Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 25 Der Israeli! Gemeinde hatte einen namhaften Betrag für die Bewirtung der Erschienenen zur Verfügung gestellt und ihre Herren Rabbinen 2r. Goldmann und Cohn mit der Begrüßung beauftragt. Aus dem Beratungsstoff feien besonders genannt: 1. Der weitere Ausbau des (auch Nichtmitgliedern zugänglichen) Fachorgans „Der jüdische Kantor". 2. Die auf Veranlassung des Kantorenverbands vom preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden einzusetzende gemischte Prüfungskommission, die fachlich, wie sonst ungeeignete Elemente vom kantoralen Beruf sernhalten und die mißbräuchliche Benutzung der Amtsbezeichnung „Kantor" verhindern soll. 3. Das sich günstig fortentwickelnde, zur Zeit in Nürnberg befindliche Kantorale Archiv. 4. Die bevorstehende Drucklegung eines Sammelwerks preisgekrönter neuzeitlicher S y n a g o g e n k o m p o s i ti o n e n. Der gegenseitigen Belehrung und Anregung diente ein instruktiver Vortrag des Leipziger Oberkantors Lampel über sein jüngst erschienenes, den ernsten Musiker verratendes Synagogengesangswerk „Kaul Sch'muel". — Mit Bedauern mußte konstatiert werden, daß — trotz aller Bestrebungen des Verbands, den Stand zu heben, die alter-erbte Geringschätzung der Männer, denen man eins der höchsten Aemter des Judentums anoertraut, noch immer nicht ganz geschwunden ist. Noch immer kommt es vor, daß selbst die Verbandsleitung auf Anfragen, Eingaben und dergl. von prominenten Persönlichkeiten, großen Gemeinden und sonstigen Körperschaften keiner Antwort gewürdigt wird. Verein zur Wahrung der geseheslreuen Interessen in Baden. Mannheim, 10. Juni. Auf der Jubiläumstagung der Gesetzestreuen machte Herr Rechtsanwalt Kassewitz in öffentlicher Versammlung über das Thema: „Das religiöse Leben in Baden während der letzten 25 Jahre" folgende Ausführungen: Was das religiöse Leben im engeren Sinne anlangt, so muß die unerfreuliche Tatsache festgestellt werden, daß seit etwa 25 Jahren die Gleichgültigkeit gegenüber der religiösen Idee und gegenüber dem religiösen Pflichtgebot weitere Fortschritte gemacht hat. Ein großer Teil der badischen Juden wohnte früher auf dem Lande, wo die Religion und die altjüdische Sitte fester in den Herzen saß. Die Bevölkerung war, wie der Vorredner sich ausgedrückt hat, „problemlos". Aus den Landgemeinden fand eine ununterbrochene Zuwanderung in die Städte statt. Die Landgemeinden bildeten das Reservoir, aus dem die Stadtgemeinden gespeist wurden. Die Zuziehenden brachten positive relgiiöse Bedürfnisse mit und gehörten zu den regelmäßigen Besuchern des Gottesdienstes in der Stadt. Es war allerdings meist nur eine Durchgangsgeneration. Diese Zuziehenden haben es regelmäßig nicht vermocht, ihre religiösen Anschauungen ihren Kindern zu überliefern. Diese stete Erneuerung der Stadtgemeinden hat in den letzten 25 Jahren abgenommen und hat jetzt fast ganz aufgehört. Oberrat und Synode bemühen sich seit Jahren, das religiöse Leben in den Landgemeinden zu heben. Mit nicht sehr großem Erfolg. Die Bemühungen auch der pflichteifrigsten Lehrer scheitern vielfach an der Gleichgültigkeit des Elternhauses. Die Landgemeinden, in denen früher reinstes jüdisches Leben pulsierte, veröden. Eine nach der anderen muß aufgelöst werden, die altehrwürdigen Synagogen werden profanen Interessen zugeführt. Der Krieg, von dem Viele auch für unsere religiösen Belange die Wirkungen eines „Stahlbades" erhofften, hat das Nebel noch verschlimmert. Der Unterschied zwischen Orthodoxie und Liberalismus hat natürlich auch in Baden eine Rolle gespielt; aber nicht in dem Maße wie anderwärts. Wir haben in Baden einen religiösen „Mittelstand". Cs gibt bei uns in Baden einen Liberalismus, aber- — von den liberalen Rabbinern abgezogen — keine Liberalen. Der Liberalismus nimmt für sich eine religiöse Weltanschauung in Anspruch. Diese fehlt aber bei der überwiegenden Mehrzahl derer, die sich liberal nennen. Sie nennen sich liberal, weil sie das Religionsgesetz nicht beobachten. Dieses Negativum in der Betätigung genügt aber doch wohl nicht zur Begründung einer Weltanschauung. Diese Glaubensgenossen stammen meist aus einem! I Are