Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1928)
- Date
- 1928-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5. Juli 1928_ In seiner grohangelegten Etatsrede gab Herr B l u me n a u, der Vorsitzende des Vorstandes, einen Rückblick.über das verflossene Jahr, in dem als positive Ergebnisse die Einweihung der Synagoge Ehrenfeld, ferner die Eingemeindung des rechtsrheinisch liegenden Deutz, des Stamms der alten ehemaligen Kölner Gemeinde, sowie die Restaurierung des alten Friedhofes am Bonntor registriert werden können. Dagegen muhte vom Bau einer neuen Friedhofshalle, deren Kostenanfchlag etwa 250 000 Mark beträgt, aus Mangel an den erforderlichen Geldern Abstand genommen werden. Der Redner streifte die Schwierigkeiten, die im vergangenen Jahre in der Schächtfrage seitens der Schächtgegner entstanden waren und schilderte die mit Erfolg unternommenen mannigfachen Bemühungen der Verwaltung. Was. den. Etat anbetrifft, so habe sich der Vorstand im Gegensatz zu der bisherigen Gepflogenheit, die Bedürfnisse nach der Steuerumlage festzustellen, nunmehr zu dem umgekehrten Weg entschlossen, nämlich, den Etat nach den Bedürfnissen der Gemeinde festzusetzen, da die Ausgaben einer großen Gemeinde nicht an eine beschränkte Summe gebunden werden dürsten. Immerhin ein erfreulicher Fortschritt! Es hatte sich daher die Notwendigkeit ergeben, für 1927 einen Nachtragsetat von 100 000 Mark einzubringen. In der nun einsetzenden Etatsbe-ratung prallten wie gewöhnlich die Meinungen schroff aufeinander. Ein von orthodoxer Seite gegen die großen Chor- -ausgaüen geführter Vorstoß richtete sich wohl in erster Linie gegen den kostspieligen gemischten Chor der Synagoge Roonstraße, bei dem 4000 Mark gestrichen wurden. Dabei wurde der Chor Synagoge Glockengasse mit 2000 Mark in Mitleidenschaft gezogen. Die Herren Bader, Prechner und Meller (Volksp.), die namens der o st - jüdischen Gemeindemitglieder den Gedanken einer neuen Synagoge propagierten, begnügten sich auf Vorschlag des Parteigenossen Jonas mit der Resolution des Inhalts, daß in den nächsten Etat für diesen Zweck eine Summe eingestellt , werde. Gegen einen demokratischen Antrag auf Erhöhung der Schechitahgebühren, glaubte Herr Direktor Plato (kons.) nur eine Erhöhung von 25 Prozent im Interesse des rituellen Haushalts verantworten zu können. Demgemäß wurde eine Erhöhung von 3000 Mark beschlossen. Bei Besprechung der Position Friedhof Deutz gedachte der Vrositzende in anerkennenden Worten des Rabbiners Dr. Dünner, der in mühevoller Arbeit einen Plan des alten Friedhofs -angefertigt und die alten Inschriften entziffert hatte. Der veranschlagte Betrag für Wohlfahrtspflege wurde mit 102 000 Mark bewilligt. Die ostjüdische Talmud Thora wurde mit 5000 Mark bedacht, dagegen ein Antrag Dr. Holsteins auf Zuwendung von 2000 Mark für die Chewra Talmud Thora (Rabb. Dr. Wolf) abgelehn t. Es scheint in diesem 'Gremium noch wenig Verständnis für die Bedeutung einer derartigen Anstalt, die als erste in ihrer .Art Thorageist auf rheinischem Boden verbreitete, vorhanden zu sein. Abgesehen von den ständigen Finanznöten befindet sie sich zurzeit in einer prekären Lage, da sie durch Gerichtsbeschluß gezwungen ist. die Lokalitäten, in denen seit Jahrzehnten gelehrt und gelernt wurde, zu räumen. Eine Gemeinde, die viele Tausende Prestigezwecken opfert, dürfte auch einen Obolus für eine Lehranstalt übrig haben, die zum überwiegenden Teil von Kreisen der Grohgemeinde besucht wird. Herr Dr. Holstein verlangte auch eine stärkere Berücksichtigung der Ehrenfelder Interessen und läßt sich von Herrn Blumenau die Zusicherung geben, daß ein Harmonium, das zu Chorproben in einem Nebenraum der Synagoge aufgestellt ist, nicht eines Tages in der Synagoge selbst erscheint. Es ist immerhin merkwürdig, daß man schwer auf den wahren Charakter dieser Synagoge, die vor etwa Jahresfrist ihrer Bestimmung übergeben wurde, kommen kann. Der ursprüngliche