Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1928)
- Date
- 1928-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450495-2450521--75109-2532615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Selle 4 Nr. 27 Beklagten durch die Vorschriften seines Religionsgesetzes gehalten, am 11. und 12. sein Büro geschlossen zu haben. Eine Benachrichtigungspflicht steht außer Frage, da dem Anwalt die Möglichkeit des Eintreffens des beklagtischen Schreibens unbekannt war. Selbst wenn man von der Frage eines etwaigen Verschuldens ganz absieht, muß man zur Annahme eines unabwendbaren Zufalls im Sinne des § 233 ZPO. kommen. Ursächlich für die Fristversäumung ist das Zusammentreffen der Tatsache, daß der Prozeßbevollrnächtigte des Beklagten an den fraglichen Tagen sein Büro geschlossen hielt, mit der Unkenntnis des Beklagten hiervon. Nur durch unverhältnismäßige Vorsicht konnten die Folgen dieses Zusammentreffens abgewendet werden. Dies wäre etwa möglich gewesen durch telegraphische Nachfrage seitens des Beklagten am 12. Eine solche Vorsicht konnte aber vorn Beklagten aus den oben zur Frage des Verschuldens erörterten Gründen nicht verlangt werden (vgl. Stein-Jonas 8 233II). Dem Anträge des Beklagten war daher zu entsprechen. Ein Wendepunkt in der Organisationsgeschichte der ungarischen Zudenheit. Zur staatlichen Anerkennung der autonomen Organisation der status quo-Gemeinden in Ungarn. Von Rabbiner PH. Fischer in Sarospatak, Ungarn. V. Und somit sind auch die im „Jahrbuch des traditionstreuen Rabbinerverbandes in der Slovakei „5686" abgedruckten Ausführungen des Rabbiners M. Stein von der status czucr-Gemeinde in Tyrnau zu berichtigen. Wir wollen zwar zu dem dort besprochenen Gegenstände, der Aufnahme von status quo-Rabbinern und Gemeindemitgliedern in den. Weltverband der A g u d a h keine Stellung nehmen, wir können aber dennoch die Konstatierung dessen nicht unterdrücken, daß die mit dem Herzbluts geschriebenen Worte des Rabbiners Stein, die er an die Anführer der slowakischen Orthodoxie und Agudah richtet, und in denen em aus tiefstem Inneren aufschluchzendes Weinen und Klagen nicht zum Verstummen zu bringen ist, daß diese Worte einen förmlich erschüttern müssen. „Wie — ruft er denselben zu —, Ihr weigert euch nicht, in die Agudah einzutreten, an deren Spitze auch solche Rabbiner stehen, namentlich in Deutschland, die einen bedeutenden Teil ihrer Jugendzeit in Gymnasien und auf Universitäten zubrachten, uns aber, die wir in rvn’»’ aufgewachsen sind, und nie ein Gymnasium oder eine Universität von innen gesehen haben, uns verstoßet Ihr mit zwei Händen?!" Wie gesagt, wir wollen zu dieser Frage keine Stellung nehmen! Jedoch, w.as Herr Rabbiner Stein zur Rechtfertigung feinesstatusciuo-Standpunktes vorführt, indem er auf eine große Anzahl wahrhaftera^-^ und 2'p'ix hinweist, die als Rabbiner in status yuo-Gemeinden verblieben, darunter u. ä. auch auf dtzn Vater'des Präses der orthodoxen Rabbiner-Centralkommission, Oberrabbiner K. Reich '»"j in Budapest, so ist dieser Hinweis ganz und gar unrichtig. Der größte Teil der betr. v'p'iLi waren einfach die sich glücklich gefühlt hätten, so es ihnen gelungen 'wäre, ihre Gemeinden, wo sie schon vor der Abhaltung des Kongresses, also auch vor der autonomen Organisierung der Orthodoxie gewirkt haben, zur Annahme der orthodoxen Organisationsstatuten zu bewegen, und die dann die Vereitelung dieses ihres innigsten Herzenswunsches als stillen Kummer mit ins Grab genommen haben. Und so muß ich auch den Hinweis des Herrn Rabbiners Stein auf den von ihm mitgeteilten Brief meines seligen Urgroßvaters mxyn?irnn Vst 18L218 >rw n mwn -w- Verfasser der n"W N"3 zurückweisen. Die Anrufung dieser Autorität müßte um so schwerer ins Gewicht fallen, da mein erwähnter Urgroßväter R. Joel Ungar ^"X! *) schon in seiner Zeit, in jenem nsn nn» *) S. über denselben