Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1928)
- Date
- 1928-06-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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£?"' Der Jsraelit Nr. 23 192$ Feuerzeichen. Kirr HHetto-Aoman von S. Schachnorvih. (Fortsetzung.) Ganze Häuserzüge lagen bereits in Asche, rauchende Trümmerhaufen überall, und immer und immer wieder hatten die Feuerzungen noch neue Dächer erfaßt. ..Bon, einer Seite zur andern, von Winkel zu Winkel trugen sich die Flammen. Der Rauchgeruch war atemberaubend. Wurde es an einer Stelle matt, und dunkel, so hellte es im nächsten Augenblick an anderer Ecke wieder auf. Menschen mit Bündel, Hausrat und Bettzeug Muhten ihre Plätze, wo sie ihre Habseligkeiten geborgen glaubten^verlaffeN/weitevlausen. Die schreienden Stimmen klangen schon matter. Die Kehlen waren heiser/ aus getrocknet von Rauch und Brandluft. Inmitten der Gasse postierten sich die Feuerwehrmänner der Stadt, hatten eine der zwei großen Spritzen in den Brunnen vor dem Tauchbad, nachdem sie die alte Judenfpritze nicht ohne Mühe herauspraktizievt und mitten auf die Gasse wie wertloses Alteisen geworfen hatten, gesenkt, und die andere Spritze in den Brunnen vor dem Steinhause Ahron Oppenheims heradtzelasien. Sie gaben Wasserstrahlen von sich ,düh das Feuer zischte, aufschrie, wie in den letzten Zügen röchelte, aber es starb nicht. Die Flammen wichen, zurück, bückten und duckten sich, um aber gleich an anderer- Stelle, von der Spritze unbehelligt, neu aufzuleben. Die Wassermassen trafen zumeist abgebranntes, verkohltes Mauerwerk, darin die Waffermenge kochte und zischte wie in einem Hexenkessel. Im Hause Rabbi Schmuel SchoMns, das mit der Klaus zusammengebaut war, waren die Flammen bereits mit dem Dache fertig. Cin Wasserstrahl der Spritze traf die brennenden Balken und drängte die Flammen nach der anderen Seite. Rabbi Schmuel und Etsbe waren nicht zu sehen. Man hatte sie schon kurz nach Ausbruch des Feuers —- es hatte in der Aufregung keiner gesehen, wer es gewesen war — in einen Wagen gesetzt und mit einigem Hausrat in die Stadt gebracht. Biele der alteren und angesehenen Leute wurden mit ihren Familien durch helfende Hand auf verschiedenen Wegen in die Stadt hinausge-j schafft. Auch Rabbi Naftali' Hakohen mit seiner Familie. Ihn . hatte Johannes Finger an 'der, Hand gehabt und er hatte nicht eher voir chm gelassen, als bis er ihn mit feiner Familie in stmem eigenen Hause an der neuen Kräme in Sicherheit, wußte. Wie Finger jetzt wieder in der Gaffe war und am brennenden Hause Schottens, sprang er kurz entschlossen wie ein Jüngling zum Fenster, dessen Glasscheiben gebrochen waren, in die Stube, eilte m den Schrank, in dem er das. kostbarste Kleinod Schottens wußte: mehrere hundert lose Blatter, aneinandergeheftet, eng beschrieben. Und wie er das Paket in Händen hatte, sprangt er wieder zum Fenster hinaus.- Er, der alte Bäckermeister, kannte das Gesetz der Flammen, und konnte wohl ausrechnen, wann sie! ihm den Ausgang versperren! würden. Er war draußen mit dem kostbaren Schatz. Das Manuskript Schottens, der „Kelch des Heiles" war, gerettet. Die unzähligen Bogen der gesichteten, druckfertigen Talmudausgabe hatte man vorher schon in Si-. cherheit gebracht. .,Das „Haus „zum Schiff" brennt!"; Das Wprt hätte in der .allgemeinen Berrvir-?. rung nicht 'mehr, gewirkt, Äs irgend ein Hätlset^ nanre,^ der, in dieser /Nacht 'bis zum Morgen alle paar" Minuten als das 'neueste Feueropfer ausgerufen wurde, wenn nicht Jemand dem noch ackgefügt hätte: „Die K i st e! Die Kü st e! " Welche