Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Sfaffer fieeausgegeBea von der Sandesovqanifaüon der Hgudas-Jisroef io Vestfeklavd iq. Jahrgang Frankfurt a. CT., 5\. Mai 1928/ N Siwan S688_•_Nummer 12 Die Vorbereitung der Kenessio gedaulo. Der Zentralrat der „Agudas Jisroel" hat in seiner Berliner Januar-Tagung folgenden in Nr. 1 der „Blätter" veröffentlichten Beschluß gefaßt: „Der Zentralrat beauftragt dem G. A., die Einberufung der Kenessio Gedaulo im Sinne der Satzung unverzüglich vorzubereiten. Die Festsetzung von Zeit und Ort bleibt dem G.A. Vorbehalten. Voraussetzung für die Einberufung der Kenessio Gedaulo ist die Abführung der Kopfsteuer für das Jahr 5688 durch die Landesorganisationen zur Feststellung des wahlberechtigten Mitgliederkreises bis zum 1. Nisssan d. I." Wie der Wiener G. A. nunmehr den Landesorganisationen mitteilt, gestattet der Stand der Vorbereitungsarbeit nicht, für die „Kenessio Gedaulo" einen früheren Termin als Jjar 5689 in Aussicht zu nehmen. Sowohl die politischen Vorgänge in Polen, die die Kräfte der polnischen Landesorganisation völlig gebunden haben und ihr keinerlei Ablieferung von Kopfsteuern bis zum 1. Nissan gestatteten, als auch die Abhängigkeit die Frage des Ortes von der Reorganisationsarbeit in Polen machten die vom Zentralrat dem G. A. überlassene endgültige Festsetzung von Zeit und Ort durch den G. A. bisher unmöglich. Dieser hat vielmehr folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Im Elul sollen in allen Ländern Landeskonferenzen größeren Stiles als Auftakt zur Kenessio Gebaut o - W a h l b e w e g u n g st a t t f t n d e n. 2. Sowohl der geistige Inhaltals die technische Gestaltung der Kenessio Gedaulo soll Gegenstand der Erörterung auf den Landeskonferenzen sein; die in dieser Hinsicht gefaßt en'Be schlösse und Anregungen sind dem G. A. z u z u l e i t e n. 3. Im Anschluß an die Landeskonferenzen hat in jedem Lande eine kräftige Propaganda zur Gründung neuer ,Ortsgruppen und zur Erweiterung und inneren Ausgestaltung der best eh enden einzusetzen. 4. Die unverkürzte Abführung der Kopfbeiträge für 5688 und 5689 i st VoraussetzungfürdasWahl recht zur Kenessio gedaulo. Die vom Präsidenten des Wiener G .A. angeregte Idee eines Weltjugendtages im Elul d. I. bildete den Gegenstand einer gemeinsamen Beratung des Frankfurter G. A. mit dem Vorstand der Jugendorganisation und der westeuropäischen Arbeitsgemeinschaft der I u g e n d v e r b ä n d e. Hierbei machten die Vertreter der Jugend starke Bedenken gegen die Idee geltend. Man glaubt, daß es bester fei, wenn die vorgesehenen Landeskonferenzen in den. einzelnen Ländern durch starke Beteiligung der jugendlichen Kräfte des eigenen Landes belebt werden und die Weltjugendtagung lieber später mit der Kenessio gedaulo verbunden wird. In einer für den 10. Juni vorgesehenen zweiten gemeinsamen Tagung der Jugendorganisation mit dem G. A. soll über diese und einige andere die Beziehungen der Jugend zur Gescynt- Aguda berührende wichtige Fragen weiter beraten werden. Wie soll das werden? Wenn man die jüngste Verlautbarung der Agudoleitung liest, dann befinden sich verschiedene Landesorganisationen in erfolgverheißender Reorganisation. Wenn wan aber selber beauftragt ist, an der Reorganisation der deutschen Landesorganisation mitzuarbeiten, dann mag man treu glauben, daß Polen, Holland, England, die Schweiz, ja, daß die ganze Welt ihre agudistischen Landesorganisationen in einer Weise reorganisieren, die Erfolge verheißt, muß aber zugleich auch betrüblich feststellen, daß die Deutschen, sonst in Sachen der Organisation vorbildlich, versagen, während die andern sich bester zu bewähren scheinen. Man muß feststellen, daß der Vorort Hamburg bittere Enttäuschungen erlebte, wenn er hoffte, daß auf seinen Ruf hin alle, alle kämen, hoffte, nur Vollstrecker eines' agud iftsischen Willens werden zu können, hoffte, daß sein Ruf nach Mitarbeit freudiges Echo in den Herzen aller dazu Befähigten finden, seiner Bitte um Anregungen, Vorschläge, Weisungen von allen Seiten, aus allen Orftn entsprochen würde. Ja, sogar die Selbstverständlichkeit der pünktlichen Abführun g der O rgan isati o nsb e i - träge scheint nach bisherigen Erfahrungen nicht allerorts als solche empfunden zu werden, und dabei ist dies doch Voraussetzung nur, und nicht Inhalt, der agudistischen Betätigung, was manche fälschlich zu meinen scheinen. An mehr denn achtzig ihr angehörende Rabbani m hat sich die deutsche Landesorganisation mit der Bitte um Mitarbeit gewandt, um ihre Bereitschaft zu Vorträgen und Aufsätzen in den „Blättern" gebeten, nur wenige rühmliche Ausnahmen bestätigten die minder rühmliche Regel. Ein sorglich ausgearbeiteter Fragebogen ging an achtzig Stellen, wo man agudistische Gemeinschaften oder doch