Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 22 Der Israelit oi« »iui j.t«ö transsylvanifchen Juden in Erez Jisroel schickten fünf Sifre Thora nach Transsylvanien, um die bei ven dortigen Pogromen verbrannten Thorarollen zu ersetzen. — Der lateinische Patriarch richtete eine Aufforderung an die Verwaltungen aller. Gotteshäuser, Frauen, die kurze Kleider mit kurzen Aermeln tragen, den Zutritt zu den Gebetstätten zu versagen. — Die Ziegelfabrik „Silikat" in Tel-Awiw hat ihre Arbeit wieder ausgenommen. — Alfred Mond hat der Kolonie Migdal bei Tiberias zu Wirtschaftszwecken Lst. 2900.—vorgestreckt. — Die Sephardim in Tel-Awiw drohen dem Waad Leumi, daß sie sich an der Kenesses Israel nicht beteiligen würden, wenn ihnen nicht in vornhinein eine sichere Anzahl von Sitzen in der Assesath Haniwcharim garantiert wird. Unter dem Drucke dieser Drohung hat Treue. Es sind aber in der Mehrzahl ältere Menschen, die, wenn ihre Kinder sich in der jüdischen Lebensauffassung von ihnen trennen, unfähig sind, Einfluß auf sie auszuüben. Von dieser älteren Generation kann man in den Synagogen und Betstuben zu jeder Tageszeit Vertreter „lernend" sitzen sehen, Menschen, die sich um die Ausrechterhaltung jeden Minhags ihrer Heimat auch hier in Palästina mühen; damit aber Punktum! Den Erscheinungen der Negierung des Thora-Gesetzes und des Thora-Geistes stehen sie fatalistisch wie einem Phänomen gegenüber. Da muß Gott helfen! In Tel-Awiw sind die thoratreuen Kreise ohne Führerschaft. Es liehe sich viel Gutes erreichen, wenn die Führerlosen geleitet würden. Doch das ist neben der Frage der zur Führung fähigen Persönlichkeiten, die der Waad Leumi diese Woche der Forderung der Sevielleicht vorhanden sind, eine Frage von Geldmitteln, phardim zugestimmt. Dagegen hat er endgültig die For-' — und diese sind nicht vorhanden. Es fehlen heute der derung der Jerusalemer Sephardim hinsichtlich des thoratreuen Iudenheit Mäcene, großzügige, sich aufop- Frauenwahlrechtes abgelehnt. — Gestern ist der Rabbi von K a r l i n in Erez Jisroel angelangt, um das Schewuothfest in Jerusalem zu begehen. Seine Chassidim aus allen palästinensischen Städten waren in Jaffa erschienen, um ihn zu empfangen. Rabbi Josef Chajim Sonne n f e l d besuchte ihn sofort nach seiner Ankunft. — Die Zeitungen teilen offiziell mit, daß Lord Plumer in diesem Sommer das Land verlassen wird. Der neue Oberkommissar ist bereits bestellt, jedoch ist fein Name noch unbekannt. Manche Kreise vermuten, daß S t o r r s zum Nachfolger Plumers bestimmt sei. — In Haifa, das sich bisher an der Austrittsbewegung nicht beteiligte, ist eine solche jetzt in Fluß gekommen. Rabbi Benzion Jodler hat dort in einigen Synagogen über den Austritt gesprochen, und es fanden einige Versammlungen über den Gegenstand statt. Jedoch ist zu befürchten, daß es an geeigneten Führern in Haifa fehlen wird. Wie mitgeteilt wird, dürfte der Leiter der palästinensischen Einwanderungsabteilung, Mr. Hyamson, bereits im Sommer ds. Js. zurücktreten, obgleich feine Amtsperiode erst 1930 abläuft. — Die Agudas J i sroel-Zentrale in Jerusalem richtete an die zionistische Leitung und an die Arbeiterorganisation drin gende Eingaben, in denen gebeten wird, dafür zu sorgen, daß an dem diesjährigen Schewuoth-Fest die im vorigen Jahre zutage getretene Festtagsentweihung unterbleiben möge. — In der Colonie Atlith ist diese Woche eine aus den Mitteln des Barons von Rothschild errichtete Synagoge eingeweiht worden. — Auf