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Der Israelit · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 4 Nr. 21 Der Israelit 21. Mai 1928 und über die Verbannung der Göttlichkeit, über die schwere Verknechtung, und über alle die harten und grausamen Verordnungen, die man wieder und wieder über Israel verhängt und über unseren heiligen Messias, der noch immer in Eisenketten gebunden ist wegen des Lasters unseres Geschlechtes. Dann lernt er bis zum Tagesanbruch das „Licht des Lebens", das Buch „Glanz" und die „Tikunim", verbindet das Nachtprinzip mit dem Tagprinzip, steigt in das Neinigungsbad, untertaucht seinen schwachen Körper im Wasser, betet das Morgengebet und kehrt heim. Er tunket ein Stückchen Leckerbissen in süßen Weingeist ein und stärkt ein wenig die schwache Körpermaterie mit winziger Speise, nimmt wieder ein Reinigungsbad und macht sein Herz frei von jeglichem Alltagsgeschäft. Dann sitzt er den ganzen Tag über zu Hause allein, in sich gekehrt, ganz abgeschlossen in dem kleinen, mit dem Geiste des Gesetzes erfüllten Raume, mit niemandem verkehrt er und ist frei von allen Sünden, die bei Menschenverkehr entstehen. Er bleibt heilig in Gedanken, in Wort und Tat, geschützt vor Lei- Während Mirjam im Kramladen weilt, ist Raphael im Lehrhaus. Wenn sie nun zurückkehrt, tritt sie vor den Spiegel uni). schmückt sich wie eine Braut. Die Tage ihrer Jugend kehren ihr zurück. Da erblickt sie aber im Spiegel das Ostwandbild und was auf ihm gezeichnet ist, und die schreienden Löwen — und sie schrickt zurück: „Gott gehört die Erde und alles, was sie erfüllt!" Und als Raphael vom Gebet zurückkommt und sein Weib in seiner ganzen Schönheit vor dem Spiegel erblickt, da erweckt sie Gefallen bei ihm, und an sie heimlich herantretend, will er zu ihr besänftigende Worte sprechen. Als nun Raphael bis zu ihr kommt, da erscheint ihm aus dem Spiegel der gepriesene Gottesname und er ruft in heiliger Inbrunst: „Ich stelle den heiligen Gottesnamen immerwährend vor mich!" Und er schließt seine Augen vor der Pracht Gottes und vor Gottesfurcht. Darauf scheiden die beiden stillschweigend. Er sitzt in, einem Winkel und studiert das Buch des „Glanzes" und die „Tikunim". Sie sitzt im anderen Winkel und liest im Frauengebetbuch, bis der Schlaf beide übervorbei waren, stand Raphael auf, zog die Schuhe an und ging auf den Markt. Dort kaufte er Pergamentbögen, Bündel von Gänsefedern, ein Kränzchen Galläpfel, Tinte und noch weiche Adern zum Weben und schickte sich an, eine Gesetzesrolle zum Andenken an die Seele seines Weibes zu schreiben, das ihm Gott genommen hatte. Raphael sitzt und schreibt eine Thora Tag und Nacht. Ein Betmantel ist auf dem reinen Tisch ausgebreitet und die Schaufäden hängen herab und vermischen mit den eigenen Schaufäden seines Betkleides. Auf dem Betmantel liegt ein Pergamentbogen, liniiert und glänzend in seinem Weiß wie der Himmel in seiner Reinheit. Von früh bis abend wird die Gansfeder auf dem Pergament geführt und schöne schwarze Buchstaben erstehen auf dem Blatte, wie eine Vogelgemeinde auf frischem Schnee an einem Wintersabbat. Wenn er aber zum Niederschreiben des großen, ehrfürchtigen Gottesnamen gelangt, da steigt er immer vorerst in das Reinigungsbad und untertaucht sich. * u tKis:: > NM ttÜ TiK.sra'ri rnx TOäS- Dom Friedhof