Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 1928 der durch neue Einträge bereichert, von einer Generation zur anderen überging und die bedeutenden Persönlichkeiten der Gemeinde in der Erinnerung weiterleben ließ. In dem individuellen Geschmack, mit dem man sie ausstattet«, zeigt sich die oft ergreifende Hingabe für höhere, über den Augenblick hinausgehende Interessen und Ideen. Die Synagoge von Sulzbürg verkörpert diese Schönheit und Zweckmäßigkeit in sich in besonderem Maße, zumal jetzt, wo sie im vorigen Jahre mit tatkräftiger Unterstützung des , Gemeindeverbandes renoviert ist und ' ' .V sich in ursprünglicher Schönheit uns ’ präsentiert, wie sie sich im Bild 5 zeigt. Der Bau selbst ist von ganz besonderer Eigenart. Er ist direkt in den Berg hineingetrieben. So ergibt; es sich, daß an der oberen und Hauptfront, wo der Eingang in die Frauensynagoge sich zur ebenen Erde befindet, das Dach nur zwei bis drei Meter über den Boden ragt ,während der Weg zur Männersynagoge dort auf einer massiven Außentreppe neben dem Haus bergab führt. Die Rückfront, die den Haupteindruck vermittelt, hat dadurch die Höhe von etwa zehn bis zwölf Metern. Wohlausgestattete Räume für die Wohnung des Kultusbeamten, die Schule und Gemeindesitzungen sind eingebaut. Von ganz besonderer bizarrer Eigenart ist der Friedhof auf Bergeshöhe, mitten im Ort gelegen. Man möge das Einzelne über ihn in meinem eingangs erwähnten Buche. Nachlesen. Hier möchte ich zur Illustration der Art, wie man früher ein viel ausgeprägteres Verständnis für natürliche Formen hatte, etwas auf die Grabsteine eingehen. Die vielen, zum Teil ganz, zum Teil halb in den Erdboden versunkenen, zum großen Teil aber noch recht gut erhaltenen Denkmäler wirken gerade durch ihre Schlichtheit und Einfachheit, aber auch dort, wo man künstlerische Verzierungen in der Aufschrift angebracht hat, geradezu ergreifend. Die heutigen Friedhöfe möchte man Marmor- oder Granitsteinbrüche nennen. Marmor und Granit sind aber das Material für öffentliche Denkmäler berühmter Persönlichkeiten; sie sollen die Jahrhunderte überdauern. Uebrigens find Marmor und Granit hierzulande keine heimischen Gesteine und erwecken dadurch auf unseren Friedhöfen einen fremdartigen unharmonischen Eindruck. Was sollen diese, sicherlich in aufrichtiger Pietät errichteten Prunkdenkmäler auf den jüdischen Friedhöfen? Das Andenken derer, denen sie gewidmet sind, wird durch solche Prunkdenkmäler nichr eine Stunde länger wach erhalten, als durch ein einfaches schlichtes Sand- oder Kalksteindenkmal: fast könnte man sogar die Beobachtung machen, daß ein schlichter Stein heutzutage inmitten seiner pompösen Umgebung einen ganz besonders wirksamen und auch für die Hinterbliebenen ehrenden Eindruck erwecken würde. Gar mancher möchte sich von dieser modernen Richtung abwenden und sich zu der alten jüdischen Schlichtheit zurückwendend, einem lieben Abgeschiedenen einen seinem Wesen entsprechenden schlichten Grabstein errichten: aber es erfordert schon einen ziemlichen Mut, gegen den auch das gesamte übrige jüdische Gebiet vielfach beherrschenden modernen Geist der Uniformierung aller äußeren Formen anzuknüpfen. Daß dadurch auch sozial unangenehme Nebenerscheinungen gefördert werden, wer wollte das bestreiten? Und gerade bei der Gelegenheit, die uns am eindringlichsten die Gemeinschaft der Zukunft aller menschlichen Geschöpfe vor Augen führt! Gar mancher Unbemittelte, der nicht zurückstehen möchte, wird zu schwer drückenden, für ihn unverhältnismäßig hohen Ausgaben für ein Grabdenkmal gezwungen, weil es ihn geniert, hinter anderen zurückzustehen: auf jeden Fall aber wird ihm das schwere Los seiner Armut gerade in den schwersten Momenten seines Lebens , vor aller Welt vor Augen geführt. Das Anbringen von Goldinschriften auf jüdischen Grabsteinen ist unpraktisch, denn sie erschweren in hohem Maße das Lesen der Grabschrift, wie sich jeder leicht überzeugen kann. Tiefschwarze Schrift guf weißem Grund erscheinen mir als die gegebene wirksamste Farbengebung. Vielfach findet man auch, gerade auf den Friedhöfen kleinerer Orte Glasplatten als Jnschriftträger. Sie sind ebenso sehr abzulehnen, ja noch mehr. Ein mutwilliger Steinwurf zerschmettert sie in Scherben oder ein strenger Winter läßt sie auffrieren. Beides habe ich beobachtet. Ein roher Granitblock bleibt zurück. Auch die geflissentlich vor der Oessentlichkeit zur Schau getragene Gräberpflege ist durchaus nicht als eine jüdische Erscheinung zu werten. Der Friedhof ist die Stelle, die uns die ewige Jüdische Erdarbeiter in Polen. Alter