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Der Israelit · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 2 Nr. 21 bedingungen nicht beschränkt ist, dessen Bebens* kraft immer wieder von neuem sich bemerkbar macht, dessen Lebensfreude unverwüstlich, dessen Zukunftshoffnung ungebrochen blieb. Da müßte dem, der Augen hat zu sehen und Ohren hat zu Hören, das Geschichtswunder „Israel" Aug und Ohr öffnen. Er müßte erkennen, wo die Wahrheit gesucht werden muß und wo sie sich finden läßt. An den göttlichen Funken, die Menschenseele, die ein Hauch des Schöpfers ist, wendet sich das Wort Gottes, und ruft ihr ins Gewissen und ins Gedächtnis: Ich sei Dein Gott. Wenn der Vater ruft, er sei Dein Vater und die Mutter ihre Ehre verlangt, Du weißt es nicht, und doch weißt Du es. Du schließest, Du fühlst und begreifst. Aber das Sehende nicht sehen, keine Gestalt und keine Vorstellung von Nichtgreifbarem, Nichtsichtbarem Dir machen, das willst Du nicht fassen. Und doch ist es nichts anderes, als was Du, moderner Mensch, täglich erlebst, Du machst die Elektrizität Dir dienstbar, Du klingelst mit dem Druck des' Fingers, Du sprichst mit fast der ganzen Welt, sendest telegraphisch Deine Gedanken, aus dem Draht und ohne Draht über das ganze Erdenrund, ergötzest Dich an der Musik, die jenseits des Ozeans in gleicher Minute ertönt, da Du sie hier wahrnimmst. Die Kräfte und die Kraft, die im Weltall waltet, machst Du zum Werkzeug Deines Willens und doch, kennst Du diese Kraft? Du kannst sie erzeugen, kannst sie verwenden, weil Du ihre Wirkung kennst, aber Du hast ihr nie ins Angesicht gesehen. Was für das Naturgesetz und die Natur, die Schöpfung, das Geschöpf gilt, das gilt im vollsten Maße für den Gesetzgeber, dem Herrn dieser Schöpfung. Er sieht und wird nicht gesehen. Er gibt Kraft den Kräften, er ist die Urkraft aller Kräfte. Er speist sie mit Energie. Er ist ihr Urborn. Du kannst die Kraft nicht kennen, weil Du den Erzeuger der Kraft nicht kennst. Cr ist das geistige Eine, das in allem lebt und wirkt, das alles umfaßt und alles zusammenhält. Das Geistige weil es nicht körperlich, nicht teilbar ist, keine Teilung kennt, das Geistige allein kann das Einheitsband um alle Menschen schlingen und knüpfen, die alle, mit Einzelwesen und Rassen und Völkern sein Ebenbild widerstrahlen. Wer anders als der moderne Mensch könnte begreifen die Natürlichkeit des Rufes: Ich fei Dein Gott. Denn erst wir späte Nachfahren verstehen besser als unsere Väter, die am Sinai gestanden, auch die geschichtliche Wahrheit der Heraussührung aus dem Sklaventum. Seitdem einmal die Knechte Der Israelit die Herren besiegten, seitdem ist Freiheit über die Erde gerufen, seitdem wird die Klage der Bedrückten ghört, findet ihr Ruf nach Erlösung Verständnis, ist das Recht auf die Freiheit anerkannt. Der Tyrann ist gerichtet. Sympathie und Huldigung gehören den Duldenden und feine Fesseln sprengenden Sklaven. Und doch — an Stelle der Einzelpersönlichkeit treten Gesamtheiten in Gutem wie in Schlechtem. Die Hervorragenden, die ganzen Zeitaltern ihren Geist ausgeprägt und Geschlechtern ihren Namen liehen, sind Jahrhunderterscheinungen. In den Zeiten nach ihnen treten Gesamtheiten ihr Erbe an. Völker und Verbände teilen sich in die Leistungen einzelner Größen. So sehen wir an Stelle der absoluten Königsmacht Regierungen treten, die den eigenen König zwar zum Scheinwesen verurteilen, aber sein Szepter desto gebieterischer schwingen über ihr eigenes Land, in dem sie die Minoritäten knebeln und über Länder hin, die sie bevormunden, weil die Macht der Rüstung und der Wirtschaft in ihrer Hand vereinigt ruht. Solche Länder bilden einen Trust mit der Macht der Bajonette. Und auch ohne diese gibt es auf dem Markt der Güter starke Vertreter des Kapitals, die so mächtigen Druck ausüben, daß zu ihnen flüchtet, wer weiter leben will. Wohl ihm, wenn er Einlagen mitbringt, die die Stellung verstärken. Weh ihm, wenn sie fehlen und die Armut ihn zur Abhängigkeit verurteilt und er der ihm umgeworfenen Schlinge nicht entgehen kann. Wenn auch der Große den Kleinen nicht mehr erdrückt, aber