Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 25 Der Jsraelir 21. Juni 1928 „Nein, er lebte. Ein anderer war für ihn ge starben, David Grünhut." „Grünhut?" die Leute mußten sich erst au' den Namen entsinnen. Er war vergessen. „Wie gut, daß sie, Elsbe, nicht wieder ge heiratet hat. Schwer genug machte man es ihr . „Elsbe? Ist sie nicht krank, besessen?- „Wars. Der Geist ist von ihr gewichen durch das Feuer und vertrieben vom Manne, der wie derkam —" Und man gab sich wieder dem Aechzen und Seufzen, den eigenen Sorgen hin.- (Fortsetzung folgt.) Die Donau hinunter. Reiseeindrücke von S—tz. II. Der zwanzigste Bezirk. Wenn Wien ll das E astend des großen-Wien ist so ist Wien XX des Whitechapel von Wien II. Das jüdische Leben ist hier reichlich verästelt und noch weit mehr verästelt. Als bei Kriegsausbruch „tout Galizien" die Flucht durch das große Osttor von Europa, Wien, ergriff blieb ein gut Teil der Flüchtlinge in diesem Tor sozusagen zwischen Tür und Angel haften — in der Erwartung bald zur Heimat zurückzukehren. Die Erwartung blieb bei Vielen unerfüllt. Wien ll fanden sie besetzt — von „alten Wienern", die ein paar Jahrzehnte früher aus Tarnow, Kolonien und allenfalls aus Prehburg ge kommen waren, so wurden die alten Häuser und Ba racken des zwanzig st en Bezirkes (im Hexeneinmal eins des Wiener Straßennetzes folgt 20 auf 2) bis zum Prater und Nordwestbahnhof annektiert. Lange Jahre verlassen, dienten Decken und Wände dieser Häuser als Uebungsplätze für ungezählte und ungezifferte schwarze und rote Truppen, gegen die tägliche Gasan griffe mit Vitriol und Terpentin vergeblich sind ein ewiger, aussichtsloser Kampf. Viele haben sich in die Defensive zurückgezogen oder, wenn die Mittel reichten, sich wie damals vor den Kosakentruppen in bessere Quartiere geflüchtet — näher an (Buropa heran Der zwanzigste Bezirk — wie der zweite und überhaupt Wien, das goldene — liebt die Ordnung lei dcnschaftlich. Aber es ist, scheint mir, eine Unglück l i ch e L i e b e. Er liebt sie, sie liebt ihn, und „können noch zu einander nie kommen". Groß angeschrieben: „Wer Papierstreifen auf den Boden wirft, erhält zwei Schilling d. h., eine Strafe in diesem Betrage. Papierkörbe sind an jedem Laternenpfahl angebracht — und es sind die einzigen Stellen, diese Körbe, in Wien diesseits, die keine Papierschnitzel aufweisen, in denen peinliche Ordnung und Sauberkeit herrscht . . . Nun ist Wien im Zeichen des A u f b a u s; wortwörtlich. Die sozialdemokratische Stadtverwaltung baut in Massen. Die über Nacht in den Außenbezirken wie aus dem Boden erblühten Häuserkomplexe sind steinerne Denkmäler frischer Initiative und sozialen Sinnes. Die Häuser sind mit allem vom Gesetze der Hygiene und Zweckmäßigkeit erforderten Komfort ausgestattet. Aber für Wien „diesseits" würde dieser Aufbau — wollte es Gebrauch davon machen — seelischen Abbau bedeuten. Man kann und mag nicht Gärtchen und Badewanne weit draußen für Schul und Schule und Koscherllden und Verkehr mit dem jüdischen Nachbar eintauschen. Im Gärt chen würden fremde Blumen blühen und Warmwasser und Badewanne würden die letzten Reste heiliger heimischer Geistesbeständ« wegspülen. Es ist das gleiche Bild wie in London und Newyork, ein erfreuliches bei aller stabilisierter Massennot . . Und der eigene Garten blüht. Schulen zum Beten sind entstanden in jeder Straße des zwanzigsten Bezirkes, in denen alle Riten und chassidischen Observanzen treulich gehütet sind. Die Schulen für den Kinderunt e r r i ch t sind, vortrefflich geleitet, mit Talmudt h o r a und Jessodethora in der Nähe, gleich da, wo der Augarten — Schönbrunn des Diesseits — zum zweiten Nachbarbezirke hinüberführt. Eine rührige Agudajugendgruppe arbeitet im „zwanzigsten" mit eigenem Lokale autonom und in edlem Wetteifer mit der im „zweiten". Und nun ist der Arbeit die Krone aufgesetzt — mit einer Bes Jaakauw-Abendschule, die wunderbar floriert. Die „Brigittenauer" — Bezeichnung für dkä zwanzigsten Bezirk — haben ihre Schaffer, die es schaffen, und ein jüngerer Lehrer, dessen Tätigkeit sich im „diesseitigen" Wien in den letzten Jahren zum unermeßlichen Segen entfaltete, stellt seine ganze ihm von der schweren Tagesarbeit übrigbleibende Kraft in den Dienst der Mädchen- und Frauenbildung. Die Bes Jaakauw-Bewegung, in Galizien und Polen beheimatet, schlägt Wellen nach Wien und weiß die Menschen ihrer Heimat da zu fassen, wo sie am meisten und in ihren besten Elementen vertreten sind — im zwanzigsten Bezirke. Ein Scholoschseudos-Bankett. Allein die Kraftzentrale des jüdischen Lebens, von der auch die anderen Bezirke gut gespeist werden, liegt doch im zweiten Bezirk, in der Leopoldstadt. Dort ist das schon historische Haus in der Leopoldsgasse, wo unter einem Dache freundnachbarlich oberste Agudaleitung, Keren Hatorah-Weltdirektorium, Jüdische Presse und was es sonst noch in Wien an kleinen und großen Weltinstanzen gibt, arbeiten. Zwei „Weltsessel" sind leer, da deren Inhaber die Feiertage irgendwo anders zubringen. Der liebenswürdige Freund, in dessen emsiger Hand Schule, Presse und manch anderes liegt, ist bei der Arbeit, wie immer voller Pläne und Ideen. In der Schule erhalten jetzt 'hunderte Kinder in den unteren Räumen ein gutes, warmes Mittagessen — gegen geringes oder gar kein Entgelt. Das bringt neue Sorgen und neue Freuden. In einem anderen Zimmer stören wir den prächtigen kleinen Greis, der ferne schützende, noch ganz und gar nicht zittrige Hand über das Ganze hält. Er hat Akten vor sich liegen und baut mit flinker Hand an einem Schriftstücke. Wir stören. Aber achtzigjährige Liebenswürdigkeit läßt sich nicht aus dem Geleise bringen. Er erzählt und berichtet klar und lebhaft wie ein Jüngling. Ist mit der Arbeit der Jungen im Ganzen zufrieden. Aber etwas mehr Tempo, noch mehr Leben wünscht er, nicht so greisenhaft! . Dann die schmale Floßgasse und das längliche große graue Haus, in dem Abend für Abend Hunderte von jungen Leuten nach schwerer Tagesarbeit sich beim Lernen finden. Es waltet ein guter Stern über der Wiener Jugendgruppe (die Wiener wissen schon, wie das gemeint ist) und ihre Generäle verstehen es, in kürzester Zeit Armeen aus dem Boden zu stampfen. Dafür haben sie im Hause in der Floßgasse sogar eine eigene kleine Druckerei, wo junge Leute, Amateure, abends ihre Plakate und Kundgebungen selber drucken. Eine Arbeitsschule im besten Sinne. Die Lettern sind so groß, als gälte' es, den „Tag" zu drucken (ein bekanntes Wiener Blatt, das dem Leser allmorgendlich in Riesenüberschriften mindestens zwei Dutzend