Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1928)
- Date
- 1928-06-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 23 Der Israelit 7. Juni.1928 und Kinder dabei, und es war zur Winterszeit, der Boden naß, die Luft eiskalt. Nur in der Gasse, zu beiden Seiten von schwarzen Häuserskeletten, Schornsteingerippen wie von einem Heer spalierbildender Gespenster eingesäumt, war die Luft heiß, rauchig, stickig. Ueberall rangen Greise und Kinder mit Hustenanfällen. Die Hustentöne kamen von unter herauf, wo auf naßgespritzten Betten und Tüchern Kranke und Kinder kauerten, wie aus dem Erdinnern. Auf dem Friedhofe schienen die Toten aus den Gräbern zu seufzen und zu wimmern . . Wohin mit den unglücklichen Menschen? Ein Kurier vom Rathause kam und überbrachte den Herren die Beschlüsse des Magistrats, die dieser auf die Berichte der von ihm ausgeschickten und verhörten, Räte gefaßt hatte: „Das Ghetto ist fürs erste — bis zu seiner Wiedererrichtung — aufgehoben, durch hö Here Gewalten abgebrochen. Keiner von den Bür gern der Stadt darf den Juden gegen gebührli chen Mietzins ein Asyl verweigern." . Und die Armen, die ihren letzten Besitz verloren? „Für einen Teil derselben wird gesorgt, sagte Oppenheim, „für die Thoragelehrten, auch für die Greise und Kranken. Wir müssen für sie die Gelder aufbringen, vom letzten, das uns verblieben ist." „Euer Rabbi Naftali mit Familie hat bei m i r Wohnung gefunden", berichtete Johannes Finger, „die zwei guten Stuben sind ihm anberaumt, — für Gotteslohn, der uns nicht ausbleibt." „Wie ist fein Befinden?" fragten Oppenhein und Reiß zugleich. „Er war erst wie gelähmt, doch hat er sich bereits erholt und sitzt schon wieder vor seinen Büchern", gab Finger Auskunft. „Wo ist H,abbi Schmuel Schotten?" „Er befindet sich wohlauf in meiner Behausung, er und seine Tochter", berichtete kurz und einfach Johann Kellner, der Drucker. „Er ist glücklich, daß ihm der liebe Gott die Bücher und Handschriften erhalten hat. Nach allem anderen fragt er nicht." „Was geschieht mit den Menschen, den Vielen?" „Wohin für die Nacht?" flehte jetzt hundertstimmig die Menge, die sich nunmehr an Oppenheims Häusruine drängte. Einer der Räte verkündete: i „Die Stadt hat für die Unbemittelten einige öffentliche Gebäude bereitgestellt, unter anderem das große — er stockte ein wenig, als wagte er nicht gleich das Wort auszusprechen — das große P est il enzh aus." „P e st i l e n z h a u s!" wimmerte die Menge tonlos. Das Wort ging weiter durch die Reihen wie ein Klagelied, Entsetzen auslösend. „Im Pestilenzhause", berichtete der Herr Rat, „ist es zurzeit leer und sauber, lustig und geräumig, ist genügend trockenes Stroh da. Auch Decken für Kranke. Wird auch Milch für die Säuglinge beschafft werden. Wieviele kommen in Frage?" Oppenheim, an den die Frage gerichtet war, rechnete aus den ihm vorliegenden Listen heraus: „Von den etwa achttausend Menschen zahlen dreitausend gar keine oder nur geringfügige Abgaben an die Gemeinde, sie werden dys Letzte verloren haben. Für einige hundert Familien werden wir die Sorge übernehmen müssen, sagen wir tausend Seelen." „Dann", meinte der Herr Rat, der beim Magistrat als Referent gewirkt hatte, „dann stimmt die Rechnung gut. Für rund tausend Seelen bieten wir im Pestilenzhaus und anderen bereitgestellten Häusern Obdach. Die ohne Stättigkeit hier geduldet werden, müssen Gasse und Stadt verlassen. Daran", wandte er sich an die jüdischen Vorstände, die abwehrende Gesten macksten, „daran, Ihr Herren, wird nichts zu ändern sein. Es ist Beschluß des Magistrats und Hohen Rats und keine Macht der Welt kann >mehr daran rütteln. Es geschieht nicht aus Bosheit und Engherzigkeit, ist Gebot der Stunde, in E u r e m eigenen Interesse. Sorgen wir für die Einheimischen, wie es uns Christenpflicht ist, so wird keiner dafür zu haben sein, deck Ortsfremden Asyl zu bieten. Jeder Versuch würde nur die Sache und Eure Lage verschlimmern . .