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Der Israelit · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Ein neues Buch über die Religionen der Menschheit. Besprochen von Dr. Joseph Garteöach in Attona. Die geistige Situation der Religionen ist heute eine bessere als wie lange vorher. Wenn auch leider auf praktischem Gebiete durch die ungeheure wirtschaftliche Krisis der Gegenwart die Schwierigkeiten für den religiösen Menschen sich häufen, so ist doch theoretisch das Religiöse gegen frühere Jahrzehnte bedeutend er- -stärkt. Der selbstgewisse Siegeslauf der Wissenschaft, der Ausklärungswahn, als könnten alle Probleme dieser Welt von der menschlichen Vernunft erschlossen werden, der Sturmlauf, den die Naturwissenschaften gegen die Tatsachen der biblischen Ueberlieferung mit anfangs so ungeheurem Erfolge versucht hatten, die scheinbare Allgewalt des Entwicklungsprinzips als Erklärung aller geistigen Mächte der Welt: alles das hat seinen Schrecken verloren: Nicht Bibelkritik, nicht Literarkritik haben es ermöglicht, die Entstehung der Bibel menschlich begreiflich zu machen, so wenig wie Darwinsche Theorien das Wunderphänomen der Menschennatur in eine allmähliche Stammreihe der Wesen aufzulösen vermochten. Die Philosophie ist bescheidener geworden, sie macht demütig Halt vor den Toren des Unergründlichen, das sich bis in die elementarsten Erscheinungen des Lebens auswirkt. Die Schulweisheit, die die sich noch bis vor kurzem wie allwissend gebärdete, weih und bekennt heute, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde, gibt, von denen sie zwar träumt, aber die sich mit Hebel und Schraube, mit Analyse und Zergliederung nicht bezwingen lassen. Ja man möchte umgekehrt sagen. Diese negativen Erfahrungen des menschlichen Geistes sind positive Stützen der Religion geworden. Der große Physiker Planck hat seinen ersten Ruhm in der Wissenschaft dadurch erlangt, daß er den Satz von der Erhaltung der Kraft, d. h. von der Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit der Energie folgendermaßen bewies: Jahrhunderte lang bat man sich bemüht, ein „Perpetuum mobile" zu bauen, eine Maschine, die Arbeit aus nichts erzeugen sollte. Alle diese Versuche sind gescheitert. Das ist der Beweis, daß der Versuch als solcher wider die Gesetze der Natur war, daß die Arbeit eben nicht aus nichts erzeugt werden kann." In ähnlicher Weise kann man heute sagen: die unzähligen Anstrengungen der begabtesten Geister, der größten Wissenschaftler, dem Geheimnis der Religion beizukommen, ihre überirdische Heimat, ihre transzendente Quelle als Irrtum nachzuweisen und sie als Werk des Menschengeistes darzustellen, sind ohne Erfolg geblieben. Das ist ein ergreifender, mächtiger Beweis dafür, daß die Religion vom Himmel stammt, ein lebendiger Gott den Menschen gesagt hat, was gut ist und was der Ewige von ihnen verlangt. Es wäre jetzt Aufgabe aller religiösen Kreise, den theoretischen Sieg der Religion auszubeuten und zur Festigung der Geister und der Herzen zu benützen: „Stärket die Hände, die schwach werden wollen, und die Kniee, die zu fallen drohen, macht sie stark! Sprecht zu denen, die voreiligen Herzens sind: Seht da, Euer Gott beweist sich /als der stärkere." (Jesaj. 35.) Auch wir im Judentum haben in dieser Beziehung eine große Aufgabe. Das theoretische Scheitern der Reform, der Zusammenbruch Wellhausenscher und Delitzscher Konstruktionen, die erbärmliche Niederlage der antisemitischen Wissenschaft, die Mißlungenen Versuche, aus der jüdischen Geschichte den Finger Gottes entfernen zu wollen, alles das müßte ebenso wie die neuen philosophischen Grundlegungen unserer Religion und unseres Volkstums immer wieder erneut dargelegt, müßte vor allen Dingen zum Eigentum der breiten jüdischen Masse gemacht werden. Denn gewiß werden auch in Zukunft die Probleme nicht zum Verschwinden kommen, und nichts erleichtert den neuen Kampf mehr wie die Strategie alter Feldzüge. Es muß anerkannt werden, daß die katholische Welt eifrig die günstige Gegenwartskonstellation auszunützen, die Ergebnisse und Früchte des jahrzehntelangen Kampfes zu pflücken weiß. Immer wieder überrascht sie mit großzügig angelegten, umfassenden