Morde, Selbstmorde und andere Unglücksfälle zum Kaffee serviert). Ist ein solches Plakat oder eine Bekanntmachung gedruckt, eigenhändig mit Liebe und Sorgfalt und verschwenderischem Aufwand von Druckerschwärze hergestellt und in der Vorhalle der Schiffschul und unzähliger kleiner Schulen aufgehängt, so kommt keiner daran vorbei. Das lockt, ruft,- schreit, bittet, zwingt, und die Menschen, die es angeht, setzen sich in Bewegung, — über die Malzgasse zur Floßgasse. Am Vorabend des Festes befiehlt der Fettdruck der Aguda in der Vorhalle der Schifffchul ihren Jungmannen, sich bei Fest- und Sabbatausgang in der Floßgasse einzufinden, zu einem Scholoschseudos, in Anwesenheit und zu Ehren —-. Und sitz kommen. Der große, lange Raum ist überfüllt. Die Grenzen zwischen Ost und West, Nord und Süd sind in der Wiener Aguda so verwischt, daß es geradezu absurd wäre, diese Unterschieüslosigkeit noch zu betonen. Was hier in der Weltstadt mit ihren Massen aus allen Breitegraden, mit ihren glitzernden Lichtern jenseits und grauem Düster diesseits, der Agudagedanke alles bei der Fahne zusammenhält, ist allein glänzendste Recht- 'ertigung der Organisation und ihrer Idee, ob ihre Schöpfer mit dem Gange der Dinge zufrieden sind oder nicht. Um an der Spitze einer Scholoschseudos ta f e l zu präsidieren, gehört schon einige Uebung, einige chassidische Schulung, einige Kenntnis von Rebbeallüren. nicht. Aber mit Hilfe der tüchtigen „Gaboim" zu seiner Rechten und Linken geht es am Ende ganz gut. Als taumelt, muß er doch unwillkürlich an den Herrn v. Opel denken und sein Raketenfahrzeug, von denen er morgens im „Tag" in Riesenüberschriften gelesen hatte. Auch das geht ohne nennenswerten Zwischenfall gut ab. Und nachts bekomm« ich die Räume und die Nebenräume gezeigt, die Bibliothek und die kleine Druckerei mit den großen Schriften. Alles blitzsauber und in bester Ordnung. Die Jugendgruppen Deutschlands sollten gelegentlich nach Wien pilgern, um zu sehen, wie Jugend arbeitet. (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Was sich Jerusalemer Kinder von König David erzählen Ein Kaiser sah einmal, wie Juden auf offener Straße ihr Neumondgebet verrichteten. Da rief er einen zu sich und fragte ihn: „Was habt ihr mit dem Mond gesprochen?" Der Jude antwortete: „Wir loben den Ewigen und wir sprechen: König David lebt." Der Kaiser glaubte, daß ihn der Jude verspotte, er geriet in Zorn und er prach: „Wenn König David lebt, so bringe ihn doch zu mir, ich gebe dir ein Jahr Zeit, doch wisse, bringst du ihn nicht, so lasse ich euch alle töten." Da Huben die Juden der Stadt ein Wehklagen an, denn sie wußten nicht, was beginnen. Sie beriefen eine Versammlung ein und warfen das Los, um zwei von ihnen zu be- 'timmen, die den' König David suchen sollten. Die beiden machten sich alsbald auf den Weg, und es begegnete ihnen ein alter Mann, der sie fragte, wohin ihr Weg sie führe. Betrübt berichteten sie ihm von dem Unglück, das sie betroffen und daß sie nicht wüßten, wo sie König David suchen sollten. Da befahl ihnen der alte Mann, weiterzugehen, sie kämen an einen Bach, den sie überschreiten sollten, dann, käme ein großer Baum, durch den sie gehen müßten und dann wären sie bei der Wohnung des Königs David. Die beiden Juden 'machten sich