Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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nr. 25 I«» Feuerzeichen. Ki« Hhetto-Jloman von S. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Arje Löb überlegte. Er hatte inzwischen sein Kopftuch abgenommen und es mit einem richtigen Hute, best Nathan aufbrachte, vertauscht, den Sack von der Schulter geworfen. Er stand stark, aufrecht und entschlossen da. Auch Wachholder und der „rote Luchs" konnten nicht mehr daran zweifeln, daß ein lebendiger Mensch vor ihnen stand. „Ich werde hier Deine Arbeit übernehmen," unternahm Arje Löb noch einen Versuch, „Du gehst indes hin und suchst sie auf." •' „Das ist für den Augenblick nicht möglich. Wir müssen hier auf der Hut bleiben. Ich habe hier das Kommando sozusagen vom Hohen Rate übertragen bekommen und darf meinen Posten nicht verlassen. Außerdem — Nathan stoctte —, es wird mit ihr nicht so einfach sein. ... Es ist hier vieles zu überlegen." Arje Löb erschrak, sein Gesicht überzog Leichenblässe, die fast dazu angetan war, die Wächter, denen den unheimliche Gast immer noch nicht geheuer schien, von Neuem in Schrecken zu setzen. „Du sagtest," stammelte er unsicher, „ich sei tot für sie alle, auch für sie. Soll das soviel besagen, wie, daß sie sich in der gewissen Annahme meines Todes nach anderer Seite gebunden hat?" Nathan schüttelte verneinend mit dem Kopf. „Das gerade nicht, obwohl man es ihr erlaubte, ja ihr genug von allen Seiten deswegen zugesetzt hatte. Aber sie wollte nichts davon hören. Es ist was anderes. Das Unglück Deines Wegbleibens hat ihr auf die Sinne geschlagen. Als der erste Brief mit der Meldung Deines Todes von der jüdischen Gemeinde in Litauen kam, nahm sie ihn mit stumpfer Gleichgültigkeit entgegen. Wie aber der zweite Brief kam, die letzten Abschiedsworte, die Du selbst geschrieben -" „Auch dieser kam?" Die aufrechte Gestalt Arje Löbs beugte sich vornüber. Er schien zusammenzubrechen. Nathan stützte ihn. „Ja, auch diese Abschiedsworte, die den letzten Zweifel an der Sache zerstörten, katnen hierher. Und in ihre.Hände. Sie ist seitdem wie abwesend, wie nicht: Zu Hause bei sich, selbst Sie sieht über die- Manschen und Dinge weit htsiweg/ achtet'nicht einmal ihres Vaters und meiner schon gar nicht. Sie nimmt nur wenig Speise zu sich und sucht kein Bett auf. In ihren Augen lodert! kaltes" Feuer. Die Menschen, die darin schäuem erschreckest und weichen zurück. Man hat Aerzte und Bader befragt, ihre Kunst versagte. Das Zureden unseres Rabbi, der mit ihr und ihrem Vater schwer litt und leidet, drang nicht in ihr Ohr, geschweige denn in ihre Seele. So steht die Sache' mit Deinem Weibe, Freund. Verzeihe, daß ich Dich schön gleich an der Schwelle damit nicht verschonen könnte. Du, drängtest ja. Sie ist krank.''Und das Unglück von heute Nacht wird kaum an ihrem Zustande gebessert hüben.":!’ ' Ob Arje Löb diese Angaben in all ihren Teilen begriffen hatte, war schwer zu sagen. Er stand wieder stark und aufrecht! '„Sie nahmMmTod nicht sagst Du. Und sie ließ sich nicht bereden, hat sich nicht gebunden." Damit ließ er sich von Nathan zum Wachtturm hinaufgeleiten. ' 26. Es gab kein Ghetto mehr. Rauchende Haufen, Schutt und. glimmendes Holz zeigten die Stelle an, wo in krummen, schmalen Gassen und Gäßchen, Giebelhäuser und Häuschen kleines, bescheidenes Glück bargen. Am Tage nach dem Brande sah man kaum eine Menschenseele an der Brandstätte. Die Abgebrannten suchten, müde und zerschlagen, ganz aus dem Geleise geworfen, so gut es ging, sich in den neuen Quartieren in der Stadt einzurichten. Außenseiter wurden immer noch von der Torwache zurückgejagt. Auf Sturm und Feuer kam düstere, dumpfe Stille . . . Vollkommen verschwunden, wie ausgebrannt, waren die Sab bat Lernest er in den Vorstädten und in Offenbach. Es waren Ortsfremde, und sie durften sich, nach dem letzten Befehls nicht in die Stadt wagen. Es wäre ihnen auch schlimm ergangen, hätte man irgendwo die Verführer erblickt in den Tagen, da man in Reue und Selbstbesinnung, schwer heimgesucht, alte Sündenlast abzuwerfen suchte. Löbele Proßnitz war von Offenbach abgereift, wußte keiner, wann und wohin. In Elsbe war eine seltsame Wandlung vorgegangen. Die Flammen, die Tausende mit lähmendem Entsetzen erfüllten, rissen sie aus der Starre, daß sich ihre Augen klarer und offener der Welt und den Menschen auftaten. Sie sprach mit dem Vater wieder, lebhaft und sachlich. Die Menschen der Gasse hatten mit sich zu tun und kümmerten, sich nicht um sie. Das schien ihr gut zu tun. Im großen Patrizierhause Johann Kellners hatte sie ihr eigenes Zimmer, wo sie ihre geretteten Sachen wie im Elternhause unterbringen konnte. Alles war da, das Linnen, . der Damast, Bett und runder Tisch. Kellner hatte den feinen Takt, von den Wänden der beiden Zimmer, die Rabbi Schmuel und dessen Tochter innehatten, die Heiligenbilder zu entfernen. Elsbe schmückte die kahlen Stellen an den Wänden mit Waldblumen und frischem Tannengrün, die ihr die Kellners wie in stummer Huldigung einer Heiligen brachten. Elsbe war zunächst die einzige in der Gaste, die schon am zweiten Tage nach dem Unglücke an die Wiederherrichtung ihrer Häuslichkeit dachte. Der Vater berichtete ihr vom entsetzlichen Umfange und war bei allem Weh über die Heimsuchung glücklich, von ihr gehört und verstanden zu! werden. Teilte sie auch nicht den großen brennenden'Schmerz der Betroffenen, so begriff sie doch alles — nach vielen Monaten völliger Apathie und geistiger Abwesenheit. Zwei Trostpunkte leuchteten ihm mitten.in der» trüben Macht des großen Leides "auf: Das Manuskript seines „ K e l ch d e s H e i l e s " , die Geistesarbeit eines Menschen alters, war bis auf das letzte Blatt gerettet, und seine Tochter . . . Kaum wagte er, es sich einzugestehen. Er zitterte um ein wiedergewonnenes Glück, das ihm jeden Augenblick wieder aus der Hand gleiten konnte. Sie fragte, was jetzt geschehen solle, wo sie in Zukunft wohnen, was sie alle zu tun gedachten. Sie nahm also wieder teil am Leben, am Geschicke des Hauses! und des Ghetto, an den Vorgängen der Stunde, an der Zukunft; war den Menschen, ihrer Qual und Hoffnung wiedergegeben.! Er sagte ihr, es würde sich schon alles finden. Er, der Weltenrichter,, d§r das harte,Strafgericht geschickt, würde schon den Weg zum Helle zeigen. Drö. Mäht will Gelder.und Baumaterialien geben." Män würde arbeiten, von neuem öufrichteN. unb:Mshäüen. . " E „ ' ' ..!j Während er sprach, beschäftigte ihn der eine Gedanke: Sie spricht wieder, sie weiß wieder um die