Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. Juni 1928 Nr. 25 Sette 3 Lebenshaltung vielleicht nicht minder kostspielig ist als wie das Hotel, die aber jeden Gemeinsinn vermissen lassen, wenn es sich um soziale Aufgaben der jüdischen Gesamtheit — und auch die Schaffung und Erhaltung jüdischer Hotels gehört dazu — handelt. Mit andern Worten: das Gesetz frw mi „Sorge, daß auch dein Bruder leben kann wie du", steht auch in der Thora, dieser goldne Satz brüderlicher Lebensauffassung, dieses strahlende Wort der Verpflichtung, der Mitverantwortung, der Weitherzigkeit in allen Lebensbeziehungen. „Vergiß nicht, daß du ein Jude bist", wenn dir die Wellen des Meeres oder das Tannenrauschen der Berge ins Herz singen. Alles erlebst du tiefer, -voller und echter, wenn du immer ganz selbst bist. Die Deinem eigenen Wohl gewidmete Erholungszeit wird gleichzeitig ein Dienst an der Gesamtheit, wenn du deiner jüdischen Pflicht unterwegs nicht untreu wirst. Wochenrundschau. Nachwirkungen und Nachwehe«. Die Spaltung innerhalb der Zionisten in Kongreßpolen und Ostgalizien seit den letzten Wahlen wirkt sich jetzt in der Praxis der Sejmpolitik in einer Form aus, die mehr als verwirrend wirkt. Solange die beiden Gruppen, oder sagen wir genauer, die Exponenten der beiden Richtungen, Grü-rrbaum in Warschau und Leon Reich in Lemberg, gegen einander fochten, hatte die Sache mehr internen Charakter und wurde von der Außenwelt weniger beachtet. Nun platzen die Gegensätze aufeinander im Glashause des Parlamentes, in der breitesten Oeffentlichkeit, und man hat volle Gelegenheit, die ganze Gefährlichkeit des oppositionellen Standpunktes der „Warschauer", auf die wir von Anfang an wiederholt hingewiesen haben, zu erkennen. Grünbaum hatte sich durch den Anschluß an die Minoritäten auf die Opposition f e st g e l e g t, und so hält sein Kollege und Kampfgenosse Hartglas bei der Budgetberatung im Sejm eine große Rede, in der er bei Schilderung der Steuerlast und des wirtschaftlichen Druckes, unter denen die Juden' am meisten leiden, feine ablehnende Haltung der Regierung gegenüber ankündigt Natur noch versagt, hat die Kunst der Menschen reichlich ausgeholfen: da sind die ausgedehnten malerisch glänzenden Parkanlagen mit dem großangelegten Kurpark im Umfang von ca. 5 ha, die Kühlung spendenden Gradierwerke, das Teichhaus mit dem großen Teich, die Trinkanlagen, das Kurhaus mit seinem Konzert- und Lesesaal, und die zahlreichen Sanatorien und großangelegten Hotels. Es ist ein buntes Völkergemisch, das sich hier ein Stelldichein gegeben. Fast aus allen Gegenden des Erbenrunds, aus Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika und natürlich aus fast allen Staaten Europas kommen Herzleidende, um an den Wunderbrunnen Nauheims Heilung und Kräftigung zu finden. „Wer , zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen". Auch in der noch kleinen Synagoge, die freilich nur an Sabbat und Feiertagen ihre Tore öffnet, findet man manche ausländischen Glaubensgenossen, z. B. aus Holland, Amerika, Oesterreich, Rußland, Polen und Ukraine usw. Der Gottesdienst ist ein angenehmer. Die Synagoge ist noch ein altes, baufälliges Gebäude, mehr als ausreichend für die wenigen Besucher der Nauheimer Kehillo. Es ist nur ein kleiner Bruchteil der großen Gemeinde, die am heiligen Sabbat über ein freies Stündchen verfügen, um sich wenigstens einmal im Gotteshaus zu zeigen. Denn fast alle gehen auch an dem von Gott eingesetzten Ruhetag ihrem Broterwerb nach. Der Kaufmann und der Koschermetzger stehen im Arbeitskostüm hinter der Theke, der Handelsmann führt fein Vieh den kauflustigen Bauern vor und auch die jüdischen Aerzte halten mit einigen rühmlichen Ausnahmen ihre Sprechstunde ab. Während der Svmmersaison ist allerdings die Synagoge zu klein, die zahlreichen Besucher aufzunehmen. Die Gemeinde, an deren Spitze der tapfere Herr Löb, Inhaber einer angenehmen Pension, steht, hat sich daher