Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 22 neuerunig für die Golus-Generationen des Ansiedlungsrayons bildeten. Aus welchen Ursachen und Triebkräften heraus sich diese entsetzliche Lage entwickelt hat, ist aus den uns zugegangenen Berichten nicht zu ersehen und man ist in dieser Hinsicht auf Vermutungen angewiesen. Innerhalb der Machtfaktoren der Sowjetrepubliken wirken eine Reihe von! Strömungen neben- und gegeneinander. Die eigentliche Staatsleitung als solche ist zweifellos bemüht, bei aller Wahrung der revolutionären und kommunistischen Doktrin Maß zu halten und das System der Unterdrückung weder auf religiösem noch auf innerpoliiischem oder wirtschaftlichem Gebiet ms unerträgliche Extrem zu steigern. Anders die „Jewfekties", die paar jüdischen Gotteshasfer und Religionsverfolger, denen kein Mittel zu schlecht ist, um ihrem entfesselten Machttrieb die eigenen Brüder zu opfern. Aber mehr und mehr treten neben diesen offiziellen Mächten unterirdische, in der Tiefe der russischen Volksseele wurzelnde Kräfte ans Tageslicht, die sich gegenseitig aufzuheben scheinen und dennoch tragischer Weise beide zusammen ihre tötliche Wirkung gegen.— die Juden richten. Diese beiden Kraftzentren sind, wie auch der Volkskommissar Bucha rin in einer vor kurzem gehaltenen großen Rede im kommunistischen Jugendverband mi Moskau ausführte, die religiöse Renaissance und der Antisemitismus. Wenn man die ängstliche Seelendiagnose Bucharins liest, dem es vor dem Erwachen der halb erstorbenen religiösen Sehnsucht und Inbrunst des Mufchik graut, fallen einem die prophetischen Worte Nathan Birnbaums in seinem glänzenden Kenessio gedaulo-Referat ein, der damals schon den Taumel der kommunistischen Bilderstürmer als kindischen, vor der Weltgeschichte als Weltgericht zum Scheitern verurteilten Wahn kennzeichnete. Aber so erhebend für jeden gottgläubigen Menschen dieses Weltgericht wirkt, so furchtbar ist nun die Konsequenz, daß die Rache des um seine Kirche betrogenen russischen Bauern' sich nicht gegen den Bolschewismus als solchen, sondern gegen die — „jüdischen " Kommunisten wendet und gegen den Juden als solchen, der doch geradezu als das unglücklichste Opfer der atheistischen Psychose zu werten ist. Das ist die besondere Tragik des in starkem Wachstum begriffenen russischen Antisemitismus, für den die bolschewistischen Parteiblätter jeden Tag neue Beispiele bringen, und der seine ganze Kraft aus der Auflehnung der künstlich unterdrückten religiösen Seelenkräfte gegen die zur jüdischen Erfindung umgefälschte antireligiöse Politik des Bolschewismus saugt. Der Israelit Besteht irgendwelche Aussicht, daß die jüdischrussische A n s i e d l u n g s p ö l i t i k, für die unsre amerikanischen Brüder so gewaltige Kapitalopfer bringen, aus diesem tragischen Zirkel herausführt? Wir denken darin pessimistisch. Nur wenn die neu erstehenden jüdischen Dörfer geradezu Hochburgen intensiven religiös-jüdischen Lebens würden, könnten sie von den russischen Juden den Makel des kämpferischen Atheismus abwälzen. Wir wissen nicht, inwieweit die Vorbedingung en> für eine solche Entwicklung gegeben sind oder geschaffen werden können. In dieser Hinsicht verdient der in der heutigen Nummer der „Blätter" enthaltene Aufsatz aus der Wiener „Jüdischen Presse" gewiß besondere Beachtung. Leben aus Ruinen? Das jüdische