die von mir geschriebene Biographie: R. Joel Ungar, Wiener, jüd, Presse, 1899.; _Der Srraelit__ da sozusagen in jedem Winkel Ungarns ein jiib zu finden war, als einer der größten Schüler des R. Mordechai Bin et und des isiv bvn galt und vielleicht als^allererste talmudische Autorität anerkannt war. Aber um so eher lastet auch auf mir die heilige Pflicht, das glorreiche Andenken des heiligen Mannes, dessen Hände segnend auf meinem Haupte ruhten, da ich als achtjähriger Knabe b"m7\b mit meinem Vater^rt auf Besuch bei ihm war, vor Mißverständnis zu schützen. Wohl ist die Bemerkung des Historikers der neueren Geschichte der Juden in Ungarn, Dr. S. Großmann, in seinen Studien „Die ungarischen Juden unter Ferdinand V.", S. 34, und „Die ungarischen Juden in der Mitte des 19. Jahrhunderts", S. 70, wonach R. Joel Ungar ein äußerst friedliebender Mann war, der sich von allen Pärteistreitigkeiten ferne hielt, sehr richtig. Derselbe soll sogar, wie ich es aus zuverlässigster Familienüberlieferung weiß, in seiner Friedfertigkeit so weit gegangen sein, daß er, um Streitigkeiten in seiner Gemeinde zu vermeiden, in den ersten Jahren seiner amtlichen Wirksamkeit in Paks, einige kleinere Konzessionen an die Neuerungssüchtigen gemacht hatte. Er hatte Jahre hindurch eine, der den Geistlichen anderer Konfessionen ähnliche Kutte getragen. Die Trauung der Tochter eines vornehmen Gemeidemitgliedes hat er in der Synagoge verrichtet, und hierbei aus Rücksicht auf die anwesenden nichtjüdischen angesehenen Persönlichkeiten eine hochdeutsche Trauungsrede gehalten. Dies sind bekanntlich lauter Dinge, die in der ungarischen Orthodoxie bis zum heutigen Tage verpönt sind und worüber in anderen Gemeinden die heftigsten Kämpfe entbrannt waren. Mein Urgroßvater, R. Joel Ungar dieser gewaltige Talmudgelchrte, wähnte aber, daß man solange die Einheit im ungarischen Israel nicht in Brüche gehen lasten dürfe, so lange man mit solchen kleineren Konzeswnen die Neuerungssüchtigen zufrieden stellen 'onnte. Wie er aber im Laufe der Jahre allmählich zu' der Ueberzeugung gelangte, daß die Neuerungssüchtigen in Ungarn immer mehr und mehr in das Fahrwasser der Reformer in Deutschland gerieten, **) und daß mcm vor allem mit der Errichtung eines Rabbinerseminars im Sinne der Löws, Festels, Zipfers, Hochmuts und Konsorten dem traditionellen Judentum den Todesstoß versetzen wollte fix ‘l’ipsrt» rmpa da hatte sich nun dieser minn tmö DiVtzm “isr immer mehr und mehr mit dem Trennungsprmzipe befreundet. Und dieser Patrizierabkömmli-ng, waren doch seine Ahnen schon zu Zeiten der Kaiserin Maria Theresia, staatlich anerkannte Primatoren über die Judenschaft ganzer Komitate, ***) oder wie man zu damaliger Zeit sie nannte: nana die bei ihrer jährlichen Inspektionsreise in jeder Ortschaft, wo eine! jüdische Gemeinde vorhanden war, am Ortsende vost der ganzen Gemeinde, mit den Rabbinern und' Vorstehern an der Spitze und mit unter deni Paldachine entgegengetragenen Thorarollen und! flatternden Fahnen empfangen wurden, — also dieser Patrizierabkömmling, dem es schon infolge einer Abstammung vor einem Bruche, vor einer Trennung im bis dahin einheitlichen ungarischen Israel graute, war einer der ersten, der nach dem Kongresse dem ’rh'fi 'hx -Rufe der Trennungskünder, zwar mit blutendem Herzen ob des „Bruches der Tochter seines Volkes", aber doch mit der allergrößten Energie folgte, und sofort seine Gemeinde mit Einsetzung seiner ganzen Autorität und mit Niederbannung aller Widerstände zur Annahme der autonomen orthodoxen Landesorganisationsstatuten bewog,' und mif/diesem Beispiele, da ,die Gemeinde Paks seit jeher großes Ansehen in Mer Gegend genossen, den 'größten Teil der Gemein-' den jener Gegend zu gleiche,m Tun hingerissen hat. ■!'''. - 'Fortsetzung jjoigt.) j; **) Das klassische Gutachten R. Joel Ungars gegen die Braunschweiger Rabbinersynode wurde in man abgedruckt. /**) S. Jahrbuch des I. M. I. T. 1902, S. 190. . ' ..'