unter schweren Opfern zu einem Synagogen-Neubau Der Israeli! und begründet. Was Hartglas noch in schonender Form, gleichsam nur andeutend tat, wiederholte und unterstrich Grünbaum mit den schärfsten Worten, da man in einer Sitzung der jüdischen Deputierten und Senatoren unter sich war. Er erklärte mit aller Entschiedenheit, daß die jüdischen Deputierten mit den Oppositionsparteien gegen das Budget der Regierung st i m'm en müssen und werde n. Dr. Leon Reich setzte sich zur Wehr, gab im Namen der jüdischen Delegierten in Ostgalizien eine Erklärung ab, die dahin geht, außerhalb der Opposition, auf dem Weg von Verhandlungen mit den politischen Parteien und der Regierung die gewünschte Besserung der jüdischen Lage zu erzielen und auf keinen Fall das Budget grundsätzlich abzulehnen. Dieser Standpunkt kann aber als abgetan betrachtet werden, nachdem in der gleichen Sitzung von der Mehrheit Grün bäum mit der Würde des Klubpräsidenten betraut worden ist. Damit wurde der Mann und sein Programm vom Jüdischen Klub akzeptiert, sein Standpunkt zum Programme der jüdischen Fraktion erhoben. Es muß bei alldem ehrlich betont werden, daß die Klagen und Anklagen Grünbaums und Hartglas' auf Tatsachen beruhen, die sich nicht leugnen, wohl aber anders deuten lassen. Es ist Tatsache, daß, während die Groß- und Kleingrundbesitzer fast Steuerfreiheit genießen, die Juden die Hauptlast der Steuern zu tragen haben, was eine Verarmung des Handels und der Kleinindustrie zur Folge hat. Die steuertragende städtische Bevölkerung setzt sich hauptsächlich aus I u - den zusammen. Es steht fest, daß die Juden 40 Proz. der gesamten Steuern des Landes leisten müssen. Die Gründe für diese Mißstände müssen aber nicht im bewußten Antisemitismus liegen, sie liegen mehr auf der Linie der Wirtschaftsentwicklung in Polen, und nicht allein in Polen. Zu helfen ist hier nur mit f r i e d l i ch e n Mitteln; in Polen, wo die Regierung, von großen Parteien gestützt, sich über die frommen Wünsche der Opposition leicht hinwegsetzen kann, gilt dieses noch mehr als anderswo. Mit der Regierung und den regierenden Parteien wäre viel zu erreichen, mit der O p p osition der Minoritäten ist aber der Bau des jüdischen Rechtes denkbar schlecht gestützt. Lei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac., Phenyldimethylp.. ftl f Oft Acetylsai., Coff.WI» ■•£11 in allen Apotheken Helon „Alles, was MenschenanMtz trögt." Dieser Tage war auf dem schwarzen Brett in der Aula der Wiener Universität ein Anschlag zu lesen, der heute von sämtlichen Wiener und vielen reichsdeutschen Blättern wiedergegeben und je nach Parteirichtung und Einstellung glossiert wird. Erzeugerin dieses herrlichen Kulturdokumentes ist die „Deutsche Gesellschaft für Rassenpflege", und die Epistel selbst besagt in der Hauptsache folgendes: „Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, schrie das Judentum feit mehr als einem Jahrhundert, solange bis das deutsche Volk diesen Unsinn zum heiligsten Staatsgrundgesetz erhob. So ist heute jeder Zulukaffer, jeder Hottentott, jeder eingewanderte Jude mit dem bodenständigen Deutschen gleichberechtigt, trotzdem die Deutschen die gesamte Kultur im Lande schüfen, trotzdem die Juden die gesamte Unkultur des Ostens und Unzucht des Orient ins deutsche Land brachten. Es ist aber billiges Recht, wenn wir fordern: Deutschland den Deutschen, nicht aber den asiatischen Hebräern!" Noch niedriger hängen braucht man diese Ergüsse einer Rassenzüchterseele nicht. Der Tiefstand kann nicht mehr übertroffen werden. Und es ist eigentlich erfreulich, daß die Herren einmal klar sagen, was sie wollen: den Kampf geg.en die Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, den Kampf gegen den vom alten Gesetze wie von allen Religionen der Kulturmenschheit gepredigten Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Wenn die liberale Presse, so die Wiener „Neue Welt", die Behörden bis hinauf zum Bundeskanzler gegen diesen rassenschützlerischen Schmutz an wissenschaftlich geweihter Stätte bemühen will, so sei gesagt, daß es hierbei nicht mehr um den Schutz der Juden geht, sondern um den Schutz, um den Ruf Oesterreichs und seiner Kulturstätten, die einmal in der Welt etwas galten. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat Juli! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H*, Frankfurt a.M. entschlossen. Der erforderliche Bauplatz in schönster Lage der Stadt ist bereits erworben und auch der Bauplan bereits von der Baupolizeibehörde genehmigt. Es ist nun Sache der Kurgäste, durch reichliche Spenden die baldige Errichtung eines des Weltbades Nauheim würdigen Gotteshauses zu ermöglichen. Wie ich höre, soll ein Münchener Philantrop, der alljährlich nach Nauheim kommt, bereits ein Kapital von 30.000 Mark für 5 Jahre zinslos zur Verfügung gestellt haben. Hoffentlich findet sein gutes Beispiel Nachahmung. Auch sonst ist den jüdischen Besuchern des Bades Nauheim reichlich Gelegenheit geboten, ihrer Bequemlichkeit gemäß zu leben. "Die beiden jüdischen Hotels, die der Aufsicht des Rabbinats Hirschfeld unterstehen, befinden sich aus der Höhe der Zeit. Gleich den christlichen Hotels bieten sie schöne, luftige Zimmer und Zentralheizung, sowie fließendes Wasser. Auch bezüglich Reinlichkeit und Bedienung stehen sie den christlichen Schwesteranstalten nicht nach. Es ist daher sehr bedauerlich, daß so viele jüdische Kurgäste sich in den christlichen Sanatorien und Hotels einquartieren. Während erstere bei dem geringen Besuch oft schwer um ihre Existenz kämpfen, find letztere oft so überfüllt, daß sie der Nachfrage nicht genügen können. Schon das Gefühl der Solidarität müßte manchen Kurgast, wenn er auch nicht auf rituelle Beköstigung reflektiert, veranlassen, dem jüdischen Bruder den Kampf ums Dasein zu erleichtern. Angenehm berührt in Nauheim der konfessionelle Friede, der hier herrscht. Hier werden die jüdischen Kurgäste in keinerlei Hinsicht belästigt. Im Gegensatz zu andern Ladeplätzen trifft man hier auch kein Hotel, kein Sanatorium und k-ein Cafe, in welchem Juden unerwünscht wären. Die freiheitlich gesinnte biedere Bevölkerung des Ortes ist für antisemitische Allüren nicht zugänglich. So wünschen wir dem gastlichen Nauheim eine weitere, günstige Entwicklung zum Wohle der herzleidenden Menschheit. (Eine Dybuk-Auskreibung — nicht auf der Bühne.) In der Pemeniten-Synagoge zu Jerusalem fand in diesen Tagen die Zeremonie einer Dybuk-Austreibung statt. Zehn Pemeniten-Rabbiner bemühten sich um eine Frau namens Matzli, die irr redete und fortwährend rief, der Geist des vor kurzem verstorbenen Juden Iehezkiel sei in sie gefahren, ein Dybuk habe Besitz von ihrem Körper genommen. Nach einem langen Zeremoniell und Verkündung des Banns verkündeten die Rabbiner, daß die Frau geheilt sei. Frau Matzli erfreut sich jetzt besten Wohlseins. „ Wir müssen für diese Mitteilung der ITA, der wir sie verdanken, die Verantwortung überlassen. (Auf einem Ruderboot nach Palästina.) Der 42jährige staatenlose jüdische Handwerker Israel Mendel hatte sich vor dem Gericht in Szatmar (früher Ungarn, jetzt Rumänien) wegen des folgenden. Delikts zu verantworten: Israel Mendel hat auf einem nicht ihm gehörenden Ruderboot die Fahrt nach Palästina unter-, nommen, wohin er über Donau und Schwarzes Meer zu gelangen hoffte. Der Staatsanwalt und der Besitzer der Barke erklärten, sie verzichten auf die Bestrafung Mendels und erbitten vom Gericht dessen Freispruch, weil der Angeklagte in sich die Tragödie des staatenlosen Juden verkörpert. Mendel selbst sagte zu seiner Verteidigung: „Ich wollte mit dem Fahrzeug die Fahrt nach Palästina machen, weil ich kein Geld besaß, um auf anderem Wege Rumänien zu verlassen, wo mir jede Arbeit und jeder Broterwerb verboten ist, obwohl ich in Rumänien geboren bin. Mein Anspruch auf die Staatszugehörigkeit wurde nicht anerkannt, die Polizei hat mich