Dinge, nimmt teil am Leben, am Geschicke der Menschen. Gern hätte er die Wandlung Rabbi Naftali mitgeteilt. Aber keiner hatte ihn seit der Nacht des Brandes gesehen. Er sitze, so hieß es, in seinem Gemache bei Johannes Finger eingeschlossen, spreche kein Wort, nehme keine Nahrung zu. sich und empfange keinen, er gehe ganz in Gebeten und Tränen auf. Dann kam Nathan Oppenheim, und Elsbe empfing ihn — zum erstenmale seit langen Monaten. Sie hätte schon auf ihn gewartet, sagte sie. Nathan, der Weltgewandte, war jetzt ungewohnt verlegen, stockend und stammelnd im Worte. Er war durch die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Tage und Nächte müde bis zur Erschöpfung. Aber er raffte sich auf, ermutigt durch das Helle, fast heitere Auge Elsbes. , „Es geschehen Wunder und Zeichen," sagte er. „Alles Bestehende stürzt, aber Tote erwachen und entsteigen ihren Gräbern". Und da Vater und Tochter gespannt schwiegen, setzte er fort: „Ich komme, Kunde zu bringen." Sie nahm ihm das Wort aus dem Munde, schrie, jubelte, flehte mit erhobenen Händen: „Er i st da, ist da, sage ich! Wann kam er, wo ist er?-" Rabbi Schmuel erhob sich kreidebleich. Es war offenbar Rückfall, die Besessenheit war wieder da, der ewige Gedanke an i h n, ihr Leben mit ihm. Er grollte Nathan, daß er durch Gegenwart und Wort den alten Wahn in ihr wieder wachgerufen hatte. Aber dieser erhob sich, faßte Rabbi Schmuel an der Hand, schrie fast die Worte hinaus, die den Rabbi das Blut in den Adern erstarren ließen und bei Elsbe nicht mehr als ein beglückendes Lächeln, wie es sich allwegs in der Stunde der Erfüllung einzustellen pflegte, auslöste: „Er ist da, ist unter den Lebenden, unter uns, ist auf dem Wege hierher. Eine Verwechselung, Zusammenspiel merkwürdiger Umstände. Er wird selber alles berichten-" Rabbi Schmuel umarmte Nathan, als wäre e r der Wiedergekommene oder der, der den Toren zum Leben geweckt. Elsbe sah sie mit flehenden Augen an. Sie oerstanden und gingen. Sie sollten nicht sehen, daß ihr die Erfüllung einer sicheren Erwartung doch heiße Tränen abrang. Mit nassen Augen überblickte sie noch einmal rasch die kleine Einrichtung, rückte das eine und das andere zurecht, entfernte aus den Briefen auf dem Tische den einen, der nie einen Sinn hatte... , Bei Tränen und Arbeit traf sie Arje! Löb, der Auserwählte, Fürst ihres Herzens, wie sie ihn vor Jahren zuletzt gesehen, wie sie ihn all die Zeit in der Seele trug ... Das Ghetto war leergebrannt. Seine Tore standen offen nach allen Seiten, Tag wie Nacht. Die Menschen aus der Stadt kamen in Scharen, um die Verwüstungen zu besichtigen. Zwischen den Trümmern bewegten sich rate Schatten gebückte Gestalten, suchten nach Resten ihrer Habe in Schutt, Steinen und verkohltem Holz. Die Wiederkehr des totgeglaubten Arje Löb hatte nicht den Eindruck gemacht, den Nathan erwartet und gefürchtet. Man schauderte ein wenig und beruhigte sich. Es hatte jeder zu viel mit sich zu tun, und die große Katastrophe stumpfte die Herzen für große Eindrücke außerhalb des eigenen Schicksals ab. Auf den Trümmerfeldern und im Pestilenzhause rief zwischen Aechzen und Seufzen einer dem anderen zu: „Schon gehört? Arje Löb, seit einem Jahre tot, ist heimgekehrt". „Von den Toten?" Man hielt jetzt alles für möglich. /