.V . ‘ :■ ' ■■ 5. Juli 1928 Korrespondenzen ßacbrfcftten. Äeutfches RÄH. Repräfentanten'Sihung. Berlin, 29.'Juni. Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde beriet in ihrer Sitzung am 28. Juniabends den Etat für das Jahr 1928, der — wie schon einmal mitgeteilt — in einer Höhe von ungefähr zehn Millionen Reichsmark balanciert. Den stärksten Anteil am Gesamtetat, hat der Etat des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde. Die Deckung, welche durch Steuern eingebracht werden soll, beträgt etwa 6 Millionen Mark. Die Steuerquote für das laufende Jahr ist wie im Vorjahre mit 10 Prozent der Reichseinkommensteuer festgesetzt worden. Im Rahmen der Etatberatung fand eine großzügige Generaldebatte statt. Nach dem Referenten des Etat- Ausschusses Rosenthal und nach einer Rede des Finanzdezernenten des Gemeindevorstandes, Direktors Kareski, der namentlich auf den Erfolg hrnwies, der darin liege, daß man die Steuern von 15 Prozent im Jahre 1926 auf 10 Prozent habe ermäßigen können, sprach zunächst der Poale-Zionist Dr. Oskar Cohn, dann sprach der Konservative M. A. Loeb, die Liberalen Professor Tüxk und Marcus, der Volksparteiler Mmisteralrat Hans Goslar. Die Aussprache, bei der die verschiedenen Parteien ihr« programmatischen Forderungen aufstellten, erstreckte sich im wesentlichen aus die Etatkapitel „Wohlahrts- und Jugendamt" und „Schule". Es wurden Forderungen betreffs einer Ausgestaltung des jüdischen Schulwerks in Berlin erhoben. Das Wohlfahrts- und Jugendamt der Gemeinde" soll, wie eine zum Schluß der Sitzung angenommene Resolution besagt, einer völligen Reorganisation unterzogen werden. Am Schluß ihrer Ausführungen forderten der volksparteiliche und der zionistische Frattionsredner eine tätige Mitarbeit am Aufbau Erez Israels. Es wurden Anträge betreffend eine Subvention für den Keren Hajefsod und für den Palästkna-Arbeiter-Fonds angekündigt. Die Debatte bot vielfach Höhepunkte, namentlich soweit es sich um die grundsätzlichen weltanschaulichen Auseinandersetzungen der miteinander ringenden Gruppen innerhalb der Gemeinde handelt. Der Etat, der schließlich in beiden Lesungen mit Einstimmigkeit zur Annahme gelangte, sieht u. a. die folgenden Hauptausgabenposten vor: Kultus und Ritual: 2 763 815 M.; Unterrichtu. Bibliothekswesen: 1126 639 M.; Wohlfahrtswesen: 3 886 090 M.; Allgemeine jüdische Angelegenheiten: 415 000 M.; Verwaltung: 1787 948 M.; Vermögensverwaltung: 779 258 M. Bemerkenswert ist, daß zum erstenmal ein Posten für Jugendpflege, und zwar in Höhe von 30 000 M., eingesetzt wurde. Die Ltahsberatung der SynagogengemeiNde Köln. ' '!;. ''K ö ln, 2. Juli. Die Haushaltsfestsetzung einer jüdischen Gemeinde, zumal einer Großgemeinde, d. h. die Ausgabe, bi« darin besteht, den Haushalt mit Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen, ist schon immer sin schwieriges Beginnen gewesen. Ganz besonders schwerer Natur scheinen aber die Geburtswehen zu fein, die .das Zustandekommen des diesjährigen Haushaltsplanes der Kölner Synagogengemeinde begleiten. Mit Recht rügte Herr Axon Baer (kons.), der sich um die Aufstellung des Etats sehr bemüht hatte, daß derselbe nicht schon im Dezember festgesetzt werde, denn der Haushaltsplan, zu dessen -Beratung Generalkonsul Baumann den Vorstand und die Repräsentanz erstmalig aus den 17. Mai berufen hatte, ist heute noch nicht sertiggestellt. . Zweifelsohne ist der Neueintritt des auf der vereinigten Wahlliste, Volkspartei—Achduth an Stelle des ^erstorbenen Herrn-Samuel Kramer machrückenden Herrn Dr. med. David Holstein! in das Repräsentantenkollegium ein Gewinn für bas! religiöse Judentum. Herr Generalkonsul Baumann (lib.) wurde zum ersten Vorsitzenden, Herr Rechtsanwalt Jonas, (Volksp.) zu dessen Stellvertreter wiedergewählt.