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Der Israelit · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 24 D e r Tsraeltt 14. Juni 1928 das gesprochene Wort noch mehr Eindruck machen sollte, bleibt der Predigt fern. So wenig Erfolg also eine Predigt praktisch hat, so sehr kann sie schaden. Sie veranlaßt den Vortragenden sehr oft, durch den zwei- oder vierwöchentlichen Redezwang, sich in ein Pathos hineinzuversetzen, das ihm gar nicht liegt, oder wozu ihm gerade die Stimmung fehlt. Diesen Ton nimmt der Predigende sehr oft auch in Privatleben und Religionsunterricht an, wo er nun ganz verfehlt ist. Hohe Gedanken über Sinn und Ideal des Judentums werden so durch die häufige Wiederholung verflacht, und verfangen nicht mehr bei dem Publikum. Denjenigen, die zu wenig „Temperament" besitzen, wird in den Rabbiner-Ausbildungsstätten frühzeitig bedeutet, daß sie sich für einen anderen Beruf entscheiden sollten, da sie als Rabbiner keine Karriere machen würden. Aber es ist nicht jedem gegeben, sich sozusagen auf Kommando alle zwei Wochen in Pathos versetzen zu können, und die das fertig bringen, möchte ich nicht zu Freunden haben. Ich kenne viele unter ihnen, die zwar gerne sachliche Vorträge halten, aber nur mit Widerwillen an das Predigen denken. Es find dann nicht die Schlechtesten, die nun tatsächlich einen anderen Beruf einschlagen (sehr, viele fangen deshalb von vornherein gar nicht an), gute Juristen, Mediziner und Lehrer werden, und dann der Arbeit am Judentume verloren gehen, oder zu ihrem Leidwesen sehr wenig dazu außerhalb ihres Berufes Zeit finden. So findet eine umgekehrte Auslese der Besten auf Kosten des Judentums statt. Lohnen sich also die Opfer, die das Judentum infolge Festhaltens an einem Ueberbleibfel aus der Zeit der Reform, einem fremden Element im Gottesdienste bringt durch den Verlust seiner besten Jünglinge, die sich deshalb nie voll und ganz in seinen Dienst werden stellen können? Es muß also Aufgabe des thoratreuen Judentums werden, die Predigten auf eine Mindestanzahl zu reduzieren und der Predigt so den Charakter der Seltenheit unÄ damit der Weihe zu bewahren. D. K. Zossele Rosenblatt. Wir hatten vor kurzem in Frankfurt Gelegenheit, den Sänger Rosenblatt zu bewundern. Nicht minder interessant und beachtenswert ist der M e n s ch Rosenblatt, seine Geschichte und der Weg, den er als Jude und Künstler gegangen ist. Einer frommen chassidischen Familie in Rußland entstammend, kam er mit seinem Vater, einem armen Wanderchasan, im Alter von acht Jahren nach Sadagora, denn die Familie zählte — wie heute noch er selbst — zum Kreise der Sadagorer Chassidim. Dort wurden die phänomenalen Gaben des Kindes auf dem Gebiete der Gesangskunst erkannt. Der Knabe verschönte Und belebte mit seinem herrlichen Gesänge die Tafel des Rabbi und fand die höchste Bewunderung der Chaffidimgäste, die damals aus allen Gauen nach Sadagora zum großen Rabbi Friedmann pilgerten. Dabei lernte der Junge fleißig und wurde in den Wegen der jüdischen Lehre und alter Frömmigkeit erzogen. So wurde er von dem Schicksal des Wunderkindertums bewahrt. Der Not gehorchend, fuhr Vatex Rosenblatt, auf Anraten des Rabbi, in die Bossele Rosenblatt. Provinz hinaus, um mit seinem Jungen in fremden Synagogen vorzubeten. In diesen Gastgottesdiensten war das Solo des kleinen Joffele vorherrschend und er eroberte aller Herzen. So ernährte er schon als Kind buchstäblich mit der ihm von Gott verliehenen Kunst, die er zum Preise Gottes verwendete, die ganze