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Der Israelit · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 23 Wochenrundschau. Emigration und AamMeneLend. Eine Tragö'die in der Tragödie der Auswanderung ist die Farnilienzerreihung, bedingt durch das seit dem Kriege eingesührte Quotens y st e m. Die Aus- und Einwanderungsstellen wissen ein trauriges Lied davon zu singen. Ist es doch schon vorgekommen, daß auf der Träneninsel „Ellis Island" Männer und. Väter nach Jahrzehnten der Sehnsucht ihre Frauen und Kinder, die nach wochenlanger Fahrt am Ziele angelangt waren, nur durch das Gitter begrüßen durften, — bevor sie, aus formalen Gründen, zurückdeportiert wurden. In den meisten Fällen konnte es gar nicht soweit kommen, da die Konsulate die Pässe und Visa nicht ausstellten und die Schiffsgesellschaften gründliche Sichtung der Emigranten vornehmen, um nicht auf ihre Kosten den Rücktransport übernehmen zu müssen. Die erschütternde Tragik solcher Familientrennungen bedarf keiner weiteren Worte. Man fühlt das in Amerika, von wo aus hie und da ein Strahl der Menschlichkeit und der Weltbestiedung über den Ozean nach Europa herüberleuchtet. Hier ist aber ein Punkt, wo A m e r i ka s e l b st, ohne Zutun Europas, Wandel schaffen und unsägliches Elend mildern kann. Das ist nun, spät genug, auch geschehen, wenn auch leider noch nicht in der radikalen Form, wie man sie wünschen möchte. Von Repräsentantenhaus und Senat wurde ir den jüngsten Tagen die sogenannte I e n k i n s - B i l l angenommen, wonach Frauen und minderjährige Kind er amerikanischer Bürger über die Quotengrenze hinaus jederzeit Einlaß in Amerika erhalten. Eine Bevorzugung innerhalb des Quotengesetzes erhalten Frauen und minderjährige Kinder von Bürgschaftsanwärtern und auch Ausländern, die in Amerika wohnen, sowie Eltern amerikanischer Bürger. Das ist immerhin etwas! Die Bill fand, wie aus Amerika telegraphiert wird, inzwischen die Genehmigung des Präsidenten Coolidge, womit sie sofort in Kraft tritt. Das Verdienst der Zurückhaltung. Zum Vochenabschmtte. lleber Schuld, Verdienst und Lohn von Eldod und Medod sind die weisen Lehrer geteilter Meinung. Es war keine Schuld, ein Verdien st war es, von Josua mißverstanden, von Moses aber voll erkannt und belohnt. Was war ihr Verdienst? (Sifre und Talmud Sanhedrin 17). Sie versteckten sich, hielten sich im Hintergründe, da die Anderen an die Urne gingen, um in den Hohen Rat der Siebenzig berufen zu werden. Cs fiel Moses nicht leicht, bei der Auswahl von siebenzig Männern aus zwölf Stämmen die Parität zu wahren. Je sechs von einem Stamme hätten die Gesamtzahl von zweiundsiebenzig ergeben, bei je fünf von einem Stamme wären es zu wenig gewesen. Ungleiche Berufung hätte ihm aber den Vorwurf der Parteinahme für die Einen gegen die Andern eingebracht. Was tun? Eine Verlosung mit siebenzig Namen und zwei Nieten sollte die siebenzig Repräsentanten des Volkes bestimmen Eldod und Medod. hielten sich aber zurück, nachdem sie sich die unausgefüllten Lose. gesichert hatten. Sie wollten freiwillig die Ueberschüssigen sein, um andern eine Beschämung zu ersparen . Daher ihre Bevorzugung, daß sie, zum Lohne für ihre Bescheidenheit, noch weiter Der Israelit 7. Juni 1928 Die österreichischen Inden fordern ihr Recht. Wie wir bereits kurz berichtet haben, hat der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde einstimmig beschlossen, im Einvernehmen mit den anderen israelitischen Kultusgemeinden der österreichischen Republik bei der Bundesregierung mit aller Entschiedenheit für Einhaltung der den Juden zukommenden Rechte bezüglich ihrer religiösen, kulturellen und Wohlfahrtsinstitutionen einzutreten. Der Anspruch auf finanzielle Förderung jüdischer Institutionen ist sowohl durch das S t a a t s g r u n d g