Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 23 Der 8 s r a e l i t 21. Juni 1928 Ein Wendepunkt in der Organifakionsgefchichke der ungarischen Zudenheit. Zur staatlichen Anerkennung -er autonomen Organisation der status quo-Gemeinden in Ungarn. Von Rabbiner PH. Fischer in Sarospatak, Ungarn. m. _ Es sei mir zur Klärung des Problems ferner gestattet, daß ich aus meinem Buche „Orthodoxes und neologes Judentum"*) folgende Stelle hier zitiere: „Jetzt will ich im engen Rahmen dieser Arbeit nur noch über gewisse, in solchen 8tatu8 quo- Kreisen, die mit der Orthodoxie sympathisieren, bemerkbare Bewegungen einige Worte fallen lassen. Es gibt in status quo-Gemeinden wirkende Rabbiner, die, da sie ihre Ausbildung in orthodoxen Jeschiwas erhielten und nur infolge zwingender Einwirkung der Verhältnisse eine Stellung in einer nicht orthodox organisierten Gemeinde angenommen haben, in ihrer persönlichen Ueberzeugung auch heute noch durchaus orthodox gesinnt sind, jedoch in ihrer, nicht ganz grundlosen Befürchtung, daß im Falle des vollen Ausbaues der zwei selbständigen Landesorganisationen, nämlich die der Orthodoxen und die der Neologen die status quo-Gemeinden unter die beglückende Oberherrschaft der neologen Landeskanzlei geraten würden, daß dieselben nunmehr zufolge der erwähnten Befürchtung die auf die Erwirkung einer solchen einheitlichen Organisation hin gerichteten Bestrebungen unterstützen. Auch hegen diese Herren die Illusion, daß, wenn die von den Neologen so heiß ersehnte einheitliche Landesorganisation zustande käme, sie auf eine, auch den Anforderungen der Orthodoxie entsprechende Basis gegründet werden, und. daß im Interesse einer derartigen Begründung die Neologen auch vor größten Opfern nicht zurückschrecken würden. Die letzteren werden den Schulchan Aruch wieder in seine alten Rechte einsetzen, man wird das Pester Seminar im orthodoxen Sinne restaurieren usw. Nun wollen wir diese gewiß das Beste meinenden, nur übelberatenen Herren darauf aufmerksam machen, daß bittere Enttäuschung der Lohn ihrer Unterstützung sein wird. Denn schon donnert ihnen das Sprachrohr der aus dem Pester Seminar hervorgegangenen *) Orth, es neolog zsichösäy, herausg. OOH der orth. Landeskanzlei, S. 114. zweimal über die ungarische Grenze geschoben, aber auch die ungarischen Behörden verweigerten mir Aufenthalt und Gewerbeschein. Jahrelang mußte ich von Dorf zu Dorf wandern, um auf illegale Weise mein Gewerbe auszüüben. Ich mußte mich immer wieder vor der Siguranza (Staatspolizei) verstecken, die. mich schon mehrere Male nach! Ungarn abgeschoben hat) Jetzt erwischte mich die Gendarmerie, als sich mein Ruderboot an einer Flußmühle verfangen hatte." Seine Aussage beschloß Mendel unter Tränen. Das Gericht verurteilte ihn wegen verbotener Rückkehr nach Rumänien zu vier Tagen Gefängnis und 200 Lei Geldstrafe, sowie zur Auslieferung an die Siguranza. (Die graphische Ausstellung moderner Künstler in der. «Jfop".) Im Obergeschoß des Ausstellungsgebäudes, das sich in Form einer Galerie über dem sechseckigen Ehrensaal, erweitert um zwei Nischen, die den Turm flankieren, hinzieht, ist eine graphische Ausstellung moderner jüdischer Künstler zusammengestellt, die einen guten Ueberblick über das Schaffen der jetzigen Generatton bietet. Bon 'einigen 40 Künstlern aus den verschiedensten Ländern sind je einige Proben zu sehen: von allen hier vertretenen sind größere Kollektionen in Mappen vorhanden, die jedem Interessenten vorgelegt werden. Die Ausstellung wurde von Dr. Karl Schwarz arrangiert. Das Ausgestellte kann nur als ein Querschnitt betrachtet werden, eine erschöpfende Darstellung jedes einzelnen Künstlers verbot der beschränkte Raum. Trotzdem gewinnt man einen Eindruck von den großen Kunstleistungen gerade auf diesem von Juden mit besonderer Vorliebe und bedeutendem Erfolge geübten Gebiete, 'was die vielen Namen von Weltruf beweisen. Max Liebermann ist mit einer großen Kollektion vertreten. Leonid Pasternaks charaktervolle Köpfe und