Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 21 Seite 3 24. Mai 1928 Diese Anbringung der Dolche vermag vielleicht unserem modernen Geschmack nicht mehr zu entsprechen; das ist auch nicht erforderlich. Es genügt, daß sie dem Empfinden ihrer Zeit Rechnung trägt. Und wie angemessen präsentieren sich die herkömmlichen Embleme, die auf die besonderen Beziehungen des Verstorbenen auf fern Judentum Hinweisen! Aus den Grabsteinen des Kohen die segnenden Priesterhände, auf denen der Leviten die Waschkanne und auf denen der Beschneider das Mohelmesfer. Wir bringen als besonders schönes Beispiel dieser Art das Bild 8 des Grabsteines des Privatrabbiners und Gemeindevorstehers <Ämon Hirsch, Neustem in Sulzbürg (Näheres über ihn auf Seite 17 meines angeführten Buches). Hier zeigen die Hirsche auf seine Personennamen Hirsch, das Messer auf seinen heiligen Beruf als Mohel und das verschlossene Tor am Fuße des Steines auf seine Eigenschaft als Vorbeter an den hohen Feiertagen, wo er durch die Urgewalt seiner Andacht die Oeffnung des Tores herbeiführte. Gerade dieser anspruchslose kleine Stein zeigt, wie wirkungsvoll die altjüdische traditionelle Grabsteinpslege sein konnte. Auch er war verwittert und mußte aufgefrischt werden: aber warum sollen gerade die Friedhöfe, die markantesten Zeugen allgemeiner Vergänglichkeit alles Irdischen, von der Vergänglichkeit ausgeschlossen sein, wie man mit den modernen Granit- und Marmorblöcken verhindern zu wollen scheint? Wenn der Friedhof, gerade in seinen älteren Teilen uns ein Bild des Verfalles zeigen sollte, so ist das ganz natürlich und gibt ein wirkungsvolles Bild seines Zweckes. Damit soll selbstverständlich nicht der Verwahrlosung und der planlosen Unordnung das Wort geredet werden- Ich rekapituliere: - Man hüte sich vor der allzugeflissentlich zur Schau getragenen Gräberpflege. Man nehme den Wert des Grabmonumentes nicht als Gradmesser der Trauer und der Pietät der Hinterbliebenen. Dies wirkt unter Umständen recht sozial niederdrückend auf die Minderbemittelten. Ohne Zweifel ist die Aufwendung einer hohen Summe für ein Monument ja ein Ausdruck echter Pietät. Doch könnte sie vielleicht zweckdienlicher erfolgen, ohne daß diese Pietät vor der breiten Oeffentlichkeit eine Schmälerung findet. Greifen wir ein Beispiel heraus. Aus dem Bezirkssriedhof von Georgengemünd finden wir in Stein eingegraben, daß der oder jener letztwillig eine bestimmte Stiftung errichtet hat; so z. V. daß jemand einen Brunnen auf dem Friedhof bauen ließ, oder einen gepflasterten Weg zu ihm. Dies wurde auf dem Friedhof an geeigneter Stelle eingemeißelt. Vielleicht könnte man diesen Brauch übernehmen. Es könnte auf einer Tafel in der Fried Hofs Halle fortlaufend berichtet werden, daß von NN. anläßlich des Hinscheidens seines Vaters der und der Betrag für den und den Zweck gestiftet wurde. Das ist sicherlich ein Monument, das -das Andenken des Verstorbenen pietätvoll und unauslöschlich der Nachwelt überliefert. Nebenbei kann trotzdem der Individualität bezüglich der Ausgestaltung der Grabsteine im Einzelnen freier Spielraum gelassen werden. Man hüte sich endlich vor Schablonisierung und knüpfe die traditionelle, jüdische Gestaltung von Grabstein und Friedhof an. Dann werden die jüdischen Friedhöfe auch wieder ihre individuelle Eigenart erhalten. Rabbimsche Geschichten. Aus dem Sammelbuche meines Vaters erann pa?V von Jak. Lupolianski in Karlsruhe. Rabbi Akiba Eiger war einmal in Warschau und ein bekannter, reformbestrebter Maskil benutzte diese Gelegenheit und bat R. Akiba Eiger, das damals gegründete Rabbinerseminar zu besuchen und sein Urteil über dasselbe abzugeben. R. Akiba Eiger konnte die