dem Carm « lberge bei Haifa hat man diese Woche den Grundstein zu der neuen Ieschiwoh „Tisereth Israel" gelegr. — In Erez Jisroel existieren zur Zeit 2850 Telefonanschlüsse. Briefe aus Palästina. Tel-Awiw, 27. Mai. „Es gibt in der Welt keine zweite Stadt, deren Weichbild am siebenten Tage so der Sabbat beherrscht wie Tel-Awiw", schrieb in einer amerikanischen jüdischen Zeitung begeistert eine im öffentlichen- Leben bekannte Persönlichkeit orthodoxer Einstellung, nachdem sie als Tourist einen Sabbat in Tel-Awiw geweilt hat. Das stimmt. Tel-Awiw ist die einzige Stadt in der Welt, in der statt der Sonntagsruhe die Sabbatruhe Polizeigesetz ist. Es stimmt aber wiederum nicht. Denn Tel-Awiws Sabbatruhe hat zum Vorbild die heutige Sonntagsruhe der christlichen Staaten und nicht den Sabbat der Thora. Auf dem Polizeiamt schreibendie diensthabenden Beamten. Den jüdischen Einwohnern ist wohl die Ausübung ihres Berufes verboten — sogar die jüdischen Kutscher und Chauffeure dürfen nicht fahren —, aber im übrigen darf der Sabbat entweiht werden. Den Garten bearbeiten, Wäsche waschen und aufhängen, Rad fahren, Klavier spielen, rauchen, beim Araber kaufen, sind Dinge, die man in den Straßen am Sabbat beobachten kann. Im Sommer liegen am Sabbat tausende und abermals tausende Tel-Awiwer am Meeresstrand. Ein interessantes Bild. Wem aber der jüdische Sabbat Herzenssache ist, der geht zum zweiten Male nicht wieder zum Strand, denn das dortige Getriebe bereitet ihm zu viel Herzweh. Wie sehr haben diese Juden, die meist aus dem Ghetto des einstigen russischen Zarenreiches gekommen sind, den Sabbat vergessen, für den ihre Väter das Leben hinzugeben jede Stunde bereit waren! Wohl wahren auch noch tausende unter den 35000 Juden Tel-Awiws der Thora und ihrem Sabbat die fernde reiche Menschen. Was geschieht z. B. mit der schulentlassenen Jugend der Agudas Jisroel- und der Misrachi-Schulen? Niemand in Palästina kümmert sich um diese Jugend. Oder ist es nicht ein unhaltbarer Zustand, die Speisegesetze mit dem Begriff „koscheres Fleisch" anfangen und enden zu lassen? Man kann z. B. in Tel-Awiw in dem kleinsten Lebensmittelladen die verschiedenen Sorten Holländer- und Schweizerkäse kaufen; — doch nicht koscher. Es gibt auch in Tel-Awiw in der Lebensmittel- Industrie Firmen, die hinsichtlich des Kafchruth durchaus zuverlässig sind (so die Schokoladenfabrik Lieber), aber zahlreiche orthodox lebende Juden achten zu wenig auf die Herkunft der Lebensmittel außer Fleisch. Oder wieviele dieser Leute vergewissernsich bei Kleidungsstücken hinsichtlich „Schaatnes"? ' An Aufgaben der Aufklärung, der Erziehung!, der Fürsorge fehlt es also in der thoratreuen Iudenheit Palästinas nicht! Weil es aber Palästina ist, so erwächst den Juden der anderen Länder die Pflicht, wenigstens finanziell ihre Mithilfe zu gewähren! Die noch junge jüdische Ansiedlung in Palästina mit ihren schweren Existenzsorg-en kann sich nur helfen, wenn ihre ausländischen Brüder sie stützen. Zofe al Zion. Amerika. Die Erleichterungs-Bill für Einwanderer vom Repräsentantenhaus angenommen. N e w y o r k, 24. Mai. Die von Jenkins eingebrachte Bill! betreffend die Erleichterung der Einwanderungfür Familienangehörige amerikanischer Einwohner wurde von dem Repräsentantenhaus des Kongresses der Vereinigten Staaten mit einer großen Mehrheit angenommen. Der Senat wird in den nächsten Tagen ebenfalls über die Bill abstimmen. Laut Bestimmungen der Bill dürfen Ehegatten amerikanischer