Gedanke, sie nach althergebrachter Form mit dem Almemor in der Mitte zu errichten, wurde fallen gelassen, angeblich, weil die Frauengalerie zu weit hervortrat. Als Der Israelit man dann nach einer späteren Forderung die Galerie zurücktreten ließ, blieb es doch bei dieser Anordnung. Nun soll die Thoravorlesung nach rabbinischer Vestim- Die Woche. Berlin. In der Zentralvereinszeitung fordert M. A. Loeb zum aktiven Kampf gegen den Boykott jüdischer Angestellter durch Reichsbank, Frankfurter Bank und Großindustrie auf. — Der frühere langjährige Direktor des statistischen Amtes der Stadt Berlin, Prof. Dr. Heinrich Silbergleit, beging am 2. Juli seinen 70. Geburtstag. Genf. Wie der I. T. A.-Korrespondent erfährt, hat das Büro des Völkerbundes dem arabischen Kongreß in Palästina sein dem Völkerbund übermitteltes Resolutionstelegramm zurückgeschickt, weil nach der festgesetzten Prozedur Einwohner dev Mandatsländer nur durch ihre Regierungen Petitionen dem Völkerbund übermitteln dürfen, üifchineff. Wie aus Bukarest hierher telegraphiert wird, hat der Regentschaftsrat den Landesrabbiner von Besiarabien den Orden Steaua Romaniei (Stern von Rumänien) in Kommandeursgrad verliehen. Dieser Titel erhebt Rabbi Zirelsohn in "den Rang eines „Generals in. Zivil". London. Lloyd George hielt eine große Wahlrede gegen Sir Alfred Mond, der bekanntlich von den Liberalen zu den Konservativen übergetreten ist. Ohne die liberale Partei, meinte Lloyd George, gäbe es heute weder im Unterhaus noch im Oberhaus Juden. — Der Oberkommissar von Palästina, Lord Plumer. verläßt im Herbst seinen Posten und wird von seinem Ende Juli beginnenden Urlaub nicht mehr nach Jerusalem zurückkehren. Man glaubt, daß Sir Gilbert Elayton sein Nachfolger wird. Moskau. Das Kreisgericht in Proskurow verurteilte vier Banditen, die unter Petljura an den Pogromen in Podolien Anteil genommen haben, zum Tode. Die übrigen Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen von 1 bis 10 Jahren. Jassy. Eine Gruppe rumänischer Theologiestudenten überfiel auf der Cisenbahnstrecke Jassy—Kischinew die jüdischen Mitreisenden und mißhandelte sie schwer. Die Exzedenten wurden verhaftet. Warschau. Zu der hier stattgehabten Konferenz der jüdischen Aerzteschaft Polens, die von der Gesellschaft für jüdischen Gesundheitsschutz einberufen wurde, erschienen vierhundert Aerzte aus allen Teilen Polens. Es wurden 40 Referate gehalten und ein Arbeitsplan für die Förderung der Gesundheitspflege der Juden in Polen angenommen. Riga. Die zumeist von Juden bewohnte Stadt Saus! ist durch Ueberschwemmung fast ganz zerstört worden. Das alte Beshamidrasch ist glatt weggespült worden. Die Thorarollen konnten gerettet werden. 200 Familien sind obdachlos. Jerusalem. Der frühere Mitredakteur des „Doar Hajom", Elmahle kündigt an, daß er demnächst eine neue hebräische Tageszeitung herausgeben wird. — Der jüdische Dizeinspektor der Jerusalemer Polizei, Ben Jehuda ist von seinem Posten zurückgetreten. Berlin. Der zweite Band der Encyclopaedia Judaica ist diese Woche ausgegeben worden. Essen. Am 1. Juli tagte hier der Rheinischwestfälische Bezirksoerband der neutralen Jugendvereine. Man sprach über die soziale Arbeit und über das religiöse Problem. London. Bernhard Baron spendete 5000 Psd. für den Balfour-Wald, Lord Melchett 1000 Pfd. Minsk. Die hier erscheinende jiddische kommunistische Tageszeitung bringt schwere Klagen über rohen Antisemitismus unter den russischen Eisenbahnern. Rewyork. Die Jahreskonvention der zionistischen Organisation in Amerika hat sich am 2. Juli mit 398 gegen 159 Stimmen für den bisherigen Präsidenten Louis Lipsky ausgesprochen. Richter Mack erklärte namens seiner Gruppe, daß er aus der Entfernung Lipskys beharre. Moskau. Das Zentralkomitee der linken Poale Zion ist von der Sowjetregierung aufgelöst wordden. mung auf der Kanzel, mit dem Rücken zum Oxaun gewandt, stattfindenl Um allen Ansprüchen zu genügen, wechseln