Darstellungen der verschiedenen Fragenkomplexe, die sich an das gebildete, breite Publikum wenden, den Suchenden und Fragenden eine Stütze und Antwort geben wollen. Uns liegt ein Werk von 567 Seiten vor, benannt „die Religionen der Menschheit"*). Es ist ein Werk eines Paters, der sich zunächst nur an seine Religionsgenossen wenden will, um mir Sachkenntnis die Ergebnisse der Religionsgeschichte darzutun, in übersichtlicher Form und in gut lesbarer Diktion durch die Zeiten und Länder zu führen, überall die Religionen belauschend und das Gold aus den Schlacken sichtend und reinigend. Zweck und Ziel dieser Wanderung durch die Tempel und Heiligtümer der Generationen und Völker ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden: woher stammt die Religion, wie ist sie entstanden? Denn es war festes Dogma der Wissenschaft gewesen, die Religion, der Gottesgedanke habe eine ganz natürliche Genesis und Entwicklung. Aus den primitivsten, gröbsten, plumpsten Uranfängen des Fetischismus habe sich die Religion langsam durch das Denken emporgeläutert, bis sie schließlich zu der höchsten Geistesmacht dieser Welt geworden ist. Mit Vorliebe wurden zu diesem Ende die primitiven Völker studiert, jeder Ethnograph und Völkerkundler glaubte, das „Protoplasma" der *) Die Relioionen der Menschbeit. Von Anton An wand er. Freiburg 1927. Herder & Co. Religion, ihre Urform entdeckt zu haben, aus der sich alles Weitere so ableitete, wie von den Urtieren durch eine ständige Höherentwicklung der Homo sapiens sich als Deszendenz angeblich habe Nachweisen lassen. Verspottet wurde der Bibelbericht, der den ersten Menschen vollkommen und rein, aus Gottes Hand hervorgehen und ihm in der Uroffenbarung die reine und erhabene Lehre vom einzigen Gott und die Grundlagen der Sittlichkeit zuteil werden ließ. Zu großartigsten wissenschaftlichen Konstruktionen hatte jene „natürliche" Auffassung geführt, von denen W u n d t wohl die umfassendste in seiner Völkerpsychologie gegeben hat. Der Verfasser gibt in einer Einleitung sehr geschickt das Fazit dieser Versuche. Er überschreibt,sie glücklich „Fragen, die nicht schweigen wollen^", die zwei Fragen nämlich: „Was ist Religion- und woraus hat sich Religion entwickelt?" Sie klingen heute allerdings nicht mehr so stolz. Die Antwort der Gelehrten ist kleinlaut geworden. Leben und Wissenschaft können diese Fragen nicht bescheiden, nur die Religion selbst zeugt für sich, für ihren Ursprung und ihre Geschichte, und es zeigt sich unabweisbar, daß es keine eindeutige Entwicklung gibt, daß gleichzeitig mit den Bastardformen der Religion ihre höchsten Erkenntnisse und Gedanken bei Urvölkern sich finden, daß das Heidentum durchaus nicht der Vater der Religion, sondern ebenso gut ihr entartetes Kind sein kann. Der Rambam im Beginn der „Hilchoth awaudas kauchowim" sagt: „In den Tagen des Enausch verfielen die Menschen in einen großen Irrtum. In Torheit fiel der Rat der Weisen jenes Geschlechts, und sie sagten, weil Gott Sterne und Sphären geschaffen, die Welt zu führen, so müsse man auch diesen Ehre zuteil werden lassen. Und man baute den Sternbildern Tempel und brachte ihnen Opfer dar. Im Laufe der Zeit standen Lügenpropheten auf und lehrten: Machet Gestalten jener Sterne in der und der Form, daß alles Volk, die Frauen und die Kinder sich vor ihnen bücken. Und sie verkündeten eine Form und sagten: Das ist das Bild, das man uns prophetisch kundgetan hatte. Und so machten sie Bilder und glaubten, daß diese Bilder ihnen helfen und schaden könnten und man ihnen dienen müsse in Ehrfurcht; und das verbreitete sich in der ganzen Welt, daß man in verschiedenen Gestalten die Sternbilder anbetete. Unn als sich das so durch die Generationen fortpflanzte, wurde der erhabene und heilige Name Gottes vergessen im Munde der Geschöpfe, und man kannte Ihn nicht mehr, und die Weisen und die Priester sagten: Es gibt keinen Gott außer diesen Sternen und Bildern. So ging es weiter, bis die Säule der Welt geboren war, das war unser Stammvater Abraham." Es ist das die alte jüdische Lehre, daß das Heidentum eine Verfallserscheinung, nicht der Urzustand der Menschheit ist,

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