Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Sette 3 24. Mai 1928 __ wieder dem kategorischen Imperativ des Wollens öffnet. Das Lebensmotiv Israels findet eben so kurz als erschöpfend in ynw den einzig wahren Ausdruck. Ein fernerer Irrtum in der schiefen Beurteilung der Tauroh, als realen Staatsgesetzes, liegt in der Verständnislosigkeit, die man den a’j?n entgegenbringt, die Moses an erste Stelle'setzt. Begreift die Außenwelt höchstens die ni'NV Gesetze, die sie aber auch unter politischem Gesichtswinkel der Volksgesundheit betrachtet, so weiß sie mit den andern O’pn etwa den Speisegesetzen, gar nichts anzufangen. Für die wesentlichen nrwv. und nnnv Gesetze fehlt ihr vollends das Verständnis oder gar das Wissen. Und gerade diese cppn» die Begründer und Pfleger sittlicher Reinheit und heiligender Selbstbeherrschung erzeugen das im täglichen Leben, in praktischer Ausführung, was man in schwärmerischer Philosophie oder sogenannter religiöser Ethik Gesinnung nennt. Wo nach Glauben und Gesinnung gefragt wird, mag das Leben daraus hervorwachsen, sobald das Verständnis für die Lehren des Glaubens und der Moral erwacht ist. Dann aber wird ein schwerer Kampf auszukämpfen sein, zwischen den Anforderungen, die eine höhere Lebenswarte stellt und den Gewohnheiten, die man sich bis zum Erwachen des Bewußtseins und der Stärkung des aufgerufenen Willens angeeignet hat. Dazu sind es selbst erdachte, selbst für wahr und richtig angenommene Maximen, die den Menschen auf den ferneren Lebensweg führen sollten. Aber dem Grundsatz des sinaitischen yatzm entspricht ein anderer Weg. Die Gewöhnung zur Tat setzt früh ein und unbemerkt wird die Entsagung zur Opferfreudigkeit, die Uebung in der Selbstbeherrschung zum Schrittmacher des Altruismus. Ernst und Selbstheiligung im Leben, angestrengte geistige Tätigkeit lenkt den Sinn auf höhere Interessen und gebietet Leidenschaft und Begierden Schweigen, zwingt die sich aufbäumenden nieder und leitet ihre Bahn auf den Weg der Dienstpflicht an der Menschheit. — Ist diese Lebenserziehung zur Lebensführung nicht weit höher zu bewerten, als bloße Gesinnung? Kann diese Lebensenergie in frischer Luft sich nicht messen mit der temperierten Atmosphäre der Treibhausluft frommer Schauer und himmelnder Sehnsüchte oder selbst mit technischen Ausdrücken verbrämter philosophierender Ethik? Die bewährten Erfolge aber, die ein Volk 2000 Jahre unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen in der Zerstreuung aufguweisen hat, in immer gleichen Wegen derselben Erziehungsmittel lehren die Methode dieser Crziehungswege, ihre objektive Wahrhaftigkeit, ihre bedingungslose einzigartige .Richtigkeit, denen nichts gleiches und nichts ähnliches an die Seite zu stellen ist vom Altertum bis in unsere Tage. Sie beweisen den Gesetzgeber, der der Schöpfer und Beschützer dieses unseres Volkes ist, die Göttlichkeit der Sendung des Wortes und seiner Verkünder, die göttliche Wahrheit als die Sittlichkeit, die Kraft fürs Leben und die Macht zur Erreichung der göttlichen Ziele im Einzelleben und im Volksdasein. Die Unsittlichkeit geht unter, die Sittlichkeit lebt. Die praktische Etihk der Tauroh ist keiner Steigerung fähig. Ueber die Lebensführung des Menschen hinaus gibt es für ihn keine Möglichkeit zu denken, oder zu handeln. Dort wo Gesinnung gepflegt wird, wetteifert Grübeln spekulativer Philosophie und sucht in „Sehnsüch-. ten frommer Schauer" sich in Höhen emporzuschwingen ,die dem Menschen unzugänglich sind. Religion appelliert an das Gemüt, die Tauroh an den Geist. Die Herrschaft unbestimmter Gefühle breitet sich bei Nacht aus. Gewisse mit dem Geist aufzunehmende und in die Wirklichkeit des Lebens umzusetzende Maximen verlangen Tageshelle der Erkenntnis und des Wirkens. Jawohl, so etwas wie Gesinnungsreligion ist einerseits unzulänglich, übersteigt andererseits die Grenze des Menschlichen und führt schließlich zu