Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1928)
- Date
- 1928-06-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 23 Der Israelit und wer aufmerksamen Blickes die Weltgeschichte betrachtet, wer sieht, wie aus Völkern und Ländern der höchsten Kultur, wie aus Babylon, Aegypten, Hellas alle geistige Macht und Kraft verschwinden konnte, um einer rohen Barbarei Platz zu machen, ja wer auch nur im engsten Umkreise die Geschichte der Familien und Geschlechter verfolgt, den wird es niemals verwundern, daß aus der höchsten Gotteserkenntnis, aus der reinsten ethischen Idee ebenso wie aus umfassender technischer Fähigkeit im Laufe weniger Generationen Verwilderung und Unkultur sich hat herausbilden können. „Nichts ist flüchtiger als der Geist," sagt der Talmud. „Du wendest Dein Auge ab, dann ist er nicht mehr." -•mno 12 i'2'v *pmn 're nun x^>x qw i'x Es kann sich also nicht darum handeln, die Entstehungsgeschichte der Religion aus Aberglauben, aus Magie und Vielgötterei, aus Naturanbetung und Wahnvorstellungen zu schreiben, sondern die Aufgabe ist, die religiösen Formen der Völker und ihre Gedankenwelt zu studieren, überall zu sehen, wie die ^Menschen ringen um das Rätsel der Metaphysik, wie in allem Irrtum und in allem Primitiven eine Stimme des Erhabenen liegt, ein Sehnen nach wahrer Religion sich ausspricht, weil der Funken dex Uroffenbarung niemals ganz verschüttet werden konnte. So wird man es bestätigt finden, was der letzte Prophet sagt. „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist groß mein Name unter den Völkern, und allerorten bringt man meinem Namen Weihrauch und Gabe dar und reine Spende." (Maleachi I, 11.) Es ist ein großartiges Panorama, das sich unter diesen Gesichtspunkten vor dem Auge entfaltet; bunt und mannigfaltig, in tausenderlei Nuancen bietet sich das einheiltiche Phänomen der Religion dar. Der Verfasser gliedert sein Werk — etwas willkürlich — in die beiden Hauptteile: Naturreligionen und Kulturreligionen. Unter die ersten fallen die primitiven Menschen, sowie die Religionen^ des alten Europa, besonders die der alten Germanen. Die Kulturreligionen umfassen vor allem die noch heute lebendigen Religionen Chinas, Indiens, sowie den Islam, und die einst führenden Völker der alten Welt: Aegypten, Babylon, Persien, Hellas und Rom. Sehr wertvoll ist neben dem Bildmaterial das angehängte Lesebuch, in dem wir die religiöse Stimme der Völker selbst vernehmen können. Den Abschnitt über die Kulturreligionen schließt der Verfasser mit einem Kapitel: „Die Fülle der Zeit", worin er die Weltkulturlage bei Beginn der neuen Zeitrechnung schildern will und schließlich mit einem Abschnitt: „Schicksale des Judentums". Dieser umfaßt sage und schreibe ganze neun Seiten, worin er das Judentum abtut. Allerdings meint er nur das Judentum nach Entstehung des Chriftent u m s, soweit es also nicht „Vorhalle" zur Religion des Verfassers selbst ist. Hier stehen wir wieder vor der traurigen Erscheinung, die wir bereits in früheren Aufsätzen darzulegen Gelegenheit hatten; vor dem sinnlosen Hochmut, der beleidigenden Ungerechtigkeit und schäbigen Enge, mit welcher man das Judentum behandelt. Das Buch hat sich das Ziel gesetzt, den „denkenden religiösen Menschen einen Einblick in die nichtchristlichen Religionen zu geben." Wie sieht dieser Einblick bezüglich des Judentums aus? Wir nehmen dem Verfasser als einem katholischen Pater, der für katholische Menschen schreibt, es gewiß nicht übel, wenn er von oben herab über das Judentum spricht. Es ist überhaupt der Ton des ganzen Buches ein sehr überlegener, selbstsicherer, oft gar ironischer, der selbst Kant, Fichte und anderen großen Geistesheroen gegenüber keine Bescheidenheit und keine Ehrfurcht kennt. Es mag ihm auch noch hingehen, daß er in Bezug auf das Judentum alle die Vorurteile nachplappert, die ihm heilige Vorurteile zu sein scheinen, daß er alle die Forschungen über die Pharisäer (z. B. die Herfords) nicht kennt oder kennen will und die große Geschichtslüge von den heuchlerischen Pharisäern sich zu eigen macht, daß er kein Verständnis hat für das große geschichtliche Martyrium des Judentums, mit welchem es weiter nichts getan hat, wie demjenigen die Treue bewahrt, was selbst nach der Auffassung des Verfassers als göttlicher