Leben in Frankreich hat, wie dasjenige in Italien, etwas Ruinenhaftes. Die geistige und gesellschaftliche Assimilation hat in diesen Ländern ein Zerstörungswerk angerichtet, das den Betroffenen lange gar nicht mehr zum Bewußtsein kam, weil die Bewußtseinszentren selber von der Krankheit angegriffen waren. Umso liebevoller muß man jedes Symptom nahender Gesundung registrieren. Als solches ist eine Anregung des elsässischen Rabbiners Schwarz zu werten, die wir in der Straßburger »Tribüne juive» finden. Rabbiner Schwarz tritt in beredten Worten für die Errichtung eines »Tycee juive«, eines konfessionell-jüdischen Gymnasiums ein, das die assimilatorischen Kräfte schon von der Kindesseele fernhält und den Jüngling bis zur Universitätsreife in einem religiös-jüdischen Kulturmilieu zur geschlossenen Persönlichkeit reifen läßt. Daß Rabbiner Schwarz den Mut haben kann, feinen Plan der Oeffentlichkeit zu unterbreiten unid auf Zustimmung zu rechnen, ist schon ^ein Fortschritt. Die gesetzestreue Gesamtheit in allen Ländern sollte dem Mutigen ein 22^1 nbL zurusen und ihm den Rücken stärken. Vielleicht nimmt sich auch der ja in einem gewissen Aufblühen begriffene französische „Keren Hathora" der Idee an und sucht ihr Bahn zu brechen. Aber auch umgekehrt enthalteni die Aeußerungen des französischen Rabbiners einige iti ihrer ungekünstelten Einfachheit als Dokumente wirkende Stellen, die man in anderen Ländern hinsichtlich der Frage des Besuches nicht jüdischer Schul enamSabbat beherzigen sollte. Rabbiner Schwarz schreibt u. a.: „Als vor mehr als vierzig Jahren die Rabbinerpräparandenfchule in Colmar, der die meisten, der gegenwärtigen elsässischen Rabbiner einen Teil ihrer Ausbildung verdanken, gegründet werden sollte, da wandte sich der damalige Schirrhofener Rabbiner in der ihm eigenen I 31. Mai 1928 .. »»»,-> >,—» — .- — - . herzlichen und warmen Weise gegen die MMAlgubigen und Indifferenten, gegen die WWyiche, die sich Wen die geplante Neugründung erhphen, welche doch oostder Not der Verhältnisse gefordert war. (58, Wydn Levy, les loisers d'tm rab bin, p/ 138. eit ,, L'&Isace-Lorraijtivi israelHe"). Wenn diejenigen, die durch diese Schule hindurchgegangen sind, an ihre Colmarer Jugendzeit im Haus am Peterwall zurückdenken, Mkden sie' die ersten fein, eine jüdische höhere Schule herWzgwünHM Sie lernten einerseits, was es heißt, in der ÄtmähMre einer jüdischen Anstatt aufzuwachsen; wie schön z. B. waren die Freitag- und Festtagabende. Aber wenn wir dann an diesen Abenden noch schnell die mÄrdsichch-h Äufgabim für den andern Morgen-, den wir im Lyzeum zubringen mußten, durchmachten, so war dadurch die nw njsw die „erhöhte Sabbatseele" verflogen. Gewiß, wiv brauchten am Sabbat in der Klasse nicht zu schreiben-, und man konnte beim Portier für Geld und gute Worte -7hauptsächlich für ersteres — am Freitagnachmittag dm Schulbücher abgeben und sie nach Sabbatau^ang wieder abholen. Und was weiter? Wenn in der Klaffe beim Profanunterricht nacheinander Thucydides oder Sallstst, der 30 jährige Krieg oder quadratische Gleichungen den Geist erfüllen, dann war jegliches Bewußtsein; daßes Schabbos fei, geschwunden. Kann es für für Schüler — vom Seelenzustand des Unterricht erteilenden jüdischen Lehrers wollen wir nicht reden — einen größeren!?ini jnaw geben, als Sabbat zur Schule gehen? Wie sollen sie