Gesinnungsschnüffelei, zu Haß und Hader. Ein Bürgerleben, kein religiöses Leben, das vom bürgerlichen Dasein getrennt ist, schenkt die Tauroh ohne Ministranten, ohne weltlicher Macht nachge- Der Jsraelit^ bildete Organisation einer Hierarchie. Jede Persönlichkeit vereinigt mit dem größten Pflichtbewußtsein treue Pflichterfüllung. Ihr wird Rechtsgewährung entgegengebracht. So wird die Tauroh der Versammlung des Volkes, keinem bevorzugten Kreis offenbart und bleibt für alle Zeiten höchstes Nationalgut, dessen Wardeiung der Gesamtheit des Volkes anvertraut ist.' Tatsächlich haben wir nach alledem einen scharfen Trennungsstrich zwischen Judentum und Religion zu ziehen. Es kann nicht wunder nehmen, daß alle Denker, die von ihrem ihnen zur Natur gewordenen Standpunkt aus das Judentum beschreiben, in ihm alles das nicht finden, was sie suchen, und was sie finden, mutet sie so fremdartig an, so irdisch, so real, daß sie gar nicht ans den Gedanken einer objektiven Beurteilung dessen kommen, was dem Menschen entsprechend sei, positive Erdenpolitik zu treiben ohne negative Himmelsmusik zu erlauschen. Der Begriff Religion steht ihnen so fest, daß sie sich an ihn nicht heranwagen, um ihn kritisch zu beleuchten. Man wird dann erst dem Judentum gerecht werden, wenn man sich, wie Hirsch es getan, so auch in außerjüdischen Kreisen auf den Standpunkt des Judentums stellt, um es auf seinen Inhalt, sein Wesen und seine Berechtigung zu untersuchen. Die Tauroh kann nur aus sich heraus erkannt werden. Was aber die Tauroh von allen menschlich erdachten Werken scheidet und sie aus allen irdischen Religionen der Zeit sondert, sie über die Zeiten emporhebt, ist ihre geschichtliche Grundlage. Keiner Vision eines Einzelnen verdankt sie ihr Entstehen, keiner Lehre einer Mittelsperson. Sie ist ein Erlebnis eines ganzen Volkes, von ihm in seiner Gesamtheit wahrgenommen, mit irdischem Aug und Ohr und von ihm bezeugt, bezeugt nicht nur als Dokument, sondern mit der gewissenhaften Sorge der Eltern für die Kinder, in den Familien überliefert, auf mündliche Weitergabe vom Vater auf den Sohn gestützt. Und lernen kann man hier Gottesfurcht, ohne Veranlagung des Gemütes, der Erkenntnis offenbart sich die Größe der Lehre und der Geschichte, die Wahrheit der Sendung. (Maim. minn ■nio’ 8. 2). Gibt es ein grandioseres Bild für die Bedeutung der Tauroh, als die Offenbarung es bot? Zögernd nähert sich das Volk und bleibt in Entfernung im Gefühle der menschlichen Kleinheit unten am Berg stehen, während der symbolische Vorgang, der leuchtend brennende Berg inmitten dunkler Finsternis ihm bedeutet, daß die Tauroh in geistiger Dunkelheit auf Erden die Fackel des Wissens und die Leuchte der Sittlichkeit, den Weg zum Himmlischen weist, dieser Weg durch sie erschlossen wird. Der wahre Sitz alles Lebens, sein Ausgangspunkt und sein Ziel, ist nicht diese Erde, ist die Erhebung des Irdischen himmelwärts. Allerdings durch unglückschwangere Wolken führt dieser Kampf der Finsternis gegen das Licht. Im Gegensatz zu n 20, 1 nennt Mosche hier den Gottesname-n Haschern und sagt beruhigend seinem Volke, daß zu dieser Aufgabe, die groß und schwer, ernst und prüfungsreich, ihm gestellt ist, der Gott, der es dazu ausgewählt har, Seine Hilfe ihm nicht versagen wird. Und da erfährt das Volk den grundlegenden Unterschied dessen, was es jetzt neu empfängt, von dem, was die Umgebung beherrscht. Israels Kennwort heißt „hören" ym Die Völker „schauen". Bei ihnen steht das Körperliche im Mittelpunkt. Die Gottheit ist inkarniert. Sie haben daher das Bedürfnis nach sinnlicher Vorstellung. Daher auch die Pflege und Ausbildung des Körpers bei ihnen obenan steht. Wenn das schönste Bildnis für das schönste Wesen für die Völker der Mensch ist und wenn der Gott im Menschenbilde zur Darstellung gelangt, so folgt daraus leicht die Gleichung: Gott Mensch. Die Umkehrung dieser Gleichung liegt dann ebenso nahe: Mensch Gott. Daraus