Bitte nicht abschlagen und besuchte das Seminar. Er richtete an die Schüler einige leichte halachische Fragen,; doch wußte, niemand eine Antwort. Er prüfte dann in Mischna und Bibel, aber auch darin wußten sie keinen Bescheid. Der Maskil, wegen der Unwissenheit der Schüler zur Rede gestellt, gab zur Antwort, daß dieses Seminar ja nur eine Vorbereitungsstätte sei, das den Schülern für das Studium der rabbinifchen Wissenschaften vorbereite, aber nicht ausbilde. „So wird also der Absolvent dieses Seminars kein.21 sondern ein 21 a-iy," fügte R. Akiba hinzu. Zionisten fragen R. Israel, den Zaddik von Wisnitz, warum er ihrer Bewegung ablehnend gegenüberstehe. „Wir haben doch alle einen gemeinsamen Vater, warum sollen wir unsalso zersplittern," sagten sie. „Wohl haben wir einen gemeinsamen Vater," gab ihnen R. Israel zur Antwort, „aber nicht auch eine gemeinsame Mutter; denn was bei Euch „mutter" (im») ist bei uns osiur, und was bei Euch osiur ist, ist bei uns mutter." Der Dubnoer Maggid sammelte Geld für einen roohlitigen Zweck und kam deshalb zu einem begüterten uden. Dieser wollte sich aber gerne vom Geben drücken nd sagte, daß er doch sicher schon genügend Geld beiimmen hätte, , denn er, der berühmte Maggid, werde »ch überall, wohin er käme, große Spenden bekommen. „Laß Dir ein Gleichnis erzählen," sagte der Maggid. „Eine Gemeinde wollte ihre alte Synagoge restaurieren. Es fehlte aber an Geld. Da kam man auf einen klugen Gedanken: Da der größte Teil der Gemeindemitglieder Schnapsbrenner oder -Händler waren, stellte man im Vorhose der Synagoge ein großes leeres Faß auf, und jeder mußte ein gewisses Quantum Schnaps hineinschütten. Dann wollte man den Schnaps verkaufen und den Erlös für die Restaurierung der Synagoge verwenden. Es war nun ein ganz Schlauer da, der dachte: Wenn ich anstatt des Schnapses ein Maß voll Wasser in das Faß schütte, so merkt niemand etwas davon und bei dem großen Fasse macht das auch. nichts aus. Gedacht — und getan! Aber auch die klebrigen kamen auf diesen glücklichen Einfall, und so kam es, daß, als man das bis an den Rand gefüllte Faß verkaufen wollte — ein Faß voll Wasser hatte." „So geht es auch mir," sagte der Maggid weiter, rokkos befindet, tut es mir wirklich leid, diese schöne Stadt verlassen zu müssen." Beim Antritt seiner Rabbinerstelle wurde Rabbi Israel Joel Landau in die Synagoge in Kempen eingeführt und man machte ihn besonders auf die herrlich mit Leopard-, Adler-, Hirsch- und Löwenbildern bemalten Synagogenwände aufmerksam, die den Perek- Ausspruch des 121 ivir n? mn rrow p min’ versinnbildlichen sollen. „Sehr schön," bemerkte dazu R. Israel, „doch gar leicht sind diese Tierbilder an die Wand gemalt, sehen wir zu, daß wir es nicht dabei bewenden lasten, sondern das Wichtigste, den Schlußsatz des ivn nwvi nnvi p niiw *i’38 im Leben auch verwirklichen." Zu I tz ch a k, dem in der ganzen Stadt bekannten Geizkragen, kam auch einmal der Dubnoer Maggid. Wie immer, hatte Jtzchak genügend Vorwände, sich der Bitte um eine Spende zu entziehen. Der Maggid aber sagte ihm: „Bei Jtzchak heißt es, daß seine Gesichtszüge denen Abrahams ganz ähnlich sahen, damit niemand sagen könne ,daß er von Abimelech gezeugt worden sei. Abraham ließ auch Münzen Herstellen auf denen sein Bild eingeprägt war, so daß auch nach dem Tode Abrahams jedermann durch die Münzen ersehen konnte, daß Jtzchak von Abraham stamme." „Wenn ein Jtzchak, — wie es bei Euch der Fall ist —, die Münzen aber ängstlich zurückbehält und sie nicht herausgeben will, so kann man mit Recht daran zweifeln, ob er ein Nachkomme Abrahams ist, oder des Abimelechs." Synagoge von Sulzbürg — Innenansicht. „jeder Einzelne verläßt sich