Georg Ehrlichs zarte Frauengestalten sind Proben bester Porträtkunst. Die I Rabbiner (Magyar Jzrael, 1912, S. 135) entgegen: „Die Autorität unserer Rabbinerbildungsanstalt geben wir nicht preis. Selbst die als gutwillig scheinende Krittkasterei weisen wir entschieden zurück" usw. „Wer klar sieht, einerlei ob -derselbe orthodox oder neolog ist, muß diese Schule als ein Heiligtum unserer Religion und - unserer Wissenschaft betrachten." Was dürfen nun jene gutmeinenden 8tatu8 quo--Rabbinen von jenen führenden neologen Kreisen erwarten, nach deren kühner Phantasie auch die Orthodoxie jene, mit Thoraleugnern und die Mizwaus mit Füßen tretenden Professoren ausgestattete und ähnliche „Rabbiner" erziehende Anstalt als ein „Heiligtum unserer Religion und unserer Wissenschaft" betrachten muß! Hier will ich nochmals betonen: die wahrhaftig auf der Basis des Schulchan Aruch stehenden status quo--Gemeinden müßten, entweder eine jede für sich, oder — was noch richtiger wäre — korporativ irgend einen Modus suchen, um sich der organisierten Orthodoxie anzuschließen. Wenn ein fester Wille vorhanden sein wird, so wird sich auch die Modalität schaffen lassen. Möglich, daß manche bemerken werden: Ja, aber die Orthodoxen werden solches nicht wünschen! Hierauf habe ich kurz zu bemerken: Vielen Orthodoxen gefällt auch der Umstand nicht, daß es viele Gemeinden mit orthodoxen Namen und Charakter gibt, unter deren Mitgliedern naw ^na nicht so selten sind, wie weiße Raben! Und doch gibt man sich zufrieden mit der, den Anforderungen des Schulchan Aruch entsprechenden Legalität der amtlichen I n st i t u t i o n e n und Funktionären. Ebenso wird es sich verhalten auch mit den in die orthodoxe Organisation eintretenden status quo-Gemeinden. Vor allem aber sollen die status quo-Rabbiner mit echt orthodoxer-Gesinnung und Lebensweise ebenfalls feierlichst den Jsiur über das Pester neologe Rabbinerseminar und über sämtliche neologe Institutionen und Gebräuche, wie z. B. Orgel, gemischter Chor, die christlichen Priesterkleidern nachgemachten Ornate usw. aussprechen. Sie sollen den ersten Schritt machen, und sie werden sehen, daß ihre Arbeit von Gelingen begleitet werden wird! Warum sollen denn nicht in einer und derselben Stadt zwei orthodox organisierte Gemeinden existieren dürfen? Was in S. A. Ujhely, Temesvar und Galanta möglich ist, muß auch anderswo möglich sein! Das Resultat dieses Anschlusses an die Orthodoxie wird aber sein, daß während einerseits die reine Landschaftsdarstellung ist durch Erna Franks feine Radierungen und die konstruktiv interessanten Blätter des Amerikaners Lozowick veranschaulicht. Lesser Ury tendiert in den Straßenbildern schon zum Genrp, dessen besondere Formen Jules Pascin und Robert Genin' pflegen. Auch Ludwig Meidner muß hier eingereiht.: werden, wenngleich er über diese Kategorienbildung - weit hinausgeht. Käte Ephraim Marcus.' flotte Aqugrelle des Pariser Barlebens sind besonders eindrucksvoll Der vielseitige Arno Nadel hat eine Mappe riesenhafter Impressionen aus dem „Dybuk" geschaffen, der auch als Zeichner geschätzte Bildhauer K. fj. Jsenstein treffliche. Aquarelle aus demselben Drama und nach Pallenberg. Den Hauptanteil der Ausstellung neben diesen allgemeinen Kunsterscheinungen bilden natürlich' die Werke jüdischen Inhaltes, unter denen alle Namen von Klang vertreten sind: die beiden Nadelvirtuosen Struck und W ö l f s f e l d, Ernst O p p l e r und Isidor Kaufmann, die beiden Glicen st ein, Vater und Sohn,, von denen der jüngere Emanuel den Vater auf dem Gebiete. der Graphik überstrahlt. Ryback, Barczynski und Chagall sind die Pioniere der modernsten Richtuntz, während als die vier prominentesten jüdischen Künstler par excellence Jacob Steinhardt, Joseph B u d k o, Leo M i ch e l s o n und Rahel S z a l i t deswegen am Schluß genannt werden, weil sie. nicht-nur durch hervorragende Cinzelblätter hier erscheinen,'sondern auch in dÄ anderen Abteilung,'die sich in Vitrinen den genanntemiBlättern anschließt, sich würdig präsentieren, wo das.