Familie. In M u n k a s c wurde er später, ein Siebzehnjähriger, festgehalten und von der Gemeinde als Chasan angestellt, von wo er ein Jahr später, achtzehnjährig und schon verheiratet, als Obe rkantor nach Preßburg kam. In Preßburg, wo er fünf Jahre wirkte, erwarb er sich den ersten großen Ruhm, denn seine Stimme war inzwischen zu einem unvergleichlich schönen lyrischen Tenor ausgereift. Fünf Jahre wirkte Rosenblatt in Preßburg und kam 1906 im Alten von 23 Jahren, ein Chasan von Ruf, hochgeachtet auch als Jude von jüdischem Wissen und inniger Frömmigkeit nach H a m b u rg . Die Hamburger Wirkungszeit Rosenblatts ist in Deutschland weit über Hamburg hinaus in guten Erinnerung. HHr hatte er die Gelegenheit,, auf deiü Wege gründlicher Ausbildung den phänomenalen Naturgaben vollendete Technik zuzugesellen. So kam er nach sechsjähriger Tätigkeit in Hamburg als Chasan vom ersten Rufe im Jahre 1912 nach Amerika, wo er gleich mit großem Jubel empfangen wurde und eine Anstellung als erster Kantor an der damals größten orthodoxen Synagoge deutsch-ungarischer Observanz in Newyork „O h e w - Z e d e k", — in der Rabbiner Dr. Philipp Klein ein langes Menschenalter als Rabbiner wirkte —, erhielt. In diesem Stellung verblieb er, indes fein Ruhm von Tag. zu Tag wuchs, bis zum letzten Jahre, da er eine Stelle in der inzwischen zur noch größeren Bedeutung angewachsenen orthodoxen Schul der vereinigten *nao unter günstigeren Bedingungen annahm. Vielleicht entsprach auch der sefardische Ritus und die sefardische Einstellung, dieser großen Synagoge mehr der Erziehung und dem chassidischen Temperamente Rosenblatts. In Amerika eignete sich Rosenblatt noch mancherlei Kenntnisse an und brachte die technische Ausbildung zur Vervollkommnung. Er fingt mit gleicher Meisterschaft englisch, italienisch, französisch. Besonders sein italienischer Gesang findet von der amerikanischen Kritik rückhaltlose, oft überschwengliche Anerkennung. Er sang in den letzten Jahren wiederholt neben jüdischen auch nichtjüdische Konzerte auf großen Bühnen und machte Tournees durch Europa. Dieses mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe. Es widerstrebt ihm, die heiligen Gebete des jüdischen Gottesdienstes vor Ohren, die sie nur als Kunst hören und bewerten, vorzutragen. Er singt den Konzertsälen nur einige wenige hebräische Stücke, aus der Peripherie des Gebetbuches, in der Hauptsache aber profane Lieder, jüdisch-deutsche Volkslieder und italienische Arien, mit denen er das Publikum geradezu fasziniert. Nie hat man Rosenblatt anders auf der Bühne gesehen, als mit breitem Käppchen, das den ganzen Charakterkopf bedeckt, nie anders als im langen Barte, der noch fast die Urform der chassidischen Heimat aufweist. Nie hat Rosenblatt am Freitag abend und Feiertagen in Konzerten gesungen. Als er in Newyork und London in der großen Oper bei ausverkauftem Haufe fang, teilten die Plakate mit und nicht etwa des Königs fei, während an letzterer Stelle nur die Namen der Städte aufgezählt werden» jene Andeutung also nicht nötig ist. Kleines Feuilleton. Der Knabe in der Mege. Es schlummert sanft das Knäble-in in der Wiege. Wie find so rein die engelhaften Züge, Voll Unschuld, noch von Himmelshauch gestreift. — — Und plötzlich tiefes Bangen! mich ergreift. Auch jener wird von Lebenskampf umtost, Der Säugling, den der Eltern Hand gekost. Jetzt, eben jetzt. — Wird siegreich er bestehn, Wenn ihn die Lebensstürme heiß umwehn? Wird er ein nimmermüder Kämpe fein? Sich stellend in der