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Der Israelit · 1928-06-28 · Heft 26 (28.6.1928) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 26 (28.6.1928)
Date
1928-06-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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im Der Israelit Pli„j Feuerzeichen. wm Hin HyetLo-Aoman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Drei Tage nach dem Brande waren wieder alle Männer der Gemeinde auf dem Friedhofe versammelt. Zwei Bahren wurden hinausgetragen und in die Erde gesenkt. Nathan Maß, alt und gebrechlich, überlebte die Aufregungen des Flammentages nur um eine Nacht. Das alte Herz hörte zu schlagen aus, in fremdem Bette, in fremdem Hause, in der Stadt jenseits des Ghetto, dem er achtzig Jahre angehörte. Perez Murren hatte am gleichen Morgen etwas von seiner Habe im Schutte gesucht. Schweres Gebälk eines in feinen letzten Resten einstürzenden Hauses traf ihn und zerbrach ihm den Schädel. Beide wurden Seite an Seite in der Erde gebettet, der reiche, angesehene Vorsteher Nathan Maß und der arme Händler und Spaßmacher Perez Murren. Zum ersten Male sah man Rabbi Naftali Hakohen wieder. Er schien um Jahrzehnte gealtert. Er sah schweigend über die Mauex ins Gräberfeld, das er als Kohen nicht betreten' durste, und zurück zum Trümmerfelde, das jetzt die Stätte seines Wirkens andeutete. Rauch stieg in dünnen, leisen Streifen auf. Rabbi Naftali wandte das Gesicht ab. Die Menschen schluchzten alle laut. Frische Gräber fördern Tränen. Die Tränen galten aber eigenem Leide, noch nicht. überwundenem Schrecken in der Seele. Dann wandelte Rabbi Naftali gesenkten Hauptes zum Tore hinaus. Alle Männer hinter ihm her. Als wäre e r der Leidtragende. Im alten Backhause des Johannes Finger sammelte sich die Gemeinde zum Gebete. Es war ein tiefliegender Raum, zu dem dunkle Steinstufen hinabführten. An den Wänden lagen Mehlsäcke aufgestapelt, die wie Polster das gesprochene Wort dämpften. So mögen sie in den Kellern und Gelassen Spaniens gebetet haben, da oben das Gespenst der Inquisition^ auf der Lauer war mit Marter und Tod ... Schon hatten sie neue Gebete, Slichaus- und Klagelieder, aus der jüngsten selbsterlebten Zerstörung geboren. Rabbi Schmuel Schotten hatte ein Bußd eb et verfaßt, und es wurde mit anderen alten Klageliedern bei Fasten und Bußhandlungen gebetet. Der Wiederaufbau begann von und nach innen. Rabbi- Naftalis Harfe war verstummt. Er hatte keine Lieder und keine Worte. Dumpf grübelte er über das entsetzliche Geschehen nach, seine Ursachen und Folgen und die Schuld, die er zu seinem Teile daran trug — durch Vergehen und Versehen, Sünden der Unterlassung, in einer Zeit, die der trügerischen Lichter voll war ... Für wenige Stunden wurde er aus der Lethargie gerissen — als abends Arje Löb, der Bote Gottes, der Totgeglaubte, leibhaft vor ihm stand. Ex erschrak nicht. In diesen Tagen der Zeichen und Wunder kam es auf eines mehr nicht so sehr an. Hätte er die ruhige Sammlung normaler Tage gehabt, Entsetzen wäre ihn überkommen ob dieser lebendigen Widerlegung all seiner Argumente, — eines halachischett Gedankenbauß,, künstlich konstruier^ um eine Mdisch'^ Tochter aus ehernen Banden zu befreien;' EtttMen hätte ihn gepackt über die Unberechenbarkeiten des lebendigen Lebens, das all die geistreichsten Kombinationen über den Haufen wirft. So aber staunte er nur, rieb sich die Augen wie aus tiefem Schlafe, aus bösen Träumen erwachend. Die Flammen