Wille und Befehl ihm offenbart war. Es mag weiter ihm verziehen werden, daß er über Mischna und Talmud, über die gewaltige Geistesarbeit des Mittelalters zu berichten nicht für notwendig hält, daß er eben ihre Namen streift und ihre Rabbinen mit einer lässigen Handbewegung erledigt. Alles das sei ihm verziehen. Aber es ist unerhört, daß der Verfasser sich einen Satz wie den folgenden leistet: „Der mit der Kabbala verschwisterte krasse Aberglauben hat in den Ghettos der mittelalterlichen Städte, ja im östlichen Judentum bis auf den Tag seine Orgien gefeiert. Dinge wie der Ritualmord, die der jüdische Glaube nicht lehrte, könnne sehr wohl vom jüdischen Aberglauben verbrochen worden sein." Das sind Sätze, die einem Prof. Rohling Ehre machen würden. Es sind Aussprüche eines unverhüllten krassen Antisemitismus. Der Verfasser, der keine blasse Ahnung hat von dem Geistesleben der Juden im mittelalterlichen Ghetto, der dem Talmud „verdächtige Kasuistik" sich, vorzuwerfen nicht entblödet, ist hier also so liebenswürdig, mit einem besonders interessanten kasuistischen Dreh das Ritualmordmärchen wieder uns aufzumutzen, indem er sehr vornehm sagt: Ja, der Glaube verbietet das Zwar, aber wißt ihr denn von dem Aberglauben der Massen? Die Bullen der Päpste Martin, Calixt, Eugen, Alexander, Jnnocenz, Gregor, Honorius und Nikolaus, die sich gegen die Vlutlüge wenden, haben für den Herrn Pater keinerlei Bedeutung gehabt. Wir meinen, daß die Ritualmorde „sehr wohl" von den Radfahrern oder von allen, die Anton heißen, verbrochen worden sein können, und unsere Behauptung ist genau so fundiert wie die des Verfassers bezüglich der Juden. So kann es uns daher auch nicht wundern, daß der Verfasser von einer „zweifellos vorhandenen jüdischen Gefahr" redet. Ein Glück, daß die Apostel nicht in Deutschland leben, was täte Anwander gegen diese zweifellos vorhandene jüdische Gefahr? Das ist ein trauriges Schauspiel, daß ein Geistlicher die elementarsten Begriffe der Wahrhaftigkeit außer Acht läßt, wider seinen Nächsten falsches Zeugnis sagt und alberne Verdächtigungen ausstreut, die Tausenden das Leben kosten könnten. Wir finden es zwar sehr gnädig, daß er, wie er schreibt, am Karfreitag für die „perfidi Judaei" beten wollte. Wir hätten es aber für bester gehalten, daß er erst einmal selbst eine auch nur primitive Wahrhaftigkeit und fides contra Judäos betätige. Wir werden gegen diese handreifliche Gehässigkeit uns nicht weiter verteidigen. Anwander findet, daß „die Eharakterfehler der Raste und die Mängel der Gesetzesreligion im sittlich-religiösen Leben unangenehm hervortreten." Herr Pater! Gehn Sie zu Gott, und sagen Sie ihm, wie voll Eharakterfehlern ist diese Rasse, die du geschaffen hast! Niedlich ist ferner, wenn er sagt: manche Sätze im Talmud wurden „gerne verschwiegen und nur selten gedruckt!" Als ob es nicht grade die christliche Zensur war, die jene Sätze unterdrückte! Wix haben G. s. D. nichts zu verschweigen, und werden selbst aus der. Polemik des Talmud gegen andere Religionen nie etwas verschweigen. Und wann hat das Judentum den Glauben an einen persönlichen Messias verloren, was nach Anwänder vielfach der Fall wak? Nur in Ihrer Phantasie", geehrter Herr. Ich wünsche dem Verfasser, was er uns wünscht, daß der Herr den Schleier von seinem Herzen wegnehme, den Schleier -des Haffes und des Vorurteils. Ich glaube, daß auch jeder denkende Katholik diese Art des Verfassers verurteilen wird. 7 Juni 1958 Von der Soncino-Gefellschasi. Die „Soncino - Gesellschaft der Freund e - des Jüdischen Buches" hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens, dank einer wissenschaftlich, künstlerisch und technisch auf der Höhe stehenden Leitung, einen weiten Kreis von Mitgliedern und verdiente Sympathie in der jüdischen Oeffentlichkeit gesunden. Sie legt jetzt den zweiten Band ihres Jahrbuches unter dem Titel: „Sonci no-Blätter. Beiträge zur Kunde des Jüdischen Buches", unter der Redaktion von Hermann Meyer, vor und bereitet damit jedem bibliographisH oder historisch Interessierten eine reine Freude. Der bei Poeschel u. Trepte in Leipzig gedruckte, 193 Seiten starke Groß-Quartband birgt reichen Inhalt mannigfaltigen Charakters, wie die im nachfolgenden wiedergegebene Uebersicht beweist: Krauß, Prof. Samuel: Zur Literatur