Bewandtnis es mit der Kiste hatte, wußten alle in der Gaffe. Im Hause zum Schiff lebte vor achtzig Jahren etwa der gefeierte Rabbi Jakob Schiff. Dessen Sohn, noch weit bedeutender als der Vater, Rabbi Meiir, war mit achtzehn Jahren Rabbiner und Jefchiwohleiter in Fulda und starb in jungen Jahren, auf dem Wege nach Prag begriffen, wohin er als Oberrabbiner berufen wurde, im Elternhause zu Frankfurt. Sein ganzer Nachlaß, handschriftlich fertige Werke zum ganzen Talmud und anderen Teilen des Schrifttums, selten kostbare Schätze, waren mitsamt anderen Werken aus der Büchersammlung des „Maharam Schiff", in einer großen Kiste verpackt, im Haufe „zum Schiff" untergebracht. Ein Zettel auf der Kiste enthielt eine. Warnung, daß keinMenfch wäge, daran zu rühren, es fei denn, daß „ein Sproß aus dem Stamme Schiff entstehe, der in Weisheit und Gottesfurcht erprobt und geeignet fei, die Schätze zu sichten und zum Nutzen aller zu heben." Das war „ d i e K i st e " , die die Gaffe siebenzig oder achtzig Jahre wie einen der Hebung harrenden kostbaren Schatz gehütet hatte. „Die Kiste brennt!" Daß man nicht gleich daran gedacht hätte, die Kiste zu retten! Im brennenden Haufe „zum Schiff", auf das nUn die Spritze ihre Wasserstrahlen sandte, war alles in Rauch eingehüllt. Aus dem Rauche schlugen Flammen auf und jagten Funken in die Augen der Männer, die darin keuchend und schwitzend arbeiteten. Die Kiste war in der Kammer an den Boden genagelt. Der Oberdeckel war von den Flammen leicht erfaßt . Papier knisterte und verglimmte im Nu. Die Schrauben, waren unten erhitzt und nicht los zu bekommen. Am emgefchlagenen Fenster standen Johann Kellner und der Bäcker Finger und gaben Kommandoruse an die jungen Burschen, die darin im Kumpfe gegen Feuer und Rauch arbeiteten. Es waren die Bäcker- und Druckergesellen beider Meister, die aus Waffereimern ins Feuer um sich und die Kiste herum gossen und die einzelnen Bogen, Bücher und Blätter aus der eingeschlagenen Truhe, zerfetzt, durchnäßt, halbverkohlt zum Teil, zum Fenster hinausreichten. Dort nahmen die beiden Meister die Blätter in Empfang und packten sie behutsam in die aus der Druckerei herbeigeholten Setzkästen. Das ging so lange, his die Balken des Hauses zusammenstürzten und die Gesellen schleunigst die Flucht ergreifen mußten. Hle Kiste mit dem Reste ihres Inhaltes^verbrannte,.;, Wenige Schritte vom Hause, entfernt erhob sich ein wüstes Geschrei, untermischt 7 mit lautem Weheklagen. Rufe: Haltet den Dieb!! gellten durch die sftickige Luft, Konstabler kamen im Laufschritt, ihre Taschen raschelten. Mordche Beer nraug die Hände und jammerte. „Meine ganze Habe, fremdes Gut, Habs noch nicht einmal bezahlt! Weggenommen nicht von den Flammen, von diebischen Händen, daß sie verdorren wie die des Ächan in der Stadt Ai, verkohlen wie das Dach über meinem Haupte ,o großer Gott, auch das noch, mein letzter Rest Ellenwaren." Mordche Beer hatte seinen Packen mit letzter Kraft aus dem Grabe seiner armseligen Habe gerettet, im Flure des ihm noch weit von der Feuerzone dünkenden Hauses „zum Schiff" abgestellt. Unbewußt mag dabei der Glaube an die „unantastbare heilige Kiste", daß sie in ihrem Bereiche auchfein HMiererbündel retten würde, mitgespielt. habeM;Jnäes abe^ das «FeuH;j, auch hierher Übergriff Und die edlen MannerMt der Bergung! des Inhaltes aus der Kiste beschäftigt wachomit sienaturgemäß alley Aufmerksamkeit Ms 'sich lenkten, nützte einer, der -eiWWungenen. Gaffer die Äunde, sich des verlassenen und scheinbar vergessenen - Packens anzunehmen. Er kam nicht sehr weit damit, Vinzenz