e s'e tz über die Gleichberechtigung aller anerkannten Religionsgesellschaften wie durch den F r i e d e n s v e r t r a g von St. Germain begründet, der die kulturellen und religiösen Rechte der religiösen Rechte der religiösen und nationalen Minderheiten sicherstellt. Während die Zionisten in Betonung des nationalen- Charakters der jüdischen Bevölkerung sich vornehmlich auf den St. G e rmainer Vertrag berufen, möchte die Kullusgemeinde die Sache mehr von der anderen Seite angepackt sehen und das in der Bundesverfassung verbriefte und besiegelte Recht der Juden als Bürger des Landes geltend machen. Die österreichische Judenheit steht inihrer Gesamtheit treu zum Staate und lehnte es. bisher ab, aus Bestimmungen eines Diktaturfriedens irgendwelchen Nutzen für sich auf Kosten des finanziell bedrängten Staates zu ziehen. Das Bild hat sich aber gründlich geändert. Die Finanzlage der für diese Belange in Betracht kommenden Stellen ist soweit saniert, daß eine Ersparnispolitik allein auf Kosten der Juden ein schreiendes Unrecht wäre. Es kommt hinzu, daß die Säckel der Kommunen vornehmlich von jüdischen Steuergeldern gespeist werden. Der jüdische Mittelstand ist, wie übrigens überall in Mitteleuropa, in Oesterreich, nicht zuletzt durch die Währungsverhältnisse, bis an den Ruin gebracht und die Gemeinden können ihre Erziehungs- und Wohlfahrtsinstitutionen nicht aus Eigenem erhalten. Warum sollte der jüdischen Bevölkerung das Recht versagt werden, das allen anderen Religionsgemeinschaften in Oesterreich als selbstverständlich gewährt wird? In der „Jüdischen Presse", dem Organe des orthodoxen Judentums in Oesterreich, wird der Rechtsanspruch des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde wärmstens unterstützt. Die wirtschaftliche Not umfaßt natürlich in gleichem, wenn nicht in noch größerem Maße, auch die treu zum Gesetze haltenden Juden. Wenn sie hier noch nicht gleich zu einer geistigen Not geführt hat, so danken wir es denungeheuren Opfern, die die thoraweissagen durften, nachdem die anderen zum Schweigen gekommen waren.. In einer herrlichen Abhandlung zu ini^sna führt der bekannte Rabbiner Lipschütz aus Kalifch in seinem enniin nwany leine talmudische Analogie an zu diesem Bilde der Bescheidenheit und Selbstverleugnung, die den' Führerlohn in sich trägt. „ S ch i‘ meo n Hapaku l i redigierte die achtzehn Segensgebete vor Rabban Gämaliel in Jabne. Da stand Rabban Gamaliel auf und sprach: „Gibt, es jemand, der den Spruch gegen die Gottesleugner prägen kann? Es erhob sich Samuel Hakaton und verfaßte den Abschnitt. Im nächsten Jahre hatte man ihn wieder vergessen. Er vertiefte sich zwei oder drei Stunden in die Sache und verfaßte den Abschnitt von neuem" (Talmud Berachot 28 und Megilah 17). Warum konnten R. Gamliel, der Nassi, und Schimon, der hervorragende Gebetdichter, nicht selber auch den Abschnitt gegen die Minäer verfassen? Warum vergaß man gerade diesen Abschnitt schon nach einem Jahre? Es ist geschichtlich bekannt, daß im Zeitalter des R. Gamliel die Parteien der Gottesleugner jeglicher Spielart sich mehrten und das geistige Leben in seinen Quellen bedrohten. Es war unabweislich nöttg, daß ein Verdammungsedikt das Uebel an der Wurzel faßte. Als solches war nana gedacht, verfaßt und angeordnet. Wer sollte aber diese Aechtung in die Hand nehmen und durchführen? An großen und starken Männern hatte es damals nicht gefehlt. R. Gamliel selbst führte ein strenges Regiment. Aber gerade darin lag die Gefahr. Für eine solche delikate Aufgabe, wie sie Verbannung von Menschenbrüdern darstellt, wobei peinlich darauf zu achten ist, daß jeder -eigene Nutzen und jedes Selbstgefühl ausgeschaltet und daß die Person von der Sache scharf getrennt bleibt, für die Lösung einer solchen Aufgabe ist es nöttg, daß