der Siddurim — d e Haas, Landrabbiner Dr. Philipp: Beschreibung der Breslauer deutschen Machsorhandschriften — Schorr, Prof. Dr. Moses: Thesaurus Bibliographiae Hebraicae — Meist, Dr. Josef: Berliner jüdische Kalender — Schwarz, Rabb. Dr. Arthur Zacharias: Eine Handschrift Sebastian Münsters — Materialien zur Geschichte der Bibliothek David Oppenheims - — Hoffmann, Dr. E. L.: Neun die Oppenheimersche Bibliothek betreffende Briefe. Zwei Gutachten über die Bibliothek David Oppenheims — Bergmann, Dr. Hugo: Die jüdische National-Bibliothek — Loewe, Prof. Dr. Heinrich: Der Ausbau der Jerusalem-Bibliothek — Stern, Oberbibliothekar Dr. Moritz: Zur 'Geschichte der Fleischgebühren' in der Berliner jüdischen Gemeinde. (Hierzu als Anlage eine Reproduktion.) — Lewin, Rabbiner Dr. Louis: Hebräische Drucke und Drucker aus Großpolen. Nachträge zu S> B. Bd. I, S. 171—192 — Brody, Oberrabbiner Dr. H.: Bibliographische Kleinigkeiten — Marx, Prof. Dr. Alexander: Die Bücher und Manuskripte der Seminar- Bibliothek auf der Ausstellung der Newyorker Stadibibliothek — Haupt, Prof. Dr. Georg: Rituelle Kunst (hierzu 12 Tafeln) — Lieb e n, Prot. Dr. S. H.: Die ebräische Grammatik des Fortius Hortenstus. — B eprechungen: Bernheimer, Palaeografia ebraica (A.. Z. Schwarz) Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. — Codex Kaufmann. — Die Darmstädter Peffach-Haggadah. — Notizen aus alten Büchern und Zeitschriften. Björnstähl, Jakob- Jonas: Briefe auf feinen ausländischen Reisen 1781,. 1782 — Tychsen, Olav Gerhard, Bützowische Nebenstunden 1766—1769. — Bibiographie. Systematik — Alphabetisches Namensregister. Am wenigsten befriedigt die Bibliographie, bei der vorläufig eine gewisse, vorerst allerdings wohl unvermeidliche, Willkür herrscht. Darin wird das für Band 3 angekündigte Eingliederungssystem wohl Abhülfe schaffen. Dann müßten aber vor allem auch die Hebraica Aufnahme finden, die einer vollständigen, an einer Stelle konzentrierten bibliographischen Feststellung am meisten bedürfen. Die technischen Schwierigkeiten, die der Beschaffung des Materials entgegenstehen, sind groß, aber keineswegs unüberwindlich. Neue rabbinifche Literatur. Unter der neueren Erscheinungen der rabbjnischen Literatur, die zur Besprechung vorliegen, gebührt der Vorrang zweifellos dem „E r g ä n z u n g s b an d zum Jerufchalmi", den der Verlag Rom A.-G. in Wilna soeben hat erscheinen lassen. Er bringt den Wiederabdruck der vor 180 Jahren zweimal aufgelegten klassischen Jeruschalmikommentare zu den drei r-nna von Rabbi Elia Fulda Vst und Rabbi Josua Benv e n i st i W und fügt acht bisher nur handschriftliche Kommentare und Glossen zu den meisten Jeruschalmi- Traktaten aus der Feder der Größten hinzu: Chatham Sofer, Rabbi Meir Simcho von Dwinsk, Rabbi Jechiel Michel Epstein llnbVn Tnv), Rabbi Jakob Weidenfeld, Rabbi Elia David Rabbinowitz-Tumim (Jerusalem) und v"nb ibia' Rabbi Baruch Epstein (nv'vv min) und Rabbi Raphael Gordon. Zum Schlüsse folgt noch ein Sammelkommentar unter, dem Titel wapr-nin-- Papier und Druck in Vorkriegsqualität, eine erfreuliche Erscheinung für die Welt der — Schon vor 15 Jahren erschienen, aber infolge des Krieges ziemlich unbeachtet geblieben ist der erste Teil eines groß angelegten Jalkut zu Q’snt niv unter dem Titel r-uiv« ersni von L. Mendelfohn in Warschau (Muranowska 15. Selbstverlag.) Das Buch stellt eine Art niva zu mvir dar, indem es aus den gesamten talmudischen und midraschischen Quellen die zu jeder Mischna gehörigen Stellen zusammenträgt und das Ganze mit zwei ebenfalls. den Quellen entnommenen Kommentaren versieht. Uns -liegt nur nrm vor; erschienen sind nach Angabe des Verfassers weitere neun Traktate, zusammen 300 Seiten. Preis des Gesamtwertes 2 Dollar. Approbationen vom Ehofez - Chajim, von Rabbi Meir Don Plotzki u. a. find oorgedruckt. Der bekannte, rührige Rabbiner S. I. Lewitan in Oslo hat unter dem Titel pnx’ oito naiv ein Heft seiner maiem herausgegeben, die allesamt wichtige aktuelle Fragen berühren und die besonderen Schäden unserer Zeit wiederspiegeln. Von den seltsamen Juden, die im nichtjüdischen Hotel gekochte Fische essen und wissen wollen, ob sie benschen dürfen (der Verfasser verneint es), bis zu der Frage des Duchenens fabbathentweihender Kohanim und der Kapitalbeteiligung