Bürger, sowie deren Kinder unter 21 Jahren außer der Quote in das Land kommen. Ehegatten amerikanischer Einwanderer, die Bürgerfchaftsanwärter sind, owie deren Kinder unter 21 Jahren werden bis zu 50 Proz. auf der Quotenliste berücksichtigt, zu den anderen 50 Proz. werden die Eltern amerikanischer Bürger und ausgebildete Landwirte bevorzugt. Insoweit diese letzten 50 Proz. nicht erschöpft sind, wird den Frauen und Kindern fremder Einwanderer der Vorzug auf der Quotenliste gegeben. Personalien. Hamburg, 15. Mai. Am 9. Mai ist Salomon Goldschmidt Vxt/ Inhaber der bekannten jüdischen Buchhandlung A. Goldschmidt, Hamburg in Wiesbaden, wo er zur Erholung weilte, plötzlich verschieden. Mit Salomon Goldschmidt ist ein außergewöhnlich begabter, liebenswürdiger und kenntnisreicher Mann aus dem Leben geschieden, der seine Kraft und sein ganzes Können dem Judentum widmete. Wie die meisten jüdischen Buchhändler Deutschlands stammte er aus einer kleinen bayerischen Kehilla. Sein Vater, Abraham Goldschmidt, war ein weit und breit geschätzter Sofer in Heidingsseld bei Würzburg. Die Generation, die seine kunstvoll geschriebenen Erzeugnisse bewunderte, ist längst dahingegang-en, aber noch heute werden in verschiedenen Großstädten Tesillos. M-emorbücher und Megilloth von ihm ausbewahrt. Sein Sohn Salomon erlernte des Vaters Gewerbe, vergaß dabei das Studium der Thora nicht und gehörte zu den Lieblings-Talmidim des unvergeßlichen S. B. Bamberger V'2T in Würzburg. Schon als- 22jähriger übernahm er die Firma Wolf Kaufmann in Hamburg — aus der gleichen Firma ist auch die Leipziger Buchhandlung dieses Namens hervorgegangen — und durch seine gediegenen Kenntnisse brachte er das Geschäft auf ein hohes Niveau. Zunächst blieb er auch feinem Gewerbe treu und die von ihm kunstvoll hergestellten Diplome, Ehren- Adressen, Chewra- und Memorbücher wurden viel bestaunt. Wenn er sich eine Arbeit vorgenommen hatte, blieb er dabei mit eisernem Fleiß. Jede Sache aber trug auch den Stempel der Liebe, mit der sie ausgeführt wurde. Aber nicht nur feine Geschicklichkeit brachte ihm einen Namen, sondern sehr frühe begann er mit einer umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit und er hat sich damit selbst -ein schönes Denkmal -gesetzt. Seine Purim- und Chanuka-Aufführungen, seine historischen Studien zur Geschichte der Hamburger Juden und ihrer Institutionen und seine wissenschaftliche Betätigung in jüdischen Zeitschriften würden eigentlich eine besondere Würdigung verdienen. Im Hamburger jüdischen Leben wurde kaum irgend etwas unternommen, ohne daß sich Salomon Goldschmidt dabei beteiligt hätte. Er gehörte zu den Gründern der ersten Loge, wie er auch bei allen Vereinen Mitglied — oft auch im Vorstand — war. Seinem Geschäft gliederte er ein bedeutendes Antiquariat an und manche Rarität ging durch seine Hände, so z. B. das bisher einzige bekannt gewordene Exemplar von Andreas Osianders Schrift über di-e Blutbeschuldigung, deren Existenz vorher überhaupt nicht nachweisbar gewesen war. Mit der nur ihm angeborenen Ausdauer schrieb er seine Kataloge kalligraphisch mit Autographen-Tinte und lieh sie dann reproduzieren. Auf gleichem Wege stellte er eine Anzahl sehr seltene und völlig verschollene jüdisch-deutsche Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts originalgetreu wieder her. Bei all dieser Arbeit und den Sorgen des täglichen Lebens, die nicht ausblieben, war er von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Goldener