die Großen erdrücken die Kleinen. Auch das ist eine Unterjochung, ein Sklaventum. Das ist nicht Sozialismus der Tauroh, nicht der Menschlichkeitsruf des ersten Gebotes. Das kündet die Macht des Materiellen, seinen Herrenruf, seine Herrschaft. Wie der Körper und die Körperkräfte verherrlicht werden, wie der Boxer die Welt beherrscht und die unsinnigsten Höhenleistungen entgeisteter Waghalsigkei die Welt in Staunen setzt und ihren Beifall findet, so ist die Materie zu einer Höhe gestiegen und hat eine Macht erhalten, die jede freie Regung lahmlegt, jede unabhängige Bewegung des Wahren und des Rechten, des Gewissens und der sittlichen Pflicht in Zäum hält. Welchen Erdgeruch trägt der Zeitgeist an sich, der sich solchen Körper baut. Mag der Krieg mit der Waffe des Blutes abgerüstet werden, der Kampf in den eigenen Ländern, den Völker gegen ihre Volksgenossen kämpfen, der mit Hunger und Darben, um Existenz und Freiheit tobt, hat dem Rechtsbewuhtsein und dem Sittengesetz die schwersten Wunden schon geschlagen. Interesse, aber keine Interessengemeinschaft, 24. Mai 1928 Kapital aber keine Beteiligung, Ausbeutung aber kein Entgelt, Arbeitsforderung und keine Entlohnung, Zermürbung, Mißmut, Verbitterung, Welt- und Lebensmüdigkeit im Gefolge, Genuß und Hunger, Prassen und Darben nebeneinander, Vertrustung und Gewerkschaft, Klassenbildung, Haßzüchtung, Entfremdung, das isftchas Sklaventum einer Welt, der das erste Gebot abhanden gekommen ist: Ich sei Dein Gott . Tauroh und Religion. (Aus einem größeren Zusammenhang.) Nach einer geschichtlichen Einleitung wird' mft Beginn des vierten Kapitels in das- Fazit aus den Erlebnissen der Wüstenwanderung gezogen und Moses beginnt seine eigentliche Ermahnungsrede, die so schlicht und innig, so wahr und tief angelegt ist, wie die Worte eines seine Kinder segnenden Vaters auf dem Sterbebett. Das zuletzt erwähnte, in frischer Erinnerung le-- bende Ereignis gibt ihm Anlaß, um es als Beispiel zur Grundlage für seine Ausführungen zu wählen. Die sittliche Idee ist nicht der Tenor des Judentums und eine philosophisch tief und breit angelegte Erörterung derselben nimmt nicht den Raum in seinen schriftlichen Quellen ein. Wer ihm das als Mangel vorwirft, der unterliegt dem schmeichelnden Wort und ist blind gegen den Mißerfolg systematischer Ethik. Was der Welt nottut, was sie fördern, würde, ist das, was den Vorzug der Tauroh ausmacht: Die sittliche Tat.' Die Peorverwilderung bei der Umwelt, ihre Ahndung in Israel gibt die Richtung des Weges an, den Israel zu gehen hat, nicht etwa als neue Religion, wohl aber als Fortsetzung der dem ersten Menschen mitgegebenen Ausrüstung für das sittliche Dasein. Dem ersten Menschenpaar ist nicht so etwas wie Religion offenbart worden. Ihm ist auch nur ein vnw ans Herz gelegt worden, die Pflicht zum Gehorsam. Es ist in das irdische Gan Eden unter der Voraussetzung seines Gehorsams gesetzt worden. Eine Theosophie, eine Metaphysik wurde auch ihm nicht als das Gebiet seiner Betätigung angewiesen. Als es zu philosophieren begann, ließ es sich von der Fähigkeit seines Denkens täuschen und verlor den Boden, auf den es gesetzt war, unter den Füßen. Sein Glück war zu Ende. Seine Irrung begann, fortzeugend immer größere Irrungen gebärend. Seine Ueberheblichkeit wurde ihm zum Unglück. Das Schauen seines Auges trat an die Stelle des Hörsinnes des Ohres. Es unterlag der optischen Täuschung. Der Mensch findet den Weg zum normalen Leben erst wieder, wenn er sein Ohr Verlag der Bibliothek des Jüdischen Volksfreundes Cöln: Hohenstaufenring 14. Cöln: Hohenstaufenring 14. Postscheckkonto des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands Cöln 50648. „Uebersetzungen und Bemerkungen zum Pentateuch“ rmn n by d wr von Rabbiner Dr. B. Wolf-Cöln. Der Commenfar erscheint in einzelnen Wochenabschnitten. Preis jeder Broschüre Mark 1.— Ganz geb. zu haben bei Sänger & Friedberg in Frankfurt a. M. -— -.— Neu erschienen: XHiO —— Im Druck: X2 Zu haben in allen Buchhandlungen und direkt beim Verlag des Jüdischen Volksfreundes. m

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