erklärt sich die Ueberheblichkeit ihrer Größen, die Herrenmoral, die dann die Zerklüftung und den Kampf der Klaffen, das Unglück des menschlichen Daseins bewirkt. Jisroel kennt feinen Gott nicht, weiß nichts von Ihm und Seinem Wesen, nur Sein Walten in der Menfchenwelt mit Seinen Eigenschaften, die Er n 34, 6 und 7 für die Kenntnis des Menschen ausspricht, um den Menschen vor der Verzweiflung zu schützen und ihn mit dem notwendigen Lebensmut auszurüsten. Wir können uns als Sterblicheunmöglich eine Vorstellung von Unkörperlichem machen. Wir begreifen nur den Geist, der uns gleichwertig ist. Drum können wir mit körperlicher Vorstellung kein geistiges Wesen in Seiner Gestalt denken, können nur mit dem Geist das Geistige ahnen, und, soweit es uns zugänglich ist und der Körper den Blick nicht verschleiert, erfassen. Daher heißtn^ian Gestalt. Wie naipn von mp und navm von m> so rman von pa sich m seiner Art geben. Der Mensch ist aber nicht von Gottes Art und kann sich kein Bild von Ihm machen und soll darum kein Phantasiebild entwerfen. Gott spricht und Gott schreibt (Ps. 94, 9). Beides ist möglich. Mag Spekulation die Tatsache wegdiskutieren wollen: Die Geschichte der Uebertretung des Bundes und ihre Ahndung kündet laut und allzu traurig die Wahrheit der göttlichen Niederschrift des Gesetzes und die Göttlichkeit der Lehre. Die Wirklichkeit ist Zeuge und Richter für die Wahrheit der Tauroh und ihrer Träger. Mitteilungen. Mechernich. Am 10. Jjar beging Herr Josef Kaufmann, der langjährige Vorsteher unserer Gemeinde, der seit Dezennien ehrenamtlich den Vorbeterdienst versieht, seinen 70. Geburtstag. Herrn Kaufmann, der sein Geschäft am Schabbos streng geschlossen hält, dankt die Gemeinde ihren Zusammenhalt. Für das wahre Judentum hat er stets ehrlich und wacker gestritten. Er führte vor 28 Jahren seine Gemeinde als erste dem Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands zu. Seine gleichgesinnte Gattin, die in der ganzen Gegend die einzige Trägerin des jüdischen Zniuszeichens ist, unterstützt ihn in allem Jüdischen und menschlich Guten und Edlen. Möge ihr Haus noch lange als Hort des Judentums inunserer Gegend erhalten bleiben und als ragendes Vorbild Nachahmer finden. Gesundheit und Zufriedenheit möge der Segen sein, der über diesem Hause noch lange Jahre walten möge. Schleiden. Die im vorigen Jahre eröffnete Fremdenpension des Herrn Lehrer Fernbach wird in diesem Jahre in stetem Fortschritt die Besucher der schönen, waldreichen Eiselgegend befriedigen. Eine bewährte Köchin wird durch ihre Leistungen allen Ansprüchen zu genügen streben und Kurfremde wie Ausflügler stärken und in ihrer Erholung fördern. Commern. Mitte März durfte die hiesige Chewroh das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens begehen. Treue Freunde der Gemeinde waren sogar aus der Ferne, herbeigeeilt, um das wohlgelungene Fest mitzüfeiern. Auf reich gedeckter Tafel prangten die feinsten Erzeugnisse der berühmten Konditorei Lonnerstädter aus Köln. Ein wirklich jüdisches Fest in jüdischer Weise wurde begangen. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Festrede unseres Herrn Rabbiners. Wohlgelungene ernste und heitere Darbietungen hielten die Festgesellschaft bis Mitternacht zusammen. Möge die Chewroh auch weiterhin ihre Aufgaben erfüllen und sich als geistiger Mittelpunkt zum Wohle der Gemeinde bewähren. Zülpich. Unser Herr Lehrer Prag, der seit Anfang des Jahres im Amt ist und sich ernstlich bestrebt, jüdisches Wissen und jüdisches Leben durch Lehre und Vorbild in unserer Gemeinde und der Umgegend zu verbreiten, hat sich besonders der schulentwachsenen Jugend angenommen und hat sich deren Herzen erobert. Er versteht es, die Idee des Judentumes nicht nur, wenn sie im jüdischen Gewand uns entgegentritt, in klarem Bilde erscheinen zu lassen, sondern er zeigt sie uns auch im profanen Gewände und weiß so die Bedeutung des Judentums für die