sich zu der Strenge die Liebe gesellt, eine Größe, die gut ist und eine- Güte, die groß treuen Juden für die Erziehung ihrer Kinder und die Armenunterstützüng bringen, nicht zuletzt auch den Männern in der Führung, die mit allen Fasern ihres Herzens und der Aufbietung der letzten Kraft -die Institutionen zu halten suchen. Ueber die Grenze des Menschenmöglichen wird'auch die aufopferndste Liebe nicht hinauskönnen, und fo ist es auch für die Wiener und österreichische O r - thodoxie eine Frage von schicksalbestimmender Bedeutung, ob und wie Staat und Stadt auf den berechtigten Anspruch der Wiener Kultusgemeinde reagieren. ' Durchaus sympathisch berührt es uns, und das macht die Beteiligung der Orthodoxie an der Bewegung leichter, — daß zur Begründung der Rechtsansprüche nicht Paragraphen eines internationalen Vertrages, in dem man in Wien das Symbol des Zusammenbruches sieht, angerufen werden, sondern die viel älteren, im Lande geborenen und vom eigenen. Volksempfinden diktierten Frei.heitsgefetze von 1861. Hoffen wir, daß die Bewegung den gewünschten Erfolg bringt'. Ein Wendepunkt in der Organisationsgeschichte der ungarischen Zudenheik. Zur staatlichen Anerkennung der autonomen Organisation der status quo-Gemeinden in Ungarn. Von Rabbiner pH. Fischer in Sarofpatak. Ungarn. II. Im Jahre 1914 veröffentlichte Schreiber einen Artikel über „Orthodoxes und 8tatu8 quo -Judentum" in dem damaligen orthodoxen Wochenblatte „Hitör" (Glaubenswächter) Nr. 3—4,1) den wir in wortgetreuer Uebersetzung folgen lassen. Es hieß da: „In letzterer Zeit sind die status quo-Gemeinden sehr rührig geworden. Dieselben streben nun aus dem chaotischen Zustande, worin sie sich befinden, zu dem Ziele einer festen Konsolidierung hin. Gar viele Symptome beweisen es, daß der Zeitpunkt nahe ist, da dieselben werden Farbe bekennen müssen, ob die Sehnsucht ihres Herzens oder richtiger: ob die moralischen und religiösen Qualitäten der in ihnen vorhandenen Grundelemente sie nach rechts oder nach links y Charakteristisch für die beispiellose Indolenz und die Betätigung des nwyn Vs-oe? -Prinzips seitens der ungarischen Orthodoxie ist es, -daß erwähntes geradezu musterhaft redigiertes orthodoxes Wochenblatt nach ganz kurzer Zeit aus Mangel an Förderung eingehen mußte. ist. Wo war der Mann, der diesen Voraussetzungen entsprach? o’-J’-nn nana tpn^ »yp» 'v^rra v>. Don Samuel wußte man aber einiges, ja wußte es keiner so gut wie R. Gamliel selbst, daß erder Mann am rechten Platze für diese Tat war. Hatte es sich doch einmal ereignet, daß zu einer Beratung, für die sieben Männer geladen waren, acht erschienen, also , einer ungeladen. R. Gamliel in seiner unerbittlichen- Strenge forderte den Ungeladenen — er wußte nicht, wer eswar — auf, den Raum zu verlassen, worauf sich R. Samuel erhob und von dannen ging. Alle anderen verstanden den Wink und folgten ihm. R-; Samuel, gehörte aber zu den Geladenen und Berufenen!, er nahm die Beschämung auf sich, umsie andern zu -ersparen-. So war Samuel Hakoton. Er war der Mann mit dem nötigen Maße -der Selbstlosigkeit und Sachlichkeit, mit der Liebe zum Ideal, die keine Rücksicht auf eigenes Wohlergehen kennt, mit . der Liebe zum Menfchengefchöpfe, .die bei Verdammung und Ausrottungalles Schädlichen den Menschen -im Menschen immer noch zu achtengebietet. Er war der Mann, der -ein Verdammungsurteil sprechen und durchführen durste, cpr-nn nana ipnV jnv. Nicht für ewige Dauer, denn ainat? mrm mvb nach einem Jahre erwog man, ob die Maßnahme und in dieser scharfen Form noch am Platze sei. Sie wa r es noch und man behielt sie bei. Unentwegtheit und bescheidene Zurückhaltung i n einem, sie machten das Verdienst Eldod und Medods aus, dem die Krone hohen Lohnes wurde. L /

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