erleben, was na.p'aaw und 2-IV pv nnniz? ist, wenn ihnen von zartem Kindesalter an der Rhythmus des Lebens, wie er sich besonders in dem Wechsel von Werktag und Sabbat, von Gewöhnlichem und Heiligem kundgibt, stemd bleibt? Und in Colmar, um auf unsere Jugendzeit zurckzukommen. hatten wir durch den reichlichen Thoraunterricht im Rabbinerseminar wenigstens ein Gegengewicht; und doch hatten wir wohl alle damals schon die Empfindung: die rechte Harmonie würde e'n jüdisches Gymnasium geben, wo weltliche und religiös Bildung nicht mehr auseinander- und manchmal gegeneinander stehen, sondern sich gegenseitig durchdringen und befruchten." Man sollte glauben, daß für jüdische Eltern die Frage, ob sie ihrem Kinde das kostbarste Erbstück der jüdischen Seele, das Gefühl der unantastbaren „Sabbatuionne" für den ^schweren Lebenskampf sorgsam e r h a l ten, oder im Frührot des Lebens schon vernichten wollen, kein Problem sein dürfte. Mexiko und das europäische Gewissen. Von H. Neubauer in Hermannsberg!. Wenn man den! übereinstimmenden Berichten katholischer Blätter und sonstiger Gewährsmänner Glauben schenken darf (und wir haben keinerlei Veranlassung, an ihrer Wahrheitsliebe zu zweifeln), so ist Mexiko heute der Schauplatz von Szenen, die geradezu an die spanische Inquisition unseligen Angedenkens erinnern. Seit Jahr und Tag geschehen dort vor aller Welt wüste Religionsverfolgungen unter dem Regime Plutarco Elias Calles, des blutrünstigen Präsidenten, Wasser, Feuer, Wüste. Von Rabb. Dr. H. Gescheit in pohrlih (Mähren). lScyluß). Dieser Gedanke scheint auch enthalten zu sein im Midrasch, welcher die Thora im Wasser offenbaren läßt. Denn die nächste Vorstellung, die wir mit dem Wasser haben, ist die Tiefe und eine geistige und seelische Vertiefung, ein Jnsichversenken würde auch unser Geschlecht, das im Oberflächlichen, im seichten Sand rein irdischer Interessen trottet, gewiß auch der Religion gegenüber eine freundlichere Stellung einnehmen und aus dem „Wasser", aus der Vertiefung- — um die Sprache des Midrasch zu sprechen — wie einst auch diesmal die Thora sich darreichen lassen. Und daß diese Zeit kommen wird, kommen muß, läßt uns nicht naiver Optimismus hoffen, sondern die Logik, die in der Entwicklung der Dinge liegt. Im Feuer, so erzählt der zitierte Midrasch, ist die Thora gegeben worden, denn wie die Flamme das Edle von der Schlacke sondert, so ist die Religion die Quelle und zwar die einzige Quelle der Moral und reinigt das Menschenherz von allem Unedlen und von jeder Schlacke, die ihm anhaftet. Der Glaube an ein höheres Wesen ist die Kette, die den vonunterweltlichen, bösen Mächten beherrschten Menschen hindert, zügellos seinen wilden Trieben zu frönen. Sündige nicht, denn siehts auch keiner, Gott siehts, war und ist die stete Aufforderung und Mahnung der Religion. Wer im Haufe des Herrn im Gebet sich verneigt, der bekennt damit, daß nicht er selbst der höchste Herr ist, dem er selbstsüchtig ausschließlichen Dienst zu weihen hat. Wer den Sabbat in Wahrheit geheiligt, geheiligt und nicht bloß gefeiert wegen der physischen Ruhe und der süßen Lust verschränkter Arme, der wurde dessen inne, daß wir uns Sin« und Seele offenhallen müsse«- für etwas Höheres als für Besitz und Erwerb, und lernte durch die Uebung, auf den Arbeitsertrag eines Tages in der Woche zu verzichten, nur weil es Gott verlangt, überhaupt Opfersinn und die Fähigkeit zu entsagen für -edlere, heilige Zwecke. 