allwöchentlich der konservative und der liberale Rabbiner tm Amte Nr. 27 Seite 8 miteinander ab. In Ehrenfeld befindet sich auch das Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache, das ein Kapitel für sich ist. Das Asyl führte schon häufig bei Beratungen im Plenum zu Beanstandungen. Obwohl es jährlich von der Gemeinde eine größere Subvention erhält, die für 1927 ca. 50 000 Mark betrug (Voranschlag 36 000 Mark und 12 000 Mark Nachtrag), und Gemeinde und Kuratorium in enger Fühlung mit einander stehen, gestattet letzteres der Gemeinde nicht den geringsten Einfluß auf seine Verwaltung. Obgleich das Asyl den modernsten Anforderungen eines Krankenhauses entspricht, würde sich, nach dem, was über die dortigen rituellen Verhältnisse verlautbart ist, ein orthodox lebender Jude nur im größten Notsalle entschließen, das Asyl aufzusuchen und es im Bedarfsfalls vorziehen, im nichtjüdischen Krankenhaus Aufnahme zu finden, was natürlich die Verpflegung außerordentlich erschwert. Wenn Dr. Holstein demgemäß fordert, daß auch den orthodox Lebenden der Aufenthalt im Asyl ermöglicht werden solle, so heißt dies den Hebel an der rechten Stelle angesetzt. Herr Dx. Blank (lib.) ist so naiv, dem entgegenzuhalten, daß das Krankenhaus in der Regel.gut mit zu Zweidritteln christlichen Patienten belegt sei. Es ist leider traurige Tatsache, daß die Juden das christliche und die nichtjüdischen Patienten das jüdische Krankenhaus aufsuchen. Difficile est satiram non scribere_ Auch daß dort jüdische Gefühle verletzt werden, wie Herr Stein itz (Mittelp.) heroorhebt, mag seine Berechtigung haben. Jedenfalls ist es bekannt, daß jüdische Schwestern sich dort ostentativ die gröbsten Sabbateniweihüngen zu schulden kommen lassen. Wir können daher Dr. Holsteins Forderung nach einer offiziellen Aufsicht durch die Ritualkommission voll und ganz unterstreichen. Völlig belanglos ist demgegenüber der Hinweis von Direktor Plato, dem Vorsitzenden der Ritualkommission, daß die Gemeinde Herrn Schnelling in den Wirtschaftsausschuß des Asyls delegiert habe mit der Bestimmung, sein Augenmerk auf die rituelle Seite des Betriebes zu lenken. Es kann der Ritualkommission der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie in einer die jüdische Oeffentlichkeit betreffenden lebenswichtigen Angelegenheit bisher ganz und gar versagt hat. Eines Punktes der Beratung, der einen Abänderungsvorschlag des bestehenden Ritus in der Synagoge Roonstraße betrifft und letzten- Donnerstag einen ganzen Abend füllte, fei noch erwähnt. Es handelt sich um den Beschluß der Synagogenkonimission der Roonstraße, die Haftarah in Deutsch vorzulesen, sowie einige Gebetstücke (Jekum purkan, Mischeberach) in Wegfall zu bringen, der nur durch den Widerspruch zweier Herren vor die Repräsentanz kam. Mit den vereinigten Stimmen der Volkspartei, Achduth, Mittelpartei wurde der Antrag a b g e l e h n t. Nun steht noch Diverses, insbesondere die Position Beamtengehälter aus, worüber am Dienstag, den 10. Juli in geheimer Sitzung beschlossen werden soll. Es möge hier noch ausgesprochen sein, daß bei den jeweiligen Angleichungen an die durch Staat und Stadt ausgestellten Gehaltssätze in der Regel alle andern Parteien eher ein Verständnis für die Bedürfnisse der Beamten hatten als die sogenannten Konservativen, deren einer es war, der letztes Mal öffentlich erklärte, die durch Anpassung der Beamtengehälter an die staatlichen Sätze notwendige Erhöhung sei auch durch die verteuerte rituelle Lebenslage nicht zu rechtfertigen. Videant consules, ne quid res publica detrimenti capiat möge hier ganz besonders den Konservativen zugerufen werden. Verein für rituelle Speisehäuser. Hamburg, 28. Juni. In der Generalversammlung, über die bereits in großen Zügen berichtet wurde, erstattete Herr Iwan Meyer-Hamburg den Rechenschaftsbericht, der mit dem Wunsch ausklingt, daß die Gönner des Vereins durch erhöhte Zuwendungen dazu beitragen mögen, die Tätig-