Woche. Berlin. In Lüneburg wurde im November vorigen Jahres die Synagoge von Nationalsozialisten beschmiert und beschmutzt. In der Berufungsverhandlung ergab sich, daß der Vorsitzende der Nationalsozial i st e n in Lüneburg der Anstifter jener Tat war. Er hatte außerdem während der Tat ausgepaßt, daß feine Freunde von der Polizei nicht überrascht wurden. Es wurden Strafen in Höhe bis zu sieben Monaten Gefängnis ausgesprochen. — Ein Komitee jüdischer Journalisten erläßt einen Aufruf zur Gründung eines Verbandes jüdischer Journalisten in Deutschland. München. Der bekannte Vorsitzende des Bayerischen Israelitischen Lehrervereins, Simon D i n g f e l d e r, ist gestorben. Mit seiner 1908 abgefaßten Denkschrift über die wirtschaftliche Lage der bayerischen jüdischen Lehrer gab er den Anstoß zur Gründung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden, dessen Rat Dingfelder angehörte. Breslau. Fünf jugendliche Nationalsozialisten die im Dezember 1927 in H i r s ch b e r g Schaufenster jüdischer Läden eingeschlagen haben, wurden vom Gericht in Hirschberg zu je 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Das Gericht 'sah von einer schweren Freiheitsstrafe ab, da die Angeklagten als Opfer der Verhetzung anzusehen seien. Wien. Von Amerika kommt die Nachricht, daß dort der frühere Wiener Oberkantor Don Fuchs gestorben ist. Er wirkte in Wien als Oberkantor im Ottakringer Gemeindetempel. Don Fuchs machte seiner Zeit von sich reden, als ihm Direktor Mahler ein glänzendes Engagement an der Wiener Hofoper anbot, für den Fall, daß er einen Taufschein beibringe. Don Fuchs siedelte später nach Amerika über infolge eines Zwistes mit der Wiener Kultusgemeinde. Rom. Der jüdische Industrielle Jsaja Leoi spendete eine Million > Lire für die Restaurierung des alten königlichen Palastes in Turin und eine weitere Million für die Instandhaltung des Palastes. Wieviel dieser hochherzige Stifter schon für jüdische Zwecke in seinem Leben gestiftet hat, ist keinem bekannt. — In jüdischen Kreisen Italiens hegt man große Besorgnis wegen des Schicksals des hervorragenden jüdischen Gelehrten aus Mailand, Professor Ing. Aldo Pontremoli, der mit General Nobile die I t a l i a- Fahrt nach der Arktis unternommen hat. Man weiß nun, daß Pontremoli nicht bei Nobile, sondern bei denjenigen ist, die mit dem Luftschiffkörper abgetrieben worden sind. — Der Präsident der italienischen zionistischen Föderation, Dr. Ciro Glaß, ist bei einem Autounfall in Palermo ums Leben gekommen. Erst vor kurzem überreichte er an der Spitze einer Abordnung dem König von Italien, der ein bekannter Numismatiker ist, eine Kollektion der neuen Palästinamünzen.' Venedig. Auf Vorschlag der Vereinigung für hebräische Studien in Venedig und in Uebereinstimmung mit den Parallel-Vereinen in Triest und Modena hat die Vereinigung hebräischer Organisationen Italiens für den 8. und 9. Juli hierher den zweiten Kulturkongreß einberufen. London. Der vor kurzem verstorbene Leslie John Friedländer aus Harley House, Regents Park, hat 100.000 Pfund für allgemeine Wohlfahrtszwecke hinterlassen. Die Hälfte ist für englische Hospitäler, die andere Hälfte für Wohlfahrtsanstalten zugunsten Personen jüdischen Glaubens bestimmt. Budapest. Das Präsidium der Pester Israelitischen Religionsgemeinde hat verfügt, daß in allen israelitischen Tempeln der Jahrestag des Friedensschlusses von Trianon als Tr «vertag begangen und für die Wiederaufrichtung des Landes ein besonderes Gebet gesprochen werde. Moskau. Das Volkskommissariat für Finanzen teilt mit, daß Geldunterstützungen von Ausländern an ihre Verwandten in Rußland der Einkommensteuer nicht unterliegen. — Chemnitz. Der ehemalige Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, Färbereibesitzer Georg Mecklenburg, hatte die Gemeindevertreter Dr. Sichel und Scharf, die ihm in Angelegenheit des ostjüdifchen Bethauses „Beth Israel" den Vorwurf der „Schiebung" gemacht hatten, vor dem Amtsgericht wegen Beleidigung verklagt. Der Prozeß endete diese Woche damit, daß das Amtsgericht den Wahrheitsbeweis als erbracht ansah und die Angeklagten freisprach. Mecklenburg habe als Liberaler durch sein anfechtbares Verfahren