agudistisches Leben erhoffen konnte, nur von fünfundzwanzig Stellen, wurde dieser Fragebogen beantwortet, und auch da oft nur oberflächlich. Ein ausführliches Programm, um die Diskussion anzuregen, absichtlich nur lückenhaft gehalten, ging an ca. 60 Stellen, wo Ortsgruppen find, waren oder sein sollten: die erbetene Rückäußerung dazu ging von etwa 10 Proz. der Adressaten ein. Die „Blätter", bestimmt, ein Spiegelbild des agudistischen Lebens in Deutschland zu fein, sind in Wirklichkeit, das Sprachrohr Einzelner. Die -einzelnen Agudofonds werben darin für ihre Kasten und weisen ihre Eingänge aus. Gewiß ist dies wichtig, viel wichtiger aber wäre, daß die „Blätter" so etwas wie eine „agudistische Meinung" darstellen würden; eine Meinung, die sich aus der Vielfalt divergierender, sich befehdender Meinungen herauskristallisiert. Was hat Schuld an dieser Situation? Gewiß auch die Verhältnisse. Die grauenhafte Wirtschaftslage, die Agudas Jisroel, deren Kreise sich vorwiegend aus dem am schwersten getroffenen Mittelstand zusammensetzen, besonders spürt. Der bedauerliche Zwiespalt, unter dem die gesetzestreue Judenheit in Deutschland leidet. Oertliche Notwendigkeiten und Sorgen, die den Blick und das Herz von den Erfordernissen der Allgemeinheit ablenken. Aber vor allem die Menschen! Sie versagen, aus zu tiefem Agudismus oder aus zu oberflächlichem. Entweder ist ihnen ihr Agudismus etwas so Hohes und Großes, daß ihnen demgegenüber das agudistische Kleid, die Organisation, wie fest und stark auch immer, überflüssig erscheint, oder wiederum ihr Agudismus ist ihnen etwas so Geringes, daß ihnen die Anstrengung, die Arbeit nicht lohnt. Diesen ist zu sagen: „Wer da furchtsam und zagen Herzens, er gehe und kehre zurück in sein Haus, daß er das Herz seiner Brüder nicht feig mache wie sein eigenes!" Agudas Jisroel kann die Halben nicht gebrauchen, sie steht im Kampf um Gottes Recht und kann darum nur mit Festen und Aufrechten ,ganz von der Wahrheit dieses Rechts Ueberzeugten arbeiten. Mit dreihundert Aufrechten, nicht gewohnt, das Knie zu beugen, mit 300 aus einer Schar von 32.000, siegte einst Gideon gegen Midjan. Und Jenen, die glauben, daß eine Idee wie die der Agudas Jisroel sich durch die Zeiten, ja, die Zeiten selber tragen und sie gestalten muß, ohne jede organisatorische Formung, ihnen ist zu antworten: Wohl ists der Geist, der sich den Körper baut, und doch braucht der Geist den Körper, um durch ihn im Endlichen zu wirken. Wir brauchen eine Organisation der Agudas Jisroel und fordern, indem wir ihre Schwäche bekennen, eine starke deutsche Landesorganisation! Und diese Organisation braucht Mittel, aber vor allem Menschen! Menschen, die sich nicht daraus beschränken, für das Vorhandensein ihrer Gruppen durch Abgabe von Stimmen auf Delegiertentagen zu zeugen, die vielmehr ständig auf der Warte stehen; Menschen, die ihren Agudismus ernst nehmen. Agudistische Menschen dürfen nicht spröder sein als die agudistische, jüdische Lehre selbst. Auch in Bezug auf sie sollte man sagen dürfen: „ich habe mich bemüht und gefunden!" Leider muß aber festgestellt werden, daß die hamburgische Leitung im Hinblick aus viele Gruppen dies nicht bekennen kann. Sie schrieb viele Briefe, die allem Anschein nach die Empfänger nicht erreichten, so daß der erhoffte „Briefwechsel" sich nicht einstellte, auch dann nicht, wenn ein beigefügtes Freikuvert eine Antwort geradezu herausforderte. Diese Feststellungen werden gemacht nicht um zu behaupten, daß der Vorort sein Letztes hergegeben habe, um eine lebhafte Agudoarbeit zu ermöglichen, wohl aber um zu betonen, daß viele Gruppen und Gruppenführer — darunter Namen tönenden Klanges — dem Hamburger Vorort noch den ersten Beweis ihres agudistischen Willens bisher schuldig geblieben sind. Deutsche Agudisten! Wollt ihr, daß von der deutschen Landesorganisation gelte: ■om" daß der Ruf, den sie „draußen" genießt, gerechtfertigt sei, besser gesagt: werde, dann muß in fast allen Gruppen viel mehr als bisher zur Pflege des agudistischen Gedankens, zur Festigung der agudistischen Organisation, zur Ausbildung a g u d i st i s ch e r Menschen beigetragen werden. Gebt auf die Frage: Wie soll das werden? nicht eine Antwort, die aus dumpfer Gleichgültigkeit kommt: „Mag es werden, wie es wolle", sondern gebt die Antwort, die des Rufes und Ruhmes deutscher Agudisten allein würdig ist: „So soll es werden, eine straff organisierte Landesorganisation, aufgebaut auf blühenden Ortsgruppen mit Vorständen, die sich ihrer Pflichten dem Vorort, ab'er auch jedem einzelnen Agudisten gegenüber voll bewußt sind." Wenn die Landesorganisation bei ihren Reorganisierungsplänen sich auf solche Gruppen, solche Vorstände stützen und verlassen kann, dann, aber erst dann, wird die zentrale Agudoleitung