wichen eine Weile aus seiner Seele. Er wandte sich ganz Arje Löb zu, als wäre alles, was zwischen seinem eigenen Auszug aus Posen und der Stunde lag, weggewischt. Ganz gehörte er Arje Löb und sah nicht einmal Rabbi Schmuel, der dabei stand und wortlos die auflebenden Züge des Oberrabbi studierte, sah nicht Elsbe, die in einiger Entfernung gesund, schön, aufrecht, glücklich stand und mit sichtlicher Ungeduld der Beendigung der Unterredung wartete. Dort in Posen, und in Wilna! Und wie es ihm selbst ergangen sei, wie das eine und das andere vor sich ging. Gefangennahme und Freilassung und die Beschwernisse des Weges hierher schilderte Arje Löb zum soundsovielten Male, seit ex hier war. Und wie ihm, in nächster Nähe, Feuerzeichen Weg und Ziel anzeigten . . . Dieses Unglück! ... Damit war Rabbi Naftäli wieder in die Gegenwart gebracht. Der Glanz im Auge erlosch, und vor dem Geistesauge loderte wieder die Flamme auf, seine Stimme wurde matt, Runen zeichneten sich in der breiten Stirm Aber er sprach, und alles drängte sich näher an ihn heran. DerRabbisprach. — Er hatte noch bisher kein Wort über das Unglück gesprochen. Schweigend, erwartend hingen all die Tage hundert Blicke an ihm, lechzten nach einem Worte des Trostes, einem Worte, und wäre es auch nur ein Wort der Trauer und Klage. Aber er blieb stumm wie ein Stein. Nun war der Bann gelöst. „Pst . . . der Rabbi spricht!" Was sprach er? Man hörte es nicht oder verstand es nicht. Er wurde überschrieen, übertönt von einem Geräusche, das wie Sturmschauer zur Türe hineingefegt kam. Die Menschen stieben kreidebleich auseinander. Ein halb Dutzend Konstabler und Soldaten mit blankgezogenen Säbeln standen an der Türe und in der Zimmermitte. Es klirrten Ketten. Wind aus anderer, ferner, kalter Zone wehte, ließ alles erstarren. Kurze, scharfe Worte. Schnurstracks gingen sie auf Rabbi Naftali zu und legten ihm Fesseln an. Johannes Finger erschien mitten in der Stube, sagte etwas, wollte dazwischen treten. Er wurde unsanft zur Seite gestoßen. „Bin vom hohen Rate", protestierte der Bäckermeister und heischte Respektierung seiner Amtswürde. Der Korporal sagte kurz: „Unser Befehl ist von höherer Stelle, von Magistrat und hohem Gerichte". Der Rabbi wurde abgeführt, Lähmendes Entsetzen löste sich in hysterisches Weiberweinen. Auch Glücket wqr zur Stelle. Alle weinten. Das erste laute Weinen auf der Straße seit der Brandnacht. Was war geschehen? Rabbi Schmuel und Arje Löb verließen mit Elsbe in der Mitte das Haus Fingers. Viele gingen ihnen nach, in der Hoffnung, von ihnen etwas über das unbegreifliche Geschehnis zu hören. In der Straßenecke sammelten sich allerlei Gasser aus der Stadt. Um das Schauspiel des gefesselten Judenrabbi noch besser und von der Nähe zu genießen, schlossen sie sich sogar dem Zuge 'an und folgten ihm in der von den blinkendeE'Säbeln gebotenen . respektvollen Entfernung .Bjs zum Tore des Rathauses. AM dem Haufen riefen Sttmmen: „Der Gaß h r e n n e r! . . Holz und Steine und anderes Baumaterial wurde aus städtischen Vorräten auf Kredit bewilligt, neues Leben blühte langsam aus schwarzen Trümmerfeldern auf. Die Wohlhabendsten hatten ihre Heime auf dem alten Platze, zumeist schöner und solider, bald wieder und verließen die Bürgershäuser der Stadt, bevor es irgendwo zu Reibungen gekommen wäre. Auch das Pestilenzhaus leerte sich mehr und mehr. Es gab für die ärmeren Leute Arbeit und Verdienst auf den vielen Bauplätzen in Fülle und damit auch die