Humor und schlagfertiger Witz würzte seine Rede und so konnte es nicht fehlen, daß er sich viele und treue Freunde erwarb. Daß er von mustergiltiger Rechtlichkeit war, ist bei der vornehmen ja aristokratischen — Gesinnung, die er stets betätigte, eine Selbstverständlichkeit. Nun ist dieser prachtvolle, für alles Jüdische begeisterte Mann im 75. Lebensjahre von uns gegangen. Das Judentum hat einen guten Sohn verloren und es ist Pflicht, ihm für die Kraft und Liebe, die er betätigte, dankbar zu fein. Fürwahr, er war kein Alltagsmensch. Wer, wie Schreiber dieses, das Glück hatte, ein Menschenalter hindurch mit ihm freundschaftlich verbunden gewesen zu sein, weiß, daß fein Andenken niemals verlöschen wird. rrm-nr-. ß. Kassel, 16. Mai. Am frsn::,? n-"- feiert der Lehrer D., Joseph Bach rach, jetzt Leiter des Israel. Altersheims, seinen 70. Geburtstag. Der Jubila-r war 37 Jahre segensreich als Lehrer in Abterode, Kreis Eschwege, tätig und hat es verstanden, auch seinen neuen Wirkungskreis mit echt jüdischem Geist zu beleben. Durch seine tiefe Frömmigkeit, seine n-nn ns.-*, seine im Verborgenen geübte ion r und seine Bescheidenheit erfreut er sich «ach hier in allen Kreisen der größten Wertschätzung. Immer bestrebt, zu lernen und sich weiterzubilden, nahm er bereits von Abterode aus unter den größten Schwierigkeiten allwöchentlich an den von Rabbiner Cahn geleiteten Schiurim teil und gehört: auch hier zu den ständigen Besuchern der Schiurim. Mögen ihm noch viele Jahre körperlicher und geistiger Frische im Kreise seiner Familie vergönnt sein. Hoof, 20. Mai. Ihren 80. Geburtstag beging Frau Jeanette Gumpert dahier in bester Gesundheit. Weiskirchen, 14. Mai. Herr Gastwirt- Karl Meyer II und dessen Frau Johanna geb. Selig aus Groß-Steinheim begingen beide am 30. Mai ihren 60. Geburtstag. vermischtes Schlüchtern, 13. Mai. Der in den 60er Jahren stehende etwas schwerhörige Kaufmann Isaak Rothschild von hier wurde von einem Kraftwagen erfaßt, ein Stück mitgeschleift, wobei. er einen schweren Schädelbruch erlitt, der seinen sofortigen Tod zur Folge hatte. Nürnberg, 10. Mai Das Landerholungsheim für Jugendliche in Sulzbürg (Obpf.) eröffnet seinen Betrieb am 15. Juli ds. Js. Ausgenommen werden in zwei je dreiwöchentlichen Abteilungen Jugendliche im Alter von 10—18 Jahren. Anmeldungen oder Anfragen sind an die Geschäftsstelle, Dr. H. Klein, Nürnberg, Bauerngasse 36 oder an Herrn M. Wechsler-Nürnberg, Zufuhrstr. 25 zu richten. Alle näheren Bedingungen der Aufnahme sind aus den Aufnahmeb-estimmungen ersichtlich, die nach Eingang der Meldung übersandt werden. Es empfiehlt sich, die Meldungen baldigst einzureichen. Nach den Bestimmungen können Meldungen, die nach dem 15. Juni einlaufen, nur in Ausnahmefällen berücksichtigt werden. Erlangen, 15. Mai. Die Räumlichkeiten der unter Aufsicht des Herrn Dr. Deutsch in Fürth stehenden Mensa Academica Judaica (Mitglied des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg) befinden sich seit 1. Mai nichr mehr Dreikönigstraße, sondern Engelstraße 21, 1., worauf jüdische Reisende hiermit aufmerksam gemacht werden. Marburg, 18. Mai. Das „Israelitische Erziehungsheim" für schwer erziehbare Kinder in Marburg a. L. oll am 1. Juli ds. Js. eröffnet werden. Für die Aufnahme kommen in erster Reihe Knaben -im Alter von 6—14 Jahren in Betracht. Ausnahmegesuche sind schon jetzt an den Vorsitzenden, Herrn Provinzialrabbiner Dr. Cohn, Marburg a. L., Schwanallee 15, zu richten.