^schöne modexMjPuch beweisen.soll,' wie' sehr das «schaffen unserer modernen Künstsex.zun. Bft. lebung unserer Literatur in den letzten Jahren b^igetragen hat. st - _ j kulturfreundlichen Elemente im orthodoxen Lager eine Bereicherung erhalten/ andererseits wieder die in den status quo-Gemeinden vorhandenen. konfervativen Gefühle und Neigungen durch dieorthodoxe Organisation Rückgrat und Schutzmauer gewinnen werden. , Des ferneren werden die nunmehr in die orthodoxe Landesorganisation eingetretenen statusquo-Gemeinden zu neuen Kolonien werden für diejenigen, im orthodoxen Lager in überflüssiger Zahl vorhandenen Personen, die fähig sind als Rabbiner oder andere Funktionäre zu wirken und auch solches als Lebensberuf sich wählen,. aber aus Mangel an ihnen sich darbietenden amtlichen Stellungen im Lager der Orthodoxen,, kein Amt erhalten können, weil sie eben in anderen als orthodox organisierten Gemeinden kein Amt bekleiden wollen. Denn in bezug auf Rabbinatskandidaten und andere religiöse Funktionäre ist auch in betreff der heimatlichen Orthodoxie das Wort anwendbar: „Es gibt wohl recht viele Eskimos, aber nur wenige Haifische!" Daher kommt es nun, daß auch für die geringfügigste orthodoxe Rabbinerstelle sich dutzendweise Bewerber finden, und bei der Besetzung, einer solchen allerletzten Stelle die größten Streitigkeiten ausbrechen. Würden sich aber die konservativ gerichteten status quo-Gemeinden der Orthodoxie anschließen, danm würden zahlreiche tüchtige Kräfte der Orthodoxen, die jetzt vor dem Namen „status quo" zurückschrecken, einen geeigneten Wirkungskreis in den neu angeschlossenen Gemeinden finden. Und so würde die Orthodoxie — wenigstens teilweise — von einem Umstande befreit werden, der bereits zum unumgänglichen Urquell zahlloser unangenehmer Vorfälle geworden ist, die großen Staub im ganzen Lande aufwirbelten. Andererseits wieder würden auch die neuangeschlosienen Gemeinden bezüglich der Hebung ihrer religiösen Energie recht viel durch eine derartige orthodoxe „Bluttransfusion" gewinnen. Resümieren wir also: Nach meinem Dafürhalten müßten alle konservativ gerichteten Statut quo-Gemeinden. unter die Fahne der Orthodoxie eilen; sie müßten zu bewerkstelligen sich bestreben, daß auch sie — insoferne ihre Rabbiner und Kultusbeamten, wie auch alle ihre Institut ionentatsächlich den Anforderungendes Schulchan Aruch entsprechen — Platz finden in der orthodoxen Landesorganisation. Daß aber selbst die voreingenommensten Rabbiner zwischen in nichtorthodoxen Gemeinden wirkenden, aber orthodoxe Prinzipien und Lebensweise betätigenden Rabbinern/ und den eigentlichen nichtorthodoxen Rabbinern zu unterscheiden wissen, dies wird am besten durch folgende Tatsache bewiesen. Vor.mir liegt das neueste Werk des als großer Talmudgelehrter bekannten Rabbiners in H.-Mah, der zweite Teil des wia Nun sind „jn diesem Werke auch Mehrere Respo.nsen flbgedruckt,, die der Verfasser an solche Rabbiner gerichtet hatte, die.jzn nicht orthodox konstituierten Gemeinden wirken. Die betreffenden Rabbiner sind mit Namen genannt.. Und doch läßt sich der Verfasser in seiner Vorrede sehr heftig gegen die neuerungssüchtigen Rabbiner aus. Aus diesem Umstände geht hell wie der Tag hervor, daß selbst in den voreingenommensten, orthodoxen Rabbinern mehr oder minder stark das Bewußtsein dämmert, daß man nicht sämtliche in nicht orthodox organisierten Gemeinden wirkende Rabbiner einer und derselben Beurteilung unterstellen kann. An dieses Bewußtsein sollen nun die in den sMtus quo- Gemeinden wirkenden Rabbinen mit orthodoxen Prinzipien appellieren, so sie für den Anschluß ihrer Gemeinden an die orthodoxe Landesorganisation die Fahne, j aufhissen. Und der Erfolg wird nicht wegbleiben. '. So schrieben wix. im Jahre. 1Ä14.; Ueber die Folgen unseres damaligen Auftretens wollen wir im nächsten Abschnitte berichten. Doch wollen wir schon hierorts darauf Hinweisen, daß diese unsere damalige Stellungnahme sich vollständig