„ Wie sich die Sonne senkte und im Dämmer aus Rauch und Schutt wie tausend Glühwürmer aufleuchteten, zogen Männer mit ihren winzigen Päcken auf dem Rücken, Frauen mit Säuglingen an der Brust zum Tore hinaus — zum Pestilenzhause die einen und glücklicheren, auf den Ostweg nach Offenbach, nach Hanau die anderen, minder glücklichen. Hie und da rollte ein Wagen mit Menschen und Habfeligkeiten durch die Gasse, die die Ausziehenden machten. Es waren die Begnadeten, die noch so viel übrig hatten, eine Wohnstätte in der Stadt zu bezahlen, und ihre Sachen dahinzuschasfen. Sie wurden von tausend hungrigen neidischen Augen verfolgt. Die ersten Wagen, vollbepackt mit Brot Erdfrüchten, Betten und Kleidern rollten heran Die ersten Gaben der Brüder in Offenbach, Friedberg und Mainz. Vor dem Tore stand Johann Jakob Schudt mit seinen Notizblättern und zeichnete die Angaben für ein interessantes Kapitel seiner „Merkwürdigkeiten" ein, das „Der Auszug der Juden aus der brandgestraften Gaß" heißen sollte. Daß so viele Juden in Häusern braver Christenmenschen Aufnahme fanden, daß gar der „Passenbrenner", wie er jetzt auf Grund ihm zugetragener Gerüchte Rabbi Naftali nannte, im schönen Hause Fingers Wohnung nahm und dor: sogar eine Betstätte für Juden eingerichtet wurde, das wollte er seinen lieben Mitbürgern schon für ewige Zeiten ankreiden.- (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Onkel Mordochai an die kleinen Israelit-Leser. Ich kann mir schon denken, daß ihr oft auf die Jugendecke wartet ... mir geht es. eigentlich auch so, trotzdem ich doch schon viel älter bin als die meisten von '-euch. Immer bin ich neugierig. Ich habe mich auch immer sehr gefreut, wenn da etwas Schönes zu lesen war, was ich mir vielleicht auch einmal ausgedacht hatte . . . etwa von einem Zauberer, oder auch vom König Salomo, der doch so sehr klug gewesen ist und den schönen Tempel gebaut hat. Und dann habe ich mir gedacht, es sollte auch etwas von Elijahu )arin zu lesen sein, der doch am Peßach einen chönen Becher mit Wein bekommt und noch so vieles andere. Und nun hört doch alle einmal recht schön <iU. . . . Weil mir das gerade so eingefallen ist, habe ich es schon manchen Jungen und Mädel erzählt. Die haben sich alle damit gefreut, und ein Bub hat mir sogar ein Gedicht geschenkt, das er sich zu Peßach gemacht hat. Wollt ihr es hören? . . . Hier ist es . . . Morgen sollte Peßach sein, Alle Leute hübsch und fein, .Und dann essen wir.schon Mäzaus, Dann find wir alle schon am Schmaus, Und dann sitzen wir alle schon am Seder Auf den Stühlen von Leder. Nissan ist ein.schöner Monat, Was mit Peßach nun zu tun hat. Auf dem Tische stehen BluMen in der Vase, Und wir trinken aus dem Glyse. . Der Väter zieht einen, weißen Kittel an, Dann fängt der Sohn Ma Nischtano an. Und wir brocken die Mazoh Im Kaffee ein. Das Charoßes ach, das schmeckt fein! Wir singen nun die letzten Lieder, Und wir setzen uns nun wieder. Salomon Carlebach, 8 Jahre. Das ist doch wirklich ein ganz nettes „Gedicht" ... Oder etwa nicht? . Könnt ihr das wohl auch? So versucht es nur. Ihr dürft es mir schicken. Es muß nicht gerade ein Gedicht sein, weil sich das oft so schwer reinst ... es kann auch sonst eine Geschichte sein von Peßach, Sukkaus, vielleicht auch von Schowuaus, oder was euch gerade einfällt. Wer von euch ein schönes Spiel weiß, der soll es auch verraten. Ich bin nämlich der neugierige Onkel Mordechai, der gern alles wissen, möchte. Schöne Zeichnungen und Linolschnitte kann ich auch gut gebrauchen. Aber nicht etwa ein Osterei und einen Tannenbaum, sondern lieber einen Lulow oder einen Chanukahleuchter. Ihr müßt nur etwas Nachdenken — dann fällt euch schon etwas richtiges ein. Wie gefallen euch folgende Verse? tria Ött wann mV Vr 2ni2 nmn Nl-m V2I8 '28 ejOT *]DV ams '28 Jeder dieser Verse ist von einem anderen Kinde im Alter von ca. 8 Jahren selbst gemacht. Versucht das auch einmal . . . ich glaube, das könnt ihr auch' Aller Anfang ist schwer, und ein Meister ist auch noch' nicht vom Himmel gefallen, außer vielleicht in einem Märchen... da soll es zuweilen Vorkommen. Die schönsten Einsendungen (aber nur diese) werden hier abgedruckt mit eurem Namen. Vergeht auch nicht, mir zu schreiben, wie alt ihr seid. Am liebsten ist mir eine ganz genaue Altersangabe, z. B. 7 Jahre 3 Monate, 8 Jahre 4 Monate usw. Und eure Freunde und Freundinnen sollen mir auch etwas schicken. Das geht da in einen Brief. Wer wird wohl der erste fein? Wer bringt wohl das Beste? Ich warte noch und warte lange . . . Ich sehe schon die Briefe liegen In einer Reihe wie eine Schlange. Mir wird schon bange ... Onkel Mordechai. ift die Wähl eines erftklaffigen und einwandfreien Hautpflegemittels^^^ «lern täglichen Wafchwaffer zugefetzt erfrifdit, reinigt, klärt und befähigt die Haut dus eigener Kraft gefund und fchönzu fein. < Heinrich Mack Nachfr, Ulm atP.v* verantwortlich , LMcha chrtorvl now.jtz, ebenda^,. __... ___ «aufm«»» in EprendUngeu ' «r. 'OffenSäch).^ äfetläa Israelit", Franksurt u. SR. — Druck Seruro» Verlags» gesellfchaft, Frankfurt a. M. b* 'SEett-su»i> biuf.«utUetc» w16,:Frankfurt fl.Inserate i. B.: E.SchaS»