darauf, daß ich doch schon genügend Geld beisammen hätte, da ich doch überall offene Türen finde, und zuletzt bekomme ich nirgends etwas." Rabbi Leib Rakowski wurde nach Plotzk zur Uebernahme der Rabbinerstelle berufen. Er war sehr klein an Wuchs und körperlich fast unscheinbar, so daß' viele, die sich, ihn anders vorgestellt hatten, von seiner Erscheinung enttäuscht waren. In seiner Antrittspredigt sagte er deshalb: „Bei Saul heißt es: "avso Vd» rvm rfcywi i»2E Nicht die überragende Größe des Körpers von Fußsohle bis zu den Schultern wird uns vom Saul gerühmt, sondern die Geistesgröße des Kopfes, der über , den Schultern sitzt, also nicht körperliche, sondern geistige Qualifikation gibt bei einer Berufung den Ausschlag!" Synagoge von Sulzbürg — Autzenan sicht. Rabbi David Schlohmoh oon Sarokko, (der "nt? ’PiaW war mit seiner Rabbinerstelle in Sarokko ganz unzufrieden, denn die Gemeindemitglieder machten ihm durch ihre verschiedenen Zwistigkeiten das Leben schwer. Er beschloß deshalb, von Sarokko wegzunehmen. Am Tage, da er die Stadt verließ, gaben ihm alle Gemeindemitglieder ein Stück Wegs das Geleite. Als sie nun bereits außerhalb der Stadt waren, wandte sich der Gaon um, blieb stehen und rief aus: „Ach, wie schade, daß ich diese schöne Stadt verlassen muß!" Die ihn Begleitenden verwunderten sich über diesen Ausspruch, da der Gaon doch früher immer nur von dem häßlichen und bösen Sarokko gesprochen habe. „Ja, das ist es auch, solange Ihr darin weilt," erklärte er ihnen, „nun aber, da Ihr Euch außerhalb Sa- Die Geschichte vom Thora-Schreiber. Von A. Agnon. Dies ist die Geschichte Raphaels, des Schreibers. Raphael, der Schreiber, war ein vollendeter, rechtschaffener Mann und schrieb Rollen, Tephillin und Mesusoth in Heiligkeit und Reinheit. Jeder Ehemann, der — Gott bewahre — kinderlos war, oder dessen Weib — Gott Hwahre — gestorben war, ging zu Raphael, dem Schreiber und sagte ihm: Du weißt wohl, Bruder Raphael, was wir sind und was unser Leben ist! Ich habe so gehofft, daß meine Söhne und' Enkel zu dir kommen werden, damit du ihnen die Tephillin schreibst, nun aber, 0 weh, wandte ich kinderlos da. Vielleicht würdest du mir nun, R. Raphael, mein Bruder, auf meine Kosten eine Thora- Rolle schreiben, so schön, wie du es nur mit Gottes Hilfe kannst. Damit wir nicht aufhören in dieser Welt und in der künftigen. Und Raphael, der Schreiber, sitzt und schreibt selbst die Thora, um ihnen (den Kinderlosen) ein Andenken und einen Namen in« Israel für die Zukunft zu sichern. Denn wenn ein Mensch in die wahre Welt kommt, begegnen ihm die Engel des Leides und fragen ihn: Wer bist du und woher kommst du? War er redlich und ehrlich und hinterließ ex gute Taten oder Söhne, die mit dem Gesetzesstudium und mit der Vollführung von Gottesgeboten beflissen« sind, so sind dies gute Fürsprecher für ihn. Ist dem aber nicht so, so muß er wieder hinaus zur Sttafe und Schande. Wenn aber Juden in das Bethaus kommen, um dort zu beten und die Gesetzesrolle aus dem Allerheiligsten holen und aus ihr vorlefen, und wenn die Rolle um seines Seelenheiles willen geschrieben ist — da wissen die Engel gleich, daß T. Sohn A.'s aus dem Orte Z. war und daß dies seine Schrift ist. Und sie sagen zu ihm: Kehre ein in Frieden! Darum sitzt Raphael, der Schreiber, und schreibt, während sein Weib, die brave Wirtin, die keusche Frau Mirjam, zu Hause ist und sein Gemüt ergötzt. Folgendes war sein Wandel im Heiligen. Um Mitternacht pflegte er aufzustehen, setzte sich auf die Erde, legte Sandasche auf sein Haupt und weinte über die Zerstörung Jerusalems und über den Tod der Vollendeten und über die Verbrennung des Heiligtums und über die Länge des Exils