jüdisch-politische Vorteile gegenüber seinen zionistischen Gegnern erlangen wollen. So meldet die „Jüd. Rundschau . ■■■MiiMnBHHHaBBnnanRBnMB '1 Juni 1928 Elternhaus, in dem die Tradition hochgehalten wurde. Sie haben allmählich aus Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit, vielfach aus einem vermeintlichen äußeren Zwang heraus Vieles abgestreift. Sie haben damit aber nicht eine neue, eine liberale Weltanschauung eingetauscht. Sie sind nicht mehr gesetzestreu, sie sind aber nicht liberal. Die Einstellung dieser sog. liberalen Glaubensgenossen ist nicht nur keine liberale', sie ist vielmehr eine k o n s e r v a t i o e. 'Das, was sie religiös betätigen, was sie „halten", ist hervorragend konservativ. Der Redner"' wies dies an Beispielen nach. Die beiden „Richtungen" in Baden sind nicht verschieden in dem, was sie glauben, sondern in dem, was sie „halten". Dies hat sich im Kampf um das „Neue Gebetbuch" gezeigt. Ein einziges Mal ist versucht worden, eine Trennung der badischen Glaubensgemeinschaft nach prinzipieller Kriterien herbeizuführen. „Ohne alte Wunden aufreißen zu wollen", behandelte der Redner die Neuerungen, die das Neue Gebetbuch einführen wollte. Es sollten ausgemerzt werden alle Stellen, die sich auf die erhoffte Rückkehr in das Land Israels, auf den Tempeldienst, auf T'chias hameisim beziehen. „Wenn man nur — so führte der Redner aus, der selbst am Gebetbuch-Kampf teilgenommen hat — aus ganz Baden — außer den Rabbinern und einem oder dem anderen Lehrer — zehn Männer beigebracht hätte, welche auf dem von dem Neuen Gebetbuch vorausgesetzten gesetzestreuen Boden stehen, die aber sagen, sie können trotzdem das alte Gebetbuch nicht mehr benutzen, weil es ihren Anschauungen nicht entspricht, so hätte ich, wenn auch mit schwerem Herzen, der wahlweisen Einführung des Neuen Gebetbuches zugestimmt, um diesen religiös wertvollen Glaubensgenossen in ihrer Gewissensnot beizuspringen." Diese zehn Männer existierten aber in Baden nicht und existieren auch heute nicht. Die Synodalwahlen im März 1908 haben eine erdrückende Mehrheit von Gegnern des Neuen Gebetbuchs in die Synode gebracht. Zur Abstimmung ist es nicht gekommen. Die Gebetbuch-Vorlage ist zurückgezogen worden. Es war das einzige Mal in den letzten 25 Jahren beim Gebetbuch-Kampf, da die Wogen der Erregung hochgingen. Seitdem ist Frieden im Lande. Auch in der Synode. Die beiden „Fraktionen" arbeiten einträchtig zusammen. Ihre Arbeiten sind größtenteils der Sorge für die leistungsschwachen Landgemeinden, für deren Lehrer und Kantoren gewidmet. Ein einziges Mal seit dem Gebetbuch-Kampf ist in der Synode Gelegenheit zu prinzipiellem Meinungsstreit geboten gewesen. Bei Beratung der von Oberrat Dr. Pfälzer entworfenen Verfassung. Der § 1 dieser Verfassung (o. 14. Mai 1923) bestimmt: „Die Israelitische Religionsgemeinschaft fußt auf dem historischen Judentum und dem überlieferten Religionsgesetz". In dieser Fassung hat der Oberrat den Entwurf vorgelegt und so ist er von der Synode, in dem die Liberalen die Mehrheit hatten, angenommen und als Grundpfeiler der Verfassung der badischen Judenheit erklärt worden. Der Redner schließt mit den Worten: Das bekannte Wort: „Mensch sein heißt Kämpfer sein" gilt in verstärktem Maße in der Variante: „Jude sein heißt Kämpfer sein"! Dies gilt ganz besonders für unsere Zeit ... lieber die internen Sitzungen aus Anlaß der Jubiläumstagung in Mannheim ist noch folgendes beizutragen. In der Mitgliederversammlung wurde anstelle des auf eigenen Wunsch wegen beruflicher Inanspruchnahme ausscheidenden Herrn Alfred Hertz Herr Rabbiner Dr. Unna in den Vorstand gewählt. Ferner wurde beschlossen, bei nächster Gelegenheit, sobald eine Vakanz frei wird, einen Lehrer in den Vorstand hineinzuwählen. In seinem Geschäftsberichte zeichnete der Referent, Prof Karl Darmstädter, die Arbeitsgebiete des V. z. W., insbesondere auch bezüglich der nao m-»r und gab dem Wunsche Ausdruck, daß sich die Männer 'inden möchten, die bereit find, in allen Belangen des Vereins tätig zu fein. Besonders wird auf die Mitarbeit der Rabbiner und Lehrer Wert gelegt, und es ist erfreulich, zu konstatieren, daß bereits eine ganze Reihe von