Möglichkeit besserer Ouartiere. Aber nun hielten andere Schrecknisse die im Wiederaufbau begriffene Gasse in Atem. Rabbi Naftali schmachtete seit Wochen im Kellergefängnis des Rathauses, der Brandstiftung angeklagt, und keiner konnte ihm helfen. Es schwirrten allerlei Gerüchte über tägliche Vernehmungen, ja Folterungen. Es konnte sie keiner bestätigen noch bestreiten. Es wurde keiner zu ihm gelassen. Die mit der Sache betrauten Räte und Richter empfingen keinen von der Judengemeinde und gaben kerne Auskunft. In den Straßen, auf den Bauplätzen im Ghetto, auf dem Markte und in den Schankstuben, überall sprach man vom Rabbi und seinem Prozesse, je nach Gesinnung und Einstellung laut und lärmend, anklagend, oder gedämpft, in mystischer^ Schauer leise raunend. Wessen klagte man ihn an? Vom Rathaus urch. Gericht war nichts zu erfahren, der Phantasie war freier Lauf gelassen. Jüdische und nichtjüdische Männer, die bei der Löschung mithalfen und als Zeugen vernommen wurden, wußten wundersame Geschichten zu erzählen. Aus der Vernehmung und dem Gange der Verhandlung gehe hervor, daß man den Rabbi einer Geisterbeschwörung bezichtige, die, "mißglückt, das Unglück im Gefolge gehabt hätte. „Und er?" erkundigte man sich gespannt, „was sagt er dazu?" „Er steht wie ein Heiliger in seinen Ketten da. Wenn er aufblickt, wenden seine Richter die Augen ab. Skribenius, dem Gerichtsschreiber, zittert der Federkiel in der Hand." „Aber was sagt er, was sagt er? ..." „Er wisse nichts, hätte am Abend nichts als gebetet und das Gesetz studiert . . . Im Nebengemach waren Schriften und Bücher, nichts sonst . . . Feuer sei nicht am Herde gewesen, denn er hätte an diesem Tage gefastet und abends nichts Warmes zu sich genommen . . . Wre er betete, sei eine unheimliche Gestalt vor ihm gestanden, halb Mensch, halb Dämon, mit Stock und Veil, und habe auf die Türe eingeschlagen. Schon sei das Feuer dagewesen . . „Also doch Geistersäche! . . ." Von jüdischem Munde wurde die Kombination zuerst gehört und sie fand rasch Verbreitung hüben und drüben: „Der Rabbi ist Kabbalist und spielt mit Engeln, Geistern, und Dämonen wie mit Figuren auf dem Sck^chbrette. Aber ex machte einen Fehlgriff. Er hellsehend wie er ist, das Unglück kommen und wollte den Genius des Wassers herbeilM^ verwechselte die Formeln und brachte den Feuers herab — da tbar das Unglück da _;_" J Vis die Mär durch das offene Ghettotor in Me Stadt kam, hatte sie durch mannigfache Zu- "sätze Neue Form erhalten: Der Rabbi wollte seine Kraft über die Geister ausproben, so z'ü ndete er das Feuer an und rief den Wasserengel. Er hatte aber falsch gerufen, und es kam der Geist des Feuers . . . ' Das Wort Schudts vom „Gaßbrenner hatte Anklang gefunden. Nichtjüdische Nachbarn des Ghetto meldeten plötzlich Häuserschäden beim Rate an, für die der „Gaßbrenner" zu haften hätte. Hinter ihnen standen Hetzer und Scharfmacher und schürten fleißig. In der auf der Rückkehr zum Ghetto befindlichen Gemeinde gab 27. Mählich schickten sich die Menschen des E Än, sich vom Schutte zu erheben. Der, Feuertärm in ihren Ohren rm-hMe langsam, die Flammen blitzten nicht mehf.'durch ihre Träume, ihr Auge sah neue 'Möqli Lkeiten mit fleißigen Händen arbeiteten fle dl^Trürnmer wegzuräumen und neuem Aufbau Platz zu machen. Im hohen Rate studierter^ sie die neuen von den Juden eingereichten V,auplane und genehmigten gern, was sich genekMicstn ließ. mamm D3D

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