jüdischer Kolonist in Polen. I p“. Sederabend auf See. Vergänglichkeit mit eisernem Zwang vor Augen führt; er sollte dies eigentlich schon durch seine äußere Erscheinung. Als ich einst in einem kleinen hessischen Ort die Grabstätte meiner seligen Mutter aufsuchte, machte ich einen Rundgang, um die Gräber anderer dort zum ewigen Schlaf ruhenden Ahnen zu finden. Dabei mußte ich mich mühsam durch die alten schiefstehenden und vielfach mehr oder minder eingesunkenen, mit Mpos. überwucherten Sterne hrndurchwinden; auf einem großen Teil der Grabstätten wuchsen wilde Bäume oder undurchdringliches Gebüsch, das nur schwer zu überwinden war. Plötzlich erschreckte mich ein aus einem solchen Grabgebüsch hervorspringender flüchtender Hase. — Gewiß, herrschte dort nicht das nach heutigen Begriffen erforderliche Mindestmaß von Ordnungssinn; trotzdem aber war es für mich eine heilige Weihestunde, in der ich die Weltabgeschiedenheit aus mich eindringen fühlte. — Man denke sich ein Jahrhundert weiter. Wie mancher,. anspruchsvoller Granitblock mag dann dastehen und der Name dessen, dem . er gewidmet gewesen, ist trotz seiner Kostbarkeit vergessen! Die jüdische Gemeinde in Fürths verbot in ihren T'konauß (Gemeindesatzungen) im 18. Jahrhundert die Errichtung von Grabsteinen, deren Anschaffungswert über eine bestimmte kleine Summe hinausging; auf dem Stein durfte nichts stehen als der Name des Verstorbenen. Auch einige gerade der Bedeutendsten der Gemeinde Sulzbürg haben letztwillig, verfügt, daß ihnen nur ganz bescheidene Denksteine, nur mit ihrem Namen versehen, gewidmet werden dürfen. Man möchte fast sagen, daß. diese anspruchlosen Steine mehr die Aufmerksamkeit der Besucher erwecken als die pompösen in ihrem schematischen Einerlei. Auf demselben Friedhof befindet sich eine Anzahl ziemlich großer, plump zugerichteter Steine, auf denen in großen unbeholfenen Buchstaben Namen und Sterbetage der Vrestorbenen mit einem Nagel eingeritzt sind, ein noch heute ergreifendes Bild der Armut und zugleich Pietät der Hinterbliebenen, die nicht die Mittel besaßen, einen Steinmetz zu bezahlen und daher ohne all« Unkosten selbst mit eigener ungeübter Hand den Eltern diesen Denkstein setzten. Und diese Steine wirken noch heute monumental, mehr als manche dort stehende von kostbarer Herrichtung. Gerade sie tragen dazu bei, den Charakter dieses alle Menschenklassen umfassenden Ortes mitzubestimmen. Man beschäftigt sich in neuerer Zeit viel mit Friedhofs- und Grabstoinpflege. Die Literatur' hierüber ist ansehnlich. Da findet man oft auch ein Kapitel über jüdische Friedhöfe. Ihre ganz besondere Individualität und die eindrucksvolle Wirkung auf den Beschauer wird stets betont. Diese scheinbar planlos nebeneinander stehenden, verwitterten Zeugen alter Vorzeit verfehlen nie ihren Eindruck. Die nichtjüdischen Besucher des alten Frankfurter jüdischen Friedhofes erleben dort eine Weihestunde. Kann man Gleiches von unseren modernen jüdischen Friedhöfen behaupten oder wird man es einst von ihnen behaupten können? Zeigen diese überhaupt noch eine eindrucksvolle spezifisch jüdische Note, die ja auch der nichtjüdische Besucher hier zu finden hofft? Finden wir nicht vielmehr das Bestreben. jüdische Eigenart oft zu verbergen und der Angleichung an die „moderne Friedhof- und Grabsteinpflege", statt Anknüpfung an die jüdische Tradition, wie sie doch an diesem Ort ganz selbstverständlich sein sollte? Warum verpönt man auf einem jüdischen Friedhof die hebräischen Schriftzeichen? Gibt doch gerade ihre, wie von den nichtjüdischen Beschauern anerkannt wird, besonders monumentale Wirkung unseren Friedhöfen ihre besondere Eigenart. Das Entscheidende für Form, Ausstattung und Inschrift ist oft nur der Kostenpunkt; alles übrige überläßt man dem privaten Kunstverständnis des Steinmetzen. So war es nicht bei unseren Vorfahren, die ihr« eigenen Wünsche bei der Gestaltung eines Grabsteines wohl durchzuführen wußten. Grabsteininschrift und Ornament sind da oft bezüglich des Verstorbenen unmittelbar belehrend. Da finden wir z. B. in Baierdorf unter den angebrachten Ornamenten zuweilen eine Gans; sie weist auf den Familiennamen „Gans"; oder in Sulzbürg bei den Familien Löwenmayer einen Löwen und den Mitgliedern der Familie Hirsch einen Hirsch. Das ist zwar naive Kunst, aber gerade deshalb wirklicher, natürlicher Sinn für Kunst, statt der nichtssagenden monotonen Aesthetik, die sich auf den modernen Grabsteinen zeigt. Auf einem Stein des Sulzbürger Friedhofes, der einem Ermordeten gewidmet ist (siehe Bttd 7), findeü wir dtt Mordwerkzeuge abgebildet.