munter auf den Weg und kamen richtig an einen Bach, aber sie sahen darinnen eine Menge Schlangen Md wilde Tiere, und da bekam der eine Angst und lief schnell zurück. Der andere aber rief aus: „Ich fürchte mich nicht, denn Gott wird mir helfen", und er stieg in den Bach. Da bemerkte er, daß gar keine wilden Tiere und Schlangen da waren und daß alles nur ein Trugbild war. Er wusch und erfrischte sich und erreichte dann den großen Baum, an dem er ein kleines Türchen fand. Aber wieder drohten ihm wilde Tiere und Schlangen. Er aber sprach: „Ich fürchte mich nicht, denn Gott wird mir helfen" und durchschritt den großen Baum und wieder waren gar keine Ungeheuer vorhanden und es war nur ein Trugbild. Wie er aus ° dem Baum heraustrat, begegnete er einem alten Juden von etwa 200 Jahren und der weinte, denn sein Vater hatte ihn geschlagen, weil er seinen Großvater im Schlaf gestört hatte. Erstaunt fragte ihn der Abgesandte, wer denn sein Großvater sei und er erhielt zur Antwort: König David. Da freute er sich sehr und er bat den Alten, ihm doch zu sagen, wo sein Großvater wohne. Da wies er ihm den Weg, ob er ihn sehen könne, das wisse er nicht gewiß, denn der König schlafe das ganze Jahr über und nur einmal im Jahre wache er auf. Als der Jude den bezeichneten Ort fand, war gerade der Tag, an dem König David erwacht und da sah er ihn in einer Stube sitzen und einen Apfel abschälen. Der König bemerkte ihir aber gleich, und er fragte ihn, was ihm fehle. Da erzählte er ihm die ganze Geschichte und daß der Kaiser befohlen habe, ihn, den König David, zu ihm zu bringen. Da sprach David: „Fürchte dich nicht, ich werde dir sagen, was du tun sollst. Ich zerschneide jetzt diesen Apfel in vier Teile; einen behalte ich für mich, einen gibst du meinem Enkel, einen ißt du selbst und diesen hier bringst du zum Kaiser, denn der Herrscher ist jetzt krank und nur dann wird er gesund, wenn er von dem Apfel ißt." Der Jude tat, wie der König, ihm befohlen hatte und er kehrte zurück. Da fand er den Kaiser krank und dieser fragte ihn sogleich, wo er denn den König David gelassen habe! Da sprach der Jude: „Der König hat mir befohlen, dir dieses Stückchen Apfel zu bringen, wenn du davon ißt, so wirst du gesund." Der Kaiser tat, wie ihn der Jude geheißen und war gleich geheilt. Da freute er sich sehr und sagte: „Ich glaube dir jetzt, daß König David lebt." Und er ließ von da ab die Juden in Frieden in seinem Lande wohnen. G. G. Samstag 23 ti»n 5 tnj> '3 '3 'S p“IS Sonntag 24 6 Montag 21 7 vienstag Iun 26 8! Mittwoch 27 9 vonnersrag 28 10 ünsp3*|3 71'2VN ’SH freitag 29 11 Samstag |30 12 '1 'fl '3 P-IS Wochenkalender. v. 83.—30. Juni 1838. / v. 8.—12. Tammus 6688. vi’trauensfacfa ift die Wähl eines erftkldffigen und einwandfreien Hautpflegemittels. __ _ mepJcJcmx dem täglichen Wdfchwaffer zugefetzt erfrifcht. reinigt, klärt und befähigt die Haut aus eigener Kraft gefund und fchön zu fein. Heinrich Mack Nachf., Ulm a.D. Verantwortlich für den allgemeine» Teil und da» Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate 1.58.: «.Schach« «owitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann in Sprendlingen («r. Offenbach). — Verlag .Israelit", G.m.b.tz., Frankfurt u. W. — Druck Sermon Verlags« ' Aktiengesellschaft. Frankfurt a. SR.