. Die Polizei glaubte, daß er geträumt habe und verließ das Grab. Auch der Fürst begab sich nach Haufe, und wie er in die Wohnung der Wäscherin kam, da sah er sie arbeiten, wie wenn gar nichts vorge- G. G.