38er bei Gottes Namen schwur, der tat es in der Furcht Gottes, der den Meineid bestraft. Und gäbe es keinen Gott, sagt ein großer Philosoph, müßte man ihn erfinden. Denn ohne Furcht Gottes wird die Menschheit in ihrer Masse allmählich jede Furcht verlieren, ohne moralische Autorität der Religion in des Wortes weitester Bedeutung unmoralisch werdenunter dem Einfluß der heute' propagierten Schlagwörter: es gibt nicht Gut, es gibt nicht Böse, es gibt nur Nützliches. eigennützig werden, nur das krasse Interesse des eigenen Selbst, nicht Sitte, nicht Gesetz achten. Denn, ist erst das von der Religion -anerzogene und geschärfte Gewissen zum Verstummen gebracht, wird die Furcht vor der Strafe allein das Verbrechen nicht verhindern können. Was dicht gesponnen, kommt nicht an die Sonnen. Wieviel Vergehen bleiben unentdeckt und ungeahndet! Davon nicht zu reden, daß im Rahmen des Gesetzes reichlich die Möglichkeit zu sündigen vorhanden ist. Daß das Gewissen einem Abweichen vom Pfade des Rechts hindernd sich -entgegenstellen wird? Erstens hat nicht jeder ein Gewissen. Zweitens ist das Gewissen nicht immer Ankläger, Staatsanwalt, oft ist es Advokat, Verteidiger, weil das mehr einbringt. Und l»8t not least ist Gewissen nichts anderes als Religion, das Wert der Religion, die uns das Böse verboten und uns dies so fest -eingeprägt und eingefchärft hat, daß die Stimme unseres Innern uns warnt, wentz wir eine Sunde begehen wollen. Ist die Religion hin, wirds mit dem Gewissen auch bald ein Ende nehmen. Und darum hat der Midrasch recht, daß die Thora im^Feuer gegeben worden ist, denn wer das läuternde Feuer der Moral will, muß auch die Religion wollen. Ich höre den- Einwand, daß es Menschen gibt, die den Forderungen der Religion gleichgültig gegenüberstehen, dennochein aus dem Gesichtspunkt der Moral einwandfreies Leben führen. Warum nicht auch! Kennen wir nicht auch! Kinder, die gegen Vater und Mutter pietätlos sind, obwohl sie von dem Erbe der Eltern ihr Leben fristen? Und das geistige Erbe der Religion, der Tugendschatz frommer Vorfahren, der im Blut sich weiter vererbt, wirkt und webt in den menschengefälligen Werken gottentfremdeter Enkel. Es ist keiner gut trotz der Religion, nur dank der Religion, die das Gute zuerst gelehrt und dem Menschen zum Seeleneigentum gemacht, auf dem Wege der Vererbung auch dem Menschen-, der die Bibel; weil sie alt, für veraltet hält und Opfer auf dem Altäre Gottes für überflüssig bezeichnet. Aber es kann dochkein Erbe, das nicht vergrößert oder wenigstens in feiner Totalität erhalten wird, so groß sein, daß es nicht einmal aufgebraucht und verbraucht fein wird! Und wir haben mit Generationen, — die Entwicklung der Dinge zeigts, — wir haben mit Generationen zu rechnen, die, weil ohne Religion, auch ohne jede Moral, ohne jeden Sinn für das Gute, ohne jede Scheu vor dem Bösen dastehe« werden. Und ist die Menschheit in diese Wüste angelangt, in der die Blume der Moral, des Guten und Wahren nicht mehr gedeiht, dann -erst kommt die Menschheit wieder zur Besinnung. Die Thora wird dann in der Wüste wieder gegeben, denn eine Sehnsucht nach religiöser Belehrung behrrscht das Menschengeschlecht wie den Wüstenwanderer nach dem erquickenden Quell, mit dem die Thora vom Midrasch verglichen wird. -