in Sulzbürg - Grabstein eines Ermordeten, 1742. denschaft und Begierde, sitzt geborgen und verschlossen und hat bei sich nur Gott — gelobt sei Er! — allein. Er denkt an all die heiligen Geheimnisse, die in den Thora-Versen angedeutet sind und ist bedacht, keinen heiligen Gottesnamen ohne besondere Körperreinheit zu schreiben. Manchesmal schreibt er darum ein ganzes Blatt, aber so, daß er die Stellen für die Gottesnamen frei läßt. Diese schreibt er erst nachträglich, nachdem er das Reinigungsbad genommen hat. Also schrieb er Tag für Tag, pon früh bis abends, bis der Synagogendiener kam, an das Fenster klopfte und rief: „Die Zeit des Mincha-Gebetes ist da!" Manchesmal kam ein Armer, um Almosen zu bitten oder ttat ein Wanderer ein, um sich seine Tephillin verbessern zu lassen. Da trug er dem R. Raphael zu, was er mit eigenen Augen gesehen, wie bei einem Schreiber mehrere Burschen Tag und Nacht sitzen und Rollen, Tephillin und Mesusoth schreiben. Es ist nicht zu glauben. Man macht aus der heiligen Thora ein Fabrikunternehmen. „Ja, ich habe gehört, daß bei einem gewissen Schreiber sogar Mädchen sitzen und schreiben." Vom Friedhof in Sulzbürg — Besonders schöner Grabstein, 1818. K »MH! WM mmm -afttSSSF, wältigt. Als aber alles aufgegeben wurde und sie nicht Kraft besaß, um Kindersegen zu weinen, da stellte sie sich vor ihren Gemahl demütig.und gebrochenen Herzens. Und Raphael sprach zu Mirjam: „Was ist dein Wunsch, damit ich ihn erfülle^ und was ist dein Verlangen, damit ich es vollziehe?" „Wenn es dir gefällt, meine Bitten zu erfüllen und wenn es dir gutdünkt, mein Ansuchen entgegenzunehmen, so schreibe eine Thora-Rolle auch für uns beide." Und von nun ab waren ihre Hände beschäftigt mit der Herstellung des- Mäntelchens für eine Thora-Rolle und der anderen Utensilien der Heiligkeit, wie eine Frau, deren Hände beschäftigt sind mit den Bändern und Tüchern und Kleidchen für einen zarten Neugeborenen. Es scheint, daß für Mirjam im himmlischen Buche keine langen Tage verzeichnet waren. Sie wurde in ihrer Blüte dahingerafft. So starb Mirjam, ohne Sohn und Tochter hinterlassen zu haben. Nachdem aber die sieben Tage der Totenttauer Tage vergingen und Tage kamen, aber seine Rolle hat er noch nicht vollendet. Sein Gesicht wird fahl, seine Schläfen verdorren, seine Augen werden immer größer, müßig sitzt er in seinem leeren, verwaisten Hause. Die Zeit wirft Grau in seine Schläfenlocken. Raphael, Raphael, vergiß an den Tod nicht! Jedoch Monate vergehen. Monate kommen ohne Tat und Arbeit. Manchmal ermannt er sich, steckt die Feder in die Tinte und schreibt ein Wort. Jedoch keine Tat, keine Arbeit. Wenn er sich anschickt, einen Buchstaben zu schreiben, füllen sich die Augen mit Tränen. Wenn er aber die Tränen verschlingt und siegt, die Zeit ist da! — so gerät er in eine Begeisterung und in eine Inbrunst, so daß er Kleckse macht infolge des Händezitterns, und er konnte keinen einzigen Buchstaben richtig zeichnen. Einst geschah im Winter, daß das Bad behördlich geschloffen werden mußte, denn es war baufällig. Er nahm eine Hacke, ging aus der Stadt zum Fluß hinaus, zerschlug das Eis, zog sich aus und untertauchte dreimal. Dann stieg er wieder heraus und schrieb den Gottesnamen in> unsagbarer süßer Inbrunst.

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