Mager, der Gemischtwarenhändler mit der Vogelstimme. Der Packen war schwer. Mordche Beer konnte ihn nur tragen, wenn er noch einen gleichschweren auf der anderen Schulterseite hatte, des. Gleichgewichtes wegen. Sein in fast symmetrischen Rundungen gekrümmter Rücken war trainiert für diese Last, wie von einem Drechsler für diesen Zweck gebogen. Vinzenz Magers Rücken war es weniger. Seine langen Ellenbogen, wie dürre Aeste, trugen die Last unbeholfen, schwerfällig vor dem Bauch her, er schleifte müde nach. Er keuchte und Husten entrang sich seinen Lungenflügeln wie Pfeifen. Sp schleppte er sich mit seiner Beute bis zum Tore und wurde dort von der Wache angehalten, von Konstablern zurückgezerrt, den Packen vor sich, herschiebend, über Stock und Stein, den ausgebrannter Gaffen zu, bis „zum Schiff", wo Mordche Beer sein Eigentum erkannte und wieder erhielt. Aus Tradition und Gewohnheit schrie und weinte er immer noch weiter. Vinzenz Mager wurde rittlings auf den Eselkarren gebunden und zum Wachttore hinausgefahren, dem Rathause zu, das Ganze eine kleine heitere Abwechselung für die Gaffer drinnen und draußen.. Auf dem Pulverturm mußten die Konstabler und Feuerwehrleute die Würfel aus der Hand legen. Der Wind hatte sich gedreht, nach Osten zu. Sie mußten mit Spritze und Hacke auf der Hut und bei der Arbeit sein. Sie hatten feuerrote aufgedunsene Gesichter und fluchten um die Wette. Sie hatten auch nach innen viel zu löschen. Der Kannenwirt brachte immer neue Humpen herbei. Es ging ja auf Kosten der Juden! Der Wind schrie zu ihnen herüber, aber wie es schien nur aus Wut darüber^ daß ihm das Element aus der Hand geglitten war. Die Flammen hatten sich stark gesenkt, saßen sozusagen auf dem Boden. Wie ein endlich überwältigter Riese, der, zu Boden gestreckt, noch seine letzten Kräfte austobt. Man sah von Turm aus kaum noch Dächer und Häuser, nur Rauch und Schuft und Wolke . . . Die Röte am Himmel wurde bleiern überzogen. Gegen Mittag entlud sich die Bleidecke, wie. vom Feuerschein geschmolzen, in Regen und Schnee. Die weißen Flocken tanzten, von nachsetzenden Wassertropfen gefolgt, aus die rauchenden Trümmerhaufen herab, aus denen es rot schimmerte. Der Wind schien die Richtung verloren zu haben, hatte nunmehr seine Aufgabe darin gefunden, Tropfen und Flocken von oben nach unten zu treiben und sie durcheinander zu wirbeln. Es regnete richtig, klatschend, brausend. Kaum ein Menschenton mischte sich von der Gasse in das Klatschen des Regens. Uebermüdung hatte die Menschen vor den rauchenden Trümmern ihrer Heime wie gelähmt. „Die große Spritze," lachten die robusten Landsknechtgestalten auf dem Turm, legten die Spritzen aus der Hand und hotten wieder die Würfel herbei, bis. zur Ablösung. In dem bis zu den Balken niedergebrannten Steinhause Ahron Oppenheims fanden sich die Räte mit Oppenheim, Reiß und anderen zur Beratung zusammen. Fünfhunder t Häuser waren abgebrannt, so lautete der Bericht. Die obdachlosen Menschen, die jammernd und wimmernd, - zu müde und erschöpft, um laut zu klagen, in allen Ecken standen, saßen, auf Bettzeug und Möbelstücken lagen, auf dem Friedhofe kampierten oder sich in formlosen Haufen zu den Ghettotoren drängten, hatte keiner gezählt. Oppenheim schätzte: 'Fünfhundert Familien besaßen v ü r. dem neuen Gesetze die Stättigkeit.. Es kamen nach der neyen Stättigkert durch Heiraten sind Zuzug noch einmal so vM Üazmj'HduseM SLeM dursten die. „Fremden" zählen, ivfe .'sich 'Hrie Stättigkeitsrecht hier aufhielten. Es waren somit sieben- bis achttausend Menschen ohne Brot und Obdach, Greise, Frauen