Glaubensbrüder Reihn? Das Beispiel, das er einstmals vor sich sieht, Reift's ihn'heran zum menfchheitswürd'gen Glied? Durchforschet er der heiligen Thora Wort? Und dringt er tief in solchen Segenshort? — Zwei mächtige Stutzen stehn dem Knaben bei. Der starken Tragepfeiler sind es z w ei. Der Dankeszoll, dem Mutteraug' entflossen, Als ihrem Schoß ein junges Reis entsprossen. Er steiget auf zum SternensirmaMent. Und Gott, der jede heiße Zähre kennt, r Läßt sie erstehn als kühlen^ frischen Tau. Macht frisch das Herz, bringt Wärme dem Gefühl, Wirkt balsamgleich im irdischen Gewühl. Und das Gebet, das Datermund geflüstert. Als zage Furcht der Mutier Stirn umdüstert. ( , vv: V . -ulst- ' Es führt den Sohn empor zur Gottesschau. -n ’ Drum, seh ich hell die Zukunft vor ihm liegen, 1 Visionenhast, aus eines Kindes Zügen. ■ .. ,:r . . F, M. Echt amerikanisch, ' Newyor! 15. Mai. Vor einigen Wochen bewegte sich ein imposanter Leichenzug die Henrystreet entlang, geleitet von all dem Klagen und Jammern, das eine Beerdigung in den Straßen der East-Side kennzeichnet. Zwei großen Leichenwagen mit schwarzen Draperien folgteeine Menge Trauernder, bis man eine Synagoge erreichte, in der ein regelrechter Trauergottesdienst abgehalten wurde. Aber es ist weder ein Mann, noch eine Frau begraben worden. In dem Leichenwagen befanden sich hebräische Bücher in großer Menge und einzelne Blätter und Bogen gedruckten Papieres. Sie entstammen einer Synagoge, die in den ersten Kriegsjahren von der orthodoxen griechischen Kirche angekauft und in eine christliche Gebetstätte umgewandelt worden war. Die Käufer der Synagoge behaupteten den ganzen Inhalt, samt den Thorarollen und den Büchern des Beth Hamidrasch mitgekaust: zu haben und es kam zu einem langwierigen Prozeß, der damit endete, daß zwar die Thorarollen den ehemaligen Besitzern der Synagoge zurückgegeben wurden, daß aber das sonstige Inventar den- Belitz em dör Kirche verblieb. Die Kirchenverwaltung brachte die ganze Bibliothek in einem Keller unter, wa sie zwer Jahre lang liegen blieb und vermoderte. .... Die Angelegenheit ging einer beherzten undjüdisch denkenden Dame, Mrs. Rothman, die zu den ehemaligen Besuchern der Synagoge gehörte, sehr zu Hexzen. Es wird von dieser Dame erzählt, daß sie in t; ' V ■ st ■ 'st " ‘> ihrer ganzen Nachbarschaft eine außerordentliche - energische Tätigkeit -entfaltet, um die jüdischen Frauen zur gewissenhaften Führung ihrer Haushaltungen, im Sinne des Thoragefetzes anzufeuern, und daß sie auch auf dem Gebiete der Einhaltung der Ehegesetze außerordentlich günstig - unter den Frauen gewirkt hat. Sie entschloß sich, für die Auslösung der Seforim zu arbeiten undbekam im Laufe-jeiner monatelang fortgesetzten Sammlung das nötige Geld zusammen, um eine, regelrechte Beisetzung der Seforim auf einem jüdischen Friedhof zu veranstalten. Sie kauftebei einem FriedhrfsUnternehmer zwei Gräber im Montefiorefriedhof und ist die Urheberin des Leichenbegängnisses» das die ganze Nachbarschaft von Henrystreet einige Stunden in Atem gehalten hat. Die Mlgespresse bringt über den Vorgang mehr oder minder sachverständige Berichte und knüpft daran allerlei Glossen, die trotz ihres vielfach ironischen Charakters nicht böse gemeint sind. &NK 5 kü Bevorzugt von der anspruchsvollen ~ / Hausfrau, Außergewöhnliche Vorzüge, H Trotzdem niedriger Preis. W E4IAGE&CO AM ESCHENHEIMER TOR 3- Qualitäts- Zigarren Moritz Wolf Zell 49 ' Telefon Römer 903 st ■•cHs

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